Ganze sechs Jahre hat Baba Haft kein Album mehr gebracht, fünf Jahre sind seit seinem Mixtape "Unzensiert" vergangen. Nach starken bisherigen Teasern, hat er sich mit Ankündigung seiner neuen Single ins Aus manövriert: Feature mit Shirin David. Warum die Zusammenarbeit das Ende einer Ära bedeutet und seine Fans zurecht enttäuscht sind.

Baba Haft ist back! Sechs Jahre nach seinem hochgelobten "Russisch Roulette" kommt endlich der Nachfolger. Seitdem ist viel passiert: Der Offenbacher ist Vater, Ehemann und hat als Labelchef ausgesorgt. Musikalische Lebenszeichen, die es hier und da gab, waren genauso selten wie wässrig. Alles in allem Umstände, wegen denen man sich durchaus fragen konnte, ob der Hüne aus FFM seinen Peak hinter sich gelassen hat, und ob im wohlverdienten Luxusleben überhaupt noch Platz für richtig gute, neue Musik ist.

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Umso schöner und überraschender, dass die bisherigen Teaser seines kommenden Albums gut waren. Fans glücklich, Hafti glücklich, alles gut. Aber dann das: dritte Lead-Single mit Feature von Shirin David. Die Enttäuschung der Fans reicht vom ersten bis zum untersten Instagram-Kommentar. Warum ihre Wut nichts mit Sexismus zu tun hat, sondern sehr berechtigt ist.

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"Jetzt hast du richtig reingeschissen" (10.000 Likes), "Nein, Digga" (8.000 Likes), "Darauf haben alle gewartet – nicht" (6.000 Likes), "Absturz" (6.000 Likes), "Bitte nicht" (6.000 Likes) – und so weiter. Die Kommentarspalte unter der Ankündigung liest sich wie ein endloser Beschwerdebrief. Woran liegt's?

Schön, dass im von Sexismus durchseuchten Deutschrap mal so klar sagen zu können: Die Kritik hat mit Shirins Geschlecht nichts zu tun. Das offensichtliche Problem: Shirin und Haftbefehl stehen künstlerisch am jeweils anderen Ende. Haftbefehl ist Straße, unverbogen, brutal, anders, und wurde deshalb über Jahre belächelt. Seinen Stil hat er aber dermaßen kompromisslos durchgezogen, bis er darin so bahnbrechend genial wurde, dass er damit die Massen erobert hat. Baba Haft, ein Typ, der sich nie und nimmer verbogen hätte. "Chabos wissen, wer der Babo ist" bleibt als künstlerische Glanzleistung und Aushängeschild eines Genies in Erinnerung.

Shirin hingegen ist der perfekte Industrie-Popstar. Sie und ihr Team haben von Anfang an das genaue Gegenteil getan, nämlich kalkuliert und berechnet, was exakt passieren muss, um im Mainstream erfolgreich zu sein, und fahren diesen Plan par excellence. Shirin hat sich als YouTuberin zwar ebenfalls hochgekämpft, aber die Hamburgerin ist bereits rich as fuck und Mitte 20, als sie in die Szene stößt und mit ihrem Mass Appeal von erster Sekunde an abräumt. Sie verkörpert das Gegenteil von dem, wofür Hafti stand und steht. Wer sein Comeback auf Shirin aufbaut, der ist selbst wie Shirin – so kommt das bei den Fans an, und das killt die Fans.

Shirin David bei einem Meet & Greet mit Douglas in Hamburg. Zusammen mit der Parfümerie hatte sie letztes Jahr einen Millionendeal geschossen und ihr eigenes Parfum hergestellt.

Haftbefehl featuring Shirin David: Das Ende einer Ära

Diese Frage kann sich jeder selbst beantworten: Hätte Haftbefehl ein Feature mit Shirin David als Albumsingle für sein Comeback gebracht, wenn sie nicht übertrieben erfolgreich wäre und eine Zielgruppe anspricht, die ihn wahrscheinlich nicht mehr kennt? Würde "Conan x Xenia" morgen aus purem, gegenseitigen, künstlerischen Interesse erscheinen? Never. Genau das ist hier der Strick: An dieser Stelle eine Single mit Shirin zu bringen, kann keinen anderen Grund als Kommerz haben.

Natürlich dürfen die beiden trotzdem Musik miteinander machen, wenn sie das wollen. Hafti hat in der Vergangenheit auch schon zusammen mit Cro gerappt. "8kmh" heißt die Nummer von Psaiko Dinos Producer-Album 2013 und war für die Zeit richtig cool. Der große Unterschied ist, dass das damals einfach so rauskam und Hafti sein Comeback nicht auf die Mainstream-Reichweite von Cro gebaut hat.

Hätte Hafti sein neues Album im Alleingang oder mit Features gebracht, die sich "Kommerz" nicht in großen, leuchtenden Buchstaben auf die Stirn geschrieben haben, dann wäre alles fine gewesen. Ein Comeback mit starken Haftisongs, und dann, wenn das Album draußen ist und alle glücklich sind, irgendwann eine Collabo mit Shirin hinterher. Niemand hätte sich beschwert. Tja, "hätte, hätte".

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Conan x Xenia

Das alles heißt übrigens nicht, dass der Song nicht richtig gut sein kann oder extrem hoch charten wird. Wird er wahrscheinlich. Die Teaser von Haftis Parts klingen richtig nice und Shirin und ihr Songwriter-Team sind bei den Singles (fast) immer on point – und haben da im letzten Jahr eine quasi perfekte Karriere aufgebaut. Die wissen, was sie tun. Das ist aber gar nicht der Punkt.

Die Single markiert das Ende einer Ära. Haftbefehl ist ein anderer geworden – wenn er das nicht schon längst war. Vielleicht ist die Zusammenarbeit mit Shirin heute sogar authentischer als die Gangster-Geschichten, die er im echten Leben seit Jahren hinter sich gelassen hat. Der Chabo tickt nicht mehr mit Rücken an der Wand, der Chabo besorgt kein Kokain für Frankfurt, nein, Aykut Anhan ist heute steinreicher Familienvater und 34 Jahre alt. Wer den Haft von früher will, der hört am besten den Haft von früher.

"Das Weisse Album" kommt am 5. Juni 2020.

>> Ciao, Deutschrap, ich kann dich nicht mehr sehen – ein Abschiedsbrief

  • Quelle:
  • Noizz.de