Wir haben mit dem Sänger über sein neues Album „Jubilee Road” gesprochen.

„Es ist später Freitagabend, die Straßenlampen leuchten ins Schlafzimmer rein. Donner und Blitze liefern sich einen harten Kampf – wer wohl verlieren wird? Ich sehe einen Party-Ballon und bin nicht eingeladen. Hey, schau mal der Mond – es gibt nichts Vergleichbares. Gleich Grau und Gold, hier in der Jubilee Road” – so heißt es in Tom Odells Album-titelgebender Single „Jubilee Road”. Ein ganz normaler Tag, in einer ganz normalen Straße.

Die Jubilee Road gibt es aber gar nicht in London, wo Odell lebt. Wohl aber in seinem eigentlichen Heimatort Chichester, in der britischen Grafschaft Sussex. „Das wusste ich echt nicht”, sagt er und fügt hinzu, „Aber es hätte eigentlich jede Straße sein können. Ich habe sehr viel über mich und die Menschen um mich herum gelernt. Einfach, weil ich es aufgeschrieben habe.”

Die fiktive Jubilee Road bezieht sich auf Tom Odells Zeit in einem kleinen Haus in Ost-London, wo er gemeinsam mit seiner Freundin eingezogen ist, direkt nachdem er die Arbeit an seinem zweiten Album „Wrong Crowd” vor etwas mehr als zwei Jahren abgeschlossen hatte. Nach einer exzessiven und langen Tour wurde das Haus zu einer Art Refugium. Und eigentlich, so Odell, „hatte er damals gar keinen Bock, neue Songs zu schreiben”.

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Der nette Typ von Nebenan?

Tja, wären die Leben der Nachbarn nicht doch so inspirierend gewesen. Die Gegend, in der er lebte mit den Menschen dort wurde zu einer eigenen kleinen Welt für ihn, in die er voll und ganz eintauchte. Er freundete sich mit ihnen an, wusste, was in ihrem Alltag, ihrem Leben passierte.

Das Odell ausgerechnet über das häusliche Leben in irgendeiner divers situierten Londoner Seitenstraße schreibt, in der eigentlich jeder von uns leben könnte, könnte zugegebenermaßen nicht offensichtlicher sein. Er ist einfach der nette Typ von neben an. Jeder hätte ihn gerne zum Schwiegersohn und ein bisschen Herzschmerz-Tragik ist schon okay.

Wer ihn auf der Bühne erlebt, wer mit ihm redet, denkt: „Nett.” Oder „Charming”. Gut, mit einer ausgeprägten Schwäche für Zigaretten, aber Makel machen ja attraktiv. Vielleicht ist dieses Erste-Eindruck-Klischee der Härtetest, mit dem sich Odell als Künstler auseinandersetzen muss. Auch wenn er selbst darauf nicht so viel gibt: „Ich habe ein ziemlich hartes Fell, was das angeht. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht wie irgendjemand anderes klinge, sondern meine eigene Stimme gefunden habe.”

Aber seine nunmehr dritte LP ist nicht nur nett und romantisch. In dem Song „Go Tell Her Now” zeigt sich Odell ungewohnt biestig – nichts mit nettem Kerl von nebenan hier. Schluss mit den Kodaline- und James-Bay-Vergleichen.

Queen of Diamond” hingegen hat eine gehörige Portion 80er-Pathos in sich, als hätte er „(I Just) Died in Your Arms” von Cutting Crew in das Jahr 2018 befördert.

Dabei geht es in dem Stück um Sucht und Abhängigkeit: „Ich wollte das einfangen, was uns oft eher unterschwellig begleitet. Ich konnte viele Geschichten einfach in die fiktiven Charaktere vereinen. Es geht um die Menschen, die in den schäbigen Wettbüros abhängen, aber genauso um Menschen in meinem nahen Umfeld, die auch so etwas erlebt haben.”

Von der Hit-Maschine zum eigenen Ding

Überhaupt, so scheint es im Gespräch, hat sich der 27-Jährige mit der Platte einen lang gehegten Traum erfüllt. Er hat sich befreit von den Zwängen um ihn herum, die eben mit dem Erfolg von mehr als 1,8 Millionen verkauften Platten und dem romantischen Oberschmalz-Hit „Another Love” inklusive Telekommunikationsanbieter-Werbekampagne einhergingen.

Deswegen hat er diesmal alles selbst gemacht. Songs geschrieben, aufgenommen, produziert. Nur drei andere Musiker, sowie die Sängerin Alice Merton („No Roots”), haben ihn noch unterstützt. Für Odell war das eine völlig neue Erfahrung, ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Es ist sicherlich kein normales Pop-Album", gibt er zu. „Es ist nicht so durchproduziert. Bei meinen vorherigen Alben haben wir vorher so oft noch mal und noch mal an einem Song gearbeitet, bis er dieses Funkeln in sich hatte. Das hört sich dann oft zu glatt an”, erklärt er sehr akribisch. Bei „Jubilee Road” habe er die Aufnahmen oft so gelassen, wie sie direkt entstanden sind. „Es ist eine Momentaufnahme.”

Und so ist es vielleicht auch zu erklären, warum er so oft betont, dass dies seine „persönlichste und zugleich ehrlichste Platte” sei. Musikalisch hat sich dabei gar nicht mal so viel geändert. Viel Klavier, vielleicht ein bisschen folkiger arrangiert als sonst. Mit so viel Herzblut, wie er über jedes Stück redet, nimmt man ihm den Vollblut-Musiker wirklich ab.

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Der Drang zum Perfektionismus ...

Vielleicht ist er manchmal gar ein wenig zu obsessiv in der Art und Weise, wie er an seine Stücke herangeht, Emotionen, all die Zwischentöne in unserem Verhalten einfängt. „Ich will das Unperfekte zelebrieren. Was es heißt, Mensch zu sein. Alle von uns müssen sich damit auseinandersetzen. Manchmal vergessen wir das”, sagt er im nachdenklichen Ton.

Odell ist ein Perfektionist, ohne Wenn und Aber. Allerdings ein sehr sympathischer. Er durfte diesmal allein entscheiden, wie etwas klingen soll oder nicht, hat sich jedem noch so kleinen Detail gewidmet. „Die Instrumente übernehmen das Reden, sie leiten durch die Stücke. Darauf habe ich sehr viel Wert gelegt, vor allem beim Klavier”, erklärt der Brite. „Bei meinen früheren Sessions haben wir oft stundenlang daran gewerkelt, wie die Drums klingen sollen – für das Piano hatten wir dann nur eine halbe Stunde. Das ist mir nie eingeleuchtet.” Jetzt, so sagt er, fühle es sich richtiger an.

Jeden Tag eine neue Geschichte

Und so hört man sich Song für Song diese einzelnen kleinen Dramen des Alltags auf „Jubilee Road” an und erfährt dann, dass tatsächlich hinter jedem verdammten Stück eine reale Anekdote steckt. So wie im Song „Wedding Day”.

Der ist ein Quasi-Hochzeitsgeschenk für seine Schwester, wie er erzählt: „Eigentlich ist der Song nicht idyllisch genug für eine Hochzeit. Ich schrieb ihn für meine Schwester, die bald heiratet. Ich freue mich so für sie. Aber auch bei so einem Moment wird es eben Sachen geben, die nicht perfekt sind. Irgendjemand wird fehlen, nicht alles wird glattgehen und trotzdem unvergesslich werden. Das soll der Song einfangen.

Tom Odell hätte auch gut Schriftsteller werden können, denn an manchen Stellen erinnert das Storytelling auf seinem aktuellen Werk an einen David-Nicholls-Roman, ziemlich witzig, aber eben auch: tragisch.

Aber kann sich Odell nur mit fiktiven Dramenwelten auseinandersetzen? Oder gibt es irgendwann auch mal einen Song über die weltpolitischen Dramen unserer Zeit?

Ich kann nur das sehen, was ich sehe. Und ich kann nicht sehr weit blicken”, holt er aus, fast wie ein Philosoph. „Ich glaube, die Welt ist nicht düsterer als 50 oder 100 Jahre zuvor – ich meine damals herrschte der erste Weltkrieg.”

Er mache sich vor allem über zwei Dinge am meisten Sorgen: den Klimawandel und die Schere zwischen Arm und Reich.  „Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, baue ich diese Gedanken schon unbewusst in meine Songs mit ein. Ich meine, wir sehen es jeden Tag. Der Frust zwischen den Generationen und das Gefühl, dass die Jungen es vielleicht nicht so gut haben wie die Älteren. Das kommt gerade auf „Jubilee Road“ ziemlich raus”, findet er.

Hört hier „Jubilee Road“ im Stream

Und jetzt bleibt uns eigentlich nichts mehr, als dir wärmstens eine Tasse Tee ans Herz zu legen, aufs Sofa zu schwingen und Tom Odells neues Album ,,Jubilee Road” hier im Stream zu hören- fast so gut wie ein Hörspiel.

Quelle: Noizz.de