Wir haben uns mit dem aufstrebenden DIY-Wunder Leo Luchini über seine musikalische Reise unterhalten, die Bedeutung von Queerness und warum Pride und Black Lives Matter schon immer miteinander verbunden waren.

Es ist Pride Month, die Regenbogen strahlen und spätestens seit diesem Jahr steht endlich mal wieder fest: Stolz ist kein Label, sondern eine politische Einstellung. Corona hat dem physischen CSD einen Strich durch die Rechnung gezogen und somit auch den alljährlichen Sauf-Exzessen – Pardon, Protesten – auf den Straßen. Es bleibt Zeit zum Reflektieren, Nachdenken und Handeln.

Ein Künstler, der all das auch schon lange außerhalb des Junis macht, ist Leo Luchini. Seit mehreren Jahren veröffentlicht der Berliner Musiker mit italienisch-amerikanischen Wurzeln Rap, der nicht nur catchy, sondern auch noch queer ist. Keine Selbstverständlichkeit, wie er uns im Gespräch erzählt.

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Theorie statt Praxis: Leos Anfänge

Geboren und aufgewachsen in Berlin, begann Leonardo Liccini, wie der Künstler bürgerlich heißt, bereits im Alter von zehn Jahren eigene Lieder zu schreiben. Seine Mutter, alleinerziehend, förderte von Beginn an sein musikalisches Talent. "Ich habe in Gospel-Chören gesungen, mehrere Instrumente erlernt, darunter Schlagzeug und Bass. Ich bin sehr dankbar über die Unterstützung, die ich bekommen habe", erinnert sich der Künstler heute.

Mit 18 Jahren zieht es ihn schließlich nach London, um von dort aus Musik- und Kunstgeschichte zu studieren. Ein eher unkonventioneller Schritt, wie Leo im Nachhinein findet. "Oft verfolgen Musiker*innen ein Studium, um ihre praktische Kenntnisse zu erweitern. Doch die Vorstellung, dass mir jemand über die Schulter schaut und vorgibt, wie ich meine Kunst zu machen habe, finde ich bis heute skurril", reflektiert er. "Mir war es wichtig, die Geschichte und die Ursprünge über die Dinge zu lernen, die mich von Herzen interessieren und mich privat künstlerisch ausleben zu können."

Leo Luchini

Für die freie Entfaltung sorgte vor allem der Stadtteil Southwark im südlichen London, in dem Leo der Zugang zur Rapmusik gewährt wurde. "Ich lebte in einem Stadtteil namens Peckham, aus dem einiges an Rapmusik hervorkam. Die UK haben ihre eigene Geschichte mit dem Genre. Ich war in mehreren Crews, wir haben Parties geschmissen. So entstand auch mit der Zeit der heutige Leo Luchini. Musik machte ich schon mein ganzes Leben, aber das, was ich in den letzten Jahren herausgebracht habe, ist definitiv geprägt vom UK-Rap."

Die Fragilität des Cis-Mannes

Das Ergebnis dieser Einflüsse lässt sich auf der 2018 erschienenen EP "Tears Behind My Shades" hören. Eine Kollektion von mal verspielten, mal düster-aggressiven Tracks mit einem Faible für Experimentierfreudigkeit. Der Musiker selbst bezeichnet das Werk als Reaktion auf die männliche Verwundbarkeit, die im patriarchalen Mainstream herrscht. "Die EP ist wie eine Emo-Platte, nur mit Rap statt Punk," erklärt er. "Alle Facetten meiner Gefühle wurden auf ihr verarbeitet. Das war unglaublich gesund und heilend. Leider merke ich immer wieder, dass sich zu wenige Männer mit ihren Gefühlen auseinandersetzen. Ihnen wird diese Rolle aufgezwungen, hart zu sein, Emotionen nicht zu zeigen. Ich bin, wie meine Mutter, ohne Vater aufgewachsen. Vielleicht hat das meine Persönlichkeit in der Hinsicht geprägt. Männer können auch nach Hilfe rufen, daran ist nichts falsch."

Rap und Gefühle – oder gar Verletzlichkeit – geht das überhaupt? "Die Eigenschaft, sensibel zu sein, habe ich nie hinterfragt – bis ich angefangen habe, mich für Rap zu interessieren", erinnert sich der Musiker heute. "Plötzlich fiel es auf, dass ich als junger Mann sentimental war. Zu Rapmusik schien das nicht gerade zu passen. Hinzu kamen Misogynie und Homophobie als zentrale Themen, mit denen ich noch weniger was anfangen konnte. Also musste ich Wege finden, wie ich in dem Genre einen Platz finde, ohne mich selbst zu verlieren. Verbündete fand ich in queeren Künstler*innen. Das hat nicht nur meine Beziehung zur Rapmusik, sondern auch mein Weltbild geprägt und erweitert."

Queerness: Persönlichkeitserweiterung und neues Zuhause

Die neuen Erkenntnisse fließen nicht nur in die musikalischen Werke von Leo Luchini ein, sondern veranlassen ihn sogar nach Berlin zurückzukehren, wo er in der queeren Community ein neues Zuhause in der eigenen Heimat findet. "Ich bezeichne mich selbst als bisexuell, lebe aber die meiste Zeit in heterosexuellen Beziehungen. Außerdem bin ich queer. Meiner Ansicht nach geht diese Identifikation über reine sexuelle Orientierung hinaus. Es ist mehr der Weg, wie man sich und seine Welt wahrnimmt und Strukturen wie dem Patriarchat oder den Mainstream hinterfragt", erklärt er und weist bewusst darauf hin, welche Rolle er dabei als cis-männlich gelesene Person spielt. "Als männlicher Künstler im Rap ist es mir wichtig, Themen außerhalb von Konventionen anzusprechen. Gerade wir sollten das tun und die Community unterstützen. Ich sehe es als meine Aufgabe."

So entstand im Februar dieses Jahres auch die neueste EP des Musikers, "Colocada", eine Zusammenarbeit mit der lateinamerikanischen Künstlerin Brava Blings. Das Duo liefert dabei einfach mal einen verfrühten Sommer-Soundtrack ab, der geprägt ist von den Luchini-typischen Elementen aus Trap und Rap, erweitert durch die Raggeaton-Einflüsse von Brava Blings. Einer der musikalischen Höhepunkte darauf ist "Ride/Die", die erste Single der EP. Mit dabei sind die französische Produzentin und Rapperin Moesha 13 und die aus Guatemala stammende Layla May.

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May arbeitete als Stylistin für das dazugehörige Visual und war am Songwriting beteiligt. Nicht nur musikalisch, sondern auch visuell versprüht der Song all die Vibes, die wir am queeren Berlin lieben: authentisch, ungezwungen und lässig. Regie führte Sander Houtkruijer, der sogar schon mit Größen wie Thomas Azier oder Materia zusammenarbeitete. Wie lange sich Leo Luchini wohl noch in der Subkultur befinden wird?

Die Macht der Spontanität

Kennengelernt haben sich Luchini und Brava übrigens durch Zufall, oder wie manch andere meinen würden, Schicksal. “Ich war auf der Party eines Freundes zur Unterstützung von trans* Künstler*innen,” erinnert sich Leo. "Das Line-up bestand fast ausschließlich aus DJs, dann hatte Brava ihren Auftritt. Ich war völlig baff. Sie legte nicht auf, sondern rappte einfach los zu Trap- und Reggaeton-Beats. Ich war sofort inspiriert von der Mischung. Meine Partnerin kommt aus Puerto Rico, die Besuche dorthin führten mich bereits in die puerto-ricanische Musikszene ein. Nach der Show habe ich Brava direkt angesprochen und wir gingen ein paar Tage später ins Studio."

Leo Luchini und Brava

"Colocada" erwies sich somit als ein spontanes Werk – entstanden durch Verbundenheit, Neugier und purem Glück. "Brava war zufällig in Berlin in der Nacht, in der wir uns trafen. Daraus wurde dann eine ganze EP. Das ist schon verrückt." Wie er das Projekt zusammenfassend beschreibt? "Bilingual, saucy und ... eine einzigartige Verbindung," antwortet der Musiker nachdenklich. Bitter auffallend waren lediglich einige Reaktionen aus dem weiteren Umfeld. "Als die EP raus kam, kontaktierten mich Leute aus London wieder und haben ihre Begeisterung dafür ausgesprochen, dass ich mit einer trans* Frau kollaboriert habe. Als wäre es eine Art Charity Work gewesen", erzählt er.

"Die Intention hinter dem Lob war sicherlich gut gemeint, doch Brava und ich haben zueinander gefunden, weil wir uns auf Anhieb verstanden. Künstlerisch, wie persönlich. Dass ich die Möglichkeit hatte, ihr mit unserer Arbeit eine Stimme zu geben, ist einfach ein großartiger Effekt dabei."

Ally-sein: Nicht nur sprechen, sondern einfach mal zuhören

"Den Menschen eine Stimme zu geben, die nur selten gehört werden, ist Bestandteil der queeren Community", wie Leo feststellt, sobald sich das Gespräch den Themen Repräsentation und Pride nähert. Dabei fällt auf, dass der Künstler sich seiner passiven Rolle in der LGBTQ- Gemeinschaft durchaus bewusst ist und daraus seine Stärken zieht. "Als weißer Cis-Mann bin ich innerhalb der Community immer noch privilegiert. Daher ist es wichtig, zuzuhören und nicht nur selbst zu sprechen. Die Plattform, die ich dank meiner Musik habe, nutze ich dementsprechend, um auch meine LGBTQ-Familie sprechen zu lassen."

Der diesjährige Pride Month hat für den Künstler dazu eine besondere Bedeutung. "2020 hat jetzt schon gezeigt, dass die Pride keine allein stehende Bewegung ist", hält er fest. "Durch den Zusammenschluss mit Black Lives Matter besinnt man sich wieder auf die Ursprünge der Proteste. Schwarze trans* Frauen wie Marsha P. Johnson haben für die Rechte der LGBTQ-Community gekämpft. Das muss man als queere Person wissen und verstehen: Pride und Black Lives Matter gehören zusammen. Wir können voneinander lernen, uns unterstützen und stärken."

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Mehr Intersektionalität statt um den Brei herum reden

Für die deutsche Musikindustrie hat der Musiker sogar schon einen ersten Tipp parat: "Hierzulande benutzt man oft Begriffe wie 'Urban' oder 'Underground', wenn man beispielsweise nicht weiße, sondern Schwarze Künstler*innen meint. Egal ob straight oder queer. Das sind Umschreibungen, die pauschalisieren und Barrieren schaffen. Was wir jedoch brauchen, sind direkte Inklusion und Intersektionalität. Vor allem im Mainstream."

Der Weg zur Gleichberechtigung und einem fairen sozialen System sei schwer, doch nicht unmöglich, erklärt der Künstler weiter. "Fortschritt und Veränderungen kommen eben nur in Schritten. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir alle unsere Ignoranz bezüglich vielen Dingen hinterfragen müssen. Dabei muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr vom Mainstream mitziehen lässt, denn er vereinfacht schnell. Die Diskussionen, die gerade dank Black Lives Matter geführt werden, sind unverzichtbar. Sie sollten aber nicht eindimensional sein. Der Tod von George Floyd hat Massen bewegt, weil es ein Video gab. Von Breonna Taylor hingegen nicht, das Strafverfahren gegen ihre Mörder läuft dementsprechend schleppend. Schwarze trans* Menschen, die getötet werden, kommen kaum zur Sprache. Warum ist das so? Wir müssen das patriarchale System erst mal verstehen, um es zu verändern. Das ist keine einfache Aufgabe."

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Perspektiven schaffen durch unterschiedliche Stimmen

Wie der Musiker die Strukturen selbst verändern möchte, ist für ihn klar: "Ich werde meine Musik weiterhin dafür nutzen, um queeren Freund*innen und Verbündeten eine Plattform zu geben. Unterschiedliche Stimmen zu hören schafft Perspektiven. Das ist ein Ziel für mein erstes Album."

Ihr möchtet Leo Luchini mal live erleben? Dann haben die Berliner*inne unter euch schon kommenden Freitag die Chance dazu! Am 26.06.20 von 18:00 bis 20:00 Uhr gibt der Rapper im Rahmen des Torstraßenfestivals Berlin eine Performance der ganz besonderen Art: Leo Luchini’s Drive-By Serenade.

Leos Facebook-Event

Statt Livestream vom Wohnzimmer bringen er sein Konzert vor eure Haustür! Was ihr dafür tun müsst? Schreibt Leo auf seinem Instagram einfach euch Location im Zeitraum des Konzerts und er schaut bei euch vorbei! Eine mobile Autobühe voller queerem Rap? Wir sind gespannt! Für mehr Infos klickt euch einfach in die Facebook-Veranstaltung.

Quelle: Noizz.de