Modern Jesus mal zwei: Kurt Cobain und Lil Peep

Über das kollektive Unbehagen der eigenen Gegenwart zweier Generationen: Anlässlich von Lil Peeps posthumem Album COME OVER WHEN YOU’RE SOBER, PT. 2, dass Ende des letzten Jahres unsere Ohren erreichte, und der Neuauflage von Marc Jacobs' „Grunge“-Kollektion von 1993 zu ihrem 25-jährigen Jubiläum gibts hier den ultimativen Vergleich: Sind Grunge und Emo Rap eigentlich dasselbe, nur doch ganz anders?

Drehen sich Kurt Cobain, Layne Staley und Lil Peep gerade im Grab herum? Wir wollen keine Totentänze heraufbeschwören oder Fangemeinden zu Protestaktionen provozieren. Wir wollen lediglich einen Vergleich anstellen: Auf der einen Seite Grunge, der scheinbar ungewollte Bastard aus Punk und Pop, der mit unbeeindruckt gerecktem Mittelfinger, kompakten 3-Akkord-Deathnote-Songs und fettigen Haaren die Big Player der Musikszene Anfang der 90er herausforderte. Auf der anderen Seite Emo Rap (oder Cloud Rap), der in Autotune dick panierte Sprechgesang mit der Dynamik von sickerndem Treibsand und der Absage an Ghetto-Aufstiegsromantik, Pimmelvergleichen und Prollo-Modeschmuck im ersten Jahrzehnt der Zweitausender. Sind sich diese Genres wirklich so fern, wie ihre jeweilige Blütezeit?

Um es kurz zu machen: Ja. – oder Jein. Immerhin hat der Sound rein gar nichts miteinander zu tun, es liegen mindestens 30 Jahre zwischen den beiden Bewegungen und auch sonst tangieren sie einander recht wenig. Bis auf ein paar, recht markante Eckpfeiler, die wir natürlich keinem Verschwörungstheoretiker vorenthalten wollen.

Wer leidet, der lebt – noch

Hier scheint einfach echt keinem die Sonne aus dem Arsch – die Welt ist scheiße. In „Life Is Beautiful” verbildlicht Lil Peep diese Ansicht mit Galgenhumor – und Resignation: “You wanna see your friends, but you're stuck inside a hospital/ Doctor walks in and he tells you that it's terminal/ Tumor in your brain and they're sayin' it's inoperable/ Isn't life beautiful?” Mit sehr viel mehr Wumms aber ähnlich hoffnungsloser Stimmung sangen Alice in Chains 1992 “I believe them bones are me/ Some say we're born into the grave/ I feel so alone/ Gonna end up a big ole pile a them bones.”

Unabhängig der musikalischen Eigenarten wird in beiden Songs über die Beschissenheit der Dinge gesprochen – dabei aber vor allem das eigene Innenleben thematisiert. Hier gehts nicht um eine Kritik an den gesamtgesellschaftlichen Schieflagen, sondern um die eigene Psyche. Das Ich leidet – die Welt da draußen ist zweitrangig. Das grundlegend gebrochene Herz und der ständig präsente Tod werden aber auch von Lil Xan – oder wie er sich selbst nennt “Diego Heartbreaksoldier – mit dem Schriftzug “Memento Mori” über dem rechten Auge und in mindestens jedem Insta-Post mit entsprechenden Kommentaren unterstrichen:

We don’t need no education

In vermutlich jeder Jugendkultur steckt ein wenig Hedonimsmus und systemkonforme Bank-Vertreter haben noch nie einen Coolness-Award erhalten. Dennoch ist auffällig, wie deutlich Grunge und Cloud Rap die Verschwendung der Jugend propagieren.

Kurt Cobain erzählt in „Something In The Way” von seinem (fiktiven) Leben unter der Brücke – eine Stimmung die auch Lil Peep nachempfinden kann:

Lil’Xan weiß in „Fuck My Teachers”, dass er keine Normen oder Unterricht braucht, Stifte findet er auch blöd: “I don't need pencils to go and achieve shit ay/ I said the teachers said I'd never be shit ay” Danach spricht er im Song zur Verdeutlichung seiner Achievements hauptsächlich über seinen Riesenpenis.

Obwohl also die Absage an die sich ständig optimierende Welt beim Grunge und beim Cloud Rap recht eindeutig ist, merkt man vor allem hier, wo Grunge im Gegensatz zum Cloud Rap seine Wurzeln hat: Niemandem zu gefallen und diese Tatsache auch ok zu finden ist eher Punk – sich an nichts halten aber dennoch mit fett Kohle rumlaufen und alle ficken ist halt Hip Hop. Alles haben und im Liebeskummer die Leere des Ganzen zu besingen ist wiederum Post Malone: I finally had it/ but then you just vanished/ Damn, I thought I was savage/ All this stuntin' couldn't satisfy my soul/ Got a hundred big faces, but I'm still alone

You look too good to die

Als Grunge-Musiker und als Emo-Rapper ist Aussehen auch Statement – wie für so ziemlich alle MusikerInnen im Spotlight. Aber hier führt die Mode ihre musikalische Absage an die Gesellschaft fort. Die Keypieces des Ganzen sind recht eindeutig und an Fans und Musikern schnell identifizierbar: Lange Haare, zerrissene Jeans, kaputte Chucks und Flanellhemd im Grunge; Face- und zahllose Kritzeltattoos, skinny Jeans, Fuckboy-Shirts, Sneaker und möglichst abgefuckter Gesichtsausdruck im Cloud Rap. Wichtig bei Grunge wie Cloud Rap: Eine gewisse Schmuddeligkeit. Beim Grunge ist diese anhand fettiger Haare und genannter Garderobe sowieso gegeben. Im Cloud Rap wird jedoch nicht auf die Gucci-Tüte verzichtet – nur bekommt diese in der Hand von Lil Peep etwas so trashiges, dass sie auch aus Plastik sein könnte. Die Fixierung auf den Status wird mit einer Mischung aus Selbstironie und Faszination bedacht – und irgendwie auch parodiert:

Bei den Fans wird der Stil durchaus auch weitergedacht – allerdings muss man einräumen: Fans vom Emo-Rap laufen jetzt nicht alle direkt los und statten sich mit einem Facetattoo aus. Da zeigten die Grunge-Fans schon mehr Bereitschaft, ihren Idolen modisch nachzueifern. Nur: Es ist einfacher und auf die Zukunft gedacht unbedenklicher, sich ein Flanellhemd überzuziehen und Löcher in seine Jeans zu reißen, als sich Tinte unters Auge stechen zu lassen. Wie dem auch sei, für alle Beteiligten gilt: Status kann man haben – eine Absage an sämtliche Arbeitsämter und Lebensentwürfe der Welt ist dabei aber obligatorisch.

Mir könnte nichts egaler sein als ich selbst

War es die noch aus den 80ern herüberschwappende Fitness-Welle mit Jane Fonda Videos zu Zeiten des Grunge ist es in den 2009ern das perfekte Instagram-Leben mit weißen Zähnen, sauberem Profilbild und manikürtem Alltag das den Mainstream bestimmt. Grunge und Cloud Rap sind der derbe Gegenentwurf zur Selbstoptimierung und das Streben nach einem langen, gesunden Leben ist dezidiert nicht Programm.

Die offen dargestellte Betäubung ohne Rücksicht auf Verluste gehört zu beiden Subkulturen dazu. Graskonsum ist eine Gemeinsamkeit die beide haben, Heroin findet sich eher im Grunge, Hustensaft, MDMA und Xanax im Cloud Rap. Die Drogen werden verherrlicht und der Konsum zelebriert – auch in den Lyrics der Künstler. So zeigen sich Alice In Chains mit "Junkhead" flexibel, was die Wahl der Substanzen angeht: „What's my drug of choice?/ Well, what have you got?/ I don't go broke/ And I do it a lot“. Fast schon überzogen macht Lil Pump in seinem Video zu “Drug Addicts” mit Charlie Sheen die spendable Drogenklinik auf. Die Pillen gibts hier statt Cornflakes zum Frühstück. Lil Xan thematisiert nicht nur in seinen Songs die Sucht nach diversen Stoffen sondern auch auf seinen Socials. Gleichzeitig betont er seit Lil Peeps Tod immer wieder, dass er einen Entzug bräuchte. Durchaus auch kritisch sah Peep das selbst zusammen mit Lil Tracy in seinem Track “Fuck Fame” I do a lot of drugs and I hate it/ But I love it, dope got me famous.

Männlichkeit – oder doch nicht?

Grunge und Cloud Rap sind Auswüchse aus besonders testosteronschwangeren Mainkulturen. Aufgepumpte Rapper und breitbeinig aufgestellte Rocker sind diejenigen, die hier den Mainstream bestimmen. Man beachte: Zu Zeiten des Grunge waren Rockbands wie Bon Jovi mit gestretcht engen Lederhosen und Dauerwelle en vogue. Im HipHop haben Eminem, Lil Wayne oder 50 Cent das Sagen. Glattgebügelter Pop-Rap von Flo Rida steht dem in Zahlen wenig nach. Aber auch Schwergewichte wie Jay Z und Kanye West bestimmen die Landschaft.

Grunge sagte den Männerbildern ihrer Zeit eindeutig den Kampf an: Nirvana ziehen sich auf der Bühne Kleider an und Eddie Vedder kritzelt sich die Worte „Pro Choice” beim Unplugged-Konzert in fetten Lettern auf den Arm. Im Emo-Rap gehts hingegen schon immer noch um eine gewisse Hip Hop Attitude, die man rüberbringt. Die Girls sind immer noch Bitches, jeder Künstler hat natürlich den größten Schwanz und der Schwanzträger ist sowieso der größte Ficker von allen. Dennoch propagieren sie nicht nur mit schmalen Schultern, blassen Gesichtern und Texten voller Empfindsamkeit eine etwas andere Männerkultur. Allein der sickernde Sprechgesang erinnert an angezogene Handbremse denn an Maskulinität. Brüstete sich 50 Cent noch mit seiner unnachgiebigen Männlichkeit, die sogar 6 Kugeln ohne Probleme standhält, erklärt Lil Peep in “Girls”: “Goddamn, she said I'm the man/ Girl I'm still a kid gettin' money like your dad”. Darüber hinaus steht Lil Peep offen zu seiner Bisexualität – was auch Tyler The Creator in seinen Texten anklingen lässt: „I've been kissing white boys since 2004" aus "I Ain't Got Time". Kleider auf der Bühne (oder auf Albumcovern) hat Kurt Cobain übrigens nicht für sich gepachtet. Der Rapper Yung Thug kriegt das auch ganz gut hin – und sieht dabei direkt nach High Fashion aus.

Schafft euch selbst ab!

In der DNA beider Subkulturen ist angelegt, dass sie nicht lange bestehen – und das vor allem bis zu dem Moment, in dem ein gewisser Bekanntheitsgrad erreicht ist (den aber gleichzeitig dennoch alle anstreben), der das Ende einläutet. Emo Rap wurde anfangs kostenfrei auf Soundcloud hochgeladen, Grunge war in seinen Grundfesten eine Gegenbewegung zu Kommerz und Showbiz. Daher sah man schon während der Anfänge beider Bewegungen das Ende am Horizont, das schließlich mit dem Tod zweier tragischer Figuren einherging: Kurt Cobain und Lil Peep. Beides schmale, blasse Jesusfiguren, die super zum Ikonisieren nach dem Tod taugen. Ohne Frage hat dies bei Cobain ganz eigene Dimensionen, an die reicht der eher nischige Lil Peep nicht heran.

Betäubung bis in den Tod

Vor gut einem Jahr starb Lil Peep, sein noch aufgenommenes Album vereint schon im Titel alles, was Cloud Rap ausmacht(e): „Come Over When Your Sober”. Leider ist Peep nie wieder so richtig aus seinen Xanax-Träumen aufgewacht. Kurt Cobain brachte sich nach Angaben der Autopsie high on heroine um. Die Betäubung bis in den Tod ist vermutlich die eindeutigste Absage an die Welt.

Jugend-Bewegungen ohne Bewegung

Sicher, man kann die Gemeinsamkeiten von Grunge und Cloud Rap auch als konstruiert bezeichnen. Der Anfang von Nirvana wird immer wieder als Urknall einer neuen Epoche betrachtet: Die drei Jungs aus Seattle stellten das Business auf den Kopf, der Tod Cobains prägt bis heute. Cloud Rap hingehen ist halt eine von vielen Entwicklungen des Hip Hop und längst nicht so wuchtig. Dennoch fällt die Kompaktheit beider Subkulturen und die hier angerissenen Gemeinsamkeiten durchaus auf. Beide beschreiben einen ganz bestimmten Zeitgeist, der seine jugendliche Rebellion vor allem im Stillstand ausübt und Teenage Angst auf besondere Weise in sein Zentrum stellt.

War die Welt um Kurt Cobain und Lil Peep ähnlich, sodass es hier Gemeinsamkeiten im künstlerischen Output gibt? Vielleicht ein bisschen: Ende der 80er sind es die hyperkapitalistischen Reagonomics die den Ton angeben, 2009 die gutgelaunten Obama-Jünger, die einer sonnigen Zukunft entgegenschauen. Die Wirtschaftskrisen sind überstanden, alle Möglichkeiten stehen offen und es herrscht vor 30 wie vor knapp zehn Jahren der Duktus, dass Glück eine Entscheidung ist. Jeder kann alles wollen und alles erreichen. Wer Slacker ist, der hat versagt. Wer nicht klar kommt in der Welt, ist selber schuld.

Demgegenüber entziehen sich die Kinder des Grunge und des Cloud Rap ganz entschieden. Sie kämpfen nicht wie in den 60ern – wogegen auch? Es ist ja theoretisch alles da. Deshalb machen sie nichts und applaudieren dem eigenen Untergang. Im Gegensatz zur ständigen Selbstoptimierung, inmitten einer Kultur des Schneller, Höher, Weiter und der totalen Grenzenlosigkeit formulieren sie hier eine eigene Art der Rebellion. Es gibt Stimmen die behaupten, dass Grunge die letzte, wirkliche Subkultur ihrer Art war. Das mag stimmen – aber mit jeder Veränderung der Welt wird es auch wieder Jugendliche geben, die sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Lichtung schaffen und ihre Stimme hören lassen. Das wird auch in Zukunft so sein. Am Ende war, ist und wird eines aber immer bleiben: Das verachtende "Fuck You!" an die Gesellschaft.

Quelle: Noizz.de