Wie die R'n'B-Elektro-Künstlerin ihre eigene Welt voller Surrealitäten findet.

Sudan Archives wirkt wie ein Wesen aus einer ganz anderen Welt. Sie ist unheimlich groß, ihre Braids gehen ihr bis zu den Oberschenkeln und sind an den Spitzen giftgrün gefärbt. Auf ihren Arm ist eine Qualle tätowiert, und genau so bewegt sie sich auch. Fließend, schwebend, unberechenbar. Sie ist ein Mensch, dem nicht beigebracht worden ist, wie man sich als Mensch verhält, und so hört sich auch ihre Musik an. Um ihrem Mysterium auf den Grund zu gehen, habe ich Sudan Archives in Berlin getroffen und gemerkt: Der R'n'B-Elektro-Künstlerin geht es gar nicht um Sinn.

"Ich fantasiere viel über Welten, die nicht real sind und darüber, was an unserer Welt nicht real ist", erzählt sie mir während unseres Interviews. Und für eine halbe Stunde tauche auch ich im Gespräch mit ihr in eine Welt ein, die sich irgendwie nicht ganz echt anfühlt.

Doch diese Bodenlosigkeit macht irgendwie spaß.

Alice im Wunderland muss sich beim Fall in den Kaninchenbau so ähnlich gefühlt haben wie Leute, die Sudan Archives Musik hören. Ihre Songs spielen sich ab in einem Raum zwischen Wirklichkeit und komplettem Wahnsinn. Du kannst dich gegen das Gefühl, das die Songs in dir hervorrufen, nicht wehren – ein freier Fall mit ungewissem Ziel.

Das Einprägsamste an ihrem Sound ist die immer wiederkehrende Geige. Die spielt Sudan, seitdem sie vier Jahre alt ist, und sie ist zu ihrem Steckenpferd geworden. Sie liebt es, Leute damit zu überraschen: "Weil ich so Punk aussehe, würde niemand denken, dass ich plötzlich eine Geige zücke."

Sudan Archives in Berlin Foto: Jonas Gödde

"Nont For Sale", ihr bisher bekanntester Song, lebt auf der Grundlage eines eingängigen, auf- und abwandernden Beats, auf den Sudan in ihrem ganz eigenen Rhythmus singt. Manchmal flüstert sie, manchmal singt sie wie ein Engel, andere Male spuckt sie das Wort "Sucker" ins Mic – und trotzdem funktioniert's.

Auf "Beautiful Mistake" hält sie sich an keine Takt- oder Rhythmusvorgaben, singt darüber, wie Ameisen und Marienchenkäfer über ihren Körper krabbeln und Chemie in ihren Haaren steckt.

Sudan Archives entdeckte ihre Freiheit im Nachtleben ihrer Jugend – als sie Nachtschichten bei McDonald's schob.

Damals war sie abends selten zu Hause. Manchmal war sie wirklich im Burger-Laden – manchmal hat sie nur so getan. Dann ging sie zu elektronischer Musik tanzen und erzählte ihren Eltern, sie würde arbeiten gehen. Irgendwann schmiss ihr sterbender Stiefvater sie zu Hause raus, weil sie sich an keine Regeln hielt, und sie ging nach Los Angeles. Dort entdeckte sie in sich die Musik.

Sudan Archives Foto: Jonas Gödde

Zwar ist Sudan nun einige Jahre älter als damals, doch die Magie der Nacht fasziniert sie noch immer. Das erste, was sie bei unserem Treffen wissen will, ist, wo man in Berlin gut feiern kann. Dann fällt ihr ein, dass sie letztes Jahr doch einen Auftritt im Berliner "Lido" hatte und sie da deswegen ja jetzt vielleicht umsonst reinkommen könnte. Was sie dann anziehen würde? "Genau das", sagt sie und schaut an sich herunter. Orangefarbenes Mini-Kleid, eine einarmige weiße Bluse und kniehohe schwarze Stiefel, die sie sich in einem Drag-Laden in L.A. gekauft hat.

Sudan Archives Foto: Jonas Gödde

Sudan ist religiös aufgewachsen. Von dieser Religiosität ist nun nur noch eine abstrakte Form übrig. Sie versucht, Religion als Metapher zu sehen, um sie mit ihrem Leben zu vereinbaren. So macht sie es sich möglich, sich selbst als Göttin zu bezeichnen.

"Ich glaube, dass ich eine Göttin bin"

Das sagt mir Sudan direkt ins Gesicht. "Göttinnen verfügen über eine andersartige Kraft, und manchmal spüre ich diese Kraft auch in mir. Dann bin ich aus dem Nichts stark, als hätte ich eine Superkraft." Sie will sich selber als das Wesen sehen, als das sie auch von ihren Mitmenschen behandelt werden will. "Die Leute müssen mich nicht bewundern, aber sie sollen mich vielleicht lieben und hypnotisiert von mir sein."

Aber kann man wirklich religiös sein und sich gleichzeitig als Göttin bezeichnen? Sudan behauptet: Ja. "Die Bibel ist nur Poesie. Sie ist eine Metapher." Deswegen will sie Regeln oder Konventionen des Christentums nicht adaptieren. Regeln zu folgen, sei für sie allgemein unnatürlich, nur ihren eigenen Regeln würde sie folgen. Doch davon gibt es fast keine.

Sudan geht feiern, rebelliert, bezeichnet sich als Göttin und verschmäht das Regelwerk der Bibel. Trotzdem sagt sie, dass sie religiös leben würde. Das steht zwar im Gegensatz zu vielen ihrer Persönlichkeitszüge, ergibt aber paradoxerweise Sinn. Denn Sudan will diese Sinnlosigkeit in ihrem Dasein entdecken. Sie merkt, dass sie religiös sein kann und sich selbst eine Göttin nennen kann, ohne auf der Stelle in der Hölle zu landen. Und dieser Funke gegensätzlichen Irrsinns fasziniert sie.

Sudan Archives Foto: Jonas Gödde

Gegensätze: Darum geht es auch in ihrem Debütalbum "Confessions". Darf ich als schwarze Frau die griechische Göttin Athene sein? Darf ich mich Sudan Archives nennen obwohl ich gar nicht aus dem Sudan komme? "Wir haben alle die Kulturen anderer in irgendeiner Form schon wiederverwertet. Manchmal vergessen wir, dass wir uns alle gegenseitig inspirieren und beeinflussen", sagt Sudan. Es ist ein Argument, dass das Thema der kulturellen Aneignung aus einer Perspektive beleuchtet, die eher inklusiv als exklusiv funktioniert. 

Eigentlich wollte ich Sudans Geheimnis lüften. Wie kann man in der eigenen Gegenwart so krass nicht von dieser Welt sein, frag ich mich. Doch während unseres Gesprächs zeigt mir Sudan, dass es nichts bringt, an ihr zu rütteln. Jede ernst gemeinte Frage erwidert sie mit kryptischen Gedankenspielen, weil es ihr nicht darum geht, Sinn zu stiften, sondern – im Gegenteil – Sinnlosigkeit zu finden.

Sudan Archives Foto: Jonas Gödde

Sie erinnert mich darin ein bisschen an Kanye West, der mal in einem Interview sagte, dass er Fragen ungern beantworte, sondern sie lieber als Inspiration für seine Monologe nehme. Auch Sudans Aussage, dass sie sich als Göttin sehe und sie sich so verhalten wollen würde, als was sie auch behandelt werden wollen würde, ist typischer Kanye-Talk.

Typologie: das verrückte Genie, das Neues erfindet, weil Konventionen ihm egal sind. Das ist Sudan Archives. Ihr Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Es gibt einfach nur sie, die vorgefertigten Mustern und Konventionen einen in grellem Pink lackierten Mittelfinger zeigt.

>> Pop-Star Alessia Cara ist die Königin der Selbst-Liebe

>> Rapper Rilès im NOIZZ-Interview: Wie Pokémon und Netflix sein Leben beeinflusst haben

Quelle: Noizz.de