Joy Denalane veröffentlicht dieser Tage ihr fünftes Studioalbum "Let Yourself Be Loved". Es ist die weltweit erste Platte einer deutschen Künstlerin, die auf dem legendären Motown-Label herauskommt. Krasse Sache! Neben dieser Tatsache hat Denalane uns außerdem mal eben so ein Album beschert, das uns in diesem grausamen Jahr mit Hoffnung und Wärme versorgt.

Es wirkt ein bisschen so, als hätte man Joy Denalane in der allzu käsigen ZDF-Fernsehgarten-Society gebraucht, um sich als Alman selbst zu vergewissern, dass es im deutschsprachigen Musik-Biz auch noch was anderes gibt als braven Einheits-Pop und arhythmisches Klatschen. Joy Denalane musste die letzten Jahrzehnte herhalten als deutsche Soul-Diva, als der Beweis, dass Deutschland auch Soul kann und eine vielleicht sogar ungestüme Seele hat.

Joy Denalane: Musikalische Sozialisation im Berlin der 80er

"Ich habe damals mit 19 Jahren entschieden, Musikerin zu werden – was ja sowieso schon krass ist. Habe dann aber auch noch angefangen, Musik zu machen, die hierzulande keine Lobby hatte", erklärt sie. Denalanes musikalische Sozialisation startete mit der Plattensammlung des Vaters, mit Soul- und Motown-Größen wie Marvin Gaye oder Nina Simone, und emanzipierte sich mit Hip-Hop und R'n'B. "Meine ersten Cluberfahrungen, so mit 14 Jahren, waren identitätsstiftend."

Der ehemalige Berliner Club "Riverboat" kostete zwei Deutsche Mark Eintritt und bot drei Floors und eine Dachterrasse. Zwar durfte man mit 14 Jahren nur bis Mitternacht bleiben, "wir waren aber natürlich immer länger dort", erzählt Denalane und lacht. Es war damals, Ende der 80er, ein Club, in dem es neben Mainstream-Mucke auch R'n'B und harten Hip-Hop gab. "Es gab gute DJs, und der Laden hatte Vibe!" Als Denalane anfängt, selbst Musik zu machen, orientiert sie sich natürlich an ihren eigenen Helden – eckt damit in ihrem ersten Plattenvertrag erst an und geht dann ihren eigenen Weg. Damals zusammen mit der Deutschrap-Formation Freundeskreis und dem musikalischen Orbit um Ehemann Max Herre.

Joy Denalane: Ein Album voller Wärme

Ihr neues Album "Let Yourself Be Loved" schließt mit dem Song "Put In Work". Darauf singt sie von Hammond-Orgeln begleitet "You put in work but you'll never be done. You'll feel the burn, 'cause you're chasing the sun". Mit dem Stück verhandelt sie den ewigen Traum, es zu schaffen. "Ich sehe es überall: Menschen, die anfangen mit einer Vision. Sie haben Träume, die vielleicht etwas unkonventionell sind. Träume, die ihnen eigentlich mehr Arbeit abverlangen, als in ihrem Leben nötig wäre. Aber sie bleiben dran, und das will ich damit auch sagen: Wir müssen an unseren Träumen dran bleiben, uns an ihnen abarbeiten."

Der Song ist eine Hymne des Durchhaltens, des Glaubens an sich selbst. Es ist eine Hymne, wie sie aktuell passender nicht sein könnte, musikgewordene Hoffnung, die einem durch die Gehörgänge die Seele wärmt. "Let Yourself Be Loved" durchströmt einen mit seinen elf Songs mit genau diesem Wohlgefühl, als hätte man an einem kalten Wintermorgen in der Lieblingsschale eine Portion warmes Porridge mit Zimt und Zucker serviert bekommen. Auf "I Believe", einer Kollabo mit dem US-Künstler BJ The Chicago Kid, begrüßt einen dick auftragender Bass, Orgeln, Background-Gesänge und Groove ohne Ende, bevor man von dem sonnigen Refrain endgültig davongetragen wird.

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Natürlich hört man auf Denalanes fünftem Album alte, große Geister. Stevie Wonder, Marvin Gaye und Diana Ross – sie alle sind Motown-Größen, und Spuren ihrer Werke finden sich auch auf "Let Yourself Be Loved". Seit den frühen 60ern war das in Detroit gegründete Label spezialisiert darauf, schwarze Musik auf dem damals vollkommen weißen Musikmarkt zu etablieren.

Der Sound ist breit arrangiert und aufgeräumt, Groove und Funk gibt es serienmäßig zu jedem Song dazu, Bässe und Rhythmen verführen einen eher, als dass sie den Hörenden umhauen. Die Themen beschäftigen sich durchaus mit schwarzer Lebensrealität, sind aber keineswegs radikal. Man könnte sagen, dass die Motown-Nummern es verstanden, anschmiegsam zu bleiben, auch wenn sie dabei mit ihrem Sound entfesseln konnten. Quasi ungestüme Liebe und viel Gefühl, aber kein schwitzender Sex.

Joy Denalane bewegt sich auf den Spuren großer Motown-Geister.

Denalane schrieb "Let Yourself Be Loved" schon 2015 in New York, ließ das Projekt aber ruhen, weil sie nicht den richtigen Sound fand, um ihre Musik, wie sie sie wollte, zu produzieren. Sie widmete sich erst "Gleisdreieck", dem Vorgänger-Album von 2017, auf dem sie sich unumwundener und deutschsprachig mit ihrer eigenen Herkunft, ihren Ängsten, ihrer persönlichen Geschichte beschäftigt. Erst ein alter Freund, der Jazzpianist Roberto Di Gioia, fand genau den richtigen Weg, um sich Denalanes Soul-Songs zu nähern, und plötzlich fühlte sich alles richtig an.

Das richtige Gefühl ist Denalane wichtig. Wenn sie "Gefühl" sagt, unterstreichen ihre Hände in ganz vielen Gesten, was sie sagen möchte. Sie sitzt anderthalb Meter von mir entfernt und trinkt Tee. Noch ein letztes großes, wichtiges Thema, das man in Zeiten von Black Lives Matter nicht aussparen kann, wenn man mit einer Frau am Tisch sitzt, die ihre südafrikanischen Wurzeln bereits 2002 auf ihrem Debütalbum "Mamani" thematisierte.

Rassismus und #BlackLivesMatter: Es ist Zeit, dass sich grundlegend was tut

"Ich finde, es ist Zeit, dass wir jetzt Platz machen, für Expert*innen, für Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Thema beschäftigen. So müssen wir daran arbeiten, dass sich an den Strukturen unserer Welt endlich was ändert", sagt Denalane.

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Sie verstehe das Interesse und die Frage, wie es für sie, als Woman of Color war, hier in Deutschland aufzuwachsen – die Frage trägt nur mittlerweile nicht mehr weit genug. "Vor allem ist sie ausreichend beantwortet. Generell habe ich mich schon immer, seit Beginn meiner Karriere, darüber geäußert. Ich habe Rassismus, schwarze Kultur und meine Herkunft offen thematisiert." Ist nun endlich der Zeitpunkt gekommen, an dem die breite Öffentlichkeit auch zuhört?

Frauen in der Musikbranche: Hier ist noch Platz nach oben

Joy Denalane ist Künstlerin, ist Mutter, Ehefrau, Berlinerin, Weltenbummlerin, ehemalige Psychologiestudentin – und dennoch kann man nicht über sie und/oder mit ihr sprechen, ohne über ihre Hautfarbe und ihre Weiblichkeit zu sprechen. Genauer: über sie als Frau im Musik-Business. Schließlich besteht sie in Selbigem schon seit Jahrzehnten. Sie hat sich auch hierzu immer wieder öffentlich geäußert und sich etwa für die "Keychange Organisation" eingesetzt, die für Gender-Gleichgewicht auf Festival-Line-ups sorgen will.

"Es hat sich sicherlich was getan in den letzten Jahren", stellt die Musikerin fest. In der männerdominierten Branche werde zumindest nicht mehr sofort mit den Augen gerollt und abgewiegelt, wenn man das Thema anspricht. Aber grundsätzlich muss sich noch viel mehr tun, es muss noch mehr passieren. Und zwar nicht nur in Debatten und Diskussionen, auch in der Lebensrealität, in handfesten Zahlen und Strukturen. Und bis dahin ist es noch ein langer, steiniger Weg, denn "auf das Cover des 'Rolling Stone' bin ich ja am Ende dennoch nicht gekommen", fasst Joy Denalane am Ende zusammen.

"Let Yourself Be Loved" erscheint am 4. September 2020.

Quelle: Noizz.de