Raps Avantgarde im Industrie-Apparat.

Es ist passiert: Drip-Gott Gunna ist in Berlin eingeritten und hat seinen deutschen Jüngern vergangenen Dienstagabend für gut 40 Minuten offenbart, womit er seit 12 Monaten das komplette US-Rapgame erobert hat: mit der Musik eines Visionärs. Mit dem Besten vom Zeitgeist. Mit der Zukunft von Rap.

Ehm ... Gunna?

Gunna! Der selbst ernannte Erfinder des "Drip". Der Mann, der das Rapgame der USA seit Februar 2018 mit einem unfassbaren Lauf genialer Musik umkrempelt. Die künstlerische Speerspitze der Szene. Das kann man nicht nur hören, das spiegeln auch seine Zahlen, ausverkaufte Shows und der immense Andrang auf Features. Wirklich jeder will Songs mit dem YSL-Signing. Weil Gunna vergoldet. Egal, ob Travis Scotts Single "Yosemite", die Leadsingle vom Metro-Boomin-Album "Space Cadet" oder der melodisch düstere Banger "can't leave without it" von 21 Savage – sein Händchen für Vibes, sein beruhigender Bariton, diese ganz eigene Art, aus kleinen Melodien große Songs zu machen, lassen sich nur so decodieren: Gunna IST der Hit. Und btw: Wer hat sich wohl am Tag des Konzerts noch schnell ein Feature mit ihm geklärt? Ufo361.

Jetzt also Konzi

21:00 Anpfiff im – nicht – "ausverkauften" Huxley's in Kreuzberg.

Die Sache ist die: Ich weiß, wie Ami-Rap-Konzerte in Deutschland ablaufen. Das ist einfach nur ein Job für Gunna und Co. Ein Job, der exakt so abläuft: Rapper wird gebucht, liefert seine Show ab, verlässt die Bühne pünktlich und kassiert die Bag. Everyday-Business im Leben eines Superstars, teilweise sogar mehrfach pro Tag. Keine Ansagen, keine Fan-Interaktion, keine Zugabe. Irgendwie verständlich, aber auch ernüchternd und schade.

Auf der anderen Seite ist der 25-Jährige DER Soundtrack meines bisherigen Jahres und ich freue mich so sehr auf das Konzert, dass mir ein Grinsen ins Gesicht geschnitten ist, wie zu meinen besten Stoner-Zeiten als Teenie.

Showtime

Es ist, was es ist: 40 Minuten Song an Song, Drums knallen rein, Synthies gehen unter, Gunna springt, die Menge springt, singt, jubelt. Verdrücke mir eine Träne wegen des mittlerweile obligatorischen Playbacks und feier' den Auftritt. Hab ich auch allen Grund zu. Die Stimmung ist bombe, die Performance super – und alles in allem trotzdem keinen Deut mehr als das, was man bei einem Liveauftritt minimal bekommen sollte (s.o.).

Während des Konzerts die Erleuchtung: Ich merke, warum ich ihn so liebe: Weil Gunna NICHT der coole Typ ist. Seine schlechte Körperhaltung, der Lean- und Wohlfühl-Belly, die ungelenken und gleichzeitig befreiten Bewegungen und dazu diese nicht nachvollziehbare Konstellation von Designerdrip: Bullige Balenciaga-Sneaker, hautenge schwarze Joggingpants, irgendein viel zu eng anliegendes limitiertes weißes T-Shirt und dazu eine schwarze Strickmütze mit fetten roten Gucci-Lettern drauf. WTF ist das?! Hat sich das Fashion-Game auf die Fahnen geschrieben, steht für Style, Swag, Drip – und kann sich überhaupt nicht anziehen. Aber er liebt es. Er strahlt aus, wie wohl er sich in seinem überteuerten Kuddelmuddel fühlt. Er lebt sich ohne Vorbehalte.

Und das ist das Schöne: Gunna ist eigentlich einfach nur Musiker. Ein richtig, richtig guter Musiker und Künstler. Aber mehr nicht. Keine Fashion-Ikone, kein Model, kein Tänzer. Er ist der süße Kauz, der durch sein musikalisches Ausnahmetalent in diese Stylo-Industrie geraten ist. Der Mode und Ballen liebende Weirdo, der eigentlich überhaupt kein Talent dafür besitzt. Dieses steife Rumgehopse im wirren 20.000-Dollar-Outfit zur besten Musik, die man 2019 finden kann: Das ist so ein herrlicher Kontrast und macht den Georgianer nahbar und menschlich.

Dann: Was, das war's? Nee, oder? Doch. "Danke euch allen, ciao". Ansatzlos verlässt er die Stage. Unmittelbar danach gehen die Lichter an, die Security beginnt uns rauszuwerfen. Es ist, was es ist: eine Dienstleistung, von vorne bis hinten.

Dat Way

Leute, nehmt Gunna mit solange er peakt und genießt.

"Drip or Drown 2" ist kaum drei Monate alt und bisher das beste Album des Jahres. Ja, es gibt "Igor" von Tyler. "Igor" ist genial – keine Frage – aber stilistisch total weit draußen. Tyler macht sein Ding, macht es brillant, aber ist mit seinem Ding allein. Gunna rappt an der Avantgarde, legt Meilensteine für die kommenden Monate und Jahre des Genres. Er nimmt den Zeitgeist und formt ihn zu etwas Neuem. Mit anderen Vorreitern wie Playboi Carti oder Valee, prägt er den Diskurs momentan wie kaum jemand sonst.

"Drip or Drown 2"-Rezension Foto: @gunna / Instagram @gunna
"Drip or Drown 2" hat jetzt über 200.000.000 Streams Foto: @gunna / Instagram @gunna

Ja, er ist noch kein Post Malone, kein Drake. NOCH nicht. Er steht in der Wiege der nächsten Entwicklungen im Rapgame: R'n'B kommt zurück. E-Gitarren werden wieder cool. Und für einen Hit braucht man heute zwei Dinge: Catchy Melodien und einen Vibe. Gunna vereint das alles meisterlich – er ist die Wave, die sich gerade erst anbahnt und im Mainstream noch gar nicht wirklich geahnt wird. Aber im Rap stehen die Gezeiten auf Flut.

Sein nächstes Album "Drip Season 4" ist bereits unterwegs. Drip or drown.

>> Post Malone ist wie ein Messias auf der Bühne

>> Juice WRLD's Musikvideo zu "Fast" ist die verlockende Giftspritze, wenn du nicht mehr kannst

Quelle: Noizz.de