Ein offener Brief und eine mehr als fragliche Forderung ...

Eigentlich soll der Eurovision Song Contest (ESC) im kommenden Jahr in Israel stattfinden. Schließlich hatte Sängerin Netta mit ihrem Song „Toy“ den Gesangswettbewerb zwischen Kult- und Trashfaktor im Mai für sich entscheiden können.

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Allerdings ist das mit allem, was in Israel stattfinden soll – oder auch nicht – immer so eine Sache. Das bekam vor kurzem erst Lana Del Rey zu spüren, die nun einen Kompromiss fand und im nächsten Jahr sowohl in Israel als auch Palästina auftreten möchte. Für den Eurovision Song Contest und die Frage, wo er 2019 stattfinden soll, ist es nicht so einfach, einen Kompromiss zu finden. Prominente Künstler fordern nämlich einen Boykott der Veranstaltung, sollte sie tatsächlich in Israel stattfinden.

Auf der Liste finden sich zum Teil die üblichen Verdächtigen, aber auch einige von denen man es nicht erwartet hätte: Pink-Floyd–Mitgründer Roger Waters etwa, der britische Filmemacher Ken Loach und Brian Eno, sowie zahlreiche ehemalige ESC-Teilnehmer und -Gewinner. Unter den Unterzeichnern des Boykott-Aufrufes finden sich auch sechs israelische Künstler.  

Hier ein Auszug aus dem Boykott-Brief:

„Wir, die unterzeichnenden Künstler aus Europa und darüber hinaus, unterstützen den Appell palästinensischer Künstler, den von Israel veranstalteten Eurovision Song Contest 2019 zu boykottieren (...) Solange die Palästinenser nicht Freiheit, Gerechtigkeit und gleiche Rechte genießen können, sollte es keine Geschäfte mit dem Staat geben, der ihnen ihre Grundrechte verweigert.“

Dahinter steckt einmal mehr die Protestbewegung BDS, die sich gegen die Besetzung Palästinas durch Israel stark macht – und auch jede Form kulturellen Engagements auf Seiten Israels als eine Unterstützung der angeblichen „Apartheid“-Praktiken der Regierung wertet. Der Bewegung wurde schon vielfach Antisemitismus vorgeworfen.

So selbstverständlich, wie Sängerin Netta nach ihrem Triumph in Lissabon ausgerufen hat: „See you in Jerusalem“ ist der zukünftige Veranstaltunsgort des Wettbewerbes natürlich nicht. Offiziell sieht der Staat Israel Jerusalem zwar als seine Hauptstadt an. Auch Regierung, Parlement und alle anderen wichtigen Einrichtungen sind hier veortet. Weltpolitisch ist der Ort aber nach dem Camp-David-Einkommen von 1987 eine freie Stadt. Israel soll gleichermaßen der jüdischen Bevölkerung Israels gehören, als auch den muslimischen (und christlichen) Palästinensern. Deswegen wäre Tel Aviv als Austragungsort wohl weniger umstritten – auch wenn der ESC bereits 1999 in Jerusalem stattfand.

Richtig problematisch wird der Boykottaufruf aber erst recht, wenn man einen Blick auf die veranstaltenden Nationen der Vorjahre gibt – und wie wenig Aufschrei und Protest es vorher gab. 2009 fand der ESC in Moskau statt – im Vorfeld wurde der Wettbewerb überschattet von Strafandrohungen gegen homosexuell lebende Menschen, insbesondere Schwule. Auch der Christopher Street Day, der exakt während des Eurosvision Songcontests stattfand, wurde von russischen Milizen aufgelöst.

Drei Jahre später fand der Wettbewerb in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku statt – Proteste? Fehlanzeige. Seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1992 ist das Land geprägt geprägt vom autoritären Führungsstil der Präsidenten und durch Korruption unterminiert. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt und auch die Oppostionsparteien werden unterdrückt.

Die Unterzeichner des Boykott-Aufrufes argumentieren damit, dass in den brutalen, autokratischen Regimen ein Protestaufruf gar nicht erst möglich gewesen wäre. Da in Israel aber eine Demokratie herrsche, sei ein Boykott-Aufruf nur die logische Konsequenz angesichts der Umstände, die zurzeit im Rahmen der Palästina-Frage herrschen. Restlos überzeugend ist das noch nicht.

Klar ist es nicht easy.

Wer den Freduentrubel auf den Straßen Israels nach Nettas Sieg mitbekommen hat, kann erahnen, wie viel der ESC-Sieg im kulturellen Bewusstsein der Israelis ausgelöst hat. Und für viele Israelis ist es genauso krass zu fordern, den Wettbewerb zu boykottieren, wie die BDS-Bewegung es unverschämt findet, den ESC dort stattfinden zu lassen.

Die European Broadcasting Union, die den ESC veranstaltet und organisiert findet den Boykott nicht diskussionswürdig, da es sich hierbei um ein nicht-politisches Unterhaltungsprogramm handelt. Gut, das ist eine andere Diskussion. Thomas Schreiber von der ARD, der für Deutschland verantwortlich ist für den ESC, brachte aber noch einen ganz anderen Punkt mit in die Debatte ein: „Heute beginnt das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana, es zählt zu den wichtigsten Feiertagen für Juden in aller Welt. Aus diesem Anlass zum Boykott des Eurovision Song Contest in Israel aufzurufen beziehungsweise die EBU aufzufordern, dem israelischen Rundfunksender Kan das Recht auf die Ausrichtung des ESC zu entziehen, ist durchschaubar.

Deutsche Künstler befinden sich übrigens nicht unter den Verfassern des offenen Briefes, den der Guardian veröffentlichte.

Quelle: Noizz.de