Die türkisch-holländische Band Altin Gün wurde grade mal vor knapp zwei Jahren gegründet und war dieses Jahr schon bei den Grammys in Los Angeles nominiert. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Der Name der Band ist ein Google-Translate-Ergebnis. Nachdem Jasper, der Gründer der Band, in Istanbul alte anatolische Psych-Rock-Platten aus den 70ern entdeckte, verliebte er sich in das Genre und die Musik. Er suchte dann, zurück in Holland, über soziale Medien Musiker, für seine Band. Daraufhin gründete sich Altin Gün. Doch bevor er per Online-Casting seine Bandkollegen und Bandkollegin fand, wusste er, dass der Name irgendwas mit goldener Tag sein sollte.

Altin Gün spielen anatolischen Psych- Funk- Rock, der seinen Ursprung in der Türkei der 70er Jahre hat

Wie üblich in der Zeit des Hippie-Movements der 60er und 70er, war auch Psychrockmusik damals in der Türkei beliebt wie noch nie, und wurde mit volksmusikalischen Klängen kombiniert. Die daraus entstanden psychedelische Klänge sind wie von einer anderen Welt und befördern den Zuhörer ins Jenseits, ganz ohne Drogen. Altin Gün lebt diese Zeit wieder auf: Ihre Musik klingt wie eine Mischung aus der türkischen Hochzeit auf der du verlegen, aber mit Genuss zu alten, traditionellen Volksliedern tanzt und eine Jam Session auf dem Woodstockfestival in 1969. Es ist die perfekte Kombination.

Auf dem Konzert in Berlin fällt vor allem das Publikum auf

Vom Grasgeruch eingenebelt, fängt das People-Watching an: Es sind viele "New Waveler", also Türken, die neu aus der Türkei kommen, Deutsch-Türken, viele Hipster, ein paar ältere Frauen mit Kopftuch und ganz viele sogenannte Deutsch-Deutsche (ohne Migrationshintergrund) da. Und alle tanzen und singen mit. Jeden aus meiner Runde beschäftigt eine große Frage: Seit wann interessieren sich "Deutsch- Deutsche" für türkische Volksmusik!? Sie dazu so krass abfeiern zu sehen ist merkwürdig, irritierend und faszinierend, aber macht einen auch auf eine komische Art und Weise stolz und happy? Man denkt sich als Deutsch-Türkin, geil, ein Teil unserer Kultur wird nun auch mit anderen Augen gesehen, gewürdigt und ist hip. Danke dafür, Altin Gün!

Kurz vor ihrem Konzert durften wir die Band interviewen.

Vor mir sitzen zwei von sechs Bandmitgliedern: Merve, die Frontsängerin und Jasper, der die Band gegründet hat. Merve hat eine überraschend tiefe Stimme. Denn wenn sie singt, hört sie sich ganz anders an. Und beide wirken so, als wären sie ziemlich stolz auf ihre Musik. Zurecht.

NOIZZ: Wieso habt ihr den Namen Altin Gün gewählt?

Jasper Verhulst: Ehrlich gesagt, hatte ich mir den Namen überlegt, bevor es die Band gab. Ich wollte etwas das positiv klingt, aber auch irgendwie catchy. Ich schrieb "goldener Tag" in Google-Translate und das kam dabei raus. Später habe ich die Geschichte Merve erzählt, dann fand ich erst über die alte Tradition aus der Türkei des Altin Güns raus.

NOIZZ: Das Genre (anatolischer Psych- rock) ist ziemlich ikonisch, was brachte euch dazu, diese Art von Musik zu spielen?

Jasper Verhulst: Es ist immer schwer zu sagen, warum ein bestimmter Sound oder eine bestimmte Musikrichtung einem gefällt. Es war einfach ein Gefühl. Ich fand die Kombination interessant, diese Melodien waren exotisch in meinen Ohren, weil ich türkische Volksmusik nicht kannte. Die Kombination dann, aus 70er-Synthesizer, einer funky Base und Drums, ist einfach eine super Kombination aus etwas Bekanntem und exotischen Sounds.

NOIZZ: Wie kriegt ihr es hin, dass die Sounds in eurer Musik so alt klingen?

Jasper Verhulst: Wir benutzen alte und neue Technik. Wir verwenden digitale Synthesizer, aber nehmen im Studio nur mit analogen Instrumenten auf.

NOIZZ: Gibt es bestimmte Künstler, die euch inspirieren?

Merve Dasdemir: Neset Ertas. Ich denke auch, dass Asik Veysel eine Inspiration ist – aber ganz klar vor allem Baris Manco. Denn sie haben angefangen, diese Volkslieder mit elektronischen Instrumenten zu spielen. Das Komische ist aber, dass sie das Volks- und Saiteninstrument Saz vernachlässigt haben. Und die Saz bauen wir mit ein, das war uns wichtig ... Anatolischer Pop vergaß die Saz leider und hat sich am Westen orientiert. (Schlägt auf den Tisch) Saz Power!

NOIZZ: Was für eine Message sendet ihr mit eurer Musik an eure Fans?

Merve Dasdemir: Positive Vibes, Tanzen. Wir haben keine politischen Botschaften, es geht uns darum, Menschen aus verschiedenen Backgrounds zusammenzubringen.

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NOIZZ: Wie ist euer Publikum so?

Jasper Verhulst: Es ist sehr divers, aber es kommt auch drauf an, wo wir grade spielen. In den USA sind es eher sehr junge Menschen, ein paar Alte sind auch dabei. Aber kaum türkische Menschen, die sind eher in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland im Publikum.

NOIZZ: Kennt ihr euch mit den Hippie- Bewegungen der 60er und 70er Jahren in Holland und der Türkei aus, könnt ihr dazu was sagen?

Merve Dasdemir: Auf jeden Fall war in beiden Ländern die Flower-Power-Bewegung.

Jasper Verhulst: Ich denke, es ist überall ein Ding gewesen. Viele junge Menschen waren von englischen Gruppen und Künstlern inspiriert wie Jimi Hendrix, den Beatles und Pink Floyd. Überall wo es Radio, TV und Filme gab, resonierte die Bewegung. Aber superinteressant ist, dass in den frühen Siebzigern jeder seine eigene Kultur mit moderner Musik verbindet. So entstand überall Folk-Rock: In der Türkei, sowie in Holland, einfach überall.

NOIZZ: Ihr wart für einen Grammy nominiert dieses Jahr, wie war es bei den Grammys?

Merve Dasdemir: Wir waren zu ritt da. Ach, ich fand es okay. Man sitzt halt da und klatscht, es war schön so viele einflussreiche Menschen der Musikindustrie zu sehen. Es ist nichts, worauf man hinarbeitet. Es passiert einfach.

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Findet ihr es gut, dass ihr bei den Grammys in der Kategorie World Music nominiert wart?

Merve Dasdemir: Nein, also man tut uns in die Kategorie, weil wir das Volksinstrument Saz benutzen. Aber wenn man sich anschaut, wer alles in der Kategorie World Music nominiert wurde, zum Beispiel ein Rapper, denkst du, er sollte eigentlich in der Kategorie Best Rap sein.

Also alles was nicht aus den USA oder Großbritannien kommt, ist für die Grammys gleich World Music. Das ist für mich eine extrem veraltete Denkweise.

NOIZZ: Als letztes interessiert uns, ob ein neues Album in Planung oder Arbeit ist?

Merve Dasdemir: Lacht geheimnisvoll.

Jasper Verhulst: Wir arbeiten grade an neuen Songs, aber wissen noch nicht wann sie rauskommen werden.

Merve Dasdemir: Sürpriz. (dt: Überraschung)

Jasper Verhulst: Dieses oder nächstes Jahr.

Quelle: Noizz.de