Karin Ann aus der Slowakei entert aktuell mit ihrem Song "3 AM" die Bühne. Mit ihrer Musik kämpft sie entschieden gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Ziemlich dope klingt sie dabei auch noch.

Karin Ann hat musikalisches Gespür. Künstler*innen wie Girl in Red, Yungblud oder Billie Eilish liefen schon längst bei ihr rauf und runter, bevor sie so richtig berühmt wurden. Ihre eigenen Songs arrangiert sie mit ähnlicher Treffsicherheit: Sie macht straighten Pop-Trap, bisschen Elektronik, bisschen verträumt, alles recht prägnant.

In ihrer aktuellen Single "3 AM" macht die 18-Jährige klare Ansagen: Unbeeindruckt beendet sie eine toxische Beziehung, beinahe luxuriös gelangweilt verkündet sie "Du brauchst nicht mehr auf mich zu warten!" – Message received?!

Karin Ann ist generell nicht um eindeutige Ansagen verlegen, auch nicht im NOIZZ-Interview. Sie hat nämlich klare Vorstellungen davon, was sie mit ihrer Kunst will, wie sie wahrgenommen werden möchte und wofür sie steht. Die gebürtige Slowakin spricht unumwunden mit uns über die Diskriminierung von Minderheiten in ihrer Heimat, Vergleiche mit Billie Eilish und was eigentlich mit ihrer Generation los ist.

NOIZZ: In Artikeln und Rezensionen über dich wird das Wort "Generation Z" immer schnell fallen gelassen. Was denkst du, was diese Generation ausmacht?

Karin Ann: Ich denke, dass viele Menschen in meiner Generation wirklich klug sind, ohne dass die Älteren es merken. Weil wir so viele Informationen haben über alles, was in der Welt vor sich geht, denken wir eher global als lokal über Dinge nach. Deshalb ist unsere Generation, auch wenn wir jung sind, in der Regel sehr reif und weiß, in welcher Welt sie leben will. Wir wollen unsere eigene Welt schaffen, weil wir nicht die Fehler der älteren Generationen korrigieren wollen. Ich denke, junge Menschen wollen Gleichberechtigung mehr als alles andere – und sie wollen gehört, akzeptiert und geliebt werden.

Mit einer weiblichen Stimme und einem verträumten Klang kombiniert ist der Vergleich mit Billie Eilish schnell gezogen. Befürchtest du, in eine Schublade gesteckt zu werden?

Karin Ann: Ich bin immer ich selbst und mache immer Musik, die mich als Person widerspiegelt. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass die Songs, die ich mache, und die Art, wie ich mich präsentiere, zu 100 Prozent ich selbst sind. Ich hoffe einfach, dass alle anderen das auch sehen.

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Deine aktuelle Single "3 AM" ist auf Englisch, vorher hast du auf Slowakisch gesungen – wie hat sich diese Veränderung für dich angefühlt?

Karin Ann: Tatsächlich habe ich meine Texte schon immer auf Englisch geschrieben. Ich kann so einfacher auszudrücken, was ich sagen will. Ich fühle mich in der englischen Sprache auch viel wohler. Den Track "3 AM" habe ich geschrieben, als ich 15 war und jetzt bin ich 18 – neu ist daran daher wenig. Aber es ist ein Hauch frischer Luft, weil ich diesen Song endlich rausbringen kann und bald noch mehr von mir kommen wird.

Du erhebst deine Stimme entschieden gegen Diskriminierung – was ist hierbei dein konkretes Ziel?

Karin Ann: Diskriminierung und Unterdrückung passiert, weil unsere Gesellschaft vor langer Zeit Grenzen gezogen hat, die auf dem Anderssein von Menschen basieren. Es ist so ein dummes Konzept, weil jeder Mensch, egal wie ähnlich wir uns sind, anders ist als der jeweils andere. Ich selbst habe Diskriminierung und Mobbing erlebt, sei es wegen meines Geschlechts, sei es wegen dem, wie ich mich kleide oder weil meine Familie aus Gegenden stammt, denen ein negatives Stigma anhaftet. Ich denke aber, dass die Standards der Gesellschaft dank der Jugend endlich verändert werden und ich bin einfach sehr froh, dass ich Teil dieser Bewegung sein kann.

Für uns in Deutschland scheint es so, dass die LGBTQ-Gemeinschaft in Osteuropa ständiger Diskriminierung ausgesetzt ist. Wie ist die Situation in der Slowakei, deiner Heimat?

Karin Ann: Die Slowakei ist eher ein konservatives Land, das stark vom Christentum geprägt ist. Gleichgeschlechtliche Ehen sind illegal, Menschen, die einen gleichgeschlechtlichen Partner haben, haben Angst, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, Menschen haben Angst, sich zu outen, aus Angst, dass ihre Eltern sie nicht mehr akzeptieren. Und das alles einfach weil sie sind, wer sie sind oder weil sie lieben, wen sie lieben. Die Menschen müssen endlich begreifen, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Liebe ist Liebe, also sollte jede*r lieben, wen er*sie lieben will. Vor allem sollten Menschen sich selbst lieben, egal, womit und wie sie sich identifizieren. Und: Sie werden immer von mir geliebt und akzeptiert werden.

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Als junge weibliche Künstlerin in der Branche gibt es oft Hindernisse, die sich in den Weg stellen: Was sind deine Beobachtungen? Wie gehst du damit um?

Karin Ann: Ich denke mir oft, dass ältere Menschen sicher glauben, ich wüsste nichts über das Leben oder darüber, wovon ich spreche. Manche denken auch, weil ich ein Mädchen bin, müsste ich über bestimmte Themen singen, auf eine bestimmte Art und Weise sprechen oder mich kleiden. Im vergangenen Jahr habe ich viel durchgemacht und bin auf eine Menge Leute getroffen. Menschen, die nicht verstanden haben, was ich tun will und was meine Vision ist, mit denen habe ich einfach nicht weitergearbeitet.

Was treibt dich an, Musik zu machen?

Karin Ann: Ich mache Musik, weil ich etwas zu sagen habe, und viele andere junge Leute haben auch etwas zu sagen. Je mehr Leute ihre Plattform nutzen, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen, desto weniger Menschen müssen Angst haben oder sich komisch fühlen – sie können Verständnis und Trost finden. Es ist eine Gemeinschaft, die wir gemeinsam gründen, das ist mir wichtig. Ich hätte lieber weniger Fame, dafür aber die Möglichkeit, mich frei auszudrücken, anstatt ein großer Star zu sein, der nicht vollständig hinter dem steht, was er tut oder sagt.

  • Quelle:
  • Noizz.de