NOIZZ trifft Sängerin Yukimi Nagano und Drummer Erik Bodin der Band Little Dragon. Die haben schon mit Drake gearbeitet und lernen nach ihrem letzten Album, mit Druck, Angst und Erwartungen umzugehen.

Yukimi scheint fast zu schweben, wenn sie einen Raum betritt. Ihr Blick schweift durch die Gegend, als würde sie alles sofort verstehen aber sich gleichzeitig entscheiden, es in Ruhe zu lassen. Yukimi Nagano ist die Leadsängerin von Little Dragon, einer Synthpop-Band, die es schon seit fast 25 Jahren gibt. Teil von dieser Band ist neben Håkan Wirenstrand (Keyboard) und Fredrik Källgren Wallin (Bass) auch Erik Bodin, der Schlagzeuger. Der sitzt neben Yukimi auf der Couch und wirkt wie ein Kind mit offenen Augen, einem lauten Lachen und Begeisterung für alles um ihn herum. Nebeneinander ergänzen sich beide, wie ein Puzzlestück das andere – und sind damit sinnbildlich für den Zusammenhalt ihrer Band.

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In ihrer Laufzeit hat die Band schon mit Drake, den Gorillaz und SBTRKT zusammengearbeitet. Ihre Musik lebt von schier endlosen Sound-Räumen, Synthi-Elementen und schnellen Basslines, begleitet von Yukimis unverkennbar leichter Stimme.

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Die Songs sind weird aber massentauglich. Das hat Little Dragon schon mit ihren zahlreichen Hits wie "Ritual Union" oder "Wildfire" bewiesen, deren eingängigen Hooks keinen Halt vor experimentellen Melodien machen.

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Für ihr Album "Nabuma Rubberband" wurden sie sogar für einen Grammy nominiert. Danach brachten sie das Album "Season High" raus, was im Vergleich dazu verblasste. Heute veröffentlichen sie ihr neues Album "New Me Same Us". Der Name symbolisiert für die Band, dass sie immer noch eine Familie sind, selbst wenn jeder Einzelne sich um Welten anders fühlt als früher.

Am Tag unseres Interviews sitzen Yukimi und Eric in Berlin, wo Yukimi aus einer alten Tasse Kaffee schlürft und Eric wach daneben sitzt. Die beiden sind liebevoll, wenn sie über ihre Band reden, sie sind liebevoll, wenn sie über ihre Musik reden und sie sind liebevoll, wenn sie zueinander reden. Mit mir reden sie über Erfolg, Versagen, Yukimis erste Opern-Arie und eine Zusammenarbeit mit Prince.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

NOIZZ: Eure Musik ist großer Synthi-Sound – doch ihr nehmt schon immer in demselben kleinen Studio in Gothenburg auf. Warum braucht ihr diese Stabilität?

Yukimi: Aus einer kreativen Sicht ist es spannend zu wissen, dass man nicht mehr braucht. Wir brauchen nur einander, selbst wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Aber die Band gibt es nur mit uns. Wir haben schon in teuren, schicken Studios gespielt, aber ich mag das Gefühl eines Zuhauses mehr, dort spielst du einfach.

Eric: Dieses Zimmer hier wäre zum Beispiel perfekt. Ein Raum, wo so viel reinpasst, dass du dich nur noch bewegen kannst, wenn du bei einem Instrument sitzt. Ich denke, man braucht das Gefühl eines Raums, in dem dich konzentrieren kannst und alles andere ausblendest. Außerdem ist es gut, deinen eigenen Raum zu haben, weil alleine das immer Wiederkommen dich tiefer und tiefer in die Musik einsteigen lässt.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Verliert ihr euch manchmal in diesen kleinen Räumen?

Eric: Ja, wir verlieren die Zeit. Und wir vergessen, unsere Kinder von der Kita abzuholen, das ist ein potenzielles Risiko des Musik-machens.

Musik hat euch ja schon immer begleitet.

Yukimi: Wir brauchen es, es ist wie Nahrung. Eric fühlt sich leer, wenn er für eine Weile keine Musik gemacht hat.

Was ist Musik für euch?

Eric: Ein Ausdruck.

Yukimi: Ein Ausdruck von dem, was du bist.

Eric: Außerdem ist es wie das Leben. Manchmal bin ich alleine und habe Angst, meine Technik als Drummer zu verlieren. Dann spiele ich und ich bin überhaupt nicht konzentriert. Ein anderes Mal mache ich die ganze Zeit denselben Beat und es ist wie Meditation. Wir haben als Menschen viel zu große Gehirne, dann ist es schön, sie für etwas zu benutzen, das keine Form annimmt, nur Sound ist. Manchmal musst du einfach Frustration loslassen. Ich bin sehr dankbar.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Gibt es eine bestimmte Situation in eurem Leben, wo Musik etwas für euch verändert hat?

Yukimi: Ich habe schon immer gerne gesungen und mir Shows ausgedacht. An einem Tag hat mein Onkel einen Film mit Madame Butterfly eingeschoben, eine Oper. Ich muss um die sieben Jahre alt gewesen sein und war fasziniert. Ich habe einen Ton gesungen und dachte: "Ich kann Oper singen!" Ich habe alle meine Freunde angerufen und ihnen erzählt, ich könnte jetzt Oper singen. Es war der Moment, in dem ich realisierte, dass ich singen konnte. Seit diesem Moment hatte ich eine Idee, an die ich glaubte – dass ich singen konnte. Manchmal sind diese Ideen wie Samen, und jetzt singe ich.

Eric: Ich weiß noch, als ich ein kleines Casio-Keyboard geschenkt bekam und mein Onkel mir Klavierunterricht gab. Er hat mir gezeigt, wie man einen kleinen Rhythmus mit Chorus im Hintergrund programmieren konnte. Er brachte mir bei, wie man "Don’t Worry be Happy" spielte. Irgendwie brachte er mir also bei, wie man produzierte. Dann bekam ich ein Trommel-Set und fing an mit Kopfhörern zu spielen, ich war in meiner eigenen kleinen Welt.

Yukimi, du hast einmal erzählt, dass man als Künstler auch mal in Ordnung damit sein muss, zu verkacken. Wie geht ihr damit um, wenn ihr schlechte Sachen produziert?

Yukimi: Es ist etwas, was du lernen und akzeptieren musst, wenn du kreierst. Wenn nicht, dann wird es dir richtig schlecht gehen. Es ist komplett normal, Musik zu machen, die richtig scheiße ist. Es ist sogar üblicher, als etwas Wunderbares zu machen. An einem Tag machst du etwas Gutes, am nächsten nicht. Sobald du das erkennst, ist es nicht mehr so schlimm, wenn du etwas Schlechtes machst. Ich weiß mittlerweile, dass das der Prozess ist und es nichts mit mir persönlich zu tun hat. Du kannst nicht das ganze Jahr lang Sommer haben. Akzeptiere die Jahreszeiten.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Eric: Besonders, wenn du jeden Tag im Studio bist, dann gewöhnst du dich daran, weil du dich nicht jeden Tag fertigmachen kannst. Du musst einfach wiederkommen.

Yukimi: Ich muss fünf bis sechs Lieder machen, bis ich eins liebe.

Eric: Vielleicht musst du einfach üben, Musik mit keinem Wert zu beschreiben.

Aber die Musik-Industrie bewertet doch andauernd Musik?

Eric: Genau! Das ist der große Mindfuck!

Yukimi: Damit haben wir immer noch Schwierigkeiten.

Eric: Dann kommt der große Konflikt. Du hast die ganze Zeit daran gearbeitet, dich selbst zu akzeptieren, dann veröffentlichst du was und jeder versucht es zu bewerten. Dann will ich nur schreien: "Fuck you! Ihr versteht das alles nicht!"

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Yukimi: Warum würde man Musik bewerten wollen? Aber Labels brauchen das, damit …

Eric: … sie sich sicher sein können, dass sie eine schlaue Entscheidung getroffen haben.

Yukimi: Aber bei Musik kommt es nur darauf an, wer sie erlebt. Du musst lernen, dass sobald du Musik veröffentlichst, es Sache des Hörers wird, nicht deine eigene. Es gibt Menschen, die einen Song hören, der meiner Meinung nach scheiße ist, aber sie lieben ihn. Warum sollte ich denen sagen, dass er scheiße ist? Du würdest doch auch nie versuchen, jemanden von einer Emotion zu überzeugen, du kannst Menschen nicht so kontrollieren.

Euer letztes Album "Season High" hat nicht so gut wie eure anderen Alben abgeschnitten, hat euch das hart getroffen? Mögt ihr das Album trotzdem?

Yukimi: Wir mögen es noch, aber es hat uns schon getroffen. Aber wir sind so dankbar, überhaupt unsere Arbeit machen zu dürfen. Es wird immer hoch und runter gehen. Das gehört dazu.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Habt ihr was für euer neues Album "New Me Same Us" dazugelernt?

Eric: Halte deine Erwartungen niedrig.

Yukimi: Wir lernen bei jedem Release was dazu. Das ist jetzt unser sechstes Album und jedes Mal ist es anders. Du arbeitest mit einer Gruppe Egos und Persönlichkeiten, die mit vielen Schwierigkeiten daherkommen. Das Musik-Business ist wie "Des Kaisers neue Kleider". Jeder behauptet etwas, doch sobald du einen Schritt rausnimmst, siehst du, das es ganz anders ist.

Eric: Jeder hat Angst. Dein Label, Leute mit Investitionen. Das macht dir auch Angst. Dann stellst du zu hohe Erwartungen an dich selber. Doch wie definiert man Erfolg? Ist es wirklich so wichtig? Oder ist es vielleicht viel wichtiger, dass wir unsere eigene Musik mögen?

>> "Ich glaube, dass ich eine Göttin bin": NOIZZ trifft Sudan Archives

Hat euch dieser Druck verändert?

Yukimi: Klar! Wir haben deswegen auch schon falsche Entscheidungen getroffen. Man wird paranoid. Du drehst dich im Kreis, aber musst daran denken, dass die wichtigsten Momente nicht in deinem Kopf sind, wenn du zu viel über deine Erwartungen nachdenkst oder deine Erfolge.

Eric: Du wirst sowieso nie das erreichen, was du erreichen willst.

Yukimi und Eric von Little Dragon im NOIZZ-Shoot

Wenn ihr eigentlich ein fünftes Band-Mitglied aussuchen dürftet, wer wäre es?

Eric: Du! (lacht) Nein, es ist eine schwierige Frage. Wir brauchen niemand anderen.

Nicht mal jemand wie Prince?

Eric: Stell dir mal vor, jemand wie Prince in deiner Band zu haben!

Yukimi: Er ist alleine schon eine Band!

Eric: Seine Arbeits-Ethik würde …

Yukimi: Uns kaputt machen.

Eric: Wir hätten Burn-out!

Yukimi: (Imitiert Prince) Keep the Beat! Keep the Beat!

(Beide lachen)

Habt ihr schon mal mit jemandem gearbeitet, mit dem ihr gar nicht gevibet habt?

Yukimi: Manchmal viben wir selbst untereinander nicht. Oft sogar. Aber so ist das eben, in einer Band zu sein.

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Little Dragons neues Album kannst du auf Spotify oder Apple Music streamen.

>> Wie Sexismus in der Musik-Industrie wirklich aussieht: R'n'B-Star Jessie Reyez im NOIZZ-Interview

  • Quelle:
  • Noizz.de