Oder anders gefragt: War der Echo nicht schlimm genug?

Eigentlich kann man nicht mehr an den Echo denken, ohne dass auch die Worte "Epic Fail" vor dem inneren Auge aufleuchten. Wer keine Ahnung hat, wovon wir hier sprechen, der lese sich bitte diesen Artikel noch mal durch. Aber kurz im Schnelldurchlauf:

Der Echo galt als rein kommerzieller Preis, der dadurch kaum popkulturelle Relevanz besaß und sowieso schon seit Jahren als egozentrierte Selbstbeweihräucherung der Musikbranche galt. Es gab immer dieselben Preisträger: Zwischendurch wurde der Echo auch mit der Helene-Fischer-Weihnachtssendung verwechselt. Dann kamen Kollegah und Farid Bang, die trotz ihrer Juden-verächtlichen "Auschwitz"-Zeile einen Preis kassierten. Das erste Mal seit Jahren freuten sich alle darüber, dass Campino seine Stimme erhob – er war einer der wenigen, der deutlich verurteilte, dass man derartige Menschenverachtung auch noch prämierte.

Plötzlich fiel allen auf, dass Farid Bang und sein Body, den er für definierter hält als den von "Auschwitz-Insassen", jetzt doch nicht so preiswürdig sind: Der Skandal war groß. Das Ende vom Lied: Der Echo wurde 2018 abgeschafft, und zumindest der selbsternannte Boss steht mittlerweile vor den Scherben seiner Karriere (okay – das ist jetzt komplett übertrieben ausgedrückt, aber tatsächlich ging es seit dem Echo-Ende nur noch bergab. Wer unsere Chronik dazu noch einmal lesen möchte, kann das hier tun).

Einfach weiterhin nach England oder Amerika schauen?

Gibt zwar auch noch andere Preise, aber mal ehrlich: The Dome und die Hype Awards wollen und können wir gerade nicht ernst nehmen. Alles also ein ziemliches Fiasko an der Musikpreis-Front hierzulande. Könnte man so akzeptieren und einfach weiterhin die etablierten Preisverleihungen ansehen: Etwa die Grammys oder die BRIT Awards. Oder aber: Man macht in Deutschland mal was ganz Neues und lässt sich nicht beirren – wie der International Music Award, kurz IMA. Verliehen wird der Preis am 22. November in der Verti Music Hall in Berlin.

Der Preis wird ausgerichtet vom traditionsreichen Printmagazin Rolling Stone. Der eigene Anspruch: einen Preis kreieren von Leuten, die Musik lieben, für Leute, die Musik lieben. Gut, das sagt nun nicht viel aus. Oma Herta in Buxtehude findet Musik sicherlich auch ganz dufte – befähigt sie aber auch nicht, irgendwelche Preise zu verteilen.

Die Liebe zur Musik geht beim IMA und allen Beteiligten aber noch ein bisschen weiter: Das IMA-Panel und -Board aus internationalen Künstlern und Experten (eine Liste derjenigen, die hier mit ausgewählt haben, findet ihr hier) haben sich nämlich ordentlich umgeschaut im Business. Eines, das häufig von Genregrenzen und Verkaufszahlen definiert wird. Dem halten die IMA-Kategorien entgegen, die es bei Musikpreisen so jetzt noch nicht gab: Future, Commitment oder Style sind nur drei der acht Kategorien, in denen Preise vergeben werden. Bei ihnen geht es um Haltung, Engagement aber auch Innovation. Kurz: Die Basis, auf der hier Musikerinnen und Musiker geehrt werden, ist eine sehr nachhaltige und reflektierte.

Wer hat denn nun Style?

In die Kategorie Style sollen diejenigen ausgezeichnet werden, die etwa mit ihrem Look, ihrem Image und ihrem Auftreten die Popkultur prägen. Nominierte: Lizzo, Mykki Blanco und Sade. Bäm! Klar, haben die drei Style – aber die Sache bei allen dreien ist, dass ihr Look und ihr Style immer auch politische Dimensionen berühren.

Lizzo etwa setzt sich als Fat-Activist für mehr Bodypositivity ein und schafft das besser als jede Künstlerin vor ihr. Mykki Blanco ist einer der ersten Rapper, der sich so offen und ungefiltert zu seiner Homosexualität bekannte und seine transexuellen Neigungen zeigte. Sein Style ist geprägt davon. Er hat sich außerdem als HIV-positiv geoutet und kämpft auch an dieser Front seit Jahren für mehr Verständnis. Sade ist gefeierte Künstlerin seit den 80ern. Sie galt schon damals als Stilikone und prägte mit ihrer zeitlosen Eleganz das Selbstbild der (schwarzen) Frau. Allerdings engagiert sie sich auch seit Langem gegen die brutale Praxis der Beschneidung von Frauen in Afrika. Geht hier also nicht nur darum, wer sich gut anzieht, sondern welchen Impact das auf uns alle hat.

In anderen Kategorien ausgezeichnet sind etwa Billie Eilish (in der Kategorie "Beginner"), James Blake und FKA Twigs (beide "Visuals"), Chance The Rapper (in der Kategorie "Commitment"). Wer sich alle gesammelten Nominierten ansehen mag, kann das hier tun. Im NOIZZ-Gespräch mit dem "Rolling Stone"-Chef Sebastian Zabel weist dieser auch ausdrücklich auf das Geschlechterverhältnis der Nominierten hin: "Wir haben mehr nominierte Frauen als Männer. Eine interessante Bilanz."

Interessant indeed: Frauen in der Musikbranche markieren seit Jahren eine ziemliche Schieflage. Dieses Jahr waren der Hauptaufreger die Festivals, deren Line-ups vor Männlichkeit strotzten. Oder aber die Tatsache, dass Musikerinnen immer noch schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Oder aber der Deutschrap, in dem Frauen immer noch als wertlose Fickhäschen behandelt werden.

Durch besondere Scheußlichkeiten haben sich dieses Jahr hervorgetan: R. Kelly (dem Pädophilie und die Haltung von Sexsklavinnen vorgeworfen wird), Gzuz (dem vor allem durch seine Ex-Freundin Dinge vorgeworfen werden, die wir hier nicht erwähnen dürfen, aber lest euch doch mal diesen Artikel dazu durch) und Ryan Adams (dem wiederum psychischer Missbrauch seiner Ex-Frau Mandy Moore und etwa Sexting mit einer Minderjährigen vorgeworfen werden).

Es ist also nicht nur eine interessante Bilanz, dass bei den IMAs so viele Frauen aus den unterschiedlichsten Genres nominiert worden sind, sondern auch ein wahnsinnig wichtiges Zeichen, mitten in einer immer noch männlich dominierten Branche.

Kommen jetzt alle großen Stars nach Berlin?

Schaut man sich die Liste der Nominierten so an, merkt man schnell: Hier findet sich die Crème de la crème des Pop-Business. Da drängt sich sofort die Frage auf: Selbst wenn Solange (nominiert in der Kategorie "Sound") gewinnt, kommt dieser Über-Star wirklich nach Berlin, um seinen Preis abzuholen? Vermutlich eher nicht. Allerdings räumt Zabel ein: "Zu Preisverleihungen kommen nie alle. Das ist nicht nur bei uns so. Allerdings kommen einige – es wird also durchaus internationale Größen auf der Verleihung geben."

Stimmt: Es wird Glamour der Marke "Weltstar" auf der Bühne der Verti Music Hall geben. Bisher ist Iggy Azalea oder die grandiose Christine and the Queens bestätigt. Außerdem geben sich Sting und Peaches die Ehre. Moderiert wird die Verleihung von keinem Geringeren als Schauspieler Billy Porter. Außerdem wird das Hamburger Model Toni Garrn durch die Show führen.

So international, dass es nicht für deutsche Künstler reicht?

Max Herre, Joy Denalane und Udo Lindenberg werden übrigens auch auftreten. Ansonsten haben Rammstein bereits den Preis in der Kategorie "Performance" bekommen. Deutsche Acts sind darüber hinaus nicht ganz so zahlreich vertreten. Und genau das ist auch gut so: Es geht nun mal um Internationalität. Zabel unterstreicht das ebenfalls gegenüber NOIZZ und weist auf die Kategorien hin, die als Fixpunkt im Vordergrund stehen. Wer Haltung zeigt, wer bahnbrechende Sounds kreiert, wer Style hat – darum geht's. Und zwar im weltweiten Vergleich.

Insgesamt also ein ziemlich großer Wurf, der IMA. Und nach eingangs erwähnten Preisverleihungs-Debakeln tatsächlich nicht zu verkennen. Die Frage ist also nicht: Brauchen wir einen neuen Musikpreis? Sondern eher: Was bietet uns dieser Musikpreis? Und die Frage ist schnell beantwortet: Fortschrittsdenken, Diversität und internationalen Flair.

Wie es bisher aussieht, dürfte es also ein ziemliches Fest werden. Wer daran teilnehmen möchte, hat dazu auch noch Gelegenheit. Der IMA wird in der Berliner Verti Music Hall am Freitag den 22. November stattfinden. Tickets gibt es für 29 Euro hier. Außerdem wird die Show live über MagentaTV gestreamt. Der Countdown läuft: noch drei Tage. Wir sind gespannt.

Quelle: Noizz.de