„Für mich war meine Mutter meine größte Motivation.“

Wer ist eigentlich dieser Kelvyn Colt? Kurz: Er ist gerade das Geilste, was die deutsche Hip-Hop-Szene aktuell zu bieten hat. Colt rappt und kommt ursprünglich aus Deutschland. Trotzdem hat die Musik des Newcomers mit Deutsch-Rap nicht viel gemeinsam. Er setzt auf seine ausdrucksstarke Stimme, nicht auf Autotune. Colt protzt nicht mit goldener Rolex, er zeigt Gefühle. Und: Er rappt auf Englisch, nicht auf Deutsch. Meistens.

Meistens? Genau. Deswegen erregte er 2016 das erste Mal Aufmerksamkeit: Als er für die COLORS SHOW seinen Song Hucci performt, wechselt er zwischen beiden Sprachen. Colt beweist: Er kann rappen. Und wie! Kein Wunder, dass er kürzlich als erster Rapper aus Deutschland zu Tim Westwood eingeladen wurde. Zu dem englischen DJ und Moderator kommen normalerweise nur Rap-Stars wie Eminem oder Lil Wayne. Was sollen wir sagen? Colt hat mit seinem bilingualem Freestyle rasiert.

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Der Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter wächst in Wiesbaden auf. Bilingual. Deswegen spricht er in seinen Interviews häufig Englisch und droppt ab und zu einen deutschen Satz. Charmant, cool – wie beim Rappen auch. Er weiß mit der Sprache zu spielen und seine Vielfältigkeit einzusetzen.

Kelvyn Colt wohnt für kurze Zeit in Miami, London und auch in Berlin. In seiner neusten EP Mind of Colt I zeigt der Rapper sich auf sechs Songs von seiner ganz persönlichen Seite. Wir haben mit ihm über Heimat gesprochen – und warum es schwierig ist, sich mit englischem Rap in Deutschland durchzusetzen. 

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NOIZZ: Wir haben dich bei deinem Konzert auf dem Open Air Frauenfeld 2018 gesehen. Alle sind abgegangen, die Mädchen sind ausgeflippt! Eine hat sogar weinen müssen. Eine krasse Situation, wenn jemand dir so viele Gefühle entgegenbringt – obwohl man sich persönlich nicht kennt…

Kelvyn Colt: Ich bin wirklich gesegnet, dass Menschen sich auf einer solchen Ebene mit mir verbinden. Es fühlt sich fantastisch an. Für einen Künstler wie mich ist das ein großes Kompliment und es zeigt, dass man Eins mit dem Publikum ist.

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Es fällt auf, dass du viel mit deinen Fans kommunizierst. Zum Kelvyn-Colt-Paket gehört nicht nur, ein guter Künstler zu sein, sondern auch die Fanbase zu motivieren. Warum ist dir das so wichtig?

Deswegen gibt es die TBHG – Triple Black Heart Gang. Für mich ist es nicht nur eine Fanbase, sondern vielmehr der Aufbau einer Community. Ich bekomme viele Direktnachrichten auf Instagram von Leuten, die sich mit meiner Musik identifizieren können. Wir organisieren sogar gemeinsame Treffen, damit Menschen – die niemand auf das Konzert begleiten kann – nicht alleine sind.

Durch diese Dinge versuche ich, mit meinen Fans zu kommunizieren und sie miteinander in Verbindung zu bringen. Viele sind nach meiner Show enge Freunde geworden und am Ende motiviert sich die ganze TBHG gegenseitig und ich motiviere sie, ihren Träumen zu folgen. Es geht darum, Freundlichkeit und Wertschätzung untereinander zu verbreiten.

Gibt es jemanden, der genau das für dich getan hat – dich motiviert und wertgeschätzt hat?

Für mich war meine Mutter meine größte Motivation. Das ist der Hauptgrund, warum ich ihr auf meiner EP einen Song gewidmet habe. Damit wollte ich ihr meine Wertschätzung und Liebe zeigen. Sie hat mir geholfen und musste für mich einige Opfer bringen. Sie hat mich aufgebaut und zu dem Mann gemacht, der ich heute bin.

Aber natürlich gab es in meinem Leben mehr Menschen, die mich gestärkt haben. So auch mein Vater, mein Bruder und meine Freunde. Aber nicht jeder hat Menschen hinter sich, die motivieren. Genau deswegen gibt es die Triple Black Heart Gang.

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Deine Familie hat dir viel geholfen. Aber was würdest du deinem jüngeren Ich aus heutiger Sicht raten – als es in London mit wenig Kohle und einem Studium vor der Nase noch etwas lost war?

London war für mich eine Möglichkeit, mich zu entwickeln. Ich konnte meine Musikkarriere in einem Land aufbauen, in dem die Leute mich besser verstanden haben. Meine Tracks sind auf Englisch und Deutsch. Deutsch-Rap ist aber das größte, schwierigere Genre. Es war schwer, dass die Leute in Deutschland meine Musik annehmen und wertschätzen. Mein Studium war ein Grund für mich, nach London gehen zu können. Ich beendete dort mein Studium und brachte meine Musikkarriere in Gang. Ein Ratschlag für mein jüngeres Selbst wäre: „Halte durch, bleibe stark, alles wird gut.“

„Bleib stark!“ – diese Message kommt auf deiner jüngsten EP sehr gut rüber. Bei Mind of Colt I spürt man förmlich, wie du kämpfst und dir den Kopf zerbrichst. Was beschäftigt dich, was möchtest du mit der Musik verarbeiten?

Durch meine letzte EP habe ich quasi selbst in mich hinein, in meinen Kopf geschaut – deshalb heißt sie auch Mind of Colt EP. Ich habe mit vielen Gefühlen gekämpft. Ich musste lernen, mit ihnen umzugehen. Durch die Tracks konnte ich ausdrücken, wie ich mich fühle. Ich habe versucht, genau das einzufangen und mit der Welt zu teilen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen in ihrer eigenen Welt versinken, einsam und depressiv werden. Das ist okay, jeder hat Höhen und Tiefen. Aber es ist wichtig, seine Stärke zu finden und damit zu wachsen. Sei es durch Musik oder durch etwas anderes, durch das man Kraft schöpfen kann.

Deine Heimatstadt ist Wiesbaden, du bist nach London und Miami gezogen, aber auch häufig in Berlin unterwegs. Welches konkrete Gefühl verbindest du mit den vier Städten? 

Geboren und aufgewachsen bin ich in Wiesbaden, meine Heimatstadt. Meine Familie wohnt da immer noch. Aber jede Stadt hat eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung gespielt und mich zu dem Künstler und Menschen gemacht, der ich heute bin.

Ich habe eigentlich nie wirklich in Miami gelebt. Ich war dort, als ich 16 Jahre alt war, um an meiner Musik zu arbeiten – wie in London. Außerdem konnte ich hier eine Fanbase aufbauen, die meine Musik auf Englisch verstand und akzeptiert hat.

Ich bin dankbar, dass die Menschen zu Hause, in Deutschland, mich jetzt besser verstehen als früher. Berlin war für lange Zeit meine Heimat und ich verbringe dort immer noch viel Zeit. Hier wurden auch meine COLORS-Sessions aufgenommen, die meine Karriere stark gepusht hat. 

Auf welche Reisen, Projekte und Events freust du dich in nächster Zeit am meisten?

Es kommt viel auf mich zu. Ich werde in der USA Shows geben, habe eine Europa-Tour vor mir und auch meine Deutschland-Tour! Und natürlich war ich viel im Studio und werde bald neue Musik veröffentlichen.

Quelle: Noizz.de