Beim Konzert danach bekam ich feuchte Augen.

Montagnachmittag, Berlin Neukölln, Hermannplatz: Starker Verkehr auf den Straßen, hektische Passanten auf den Gehwegen – manche nüchtern, einige schon am Nippen des Lieblingsalkohols.

Ich bewege mich Richtung „Huxleys Neue Welt“ und entdecke bereits von Weitem eine Gruppe wartender Teenies am Eingang Veranstaltungsort. Gefühlt jede*r Zweite hat sich in eine Regenbogenflagge gehüllt.

Kein Zweifel: Wir sind alle aus demselben Grund hier: Popsternchen Hayley Kiyoko hat den weiten Weg aus den Staaten auf sich genommen, um in Europa auf Tour zu gehen und ihr Debütalbum zu promoten.

Nach ausverkauften Konzerten in Bremen und Hamburg macht sie ihren vorerst letzten Deutschland-Halt in der Hauptstadt. Mit großem Erfolg: Ihr Berliner Konzert wurde aufgrund hoher Nachfrage sogar in eine größere Spielstätte verlegt und ist restlos ausverkauft.

Hayley Kiyoko ist Jesus?

Daher wundert es nicht, dass eingefleischte Fans bereits Stunden zuvor da sind und auf den Augenblick warten, die ersten Reihen stürmen zu können – oder gar die Künstlerin vor ihrem Auftritt kurz erblicken zu können.

Ich falle also nicht weiter auf, als ich an der Schlange vorbeigehe und das Gebäude durch den Seiteneingang betrete, von wo aus mich der Tourmanager in einen der Künstlerräume begleitet. Hayley sei noch im Soundcheck, würde aber gleich zu mir stoßen, sagt er.

Ich bin gespannt auf das Treffen – ihr gesamtes musikalisches Repertoire ist mir, bis auf wenige Songs und Videos, eher unbekannt. Doch über eine Sache bin ich immer wieder gestolpert: Hayley Kiyoko wird als der lesbische Jesus unter den Popstars gehandelt.

Japp, richtig gelesen. Und da sie als offen lesbische Frau dem heteronormativen Pop-Geschäft einen gewaltigen Tritt in den gebleachten Hintern versetzt, gehört sie generell schon gelobt und gefeiert.

Als sie den Raum betritt, geht sie selbstbewusst auf mich zu, begrüßt mich mit einem ehrlichen Lächeln und macht es sich auf der Couch neben mir gemütlich. Hayleys Debüt trägt den Titel „Expectations“, daher möchte ich von ihr hören, welche Erwartungen sie an ihren ersten Besuch in Europa und Deutschland hatte.

„Um ehrlich zu sein, waren die Erwartungen nicht hoch“, sagt sie. „Ich bin das erste Mal in Europa und wusste nicht, was ich von den Fans und dem Publikum erwarten konnte. Und die verschiedenen Sprachen! Doch während jeder einzelnen Show habe ich gemerkt, dass die Leute jedes einzelne Wort meiner Lieder mitsingen können. Es ist ein wahnsinniges Gefühl.

Die Sängerin versichert mich, dass ich dieses Gefühl selbst erleben werde, wenn ich ihre Show im Anschluss besuche. Von Deutschland sei sie sehr positiv überrascht:

„Ich habe gehört, das deutsche Publikum soll sehr gut sein, und ich wurde nicht enttäuscht: Hamburg war letzte Nacht unglaublich. Ich höre immer noch ein Klingeln in den Ohren von dem lauten Beifall.“

Eingängigkeit, Emotionen und Coming Out

Gewisse Erwartungen hatte man dann wohl doch, erfüllt wurden sie allemal. Dies lässt sich aber sicher auch auf das zurückführen, was Hayley mit auf Tour bringt: die Musik.

Wer ihre Songs nicht kennt, stelle sich eingängigen Pop vor. Etwas süß, doch trotzdem bitter, leicht, aber nicht zerbrechlich, eher rau als glatt. „Expectations“ ist ein Konzeptalbum, das die emotionale Vielfalt einer jungen Frau thematisiert, die bereits stolz akzeptiert hat, dass sie auf Frauen abfährt. Jetzt gilt es nur noch ihr Girl davon zu überzeugen, dass auch sie auf ihresgleichen steht und Hayley die bessere Liebhaberin ist.

„Ich besinge viele unterschiedliche Sachen auf der Platte“, antwortet die Sängerin, als nach dem Entstehungsprozess von Expectations nachgefragt wird. „Liebe, Verlust, glückliche Zeiten, traurige Zeiten. Dann habe ich mir selbst die Frage gestellt, was all diese Emotionen dahinter verbindet – und es waren meine Erwartungen an sie. Daher der Titel Expactations. Er kam mir zum Schluss.“

Alles in allem ein Ansatz, den viele Künstler*innen aufgreifen: die eigene Emotionalität, Herzschmerz und Begehren. Spannend bleibt es hier aber nicht nur wegen den ehrlichen Texten, sondern eben dass Hayley als Person der Öffentlichkeit kein Geheimnis aus ihrem Queersein und ihrer Homosexualität macht. Aus einfachem Pop wird etwas Größeres – eine politische Aussage.

„Du selbst zu sein und an dafür einzustehen, an was du glaubst, ist ein politisches Statement“, versichert die Sängerin. „Dafür zu kämpfen, was richtig ist, sich für deine Nächsten einzusetzen, die du liebst. Ich mag Frauen und ich bin asiatischer Abstammung – das macht mich schon zu einer Art Aussage, da diese Dinge im Mainstream-Pop einfach nicht repräsentiert sind.“

Ihre Fans stehen dabei trotz Politikum immer im Vordergrund: „Im Großen und Ganzen geht es mir darum, mir selbst ehrlich und treu zu bleiben und meine Fans mit meiner Musik dabei zu bestärken, dasselbe zu tun. Egal ob queer oder nicht: die Leute sollen sich mit ihr identifizieren und sich wohlfühlen. Jungs kommen zu meinen Konzerten und meinten, sie mögen keinen Pop – am Ende hatten sie dennoch einen wundervollen Abend und konnten in die Musik reintauchen. Das ist alles, was ich möchte: dass das Publikum die Show und die Musik genießt.“

Ein Appell an die Selbstliebe

Ihre Nachricht an ihre Fangemeinde ist daher ebenso positiv wie ihr Wunsch nach Spaß durch ihre Musik: „Ich möchte, dass die Leute sich selbst mögen und aufgeregt darüber sind, sie selbst zu sein. Ich denke, wir fürchten uns oft davor, zu uns selbst zu stehen.“

Ein Appell an die Selbstliebe, wie es wohl nur eine wahre Prophetin erklären könnte. Daher kann ich mir die Frage nach ihrer Meinung zu ihrem Spitznamen des „Lesbian Jesus“ nicht verkneifen.

„Es ist auf jeden Fall von den Fans erfunden“, wehrt sich Hayley mit einem Lächeln. „Ich selbst nenne mich nicht so. Die Inspiration liegt wohl dahinter, dass ich ihnen durch meine Musik einen Ort erschaffen konnte, der sich sicher anfühlt. Aber ich bin sehr dankbar und finde es echt niedlich.“

Der Mittelpunkt zwischen ihr und ihren Fans bildet wie bei jeder vielversprechenden Pop-Karriere daher die Musik. Doch wer glaubt, Hayley sei ein Püppchen der Industrie, die sich einer jungen Peer-Group queerer Jugendlicher bedient, der*die werde Besseren belehrt: Vom Komponieren über das Schreiben, bis hin zum Abmischen und Mastern hat die Künstlerin überall ihre Finger im Spiel und das letzte Wort.

„Anders geht es nicht. Ich muss da überall meine Hände einsetzen, damit es sich perfekt anfühlt. Von der Musik bis zum Merchandise. Da wähle ich alle Farben und Drucke aus“, stellt Hayley klar und zeigt auf den schwarzen Hoodie, den sie trägt. „Die Leute sollen das sehen und bekommen, was ich fühle, liebe und mit meinem Team geschaffen habe.“

Ist das Nicki Minaj?

Mit diesem Versprechen mache ich mich kurze Zeit nach dem Gespräch auf zur Show. Begleitet werde ich von zwei sehr guten Freundinnen, deren Erwartungen an das bevorstehende Konzert nicht unterschiedlicher sein könnten: die eine Mitte 20, bereits Fan von Hayley inklusive bombastischem Girl-Crush (ihr Freund wird es sicherlich gut heißen), die andere Anfang 20, sieht sich selbst als lesbisch und dachte, auf dem Konzert-Ticket sei Nicki Minaj aufgedruckt. Sprich: Sie hat noch nie etwas von Hayley Kiyoko gehört oder sie gesehen. Eine gute Mische!

Die Halle ist gefüllt mit überwiegend weiblichem* Publikum, die meisten davon Paare. Von 16 bis Mitte/Ende 40 ist jede Generation vertreten, was schon mal herrlich ist. Hier und da einige Väter, die sicherlich ihre Töchter begleiten, und der ein oder andere Freund, der wohl die Begleitung seiner Freundin übernimmt. Und ja, mit mir wohl so vier Gays.

Das Huxleys ist gefüllt von lesbischer Energie und als die Sängerin auf die Bühne kommt, scheinen die Wände zu beben, denn das Geschrei ist groß. Die Sängerin hat nicht übertrieben im Gespräch! Sie performt ihre Feel-Good-Hits, die düsteren Balladen, tanzt, was das Zeug hält und hämmert bei einigen Stücken sogar Solo-Drum-Sets raus.

Meine Fan-Freundin scheint begeistert und singt jeden Song mit, meine andere Begleitung ist fasziniert vom Publikum. Sie habe in Berlin selten so viele lesbische Frauen an einem Ort gesehen. Dabei fällt ihr besonders die Vielzahl junger Mädchen auf, die stolz Hand in Hand mit ihrer Partnerin die Lyrics der Sängerin schreien. Sie wäre nur einige Jahre älter, meint meine Freundin, aber ein Vorbild wie Hayley habe ihr gefehlt.

Und so sehen wir, wie eine junge Generation queerer Menschen nicht nur die Musik, sondern sich selbst feiern. Ein Luftballon in Regenbogenform wird seit dem Beginn der Show durch das Publikum geworfen, überall wehen die dazugehörigen bunten Flaggen.

Ein direkter Mittelfinger gegen den Hass!

Vielleicht liegt es daran, dass ich auf Musik extrem sensibel reagiere oder dass auch ich in meiner Jugend kein so offensives Vorbild hatte wie diese jungen Leute, aber für einen bestimmten Moment verschwimmt mein Blick und meine Augen werden feucht.

Ich kann die Welt um mich herum nicht vergessen, ich fühle sie stark auf meinen Schultern: Amerika und Trumps Plan zum Niedermachen von Transrechten, Brasilien und sein zukünftiger Präsident Jair Bolsonaro – ein Tyrann und Menschenfeind. Deutschland und die AfD. Einfach der generelle Zerfall derzeitiger Politik.

Doch das Publikum setzt sich gemeinsam mit ihrem Idol dagegen, denn auch sie zuckt am Ende ihres Auftritts stolz die LGBTQ+-Flagge hoch und spielt ihren abschließenden Song. Ein direkter Mittelfinger gegen jeglichen Hass, jegliche Intoleranz. Denn genau die führen zu einer entgegengesetzten Strömung voller Liebe, Offenheit und Stärke. Und diese Bewegung sollte man nicht unterschätzen.

Wer Hayley Kiyoko verpasst hat, der*die kann sich freuen: Im Februar kehrt sie nach Deutschland zurück und plant eine noch größere Show: „Meine Träume sind sehr groß und ich möchte mich daher auch immer größer entwickeln. Vielleicht komme ich mit Tänzern zurück, oder sogar neuer Musik. Auf jeden Fall möchte ich wachsen.“

Solange ihre Message voll Selbstliebe und Akzeptanz mitwächst, können wir darauf gefasst sein, dass ihr auch immer mehr Menschen folgen werden. Seid ihr dabei?

Quelle: Noizz.de