Warum Kendrick Lamar, Drake und Childish Gambino die Grammys boykottieren

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Kendrick Lamar bei den Grammys 2018 Foto: Matt Sayles / dpa dpa Picture-Alliance

Sind wir hier beim Super Bowl oder was?

Puh, die 61. Grammys am 10. Februar könnten popkulturell zu einer ziemlich spannenden Angelegenheit werden. Zuerst hat Ariana Grande ihren geplanten Auftritt bei der Grammy-Verleihung abgesagt. Angeblich habe die Musikerin habe sie in der Kürze der Zeit keine Show auf die Beine stellen können, so der Grammyproduzent. Grande widersprach. Medien berichten, Macher und Sängerin hätten sich nicht auf eine Songauswahl einigen können.

Wie dem auch sei, Ari ist nicht die einzige, die keine Lust hat, bei den Grammys aufzutreten. Einem Bericht der New York Times zufolge habe eine Reihe an Musikern, darunter auch Nominierte aus den vier wichtigen Hauptkategorien, es abgelehnt, bei der Zeremonie aufzutreten. Darunter: Kendrick Lamar, Childish Gambino und Drake. Sie alle sind nicht für einen, sondern gleich mehrere der prestigeträchtigen Grammophone nominiert.

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Ariana ist etwa für zwei Grammys in den Kategorie Bestes Pop-Album und Beste Pop-Solo-Performance nominiert, Drake und Kendrick Lamar unter anderem für den wichtigen Album-des-Jahres-Award sowie Single und Song des Jahres. Childish Gambino ist mit seinem Überhit „This Is America“ ebenfalls für Single und Song des Jahres nominiert.

Die Fülle an Absagen erinnert ein wenig an die Halbzeitshow beim Super Bowl. Aus Solidarität für Ex-NFL-Profi Kaepernick, der gegen Rassismus in der Football-Liga eintrat, hatten Rihanna, Pink und andere der NFL abgesagt, ehe Maroon 5 sich erbarmten. Aber: Warum bitte will keiner bei den Grammys auftreten? Das müsste doch eigentlich eine Ehre sein ...

Dafür müssen wir die Uhr ein bisschen zurückdrehen. Grammys und Hip-Hop haben eine komplizierte Beziehung. Erst seit 1989 ist „Rap“ als Genre bei den Grammys vertreten. Damals gewann Will Smith mit DJ Jazzy den ersten Preis für die beste Rap Performance. Den Preis holten sie aber nicht persönlich ab. Der Grund: Die Übergabe des Rap-Grammys war nicht Teil der TV-Übertragung – Rap und Hip-Hop im Allgemeinen hatten damals einen eher schlechten Ruf. Will Smith und DJ Jazzy wollten mit ihrem Boykott der Veranstaltung ein Zeichen setzten, denn sie fühlten sich von der Recording Academy, die die Grammys vergibt, nicht respektiert.

Dem Beispiel sollten im Laufe der vergangenen 30 Jahre mehrere Kollegen folgen. Drake, Frank Ocean und Kanye West boykottierten aus Protest die Veranstaltung bereits 2017. Der Grund dürfte der gleiche wie in diesem Jahr sein: fehlende Diversität bei den Nominierten. Frank Ocean ging sogar einen Schritt weiter: 2016 reichte er seine beiden, von den Kritikern hochgelobten, Alben „Endless“ und „Blonde“ nicht mal bei der Academy ein. 2018, das #MeToo-Jahr, gab es ausgerechnet kaum weibliche Grammy-Gewinner.

Stattdessen durften sie sich von den Grammy-Organisatoren anhören, Künstlerinnen seien an ihrer Misere selbst schuld. Okay. Aus diesem Fehler haben die Grammys zumindest gelernt. Es wurde nicht nur eine Initiative zur Förderung von Frauen im Musikbusiness gestartet, mit Lady Gaga, Janelle Monáe. Cardi B., Kacey Musgraves, Miley Cyrus, St. Vincent und Dua Lipa wird es mehr weibliche Showacts als jemals zuvor geben. Zudem wird mit Alicia Keys eine Afroamerikanerin und R‘n’B-Musikerin die Show moderieren.

An dem Hip-Hop-Problem ändert das allerdings wenig. Grammy-Produzent Ken Ehrlich meinte gegenüber der „New York Times“, es liege zum Teil auch an der Hip-Hop-Community selber.

Wenn sie nicht die wichtigen Preise nachhause holen, eben die den Grammy besonders repräsentieren, dann wird die Auszeichnung als nicht so wichtig für die Hip-Hop-Welt angesehen, was traurig ist.

Immerhin hat die Recording Academy bei der Jury-Zusammensetzung in diesem Jahr schon etwas geändert und auch das Regelwerk etwas überarbeitet. Es gibt rund 900 neue Jurymitglieder, die das Komitee diverser gestalten sollen. Alle neuen Mitglieder sind entweder weiblich, zwischen 20 und 39 Jahre alt oder haben einen afroamerikanischen oder Migration-Hintergrund. In den vier Hauptkategorien der Grammys gibt es statt wie bisher fünf, sogar acht Nominierten.

Diese Regeländerung führte zumindest dazu, dass schon einmal mehr Rap-Acts als zuvor in den wichtigen Kategorien vertreten sind. Ob Drake, Kendrick Lamar und Childish Gambino wenigstens an der Verleihung teilnehmen werden, steht noch nicht fest. Auffallend war jedoch bei den 60. Grammys im Vorjahr, dass Jay-Z, mit acht Nominierungen der aussichtsreichste Kandidat, keine einzige Trophäe gewann. Der erhoffte stärkere Fokus auf Hip-Hop blieb vergangenes Jahr dadurch aus. Rapper und R'n'B-Sänger werden bei den Grammys zwar häufig nominiert, oft unterliegen sie dann aber in den wichtigsten Kategorien.

Kendrick Lamar, 2018 immerhin sieben Mal nominiert, ging in den Hauptkategorien ebenfalls leer aus, gewann immerhin aber alle Rap-Preise – und konnte sich einige Monate später immerhin über den Pulitzer-Preis freuen.

Trotz der Kritik an den Preisen sind die Grammys in einer musikalischen Karriere ein wichtiger Meilenstein. Die Auszeichnung steht für Erfolg im Mainstream und Bestätigung der künstlerischen Leistungen durch die Musikindustrie. Gerade deswegen ist es der Hip-Hop-Community wichtig, dort künstlerisch Ernst genommen zu werden. Viele Künstler wurden schon oft nominiert, so etwa Björk (15), SZA (9), Cardi B. (7), J. Cole (7) und Ariana Grande (6); sie gewannen dann aber nicht und könnten am Sonntag erstmals eine Trophäe mit nach Hause nehmen.

Das Nicht-berücksichtigt-werden einflussreicher Rappern in den Vorjahren könnte den Verzicht auf einen Grammy-Auftritt bei Lamar bestimmt vereinfacht haben. Immerhin könnte mit der Songwriterin Brandi Carlile die erste offen lesbisch lebende Künstlerin einen Grammy in einer der Hauptkategorien für sich entscheiden. Das wäre immerhin auch mal was.

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Quelle: Noizz.de