In der Interview-Reihe "Allein zu Haus" zeigen Künstler*innen und Musiker*innen ihr Zuhause und erzählen, was sie in der Corona-Krise gerade bewegt. In dieser Ausgabe nimmt uns die Pop-Musikerin Jinka mit in ihre vier Wände und erzählt, wie sie es gerade mit sich aushält.

Klirrende verzerrte Sounds und ein pulsierender, schmetternder Bass – unweigerlich kommt bei dieser Künstlerin die Assoziation mit ihrer Wahlheimat Berlin auf. Jinkas Stimme klingt gläsern und fein, ihr Auftreten ist dagegen kantig, die Vocal-Begleitung flirrend. Die einzelnen Songs lassen sich vielleicht noch in das ein oder andere Genre einordnen, das Gesamtkonzept Jinka geht allerdings im großen, diversen Feld der populären Musik auf – sie scheint aus jeder Strömung etwas mitzunehmen.

Mit "Ghost 2 U" bewies die Sängerin letztes Jahr, wie eigenwillig sie glitzernden 90er-Pop mittels düsterem Industrial in einen Radiohit verwandelt. Nicht nur zwischen den Songs, sondern selbst innerhalb eines Lieds zeigt Jinka, dass sie eine absolute Grenzgängerin ist. Denn sie treibt ihr Spiel mit außergewöhnlichem Elektro im Refrain auf die Spitze, um ihr Publikum im nächsten Moment wieder mit ihrer sanften Stimmen zu besänftigen.

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Die Newcomerin hat die Techno-Szene Berlins aufgesogen und verinnerlicht – jetzt lässt sie sie in tausend kleinen Schnipseln auf ihre Songs nieder prasseln. Damit bricht sie aus dem Pop-Bild aus, mit dem sie dennoch kokettiert. Ursprünglich kommt Jinka aus Transsilvanien und hat vor ihrem Solo-Debüt die deutsche Indieszene mit ihren Qualitäten an den Keys bereichert, damals noch in den Bands von Thees Uhlmann und Sara Hartman.

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Von der Techno-Szene muss Jinka derzeit, wie alle anderen auch, Abstand nehmen, denn natürlich musste die Musikerin ihr Club-Habitat verlassen und vorerst von den Erinnerungen an die dunklen Räume, in denen der Schweiß im zitternden Stroboskoplicht glitzert, zehren. Im Interview erzählt uns die Musikerin von ihren neuen Routinen, ihre mentale Gesundheit in der Krise und zeigt uns ihre Lieblingsorte.

Ganz so dekadent ist Jinkas Bad wahrscheinlich nicht. Das Foto entstand im Berliner Luxus-Hotel Savoy.

NOIZZ: Wie lange bist du jetzt schon in Isolation?

Jinka: Seit sich Mitte März die Lage zugespitzt hat. Anfangs hatte ich mit dem ein oder anderen mentalen Krisenzustand zu kämpfen, weil ich schon sehr von Routinen abhängig bin. Über die Jahre hinweg habe ich mir eine Art Werkzeugkiste mit verschiedenen Aktivitäten aufgebaut, in die ich jederzeit greifen konnte. Ich wusste mir wirklich in fast jedem Gemütszustand zu helfen. Schwimmtraining war aus meiner Woche zum Beispiel nicht wegzudenken – das war in der Zeit vor Corona der ultimative Reset für mich. Naja, und auf einmal war ich, wie wir alle, in meiner Freiheit beschränkt und musste anfangen umzudenken. Das habe ich dann aber doch relativ schnell und gut hingekriegt.

Ich liebe meinen Schreibtisch, weil ich von hier aus den Balkon und drei riesige Bäume im Blick habe. Außerdem setzt sich jeden Morgen ein fast schon domestizierter Spatz vor das Fenster und macht Alarm. Wenn er mal nicht kommt, bin ich ganz traurig.

Hattest du ein paar Kontaktpersonen, für die du Ausnahmen gemacht hast?

Jinka: Nein, ich habe mich eigentlich mit niemandem wirklich getroffen. Meine besten Freunde stecken alle im Ausland fest. Zweimal hatte ich einen Arzttermin und in den allerersten Tagen des Lockdowns hatte ich ein Interview. Dabei haben wir uns aber symbolisch ganz weit auseinandergesetzt. Das waren mehr oder weniger alle sozialen Kontakte, die ich IRL hatte.

Dann gibt es noch die "Therapie-Couch". Prä-Lockdown habe ich da mit meinen Freunden ab und zu Freud-Sessions gespielt: Einer war der Psychoanalytiker, der andere Patient. Wenn noch eine dritte Person am Start war, hat die das Ganze filmisch dokumentiert. Klingt bisschen off, war aber immer mega witzig.

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Wie geht es dir damit, so viel zu Hause zu sein?

Jinka: Ich arbeite generell viel von zu Hause. Es fehlen mir aber gerade die Sessions, in denen man zusammen Musik macht. Klar, alleine funktioniert auch – aber ich glaube an die Superkräfte der Kollaboration. Was ich gerade genieße, ist, dass ich öfters als in der alten Normalität Yoga praktizieren kann, weil mein Lehrer viermal die Woche Unterricht über Zoom anbietet. Die regelmäßigen Yoga-Stunden sind so ein bisschen zu Ankerpunkten in meiner momentan recht eintönigen Woche geworden.

Mein Homestudio ist natürlich ein von mir gerne heimgesuchter Ort.

Wie hat sich deine Arbeitsweise geändert? Hast du irgendwelche neuen DIY-Projekte?

Das einzige DIY-Projekt, das ich gestartet habe, ist wahrscheinlich die Verwahrlosung meiner Haare und Fingernägel. Teilweise sitze ich auch bis Nachmittags ungekämmt im Pyjama vor dem Rechner und produziere. Das mache ich jetzt viel intensiver und fokussierter als zuvor, weil es keine Termine außer Haus gibt, die mich ablenken könnten.

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Was hilft dir in dieser Situation den Kopf nicht zu verlieren?

Sich mit Menschenstimmen zuballern zu lassen: Regelmäßiges Telefonieren mit Freunden, Podcasts anhören bei jeder Gelegenheit – zum Beispiel beim Aufräumen. Was auch richtig gut hilft, ist Spazieren gehen und neue Ecken in der Hood erkunden, die man sich vorher noch nie so genau angesehen hat. Das mache ich momentan fast jeden Abend zwei Stunden lang. Ich bin aber auch ein Stadtarchitektur-Nerd und kann mich an Spaziergängen endlos ergötzen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de