Eigentlich sollte Album Nummer drei "The Prettiest Curse" der vier Spanierinnen Anfang April erscheinen – aber dann kam Corona. Blöd, wenn man dann mit Journalisten trotzdem übers neue Machwerk sprechen muss, obwohl man in der Madrider Ausgangssperre steckt. Wir haben mit Hinds-Bassistin Ade Martin trotzdem einen sehr ergiebigen Quarantäneplausch geführt – übers Erwachsen fühlen, alleine sein und die Kraft des Neuen.

Es ist schon irgendwie tragisch-ironisch, wenn dein Album den Titel "The Prettiest Curse" tragen soll und dessen Release dann ausgerechnet wegen einer weltweiten Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus verschoben werden muss. Dabei hatte die spanische Band Hinds, bestehend aus den beiden Sängerinnen Carlotta Cosials, Ana García Perrote, Bassistin Ade Martin und Amber Grimbergen am Schlagzeug, sich eigentlich vorgenommen mit diesem Album endlich auch mal in ihrer Heimat richtig groß aufzuspielen.

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Die hatten sich nämlich bisweilen etwas schwergetan mit dem internationalen Erfolg der chilligen, rauen Indiesongs der Vier, die direkt aus der Hauptstadt Madrid kommen. Diesem etwas problematischen Verhältnis haben sie nun auch einen Song gewidmet: "Just Like Kids (Miau)" kokettiert mit den vielen Stereotypen, mit denen sich Hinds lange rumplagen mussten. Von abstrusen Theorien mit denen machen Leute versuchen, den Erfolg der Band kleinzureden bis hin zu der abstrusen Variante, ihren bisherigen Erfolg dann doch ganz alleine anderen Männern zuzuschreiben.

Hört hier rein, wie Hinds klingen:

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Aber seit ihrem zweiten Album "I Don't Run", welches 2018 erschienen ist, haben sie gemerkt, dass sich auch die spanische Presse langsam mit ihnen angefreundet hat. Das neue Selbstvertrauen geht sogar so weit, dass sie zum ersten Mal auch in ihrer Muttersprache Spanisch texten und singen, nicht wie sonst, ausschließlich auf Englisch.

Mit ihrer ersten Single vom kommenden Album, das eigentlich eben am 3. April hätte erscheinen sollen, haben sie auch schnell klar gemacht, dass sich der Sound von Hinds ein bisschen verfeinert hat. "Riding Solo" hat zwar noch die weirden und rauen Gitarrenmomente die vier Frauen, die klingen als sei das Stück mal eben so im heimischen Probekeller entstanden, gleichzeitig ist es aber auch ausgereifter, klingt ein bisschen erwachsener und ja, hat sogar catchy Pop-Momente. Ein ziemlich ungewohnter Sound für eine Trennungs- und Emanzipationshymne.

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Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

Gleichzeitig haut die Band mit der visuellen Gestaltung rund um ihrer Platte richtig auf die Kacke: Wo zuvor Grunge-artige Polaroid-DIY-Ästhetik regierte, erleben wir nun poppige, knallige Farben in einem Instagramfilter, wie von der Sonne geküsst. Das Cover zur neuen Platte hat die renommierte spanische Fotografin Ouka Leele gestaltet, für alle Bandmitglieder eine Kindheitsheldin, die als eine der wichtigsten Fotografinnen der Subkultur La Movida Madrileña, kurz nach dem Tod des Diktators Francos 1975, gilt.

"Es hat sich zum ersten Mal so angefühlt, als seien wir eine professionelle Band, die Geld für ein Covershooting hat", sagt Ade Martin und lacht, als ich sie per Facetime zum Coverfoto ausfrage. In diesen Tagen fühle sich alles etwas merkwürdig an, sagt sie. Eigentlich wollten wir Angesicht zu Angesicht über das neue Album sprechen, es gab einen gewissen Zeitdruck, weil die Platte schon in wenigen Tagen erscheinen sollte.

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Doch dann entschiede sich die Vier einvernehmlich dafür, das Ganze doch lieber zu verschieben. Nun soll "The Prettiest Curse" am 5. Juni erscheinen. Wie führt man also jetzt unter diesen Vorzeichen ein "normales" Interview? Am besten ganz ungewöhnlich. Und deswegen spreche ich auch nicht mit einer der beiden Sängerinnen, Carlotta oder Ana, die für die Lyrics verantwortlich sind, sondern mit Bassistin Ade. Sie steckt seit März mit ihrer WG im Herzen Madrids in einer der bis dahin strengsten europäischen Ausgangssperren fest, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Damals durfte Ade nur zum Einkaufen oder aber wenn sie mal zum Arzt musste, raus. Auch ihren Geburtstag musste sie mehr oder weniger im Kreise ihrer WG alleine feiern. Klar, dass sie dann für jede Abwechslung dankbar ist! Also: Lass uns reden, gegen die Isolationslangeweile – und natürlich auch ein bisschen über Musik.

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Hinds-Bassistin Ade Marin im NOIZZ-Talk: " Wenn sich so Erwachsenwerden anfühlt, kann ich gut damit leben"

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NOIZZ: Wie geht es dir?

Ade Martin: Gut soweit – ich bin eben zu Hause. Es regnet auch die ganze Zeit in Spanien – also zumindest die vergangenen Tage. Total ungewohnt!

Wie fühlst du dich sonst so – verändert dich die Quarantäne schon?

Ade Martin: Oh Gott, ich hasse es – aber wir müssen da alle durch irgendwie. Der Tag ist besser als nachts. Zum Glück lebe ich in einer WG, da können wir uns tagsüber gegenseitig unterhalten und sind nicht alleine. Aber nachts im Bett alleine, wird mir alles auf einmal bewusst und es hält mich wach. Auch weil wir überhaupt nicht wissen, wie lange es so sein wird. Aber es hat auch seine positiven Seiten.

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Nämlich?

Ade Martin: Normalerweise habe ich nie so viel Zeit, zu Hause zu sein. Wir sind immer beschäftigt und unterwegs mit der Band. Wir haben Termine, proben und so weiter. Endlich habe ich Zeit auch mal zu Hause zu sein und das tun zu können, worauf ich gerade Bock habe. Außerdem – okay, das klingt jetzt wahrscheinlich echt seltsam – aber für mich ist es fast so, als ob man auf Tour ist …

Okay, das musst du mir genauer erklären …

Ade Martin: Ich weiß auch nicht, das geht jetzt einen knappen Monat so – so lang sind meistens auch unsere Touretappen. Ich hänge hier jeden Tag mit denselben drei Personen ab – okay, es sind nicht meine Bandmitglieder. Wenn ich mit meinem Freund sprechen will, muss ich ihn anrufen, so wie auf Tour, ich kann nicht einfach so vorbeikommen. Außerdem fühlen sich alle Tage ähnlich an, sie haben ein festes Muster, wie auf Tour. Also es hat gewisse Ähnlichkeiten!

Fühlst du dich denn auch inspiriert dadurch?

Ade Martin: Puh, ich versuche es, aber irgendwie funktioniert alles Kreative nicht in dieser Shutdown-Situation. Ich versuche einfach nur, nicht auszuflippen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Es ist doch auch nicht wirklich romantisch, einen Song über seine Zeit in der Quarantäne zu schreiben, oder? Keine Ahnung wie andere das anstellen. Ich jamme viel, aber sonst …

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Und wie sieht es an der Album-Front aus: Bist du ein bisschen traurig darüber, dass ihr den Release verschieben musstet?

Ade Martin: Nicht wirklich. Wir haben lange darüber gesprochen und am Ende gemeinsam so entschieden. Wir wollten nicht für immer und ewig diese Verbindung damit haben. Weißt du, was ich meine? Nicht, dass wir es uns später anhören und immer nur an diese deprimierende Zeit zurückdenken müssen! Das wäre echt mies. Außerdem wird alles zurzeit verschoben, nicht nur in der Musik – ich nehme es also nicht persönlich.

Aber es ist schon witzig, als ob ihr hellseherische Fähigkeiten habt: Eure Platte trägt den Titel “Prettiest Curse“ und irgendwie ist das jetzt selbsterfüllend geworden, oder?

Ade Martin: (lacht) Oh ja, es ist wirklich eine verrückte Situation, in der wir uns befinden. Auf eine gewisse Art und Weise genieße ich diesen Zustand aber auch – also ja, es ist schon ein “prettiest curse“, also ein hübscher Fluch.

Wie kamt ihr eigentlich auf den Titel?

Ade Martin: Es ist eine Songzeile aus unserer neuen Single “Just Like Kids (Miau)“. Darin geht es darum, wie wir als Band wahrgenommen und behandelt wurden – auf satirische Art. Denn genauso ist unsere Karriere als Band, wenn man es herunterbricht. Wir lieben es wirklich, was wir tun, wir hätten uns niemals zu träumen gewagt, dass wir irgendwann einfach um die Welt reisen können und unsere Musik spielen. Gleichzeitig ist es aber auch hart: Du bist oft weit weg von deiner Familie und Freunden, manche behandeln dich komisch. Alles ist extrem. Manchmal bist du supertraurig, dann bist du wieder super, superdankbar. Letztendlich ist es wie alles im Leben irgendwie: Es hat seine guten und schlechten Zeiten.

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Das passt gut zu eurem Song "Good Bad Times"!

Ade Martin: Ja, schon ein bisschen, es ist eh alles miteinander verbunden. Carlotta und Ana schreiben ja die Songs, der entstand bei einer Songwritingsession in L.A. – es war genau das, wonach wir suchten. Wir wollten etwas Neues haben, etwas, das eine neue Seite an Hinds zeigt. Wir wollten uns weiterentwickeln, ohne unsere Wurzeln zu verraten. Das ist ein Song, der sich einfach gut anfühlt.

Wie ein frisches Update von Hinds …

Ade Martin: Ja, absolut. Wir hatten auch niemals so viel Zeit, an einem Album zu schreiben, alles ging immer schnell: Album, Tour, neues Album. Endlich hatten wir Zeit – deswegen klingt auch jeder Song ein wenig anders. "Leave Me Alone" und "I Don’t Run" sind in vielleicht etwas mehr als zwei Monaten entstanden, alles wurde in einer ähnlichen Stimmung aufgenommen. Jetzt war alles anders. Ich mag das, es zeigt, wie vielfältig wir sind. Als ich es das erste Mal hörte, dachte ich: Es ist schon ziemlich gut.

Ein bisschen fühlt sich die Platte auch an, wie ein schönes "Ich werde eben älter, lass mich"-Album an. Weißt du, was ich meine?

Klar, ich mein, da stecken wir doch alle irgendwie drin, oder? Wenn ich die Lyrics von Carlotta und Ana lese, dann sehe ich schon einen Unterschied zwischen früher und jetzt. Es hat mehr Bedeutung als früher, es ist schwerer in jederlei Hinsicht. Aber das ist cool, wir entwickeln uns weiter. Wenn sich so Erwachsen werden anfühlt, kann ich gut damit leben.

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"The Prettiest Curse" erscheint am 5. Juni 2020 – und auch für die leider ausgefallenen Livetermine im April, gibt es schon anvisierte Nachholtermine – Daumen drücken! Und bis dahin könnt ihr auf Spotify in alles reinhören, was Hinds sonst so schon rausgehauen haben.

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Hinds live auf Tour in Deutschland – alle Daten im Überblick

07.09. Berlin – Lido

08.09. München – Backstage

10.09. Hamburg - Molotow

  • Quelle:
  • Noizz.de