Hakennase und ein großer, tätowierter Körper: Viele Frauen finden Gzuz extrem heiß. Dabei ist der Rapper der 187-Straßenbande gegenüber seinen weiblichen Fans alles andere als nett. Warum wir Menschen vom Bösen fasziniert sind, erklärt Prof. Dr. Marcus S. Kleiner im NOIZZ-Interview.

Gzuz ballert an Silvester mit einer Schreckschusspistole, zeigt sich aggressiv und klaut Sauerstoffflaschen aus einem Krankenwagen. Seine Ex-Freundin Lisa erhebt gegen den Rapper schwere Vorwürfe. Der neueste Fall: Ein weiblicher Fan fragt das 187-Straßenbande-Mitglied nach einem zweiten Foto gefragt. Für Gzuz wohl zu frech: Er schlägt der jungen Frau das Smartphone aus der Hand und trifft sie voll im Gesicht. Sie gibt sich vor Gericht mit 500 Euro plus Gästeliste und einer Entschuldigung zufrieden.

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Männer – und vor allem vielen Frauen – himmeln den Rapper an. Er kann scheinbar sagen und machen, was er will, ohne Konsequenzen. Wie kann das sein? Und warum finden viele Gzuz so heiß? Prof. Dr. Marcus S. Kleiner erklärt die "Faszination des Bösen".

Prof. Dr. Marcus S. Kleiner

Er arbeitet an der SRH Berlin University of Applied Sciences und ist Professor für Medienwissenschaft und Vizepräsident für Kreativität und Interaktion. Kleiner dient immer wieder als Experte, um popkulturelle Themen, auch Rap, wissenschaftlich einzuordnen.

Interview mit Prof. Dr. Marcus S. Kleiner über die "Faszination des Bösen"

NOIZZ: Hakennase, ein mit Tattoos übersäter Körper und Aggro-Blick: Ist Gzuz das Ebenbild Gottes?

Prof. Dr. Marcus S. Kleiner: Nein. Das ist ein "gemainstreamter" Männertyp des Gangstarap. Das markante, durchtrainierte, harte, kompromisslose und verschlagene Aussehen hat ein Männlichkeitsideal, das für mich extrem archaisch ist. Das ist ein Stereotyp in der Szene. Er ist nicht Gott, auch nicht Gottes Sohn. Er ist aber eine stilisierte Ikone des Deutschraps, schon mit Blick auf sein Aussehen und seine Inszenierung.

"Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt", rappt Gzuz in "Was hast du gedacht?" Kein Mann will – eigentlich – dass seine Partnerin zerfetzt wird, Gzuz darf das aber. Er wird für diese Line sogar gefeiert. Warum himmeln auch Männer den Rapper bedingungslos an?

Kleiner: Ich finde das alles extrem fragwürdig. Selbst wenn er nur die Rolle seines lyrischen Ichs einnimmt – das ist einer der vielen Ausreden – geht es darum, dass die weibliche Emanzipation der Feind des archaischen Männerbildes ist, für das Gzuz steht.

Das ist eine Wunschfantasie. Du bekommst als Mann mitgegeben, dass du souverän, stark und bestimmend sein sollst. Der Boss. Dieses Bild von Gzuz trägt aber gar keine Ironie, überspitzt nicht – anders beispielsweise SSIO. Das ist ernstgemeint, Emanzipation spielt dabei gar keine Rolle. Bei Gzuz ist das totale Affirmation eines unfassbar fragwürdigen Männerbildes. Bei Lines wie "ich ficke dich, ich mach dich kaputt" geht es nur ums Durchsetzen und Härte. Das ist ein – aus meiner Perspektive – eindimensionales Verständnis von Männlichkeit.

Gzuz

Von wem hat sich Gzuz das Image des "bösen Buben" abgeguckt?

Kleiner: Ich würde sagen, man muss da weit in die Geschichte des US-amerikanischen Gangsta- und Straßenraps zurückgehen. Ice-T war wohl der erste, der diese Art von Härte und Bad-Boy-Attitude etabliert hat.

Ich glaube aber, dieses "Bad Boy Image" ist ein zeitloses Model, das gar nicht mehr zu einer Urszene zurückgeführt werden kann. Durch das Image soll gezeigt werden, dass sich diese Bad Boys von niemanden etwas sagen lassen – ihr Ding machen und ihren Weg entschieden gehen. Egal welche Konsequenzen das hat. Daraus resultiert auch die Angst und die Faszination für Bad Boys.

Was für eine Rolle spielt Authentizität bei der "Faszination des Bösen"?

Kleiner: Das ist die "Outlaw-Erotik", wie ich sie gerne nenne. Das heißt, die bösen Jungs stehen für Verwilderungsfantasien und Verführung. Die stehen für eine Dissnes mit der Mehrheitsgesellschaft. Wie Bonny und Clyde – oder die alten Westernhelden. Es gibt einen Konsens in der Gesellschaft, wie man zu sein hat. Und die sagen nein dazu. Dann ist man kriminell, macht sich seine eigenen Regeln. Wie bei der Mafia, bei der Ehre und bei Straßenrap die Streetcredibility eine besondere Rolle spielt. Wenn das Wertesystem der Gesellschaft durch das Handeln der Bad Boys ins Kollabieren kommt – das ist dann authentisch im Sinne der Abweichung.

Erst vor Kurzem hat Gzuz – scheinbar aus Versehen – einem weiblichen Fan auf die Nase geschlagen. Sie erstattet Anzeige und gibt sich mit 500 Euro und Gästelistenplätzen zufrieden. Was muss noch passieren, damit Gzuz nicht mehr (von ihr und anderen) angehimmelt wird?

Kleiner: Die Fans müssen anerkennen, dass sie von so jemanden kein Fan sein können – und dass er etwas macht, das von niemandem und unter keinen Umständen toleriert werden kann. Es muss einen Bewusstseinswandel im Gangstarap und im Umgang mit ihm geben. Wenn es da keine Grenze mehr gibt zwischen der Kunstfigur und dem realem Menschen, haben wir ein Problem.

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Quelle: Noizz.de