Eine perfekte Dreifaltigkeit aus Hoffnung, Melancholie und Hass – irgendwo zwischen Deutschrap und Kraftklub-Pop.

Schon im Vorfeld war mir klar, dass ich mir den 11. Oktober 2019 fett in meinem Kalender markieren muss. Mit vier Singles vorab hat mir Kummer bereits leise ins Ohr geflüstert: Diese Platte, "KIOX", ist der Soundtrack, der deinem Leben gefehlt hat.

Den Track "Wie viel ist dein Outfit wert" hat Felix Kummer, Sänger der Band Kraftklub, noch 48 Stunden vor dem Release seines ersten Soloalbums rausgeballert und damit dem Zeitgeist erst in die Fresse gehauen, um ihm dann liebevolle über die Wange zu streicheln.

Der Markenwahn, den der Deutschrap seit einigen Jahren wieder fett im Mainstream platziert hat, ist ätzend, das wissen wir. Keiner hat Bock darauf, dass nur noch Sachen cool sind, die fett Balenciaga oder Supreme draufstehen haben. Zum einen, weil wir als Millennials doch so hart dafür kämpfen, nicht mehr so ekelhaft materialistisch und konsumgeil zu sein, zum anderen, weil wir armen Schlucker uns das eh nicht leisten können.

"Life ist super nice, da, wo man die Schuhe trägt. Life ist nicht so nice, da, wo man die Schuhe näht", rappt Kummer und erinnert uns zurecht auch an die beschissenen Bedingungen, unter denen unsere Nike Air Max, die wir da so stolz tragen, hergestellt werden. Was Kummer neben der ganzen berechtigten Kritik an unserem Fashion-Konsum aber auch zugeben muss: Irgendwie ist es geil, diese dummen Marken so vor sich hin zu trällern. Der Refrain seines Songs ist ein kleines musikalisches Zugeständnis daran – und geht mitten ins Ohr. Da kann man nicht anders als mitsingen, mit Scham darüber, das so eine typisch flache Trap-Hook dann doch irgendwie so geil ist.

Das lyrische Highlight auf "KIOX" ist für mich trotzdem "Bei Dir". Selten habe ich einen deutschsprachigen Song gehört, der so ehrlich erklärt wie es ist, wenn man – wie Kummer es beschreibt – noch "nie so richtig funktioniert hat". Wie es ist, wenn man nicht anders kann als die Menschen, die am meisten an einen glauben, die einen am meisten lieben, immer wieder zu enttäuschen und aus Frustration der ganze Welt zu sagen, "dass sie sich ficken soll". Uff.

Gepflegter Hass abgepolstert durch melancholische Selbsterkenntnis ist irgenwdie das Herz des Albums des Jung' aus Karl-Marx-Stadt. Ob Hass gegenüber Menschen im Allgemeinen ("Okay"), eingebildeten Rappern mit Zahlen im Namen ("Aber nein") oder den eigenen Verwandten ("Alle Jahre wieder").

Gerade bei letzerem zeigt Kummer erneut, dass er unsere Generation versteht wie die Memes von Galeria Arschgeweih. Er fängt mit "Alle Jahre wieder" nämlich nicht nur die perfekt Meckerkultur der Deutschen ein, sondern erinnert auch schmerzlich an die ermüdenden Political-Correctness-Diskussionen, die wir alle immer wieder mit unseren Verwandten führen müssen. Nein Opa, du kannst das N-Wort nicht mehr sagen, auch wenn du es nicht böse meinst, nein, dieser Mann ist nicht bestimmt schwul, weil er auch mal in der Öffentlichkeit weint, Mama – hört man sich in einem Flashback im Kopf selbst sagen, während Felix da so schön passiv aggressiv vorträgt, was unsere Verwandten uns genau auf solche Sätze antworten: "In meine Haus red' ich immer noch so, wie es mir passt, jetzt sei hier mal nicht so empfindlich."

"KIOX hören und weinen" kann man als "so empfindlicher" Kummer-Fan dagegen in Zusammenhang mit dem Song "26" twittern. Am besten lässt sich der Song wohl als eine musikalisch modernere und lyrisch minimalistischere Version des Casper Tracks "Michael X" beschreiben. "Es tut wieder weh" sorgt mit Zeilen wie "Es sind keine Drogen, wenn sie dir jemand verschreibt" ebenfalls für gepflegte Downer-Stimmung. Kummer scheint sich damit als einer der ersten deutschsprachigen Rapper dem Thema der Opioid-Krise, die wir eigentlich bisher nur so richtig aus den USA kennen, zu widmen.

"KIOX" ist schlussendlich aber auch vor allem das erste Album seiner Art im deutschen Mainstream, das es wagt, direkt, ehrlich und völlig unverblümt auch die Nachwehen von 30 Jahren Wendezeit einzufangen. "Das Karma fickt zurück. Irgendwie schön. Aber nichts ist schön", rappt Kummer in dem Song "9010", benannt nach der DDR-Postleitzahl seiner Heimatstadt. Der Track zeigt wie brutal Kummers Jugend in Chemnitz teilweise war und dass man manchmal eben nicht anders kann, als zurückschlagen zu wollen – und man diesen Konflikten am Ende lieber doch aus dem Weg geht.

Wer verstehen will, wieso wir heute in den "neuen Bundesländern", der ehemaligen DDR, mehr Nazis als sonst wo haben, die AfD stärker als irgendwo anders sein kann, der muss einfach nur zwölf Songs lang Kummer zuhören. Also tu es:

Quelle: Noizz.de