Am Sonntag soll sein neues Album "Jesus Is King" erscheinen.

Erinnert ihr euch noch an "Yandhi"? Das versprochene Meisterwerk von Kanye West, das pünktlich zum Black Friday 2018 erscheinen sollte – und es dann doch nicht tat? Tja, wer lange darüber gegrübelt hat, wie das den hätte klingen können, der hat jetzt zumindest einen Einblick.

Denn es scheint so, als habe Kanye West selbst sein verlorenes Werk auf iTunes geleakt. Als Klingelton. Ja, wirklich.

Exakt vor einem Jahr hatte er "Yandhi" angekündigt, und dieses Jubiläum scheint er nun mit dem Klingelton-Release zu würdigen. Das mag merkwürdig erscheinen, ist vielleicht aber auch nur ein kleines Puzzleteil in Kanyes neuem Lebensabschnitt als ernstzunehmender, christlicher Gospelmusiker.

Denn, so verkündete er es selbst bei einem seiner sonntäglichen Hip-Hop-Messen in Chicago. "Ich bin durch mit weltlicher Musik", sagte der Rapper. Von nun an werde er nur noch christliche Musik machen. Ebenso enthüllte er das womögliche Albumcover von "Jesus is King". Das wird er sehr wahrscheinlich anlässlich seines nächsten Sonntag-Gottesdienstes veröffentlichen.

Okay, sieht ein bisschen aus, als hätte Kanye seine Rasselbande sich auf Microsoft Paint mit einem ikonisch-christlichen Motiv austoben lassen. Aber genau das bringt mich zu meinem nächsten Punkt und der Annahme, dass auch die geleakten 26 Sekunden Klingeltöne aus "Yandhi" kein Zufall sind, sondern Teil von Kanyes großem Ganzen. Eine Art Kunstprojekt.

Wie das jetzt?

Also, passt auf: Ich glaube, Kanye West hat die Ästhetik der Nullerjahre voll für sich wiederentdeckt und spielt in diversen Reminiszenzen damit. Das alles, um den Release seiner neuen goldenen Ära einzuleiten: den Yeezus-Years. Oder so ähnlich.

Denn die 2000-irgendwas-Jahre sind nicht nur seine Golden Years, in denen etwa "808s & Heartbreak" und "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" entstanden sind, sondern sind auch der Zeitraum, indem für ihn popkulturelle Schlüsselmomente passiert sind. So wie sein legendärer Auftritt bei den MTV Video Awards 2009, als er Taylor Swift am liebsten den Moonman aus der Hand geschlagen hätte. Und natürlich der 11. September 2001, 9/11, der sich in die US-Seele gebrannt hat.

An dem Tag erschien ein für Kanye ebenfalls wichtiger Meilenstein: Jay-Zs Album "The Blueprint", bei dem West einer der federführenden Produzenten war. Es war sein Durchbruch im Business. 9/11 änderte also so ziemlich alles für ihn. Das Jay-Z-Album wurde ein Hit – trotz oder gerade wegen des historischen Schock-Moments.

Das am meisten verbreitete Betriebssystem im Jahr 2001 war Windows 98 – und mit der da aufgespielten Version von "Paint" hat sich so ziemlich jeder kreativ ausgetobt. Es war trashig, aber irgendwie auch geil. Und so ähnlich wie mit "Paint" ist es für viele Leute auch mit Kanye. Er ist stellenweise so prollig, dass viele ihn verstoßen. Aber auch so genial, dass man sich dem nicht verschließen kann.

Demnach ist es nur konsequent, dass Kanye ein Paint-Lookalike-Cover für "Jesus Is King" wählt, dem seiner aktuellen Meinung nach wohl großartigsten Werk, das er geschrieben hat. Wie ein Prophet dem lange niemand zugehört hat.

Noch ein Beispiel gefällig?

Erst vor Kurzem wurde Kanye West neustes Design seiner Yeezus-Sneaker geleakt, und das erinnert sehr stark an Kult-Treter aus den Nullerjahren. Nämlich Crocs.

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Das ist eine weitere Hommage an ein Jahrzehnt, das Kanye anscheinend besonders wichtig ist. Denn in dieser Zeit lernte er ebenso seine zukünftige Frau kennen: Kim Kardashian.

Und damit wären wir auch bei den Klingeltönen

Klingeltöne sind so was von Millennial. Würden wir eine Zeitreise zurück nach 2002 unternehmen, sie würde nach Jamba und dem Crazy-Frog klingen. Damals hatte eben nicht jeder ein iPhone, bei dem man erst über tausend Umwege einen individuellen Klingelton einrichten kann.

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Klingeltöne waren ein Statuszeichen – und gaben Auskunft darüber, wer du sein willst. Beziehungsweise, wie du wahrgenommen werden möchtest. Einen "Yandhi"-Track als Klingelton? Könnte man als Ausdruck grenzenloser Individualität werten. Denn das Album gab es ja eigentlich gar nicht.

Dass Kanye es jetzt ausgerechnet auf diesen Weg mit uns teilt, enthält noch eine weitere Krux: Wer sich bei iTunes Klingeltöne besorgen will, muss das extra einrichten. Heißt also auch: Wenn du auch nur ein bisschen von "Yandhi" hören willst, musst du Umwege gehen. Es bereitet Mühen. Das ist in unserem grenzenlosen digitalen Zeitalter schon ein Kunststück.

Genau in diese Reihe soll sich dann wohl auch Kanyes neustes, spirituell-religiöses Werk einreihen. Losgelöst von den normalen Verwertungsstrategien, präsentiert Kanye es dort, wo ein Großteil der heutigen Popmusik ihre Wurzeln hat: in der Kirche. Davon mag man halten, was man will – aber es ist konsequent.

Bis dahin bleiben die 26-Sekunden-Schnipsel aus "Yandhi" alles, was wir haben.

Quelle: Noizz.de