In seinem neuen „Lyrik Lounge“-Video benutzt er das Wort „Hetzkampagne“.

Spätestens seit dem Echo-Skandal herrscht Krieg zwischen dem Boss und der BILD. Wir erinnern uns: Damals hatten Kollegah und Farid Bang den Musikpreis gewonnen – mit einem Album, auf dem auch ein Song mit einer Juden-verachtenden Auschwitz-Zeile war („Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“).

Im Zuge dessen wurde – auch bei uns – sehr viel über Deutschrap und Antisemitismus diskutiert – und natürlich über die Frage, ob Kollegah ein Antisemit sei. Die BILD-Zeitung ergriff eher nicht Partei für Kollegah, sondern fragte zum Beispiel: „Warum werden Musiker mit diesen Hass-Liedern überhaupt für den Echo nominiert?“ Sie ließ Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee zu Wort kommen, verwies darauf, dass der Rapper in einem Video eine antisemitische Karikatur verbreitete und plädierten dafür, dass Kolle und Farid Bang – „Dumm und dümmer“ – „für ihre unwürdige Leichenfledderei nicht auch noch geehrt werden sollten“.

Kollegah rief daraufhin zum Shitstorm gegen BILD (und RTL) auf, die er – Verschwörungstheoretikersprech – als „Mainstreammedien“ bezeichnete.

Das alles ist mehr als ein halbes Jahr her; zwischenzeitlich hatte sich die Lage beruhigt – so schien es.

Denn am Samstag veröffentlichte Kollegah ein neues YouTube-Video in seiner Reihe „KOLLEGAHs Lyrik Lounge #19“, in dem er einen BILD-Redakteur mimt – und basht. In dem Track rattert er alle Stereotype runter, die dem Boulevardjournalismus anhaften. Im Hintergrund läuft ein „Hetzkampagnen-Beat“, BILD-Redakteur Kollegah trägt eine „Schmierlappen-Gelfrisur“ und hat „kreidebleiche Hautfarbe“. Und so weiter.

Dann kommt die entscheidende Stelle – es wird persönlich:

„Eins hab ich gelernt, im Journalismus-Studium. / Man braucht gar keine Story, nur ‘n Stift und Publikum. / Und für die Klicks ‘nen Superschurken als Sündenbock. / Jeder, der bekannter ist als ich, erfüllt den Job. / Nehmen wir Kollegah, diesen aufgemotzten Rüpelrapper. / Da kann man echt nur mit den Augen rollen wie Würfelbecher. / Was sich dieser Rapper da leistet. Nein, nein, ich sprech nicht von / sein Bentley und Daimler, ich sprech von seinen Texten und Reimen.“

Aber wie kommt Kolle darauf, aus dem Nichts einen Quasi-Diss-Track rauszuhauen?

Vielleicht hatte BILD ihn ja um ein Statement zu seinem hiphop.de-Interview von letzter Woche gebeten. Das hatte die Hip-Hop-Seite am 9. November veröffentlicht – am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht. Kollegah sagt in dem Interview, dass er sich als Opfer einer inszenierten Hetzkampagne fühle und behauptete, dass in den Palästinensergebieten „genau das gleiche passiert, was bei uns mal passiert ist, in Deutschland, nämlich während des Holocausts“.

Am Sonntag machte bereits Rap.de auf diese und weitere Holocaust-Relativierungen aufmerksam.

Am Montagmorgen veröffentlichte BILD einen großen Artikel, in dem sie sich Kollegahs neuerlichen Aussagen widmet. Darin kommt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zu Wort und sagt „Nachdem der Rapper Kollegah die Gedenkstätte Auschwitz besucht hat und ihm dort die Grauen der Naziverbrechen vor Augen geführt wurden, ist seine neuerliche antisemitische Entgleisung durch nichts mehr zu rechtfertigen.“

Auch die Bildungsstätte Anne Frank und das American Jewish Committee beziehen Stellung. Ein Antisemitismusforscher der TU Berlin attestiert Deutschrap im Allgemeinen ein „massives Antisemitismusproblem“.

In seinem großen Backspin-Interview von vergangener Woche bezeichnete ein Passant Kollegah vor laufender Kamera als Judenhasser. Der Rapper wies den Vorwurf von sich, wollte sogar mit sich reden lassen. Dazu kam es aber nicht, weil der Fußgänger das problematische Video nicht schnell genug fand. Wahrscheinlich handelte es sich um das Video „Apokalypse“, das zuletzt die WDR-Doku „Gibt es Antisemitismus im deutschen Rap?“ als antisemitisch interpretiert hat.

Es hilft alles nichts: Kollegah steht im Ruf, Antisemitismus zu verbreiten. Und daran ist nicht die BILD-Zeitung schuld, sondern er selbst – auch wenn er das nicht gerne hört.

Quelle: Noizz.de