Klavier und Klobürsten: So war's beim Nils-Frahm-Konzert im Funkhaus Berlin

Laura Aha

Musik, Serien, Popkultur
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Nils Frahm im Berliner Funkhaus Foto: Daniel Flamme / Daniel Flamme

Klaviermusik muss nicht langweilig sein.

Wer sich ein Konzert im Berliner Funkhaus anschaut, der ist wirklich Fan. Sonst würde man sich wohl kaum die halbstündige Gondelei in den Berliner Osten nach Rummelsburg antun, zehn Minuten über schlecht beleuchtete Trampelpfade durch den Matsch waten und dann auch noch zwanzig Minuten im Nieselregen stehen. Immerhin zusammen mit den anderen Fans.

Der gemeine Nils-Frahm-Fan ist schwer zu beschreiben. Vom Berghaingänger über den Hi-Fi-Sound-Nerd, den Öko-Hipster und Jazz-Fan ist alles vertreten. Die Musik von Nils Frahm ist der kleinste gemeisame Nenner im besten Sinne, sein charakteristischer Sound zwischen Neo-Klassik, Techno und Ambient begeistert die unterschiedlichsten Musikfreaks. Die vier Konzerte im Funkhaus sind schon seit Monaten ausverkauft.

Ich bin früh dran. Im Foyer läuft Jazz, bei Kerzenlicht und Lachshäppchen gibt man sich bildungsbürgerlich. "Wein kostet 9 Euro", verrät mir die Kellnerin mit einem selbstverständlichen Lächeln. Ich traue mich nicht zu fragen, ob für das Glas oder die ganze Flasche und bleibe durstig. Zum Glück hab ich wenigstens das Feuilleton noch in meiner Tasche, in das ich mich schnell pflichtschuldig vergrabe. Immerhin darf man drinnen rauchen.

Frahms neues Album "All Melody" kann man hier, am Ort seines Entstehens, sowohl auf Platte als auch als Partitur kaufen. Für die Produktion war der 35-Jährige quasi ins Funkhaus gezogen, richtete sich sein Studio ein, manchmal schlief er sogar dort auf einer Matratze auf dem Boden.

Funkhaus Nalepastraße Berlin Foto: Daniel Flamme / Daniel Flamme

Dass Frahms Musik mit dem alten DDR-Funkhaus verwachsen ist, merkt man ab dem ersten Moment im alten Sendesaal. Das Licht ist gedimmt, zwischen Türmen aus verschiedenen Tasteninstrumenten, Reglern und einem Flügel ohne Deckel erscheint der Frahm wie in seinem eigenen Wohnzimmer, lässig im grauen Longsleeve und Baskenmütze. Wenn er bei der kurzen Ansage fast schüchtern und etwas nervös wirkt, hat er Sekunden später alles unter Kontrolle.

Gear-Porn: Nils Frahms Equipment Foto: Daniel Flamme / Daniel Flamme

Am Harmonium sitzend gibt er das musikalische Thema vor. Ein kurze Melodie, die in den knapp zwei Stunden immer wieder aufscheint. Frahm loopt, springt zum Mischpult, manipuliert den Sound, lässt einen Beat einsetzen. Die bislang andächtige Menge beginnt vereinzelt zu Johlen, als hätte sie wie im Club auf den Drop gewartet.

Frahms formt den Sound wie eine greifbare Masse im Raum, verdichtet zu Ambientflächen, die er mit wahnsinnig schnellen Arpeggi am Klavier wieder zerstäubt.

So viele Tasten! Foto: Daniel Flamme / Daniel Flamme

Und plötzlich sind zwei Stunden vergangen, in denen man zwischendurch nur wegen der umfallenden Bierflasche aus der Trance geschreckt ist. "Ich möchte nicht zu viel von eurer Zeit verschwenden, deshalb hör ich jetzt mal auf", sagt Nils Frahm und scheint ehrlich dankbar, dass man ihm zugehört hat. Zur Zugabe packt er noch zwei Klobürsten aus und trommelt damit auf den Saiten des aufgeklappten Flügels herum. Ob das auch in der Partitur steht?

Einige springen auf, wippen im Takt. Auf den Stufen hockend habe ich das irre Gefühl mitten im Club auf der Tanzfläche zu sitzen. Eigentlich könnte man jetzt echt noch gut tanzen gehen. Wenn es nur nicht so weit wäre!

Hat auch Humor: Nils Frahm Foto: Daniel Flamme / Daniel Flamme

Quelle: Noizz.de

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