Bitte nicht …

Diese traurigen Augen. Echte "Ocean Eyes", genauso wie in dem Song, der ihr zum Durchbruch verholfen hat: tiefblau und wahnsinnig traurig, auf fast jedem Bild. Nur selten lächelt sie, das falle ihr schwer.

Billie Eilish, oder wie ihr voller Name lautet Billie Eilish Pirate Baird O’Connell, ist innerhalb von nicht mal drei Jahren zum Superstar der Musikszene avanciert. Jeder liebt sie. Und das obwohl sie so anders ist, als es das Business eigentlich vorschreibt.

Genre-Grenzen gelten für Billie nicht

Eingängige Sounds? Näh. Topgestylt? Sie trägt einfach das, was ihr gefällt. Und sie redet wie es ihr gefällt. Ihre Lyrics geben sich nicht mit oberflächlichen Teeniedramen zufrieden, sie geht ans Eingemachte. Leiden mit Tiefgang, fein und subtil inszeniert. Sie kombiniert ihre großen Hip-Hop-Vorbilder mit Punk und Alternative, darunter gelegt ein moderner Beat aus dem Synthesizer, immer leicht neben dem Takt, verschroben, leicht daneben. Ein bisschen so wie sie.

Sogar auf das Cover des renommierten Musikmagazins "Rolling Stone" hat sie es geschafft. "Billie Eilish and the Triumph of the Weird", also der Triumph des Seltsamen, des Schrägen, titelt die US-Ausgabe. Was mag man von einer Person halten, die von vielen als Vorbild und Idol gefeiert wird, aber vor allem mit dem Attribut "weird" assoziiert wird?

"Weird" gefühlt hat sich vor gut 30 Jahren noch jemand: Kurt Cobain

Das traurige Schicksal des Nirvana-Frontmannes ist bekannt: 1994 nahm er sich im Alter von nur 27 Jahren sein Leben. Seitdem ist Kurt eine Ikone der Musikgeschichte, nicht nur für seine Generation. Unsterblich geworden durch seine Musik, aber auch durch seine Person.

Einzelgänger, Nonkonformist, Nihilist, der Weirdo, der offen über sein manchmal ziemlich depressives Innenleben redet – aber auch immer wieder Hoffnung sieht: Vor allem in seiner selbst ernannten großen Liebe Courtney Love, später auch in seiner Tochter Frances Bean Cobain.

Nirvana waren Grunge pur, der Inbegriff eines neuen Musikgenres, das so gut in den Zeitgeist der frühen Neunziger passte. Etwas anders, aber irgendwie bekannt, es gab dem unbestimmten "Scheiß-Gefühl" einen Ausdruck und war auch: leicht daneben.

Die Beschreibungen zwischen Kurt und Billie, sie ähneln sich

Sie leidet an einer milden Form des Tourette-Syndroms, schaut nach eigenen Angaben vor dem Schlafengehen immer noch unter dem Bett nach, ob Monster auf sie warten. Sie hat krasse Alpträume, die sie zu ihren Songs und Videos inspirieren.

Sie redet offen über ihre depressiven Phasen, dass sie sich im Alter von 13 Jahren nach einer Tanzverletzung selbst verletzt habe, sich manchmal selber hasse, sich nicht im Spiegel anschauen kann. Musik ist ihr Ventil, indem sie sich ausdrücken kann, sie selbst sein kann. 

Je mehr Interviews man durchstöbert, YouTube-Videos durch klickt und Songs hört, desto mehr wächst diese leise Vorahnung in einem: Sie ist wie Kurt Cobain nur mit Instagram.

Als Billie mit "Ocean Eyes" quasi über Nacht plötzlich Millionen Streams auf Soundcloud hatte, war sie gerade einmal 14 Jahre alt. Cobain hingegen wurde nicht ganz so früh ins Rampenlicht gestoßen: Als er mit Nirvana Anfang der Neunziger so richtig groß wurde, war er bereits in seinen Zwanzigern. Allerdings fing er bereits mit 14 an seine eigenen Songs zu schreiben. (Steigerung gefällig? Billie hat den ersten Song mit vier, fucking vier Jahren, geschrieben!)

Beide mögen die Aufmerksamkeit nicht so richtig, sie ist ihnen nicht geheuer. Jeder der beiden Künstler geht damit auf seine Art und Weise um. Für Billie sind Drogen ein totales Tabu, für Kurt waren sie ein Ausweg aus dem Gefühl sich schlecht zu fühlen. Die 17-Jährige ist noch Teenager, wenn ihr die Aufmerksamkeit zu viel wird, kapselt sie sich ab und sucht den Halt in ihrer Familie.

Sie wohnt noch zuhause bei ihren Eltern, so wie die meisten Teenager-Mädchen in ihrem Alter es eben machen. Ihre Mum ermahnt sie das Zimmer aufzuräumen und in Interviews erzählt sie, dass ihre Mum sich auch um ihre Vitamine kümmere. Klingt eigentlich nicht ansatzweise so kaputt wie Kurt Cobain es war.

Manchmal sind sich die Aussagen der beiden in Interviews erschreckend ähnlich

So spricht der Nirvanna-Sänger 1993 mit einem Journalisten über seine Gefühle als Teenager:

Ich schämte mich immer aus irgendeinem Grund. Ich schämte mich für meine Eltern. Ich konnte eine Zeit lang keinen meiner Schulfreunde auch nur ansehen, weil ich verzweifelt eine klassische Familie haben wollte. Mutter, Vater. Ich wollte Sicherheit. Deswegen habe ich jahrelang meine Eltern verärgert.

Cobains Eltern trennten sich, als er noch jung war. Zuerst lebte Cobain bei seinem Vater, weil er mit dem neuen Lebensgefährten seiner Mutter nicht klarkam. Später kapselte er sich auch von seinem Vater ab. Der familiäre Rückhalt fehlte Cobain also schon ziemlich früh im Gegensatz zu Billie.

Aber auch sie äußert sich in Interviews auffallend oft darüber, dass sie sich oft schäme und sie nicht richtig mit ihrer Außenwelt klarkommt. Etwa, wenn sie in einer Calvin-Klein-Werbekampagne darüber redet, wieso sie nur Baggy-Klamotten trägt:

Niemand kann sich ein Bild von dir machen, weil niemand sieht, was dadrunter steckt. Niemand kann sagen: Sie ist skinny-fat, sie ist nicht skinny-fat, sie hat einen falschen Arsch, sie hat einen fetten Arsch. Niemand kann so etwas über dich sagen, weil sie es nicht wissen.

Zugleich ertappt man sich bei solchen Zitaten, egal ob von Cobain oder Eilish dabei, wie man denkt: Irgendwas läuft doch superfalsch mit unserer Gesellschaft, wenn wir anderen diese Gefühle vermitteln, oder? Und das ist vielleicht auch ein Grund für die Popularität der beiden Musiker.

Sie führen ihren Zeitgeist vor – in allen Absurditäten, positiv wie negativ

Es ist eine faszinierende Mischung aus Nihilismus, jugendlicher Naivität, Kreativität und einer abgebrühten, klaren Reife für ihr noch so zartes Alter. Sexy kaputt. Ähnlich wie bei Cobain, der vielleicht einen krasseren Selbstzerstörungsdrang hatte. Billie hat ihre intakte Familie, die ihr Rückhalt gibt. Das hatte Cobain nie.

Dabei ist Billie in einer ganz anderen Zeit groß geworden. Geboren ist sie im Jahr 2001, das Jahr, das die USA veränderte mit den Terroranschlägen vom 11. September. Großgeworden in einer panischen Welt mit mehr Bedrohungen, als man verarbeiten kann. Das Internet ist ihr Zuhause. Sie hat mehr als 33 Millionen Follower auf Instagram.

Der Anschlag von 9/11 änderte einiges. Foto: Pentagon / dpa picture alliance

Kurt Cobain war das Sprachrohr der Generation X, der verlorenen Generation, die sich allem und jedem verweigerte. Billie ist das für die Generation Z, die aus so vielen Möglichkeiten wählen kann, dass es einen wahnsinnig macht. Billie ist ihre Antiheldin. Eine Rolle, die genauso wie bei Cobain, Druck aufbauen kann.

Den Vergleich zu Nirvana hat bereits einer gezogen, der es wohl wissen muss: Dave Grohl, Schlagzeuger von Nirvana, war mit seinen Töchtern bei einem Konzert von Billie Eilish – und fühlte sich an die Anfangszeiten seiner Band erinnert:

Sie fühlen sich total verbunden mit ihr. (…) Wie sie mit den Zuschauern verbunden ist, das fühlte sich genauso an wie damals mit Nirvana 1991. Die Zuschauer wussten jedes Wort, jede Zeile. Als ob es nur unser kleines Geheimnis gewesen wäre in dem Moment.

Das zeigt zumindest, wie gut es beide Künstler, Cobain und Eilish, schaffen, Gefühle in Songs einzufangen. Solche, die fesseln und anderen aus der Seele sprechen. Billie kümmert sich nicht darum, was andere über sie denken oder von ihr halten, sie zieht einfach ihr Ding durch. Das eint sie mit Kurt Cobain.

Manchmal haut sie sie einfach raus, die Zitate, die für einen Journalisten Gold sind und einfach krass nach Teenageangst klingen: "Das reale Leben ist zuuuu beängstigend." Oder: "Ich möchte niemals 27 sein – das ist einfach viel zuuu alt.".

Es klingt wie eine albern ausgesprochene Drohung

Und wenn man daneben das Schicksal von Kurt Cobain stellt, der wirklich in den berüchtigten Club 27 eingestiegen ist, wird einem kurz Angst und Bange.

Dazu diese nihilistisch, düsteren und zugleich abgeklärten Texte, die in ihrer Virtuosität an Songs wie "Nevermind" oder "Lithium" erinnern. Angsteinflössend und schön zugleich. Vielleicht müssen große Künstler auch ein bisschen "kaputt" sein.

"I've been watchin' you for some time

Can't stop starin' at those ocean eyes

Burning cities and napalm skies

Fifteen flares inside those ocean eyes"

Billie Eilish, "Ocean Eyes"

Und nun? Gibt es zwischen all dem Weltschmerz und den apokalyptischen Bildern noch eine Hoffnung für Billie?

Time will tell. Aber irgendwie schafft es Billie nicht nur, zu leiden und Schmerz zu empfinden, sondern in Würde zu leiden, in Mitten von all dem Weltschmerz. Vielleicht auch, weil sie sich Hilfe sucht und sich nicht in sich verkriecht. Offen dazu aufruft, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, wenn man sich bei mentalen Problemen Hilfe sucht.

Das ist vielleicht der große Vorteil, den die Gen Z gegenüber der Gen X hat: Die große anonyme Vernetzung mittels Instagram und Co. ist ein viel größeres Sprachrohr, als es Kurt mit seiner Band Nirvana jemals hatte. Und dadurch wird uns noch einmal mehr bewusst: Niemand ist alleine.

Bleibt dann nur zu hoffen, dass die "Ich will nicht 27 werden, das ist viel zu alt"-Attitüde niemals Realität wird. Die Autorin dieses Artikels ist übrigens 29. Und ist ganz heiß darauf zu erfahren, was erst die 29-Jährige Billie für kongenialen Scheiß macht.

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Quelle: Noizz.de