Die Newcomer aus Hannover erobern mit ihrer Single "Schon okay" gerade unsere Playlisten und die Clubbühnen des Landes. Wir haben mit Sänger und Band-Namensgeber Jeremias im Tourbus über Poesie, Backstage-Feuerlöscher und Träume geredet.

Meistens bauen Bands irgendwelche Mythen auf, wenn sie neu auf der Bildfläche erscheinen. Irgendeine Legende, die man gut erzählen kann, die einen interessanter macht, um aus der Masse herauszustechen. Die Newcomer Jeremias aus Hannover haben keine Legende. Wenn man die vierköpfige Indieband nach ihrer Geschichte fragt, dann ist es die wohl durchschnittlichste Gründungsgeschichte aller Zeiten. Sie ist okay, nicht mehr und auch nicht weniger. Aber ihre Musik ist erfrischend großartig.

Die Band besteht aus Sänger Jeremias Heimbach, der auch am Piano sitzt, Gitarrist Oliver Sparkuhle, der manchmal auch bei den Synthesizern einspringt, dem Bassisten Ben Hoffmann sowie Jonas Hermann am Schlagzeug. Kennengelernt haben sich alle erst vor gut zwei Jahren. Keine lange Freundschaft, die sie verbindet, keine Schulband. Eher eine Zweckgemeinschaft.

"Es war schon fast unromantisch, wie wir zusammenkommen sind. Wir haben uns einfach gesucht und gefunden und es hat direkt funktioniert“, erinnert sich Sänger Jeremias als ich Zeit habe mit ihm im Tourbus auf dem Weg nach Stuttgart einmal zu quatschen. Ihr Alltag besteht im Moment aus Proben, Konzerten und manchmal ein paar Interviews. "Wir leben gerade unseren Traum, das ist einfach wirklich schön“, verrät mir der Sänger.

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Aus Treffen im Proberaum wurden Sessions im kleinen Kreis und ein paar Gigs auf Dorffesten, später kleine Clubkonzerte in der Heimatregion – da merken die vier, dass ihr Sound ganz gut ankommt. Jeremias spricht man übrigens ganz genauso wie den Vornamen aus, und dahinter stecken keine Eitelkeiten oder eine Selbstverliebtheit von Frontmann und Sänger Jeremias: "Nein, das war einfach nur konsequent. Als wir uns nach und nach zu einer Band zusammengefunden haben, war der Name einfach schon da und wir haben auch keinen besseren gefunden. Aber wir sind eine Band und keiner steht im Mittelpunkt.“

Basisdemokratische Perfektionisten

Auch an ihren Songs arbeitet die Band immer gemeinsam. Oft jammen sie einfach ein bisschen herum, bis nach und nach sich etwas Brauchbares ergibt: "Die Texte kommen zwar meistens von mir – aber das geht auch irgendwie schlecht anders, weil man da seine Gedanken zusammenbringt. Aber alles drumherum entwickeln wir gemeinsam.“

In ihren Songs spielt die Band mit Kontrasten und Zwischentönen, besingt den Alltag von uns zwischen Netflix-Serien, Dates und Ausgehen. Wenn die Single "Schon okay" vom Titel her eher wie eine Hommage an die Mittelmäßigkeit daherkommt, beschreiben die vier Jungs darin eigentlich ein absolutes Hochgefühl, das Gegenteil von okay. "Vielleicht haben wir ein Faible dafür uns ein bisschen kryptischer auszudrücken. Man möchte ja auch interessant rüberkommen, oder nicht?“, fragt Jeremias.

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Die Melodien klingen manchmal ein bisschen wie eine deutsche Version von Parcels mit einer Prise Clueso und AnnenMayKantereit. Kein Wunder, denn zusammen mit Tim Tautorat, der eben auch schon AnnenMayKantereit, Faber und OK KID produziert hat, hat das Quartett 2019 in den Hansa Studios Berlin ihre erste EP "Du musst an den Frühling glauben“ aufgenommen. "Wir haben musikalisch unterschiedliche Backgrounds, aber eine Schnittmenge an Bands, die wir alle gleich geil finden“, sagt mir Jeremias. Dazu gehören neben den bereits erwähnten Parcels auch Künstler wie Tim Misch oder Men I Trust.

Indie meets Pop meets Funk

Dieser Spannungsbogen ist es auch, der die Songs der Band so besonders macht. Kein Stück klingt beliebig, keines wirkt ausgelutscht. Stilistisch bedienen sich Jeremias einer ganz eigenen Poesie, die sonst eher untypisch ist für deutschsprachige Indiebands. So singt Jeremias in "Schon okay":

"Nimm', nimm', nimm' von mir alles was du brauchst. Ich meine heute ist Blackfriday: Alles raus, alles will raus! Hab' jeden meiner Schwächen tief in mein’m Schatten versteckt. Hab‘ mein‘ Charakter und den Kaffee für uns beide aufgesetzt."

Und wer da noch nicht in diese Wortakrobatik verknallt ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

In seinen Texten verarbeitet Jeremias oft eigene Erlebnisse: "Ich erzwinge nichts, es muss eben direkt aus dir raussprudeln. Sonst ist es nicht authentisch – und darum geht es doch beim Musikmachen." Eine Sprache, die aus dem Alltag kommt und Ambivalenzen zulässt. Stilistische Vorbilder hat er dabei nicht wirklich. "Ich mag Hermann Hesse, weil der so etwas Eigenes hatte – und auch sehr realistisch war."

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Wenn man ihn darauf anspricht, dass der Sound von Jeremias, also der Band, zwischen Indie, Funk-Soul und Pop pendelt, hat er dagegen erstmal nichts einzuwenden: "Aber ich weiß nicht, ich würde uns jetzt nicht als Popband sehen." Das liegt vielleicht auch daran, dass deutschsprachiger Pop es hierzulande nicht gerade leicht hat. Viel zu schnell denkt man an Tim Bendzko, Mark Forster und Max Giesinger, deren Stil und Texte Jan Böhmermann als Jim Pandzko mit Affen als Songschreiber auf den Arm genommen hat.

Dabei ist an Pop doch eigentlich gar nichts schlimm. "Ja, da hast du wohl Recht. Vielleicht sind wir gerade dabei, das etwas zu ändern", sagt Jeremias etwas nachdenklich. In "Diffus" führen sie zumindest bestens vor, wie man ganz galant zwischen den Genres kreisen kann, ohne gewollt perfekt zu klingen: "Schön diffus, was alles vor uns liegt". Im Moment schreibe er viele Liebeslieder, aber vielleicht ergebe sich ja auch irgendwann mal ein eher politischer Song oder mal etwas ganz anderes. "Ich möchte einfach nichts ausschließen", sagt er diplomatisch.

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Während ich mit Jeremias rede, geht es im Tourbus drunter und drüber. Alle quatschen durcheinander, es geht ziemlich lebhaft zu. Wenn sie eine Band sind, geht es allerdings weit weniger improvisiert zu. "Naja, lass es mich mal so sagen: Wir sind so gut vorbereitet, wie man sein kann – da schon fast perfektionistisch – aber wir haben schon Raum für Spontanes.“ Jeder habe seine Aufgaben und mache das, was er eben am besten kann.

Tour-Zuhause

Für Jeremias ist es die erste eigene Tour, bisher haben sie nur andere Künstler supportet, unter anderem OK KID und Giant Rooks. Ein großes Abenteuer für die Mitglieder, die alle zwischen 19 und 22 Jahren alt sind. Sie sind die ganze Zeit gemeinsam im Bus unterwegs, gespielt wir in kleineren Clubs quer durch Deutschland und manchmal schlafen alle vier gemeinsam in einem Zimmer mit Doppelstockbetten.

"Wir schreiben, glaube ich, gerade erst an den Anekdoten, die wir uns noch Ewigkeiten erzählen werden. Einmal wurden wir rausgeworfen – weil wir Backstage mit den Feuerlöschern gespielt haben", erinnert sich der Sänger. "Schon bescheuert, wenn man das jetzt so erzählt. Aber es war irrsinnig witzig." Für alle steht fest, dass sie von der Band irgendwann mal leben wollen. Und was mögen sie lieber? An neuen Songs im heimischen Studio und Proberaum tüfteln, oder das On-the-Road-Sein? Nach kurzem Grübeln antwortet Jeremias: "Im Studio sein ist etwas ganz anderes, als live zu spielen. Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Ich mag beides, aber es ist beides ganz anders."

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Eigentlich ist die Band noch immer based in Hannover. Ist jetzt nicht unbedingt der musikalische Hotspot in Deutschland – über kurz oder lang ziehen die meisten dann doch nach Berlin, wo auch Jeremias ihre erste EP aufgenommen haben. Hannover, das klingt nach Gerhard Schröder, Scorpions und Lena Meyer-Landrut. "Hannover ist vielleicht nicht so spektakulär, aber eigentlich ein ziemlich cooler Ort. Es gibt eine großartige Szene, wir kennen viele Leute da – und manchmal ist es dort auch herrlich unaufgeregt. Wenn wir herumkommen wollen, kommen wir eh herum", sagt Jeremias mit etwas Lokalpatriotismus. Hannover ist eben wie die Band: schon okay.

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Jeremias sind aktuell auf Tour – hier kannst du sie live erleben:

20.02. Erfurt – Engelsburg

21.02. Leipzig – Neues Schauspiel

22.02. Dresden – Altes Wettbüro

26.02. Osnabrück – Kleine Freiheit

27.02. Hamburg – Nochtspeicher

28.02. Hannover – Musikzentrum

29.02. Berlin – Musik & Frieden

Infos zu Tickets und mehr gibt es außerdem hier. Ihre EP "Du musst an den Frühling glauben", kannst du bei Spotify hören. Oder am besten gleich hier:

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  • Quelle:
  • Noizz.de