Seinen Namen verschweigt sie. Andeutungen hat sie allerdings schon vorher gemacht.

Lily Allen gehört bestimmt nicht zu den Künstlerinnen, die lange um den heißen Brei herumreden. So ist ihre Musik, so sind ihre Texte und auch auf ihren Social-Media-Accounts hat sie es sich bereits mit dem ein oder anderen Politiker, Musikerkollegen oder Promi verscherzt.

Zuletzt zeigte sich die Britin aber eher von ihrer verletzlichen Seite. Ihr aktuelles Album trägt den Titel „No Shame“ – dementsprechende Themen kommen dort auch zur Sprache: Das Scheitern ihrer Ehe genauso, wie es ist, eine alleinerziehende Mutter zu sein, inklusive aller Fehler.

Vor etwa einem Monat kündigte sie dann auch noch an, dass im September ihre Autobiografie mit dem Titel „My Thoughts Exactly“ erscheinen werde – mit den Worten: „Wenn Frauen ihre Geschichten laut, klar und ehrlich erzählen, verändern sich die Dinge zum Besseren.“

Jetzt wissen wir auch etwas genauer, was die Sängerin damit meint. Gegenüber dem britischen „Guardian“ sprach sie erstmals über einen Vorfall, bei dem ein Mitarbeiter eines Labels versucht habe mit ihr Sex zu haben, während sie in seinem Hotelzimmer eingeschlafen sei. Sie sei früh morgens wach geworden, weil sie gemerkt habe, wie er versuchte, in sie einzudringen. Als sie sich weggedreht hatte, habe er es weiterhin versucht. Daraufhin habe sie sich angezogen und sei gegangen.

Zunächst habe sie sich selbst die Schuld dafür gegeben, weil sie betrunken und nackt mit in sein Bett gegangen sei. Erst später habe sie erkannt, dass das nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass das eine Einladung zum Geschlechtsverkehr sei. Sie habe den Vorfall aber nicht anzeigen können, weil ja eigentlich nichts passiert sei.

Allerdings hatte der Vorfall dennoch Folgen für sie als Sängerin. Sie verzichtete auf einen Gig, der von „BBC Radio1“ promoted werden sollte, weil dort eben jener Mitarbeiter des Labels mit involviert gewesen wäre. Daraufhin habe sie vom Radiosender so gut wie kein Airplay für ihre Single „Trigger Bang“ bekommen.

Kein Einzelfall

Leider seien diese Erfahrungen kein Einzelfall, sondern weit verbreitet in der Branche, so Allen weiter. Dass es für die 33-Jährige als Frau im Musikbusiness nicht immer einfach ist, darüber sprach ich mit ihr auch im Rahmen eines Interviews für den Musikexpress zu ihrem neuen Album „No Shame“ Anfang Juni 2018 – noch bevor sie ihre Autobigraphie „My Thoughts Exactly“ ankündigte.

Hier ein Auszug aus Passagen, die es damals nicht in das Themen-Interview über „Freimütigkeit“ geschafft haben:

Glaubst du, es ist schwieriger für dich deinen Standpunkt zu vertreten, weil du eine Frau bist?

Lily Allen: Absolut. (...) Immer wenn es schwierig wird, schicken Männer Frauen vor. Weil sie oft nicht wissen, wie man Nachrichten richtig rüberbringt. Empathie fällt ihnen schwerer. (...) Jeder weiß, wofür ich stehe – oder eben auch nicht. So was macht vielen einfach Angst. Und es ist umso krasser, weil ich Teil dieser Musikindustrie bin.

Warum?

Naja, manchmal fühlt es sich so an, als wäre ich eine Bedrohung für diejenigen, die die Kontrolle haben. Ich bin der Meinung, Frauen machen viel bessere Musik als Männer. Weil sie besser darin sind, ihre Emotionen auszudrücken, ohne eine große Show darum zu machen. Und trotzdem verdienen sie viel weniger Geld.

Das erklärt sich mir nicht. Und es macht mich wahnsinnig, dass ich den Dialog suche, aber keiner mit mir darüber reden will, der etwas ändern könnte. Und es macht mich auch wahnsinnig, wenn andere so tun, als seien sie aufseiten der Frauen, es aber eigentlich nicht sind.

Was meinst du damit?

Schau dir Spotify an: Da gibt es so viele Features und Koops mit Frauen, die gerade einfach gute Pop-Musik machen. Das wird dann verkauft als ein emanzipierter Akt von Popmusik, der Gleichberechtigung schafft. Aber eigentlich machen viele der männlichen Künstler das nur, weil sie wissen, sie werden damit erfolgreicher sein. Ich werde keine Namen nennen, weil ich finde, jeder muss selbst entscheiden was er tut und was nicht.

Die Musikbranche hat ein Problem mit Frauen

Im Hinblick auf die neuen Enthüllungen, lassen sich diese Aussagen noch besser einordnen. #metoo ist keineswegs nur ein Problem der Film-Industrie, auch in der Musikindustrie gibt es genug Sexismus. Das beweisen nicht nur Allens Aussagen, sondern auch Fakten. Beim diesjährigen Lollapalooza etwa bestand das Line-Up nur zu 18 Prozent aus weiblichen Acts. Keiner von ihnen durfte aber die späten Slots auf der Bühne bespielen. Das sagt auch etwas aus.

Nach Angaben der Offiziellen deutschen Charts etwa stammten im ersten Quartal 2017 gut 32 Prozent Alben von Männern und nur neun Prozent von Frauen, sowie 47 Prozent von Bands. Wenn man nur Männer und Frauen berücksichtigt, lag das Verhältnis bei 77 zu 23 Prozent, also ca. 3 zu 1.

Schaut man sich die Führungsebenen von Musikunternehmen an, fällt aktuell auf, dass dort kaum Frauen vertreten sind. Lediglich 7,4 Prozent der Mitgliedsunternehmen des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) werden von Frauen geführt.

Was man dagegen tun kann?

Zum einen wie Lily Allen offen darüber reden. Zum anderen aktiv werden: Netzwerke promoten, in denen sich Frauen gegenseitig austauschen können und dem Thema so auch eine breite Öffentlichkeit bieten. Denn so selbstverständlich etwa als Mutter auf Tour zu gehen, ist es noch lange nicht. Davon kann Lily Allen auch ein Lied singen.

[Auch interessant: Lily Allen hat Frauen für Sex bezahlt, weil sie einsam war]

„My Thoughts Exactly“ erscheint am 20. September bei Blink Publishing.

Quelle: Noizz.de