Warum ich den umstrittenen Song des Schweizer Künstlers immer noch wichtig finde.

Wir sind spät dran mit diesem Text. Das Interview mit Faber wurde geführt, als man noch super draußen sitzen konnte. Anfang September nämlich. Fabers zweites Album "I Fucking Love My Life" erschien dann bisschen später: Am 1. November. Ist also schon ein paar Wochen alt, und wie das eigentlich üblich ist, sollte unser Text auch kurz davor oder danach veröffentlicht werden. Blöd nur, dass kein Text da war, den man hätte hochladen können. Das Problem: Innerer Kampf der Schreiberin.

Ich weiß schon: In einem Porträt zu einem Künstler geht es nicht um mich. Im besten Fall halte ich mich so gut es geht zurück. Ist nur wahnsinnig schwierig, wenn man auf ganzer Linie hadert. Wenn man den Künstler und sein Werk verzweifelt zu trennen versucht und wenn man den Künstler, sein Werk und vor allem sich selbst positionieren will, und das einfach nicht klappt.

Wird man doch wohl noch mal sagen dürfen!

Mit seiner ersten Single "Das Boot ist voll" hat sich Faber im Sommer dieses Jahres in die Nesseln gesetzt. Und ich mich mit ihm. Als ich den Song das erste Mal hörte, noch in der ursprünglichen Version, fand ihn direkt ausgesprochen gut – und fühlte mich dadurch eigenartig ertappt.

"Besorgter Bürger, ja / Ich besorg's dir auch gleich / Geh auf die Knie, wenn ich dir mein' Schwanz zeig' / Nimm ihn in den Volksmund, blau und rein / Besorgter Bürger, ja, ich besorg's dir auch gleich" – klar, irgendwie auch krass, die Zeilen. Das dachte ich schon auch, aber dennoch war es im ersten Moment befriedigend, dass hier mal jemand in aller Deutlichkeit sagt, wie scheiße er die sogenannten besorgten Bürger, oder auch: Nazis, findet.

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Die Diskussion ließ nicht lange auf sich warten: Vergewaltigungsphantasien seien das in Fabers Song. Und die gehen nicht, auch wenn sie von der vermeintlich richtigen Seite kommen und gegen doofe Rechte gehen. Verständlicher Punkt, irgendwie. Aber auch, wenn ich selbst die erste bin, die aufschreit, wenn Gzuz oder Fler auf ihren Tracks sexistische Kackscheiße in den Äther plärren, fand ich es hier nicht so schlimm – einerseits konnte ich das durch die viel zitierte Kunstfreiheit rechtfertigen und andererseits fand ich es sehr befreiend, als Mitte-Links eingestellte Person nicht immer die verständige Position einnehmen zu müssen, nicht immer alles nachvollziehen zu wollen und demokratisch jeden Blickwinkel ernst zu nehmen.

Mit Julian Pollina, so Faber mit bürgerlichem Namen, konnte ich wütend und irrational sein. Konnte mir Luft machen und sagen: "JA GENAU! Diesen verdammten besorgten Bürgern soll es doch wirklich endlich mal einer so richtig besorgen!"

Hielt nicht lange an, der Gedanke. Einer Person ungewollt den Mund mit dem eigenen Penis zu stopfen, geht nicht. Darüber zu einem großen Publikum zu singen, geht auch nicht. Das weiß ich. Ich erwischte mich dennoch dabei, wie ich Sätze dachte wie "Wird man doch wohl sagen dürfen!" – hups! Klinge ich plötzlich selber wie einer von diesen stammtischpolitisierenden besorgten Bürgern? Ein bisschen. Habe ich recht damit? Auf keinen Fall! Vergewaltigungsphantasien gehen einfach nicht – egal, von wem an wen.

Sah Faber dann auch so und änderte die betreffende Textzeile von Schwanz und Mund zu "wenn sich 2019 33 wieder einschleicht / wenn Menschlichkeit und Verstand deiner Wut weicht". Im Interview mit der taz sagte er danach, er habe die Lyrics des Liedes auch deshalb geändert, weil es ihm wichtig sei und es am Ende nicht lediglich als der Skandalsong mit dem Schwanz wahrgenommen werden soll. Im Interview mit NOIZZ fügt er über die Wochen des großen Aufschreis hinzu: "Mir ging es da scheiße mit! Das hat schon sehr weh getan."

"Man muss nicht alles sagen dürfen"

Als Vorbereitung auf das Gespräch mit Faber hatte ich also hauptsächlich meinen inneren Monolog – auch nicht schlecht. Und zwar nicht nur zum Thema "rechte Tendenzen in Deutschland und wie deutlich man sie öffentlich scheiße finden darf". Auf Fabers zweitem Album führt er nämlich die Linie fort, die er auch schon mit seinem Debüt "Sei ein Faber im Wind" (2017) angefangen hat: Einfach gestrickte Songs, die Pop, Klezmer und französischen Chanson verheiraten, die manchmal ein bisschen folkloristisch wirken, manchmal etwas von grober Blakanstampfigkeit haben und insgesamt recht gut abgehen. Kein Wunder, dass das gut ankommt – hat nämlich Substanz das Ganze und macht vor allem live wahnsinnig viel Spaß.

Neben dem Sound macht Faber aber auch schon seit Album Nummer eins durch seine Lyrics auf sich aufmerksam. Ein bisschen war er schon von Anfang an der Störenfried oder halt einer, der eben provokant von der "Nutte" sang, die ärgerlicherweise nicht von ihm träumen wollte. In Pop verkleideter Herzschmerz, der vom Sprech eher an Hip-Hop erinnert – darf man das? Die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb damals, dass hier "der Macho im traurigen Liebeslied zurückkehrt". Faber hat damals schon in Interviews festgehalten, dass er sich gerne in verschiedene Situationen begibt, gedanklich. Dass er sich sogenannten lyrischen Ichs bedient und man ihn als Person jetzt nicht mit jeder Textzeile gleichsetzen darf.

Dennoch: Der Vorwurf bei solchen Lyrics ist ja immer auch, dass eine Herabsetzung der Frau im großen Stil gerechtfertigt wird. Vor allem dann, wenn alle gemeinsam auf Konzerten von eben jener Nutte gröhlen, die nicht so will, wie der Protagonist im Song "Sei ein Faber im Wind". Auf seiner neuen Platte gibt es Songs, die man vielleicht auch hier ansiedeln kann. In "Wem du's heute kannst besorgen" gehts um eine "kleine Maus" über die das lyrische Ich sing: "Du bist zwar erst sechzehn / Ach komm, wir drehen Sexszenen". Auf "Top" heißt es "Machs wie mit einem Lollipop, dann kauf ich dir was Schönes bei Topshop". Ist Faber also wirklich der Macho, oder liebt er einfach die Rolle des Machos, der sich herausnimmt, unsere sprachliche Sensibilität aus Prinzip herauszufordern – oder dem diese sogar egal ist?

Egal ist Faber generell wenig: Er ist ziemlich nachdenklich. Vor allem die Frage danach, was Kunst denn nun eigentlich darf und was nicht, beschäftigt ihn. "Man darf über alles Witze machen. Aber es kommt auf den Witz an. Man darf jedes Wort nutzen, es kommt aber drauf an, wie", sagt er in Bezug auf den anfangs zitierten Schwanz im Mund. Die Frage ist also schon auch, in welchem Rahmen gewisse Dinge besprochen werden? Faber nickt – es gibt Grenzen, und man darf nicht ohne Einschränkungen immer alles sagen dürfen.

Wir sind so dumm, wir wissen selbst nicht wer wir sind

Generell findet der Schweizer es aber gut, wenn Musik und Kunst provokant sind, wenn die Hörenden auch mal an Grenzen gebracht werden oder über sich selbst nachdenken. Musik, so Faber, soll einen schon auch nachhaltig bewegen. "Die Konsequenz aus dieser Ambition ist , dass die Sachen dann natürlich polarisieren müssen" erklärt er mir.

Faber sorgt auch genau dafür. Es gibt auf "I Fucking Love My Life" nämlich nicht nur Songs über alte Säcke und sechzehnjährige Mädchen, sondern auch über die Überforderung der aktuellen Jugend. In "Generation YouPorn" geht Pollina ganz gut mit sich und seinen Peers ins Gericht. "Generation YouPorn, doch du springst nicht nackt in See / Du würdest gerne Liebe machen, doch du weißt nicht wie es geht/ (... Fliegst) nach China zu 'ner Klimakonferenz / (...) Ich bin so dumm, ich weiß nicht mal wer ich bin."

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Dann wiederum auf "Vivaldi" bespricht der Musiker den Sexismus, der ihm zu Teil wird. Er beschreibt, wie verletzlich er sich als Typ auf der Bühne macht. Wie Frauen mit ihm umgehen und dass er sich davor manchmal nicht schützen kann, auch als Sex-Objekt wahrgenommen zu werden.

"Keine Ahnung, ob ich das noch mal mache!"

Gibt also nicht nur eine Schlagrichtung auf Fabers zweitem Album. Die Provokation geht nämlich in alle möglichen Richtungen. Ob nun nach dem Backlash von "Das Boot ist voll" oder seinen anderen Songs – Provokation hat immer auch ihren Preis. Das weiß Faber nun leider schmerzlich genau. "Reine Unterhaltungsmusik würde mich langweilen, und als Kunst ist das mit der Provokation ja cool. Aber als polarisierende Person wahrgenommen zu werden, ist einfach null geil. Vielleicht bin ich da auch zu sensibel für", gibt er mir gegenüber zu. "Mich nimmt das total mit. Ich kann mir gerade auch nicht vorstellen, dass noch einmal so zu machen."

Und was soll dann passieren? Back to the roots? "Vielleicht werd ich einfach wieder Hochzeitssänger. Das ist einfach nur schön – man macht Menschen glücklich, man hat nichts zu tun mit Negativität, man bekommt sehr viel zurück." Im Gespräch weiß man nicht, wie ernst Pollina das meint. Ob er als der geniale Texter und Songwriter, der er ist, wirklich runterschalten und sich nicht mehr einmischen möchte. Immerhin haben die Kunst und er als Mensch auf einer Bühne ja auch eine gewisse Verantwortung, oder nicht? "Ja, schon, aber andererseits: Das ist doch unfair, mir als Künstler die Verantwortung zu übergeben. Es muss doch auch jeder selbst nachdenken. Und Menschen können auch selbst denken." – Faber traut seinem Publikum viel zu. Vielleicht sogar mehr, als manche Journalisten oder Kritiker, die für eine gewisse Zensur sind.

Und vielleicht hat er damit völlig recht: Ich selbst musste mich an "Das Boot ist voll" abarbeiten, musste mich damit auseinandersetzen, wie ich diesen Song annehmen kann, ob ich das mit dem Schwanz okay finde, habe darüber mit Freunden und Kollegen diskutiert. Letztendlich finde ich es gut, dass die Zeile geändert wurde – wie schon gesagt: Das Verherrlichen oder Legitimieren einer Vergewaltigung ist nicht cool. Wichtig finde ich das Stück immer noch. Und ich finde wichtig, dass es Künstler gibt, die sich aufgrund ihrer Reichweite manchmal für uns in den Hagelregen stürzen. Hoffentlich überlegt sich Faber das noch mal mit der Karriere als Hochzeitssänger.

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Faber ist 2020 auch auf Tour unterwegs. Die Daten und Tickets gibt es hier.

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  • Quelle:
  • Noizz.de