Eigentlich finden die MTV EMAs jedes Jahr in irgendeiner europäischen Metropole statt und versammeln alles, was in der Popwelt Rang und Namen hat. Doch in diesem Jahr ist eben einfach alles anders. Statt großer Liveshow, gibt es einen Stream – und mitten drin: Fynn Kliemann.

Irgendwie kann man sich in diesem wirklich merkwürdigen Jahr keine Awardshow vorstellen, oder? Klar, es gibt wichtigere Themen dieser Tage, aber seien wir mal ehrlich: In solchen chaotischen Zeiten, in denen nichts mehr so zu sein scheint, wie es einmal war, sind solche Events auch irgendwie eine willkommene Ablenkung. Weil wir sie kennen und zeigen, dass manche Dinge ihren gewohnten Gang gehen. Vielleicht konnten wir deswegen 2020 schon ein paar Awardshows erleben: die Emmys etwa im September oder die MTV Video Music Awards im August.

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Mit den EMAs versucht sich MTV in der Pandemie also bereits ein zweites Mal an einer virtuellen Stream-Show, bei der es trotzdem Liveauftritte von Künstler*innen wie Doja Cat, Yungblud, Alicia Keys und David Guetta geben soll, moderiert wird das Event von der britischen Girlband Little Mix und natürlich werden auch Preise in den verschiedenen Kategorien vergeben, die, wie bei den EMAs üblich, zu einem Großteil auch von den Fans gevotet wurden. Wie kann man sich also so eine Awardshow vorstellen, bei der man als Nominierte*r in einen Moment noch gebannt auf eine Auszeichnung wartet und vielleicht auch eine Dankesrede halten darf, danach aber, wenn man will, gleich wieder in die Jogginghose schlüpfen und Playstation zocken kann?

Tausendsassa Fynn Kliemann, der nicht nur Unternehmer, Webdesigner und YouTuber ist, sondern auch ziemlich erfolgreicher Musiker, hat die EMAs in seinen eigenen vier Wänden auf Kliemannsland in der niedersächsischen Pampa verfolgt – also ganz weit weg vom Glamour in London, Paris, Madrid oder Berlin. Nominiert war er als "Best German Act", einer Kategorie, in der die Fans entscheiden konnten, wer den Preis bekommen soll – und Fynns Fans haben ihn zum Award gevotet. Wir haben mit dem Sänger von Webkamera zu Webkamera über das ungewöhnliche Event gesprochen – und was ihn als Künstler in der Coronakrise bewegt, aber auch antreibt.

Fynn Kliemann: "Letztendlich macht Capital Bra auch Pop"

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NOIZZ: Ich weiß noch, als ich Teenie in den Nullerjahren war, hab ich nie eine MTV-Awardshow verpasst – hast du dir erträumt irgendwann mal tatsächlich einen EMA zu gewinnen oder nominiert zu sein?

Fynn Kliemann: Nein, natürlich nicht! Vielleicht gibt es da draußen irgendwelche, die denken: "Wow mit dem Song könnte ich ziemlich erfolgreich werden." Aber bei mir ist das echt so, dass ich nächtelang in irgendeiner zwei Quadratmeter Butze hocke, schreibe tagelang Songs – und wenn es irgendwann rauskommt, hast du so Schiss davor, dass du irgendwas offenbart hast. Wenn das dann jemand nicht scheiße findet, ist das alleine für dich schon richtig krass. Wenn dann auch noch ein paar Monate später jemand auf dich zu kommt und dir sagt, du bist für einen EMA nominiert, dann denkst du nur: "Wie krass!" Dass alles so funktioniert hat – vom ersten kleinen Ton, den du aufgenommen hast bis dahin, dass Leute es krass und cool finden. Das ist einfach nur voll verrückt.

NOIZZ: Findest du es ein bisschen Schade, dass die EMAs nur virtuell stattfinden und du deinen Preis gar nicht im Rahmen einer richtigen Awardshow entgegennehmen kannst?

Fynn: Na ja … also ehrlicherweise muss ich gestehen: Ich finde das alles ziemlich gut. Ich hasse, was gerade in der Welt passiert und es ist scheiße. Voll viele Freunde von mir sind arbeitslos. Es geht der ganzen Welt kacke. Auf der anderen Seite finde ich aber diese digitale Version des Zelebrierens und den entnommenen Zwang, irgendwohin auf eine Preisverleihung fahren zu müssen, mega. Es ist der ideale Zeitpunkt, um so einen Preis zu gewinnen. Ich kann in dem Moment mit der ganzen Welt sprechen und freue mich – und abends liege ich auf dem Sofa, der Kamin ist an, der kleine Hund liegt auf’m Schoß, meine Freundin ist da – das ist perfekt! Sonst muss man ewig lange zurückfahren, hat am nächsten Tag Kopfschmerzen und so …

NOIZZ: Auf der anderen Seite ist so eine digitale Awardshow in Zeiten von Corona ja auch sehr nachhaltig. Glaubst du, es könnte in Zukunft mehr Events geben, die nur digital ablaufen?

Fynn: Voll! Keiner fliegt hin, das ist schon gut. Aber wenn die Leute wieder raus können, dann gehen sie auch wieder raus. Das ist ja auch schön, bei solchen Veranstaltungen Leute zu treffen. Wenn der Zwang allerdings nicht da ist und du es frei entscheiden kannst, ist das einfach cool. Sonst musst du immer zu so was hin, ansonsten sind alle sauer auf dich. Aber okay, ich hätte schon gerne Harry Styles bei den EMAs getroffen. Und Justin Bieber!

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NOIZZ: Dein aktuelles Album heißt "POP" – wolltest du mit dem Titel auch einen Wink mit dem Zaunpfahl geben, dass deutschsprachiger Pop mehr als Mark Forster, Max Giesinger und Co. ist?

Fynn: Pop wird einfach immer als "Scheißmusik" abgestempelt. Nicht gegen Mark Forster und Co., das ist eben deren Genre. Ich betrachte das Ganze aber ein bisschen anders, eben als "populäre Musik". Letztendlich macht Capital Bra auch Pop. Das kann man drehen und wenden, wie man will. In der Größenordnung und das, was die musikalisch machen, ist das schon längst kein Hardcore-Underground-Rap mehr. Ich finde es cool, das Genre aufzuweichen – da steckt einfach voll viel drin. Hinzu kommt Hand aufs Herz: Ich mache nun einmal Popmusik. Ich wäre gerne ein harter Rapper, aber bin ich nun mal nicht. Immer wenn ich etwas ernst meine, kommt da Popmusik raus. Das akzeptiere ich einfach.

NOIZZ: Du hast vor kurzem 110.000 Euro aus den Einnahmen deines Albums an drei Newcomer*innen verteilt – das ist gerade jetzt in so einer Krise wahrscheinlich ein echter Segen für die Künstler*innen. Wieso hast du dich zu diesem Schritt entschieden?

Fynn: Das war schon lange beschlossen, bevor Corona die Welt an sich gerissen hat. Ich fand es cool, als Vorbild für alle da draußen was zu machen. Neue Musik ist das Beste, was es gibt. Wenn du jemanden hörst und du denkst: "Alter, was ist das?!" – und du willst sofort alle Songs von ihm in deine Playlist packen, dieser Moment ist einfach richtig krass. Den bekommst du aber nur, wenn du neue Musik förderst. Ich finde, die meisten da draußen sind einfach super Ich-bezogen. Ich finde es aber geil, dass es ein großes Miteinander ist. Je mehr neue Musik es gibt, desto mehr Leute hören Musik, umso mehr Kohle ist auch für alle da. Das ist ein Rad, das viele nicht verstehen. Ich habe jetzt nicht den großen Impact, aber stell dir vor, alle machen das: Jeder gibt einen Euro pro verkauften Tonträger an neue Künstler. Das wäre einfach so krass, wie viel Kohle dann auf einmal im Markt wäre. Eine gerechte Umverteilung!

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NOIZZ: Mit dem Wellenbrecher-Shutdown im November steht einen weiteren Monat die Kulturlandschaft in unserem Land still. Du hast ja jede Menge Projekte am Start, dir wird bestimmt nicht langweilig, aber wie nimmst du diese Zeit im Moment war ­– auch aus der Sicht eines Künstlers?

Fynn: Vielen ist wirklich alles weggebrochen. Keine Auftritte mehr, die ersten drei Wochen vielleicht noch auf Instagram gestreamt, aber dann war das auch vorbei. Es fehlt einfach echt Geld. Es ist einfach eine heftige Herausforderung. Zum Glück gibt es so viele digitale Sachen! Alle flüchten in Podcasts, Livestreams, auch so große Player wie Amazon Music und Co. stecken da Kohle rein und fördern das. Das ist schon geil, der Switch muss nur noch fetter werden, damit da noch mehr Geld landet. Und es fehlen oft einfach auch richtig gute Ideen für Formate, die man sich auch wirklich gerne anguckt! Zum Beispiel das Livestream-Konzert von Sam Smith, für das man sich ein Ticket kaufen konnte. Den fand ich richtig mies. Der war komplett aufgezeichnet, das kann nicht live gewesen sein. Der war in den Abbey-Road-Studios und hat sein Set runter gespielt, da kann ich auch auf YouTube gehen und mir Sessions anschauen. Dafür zahlen Leute aber Geld. Ich will doch Interaktion bei einem Konzert! Das wird im Moment einfach nicht umgesetzt. Viele verkacken auch die Technikseite. Es gibt eigentlich so geile Möglichkeiten, die muss man aber auch nutzen.

Aber es ist schon viel passiert in Sachen Digitalisierung. Das, was ich seit zehn Jahren predige, ist in zwei Monaten gefühlt passiert! Auch dass die Leute ihre Merch-Onlineshops ausbauen und neue, kreative Wege finden, ist echt gut. Wir müssen in dieser Situation auch kreativ sein, es ist gut, wenn dich irgendwas zwingt, weil es wirklich um deine Existenz geht. Dann entstehen viele neue Dinge.

NOIZZ: Wir wissen ja alle, dass die Maßnahmen notwendig sind, aber ich merke auch, dass das Verständnis langsam schwindet, auch bei den jungen Leuten, die eben Angst um ihre Zukunft haben, aber auch das Gefühl, ziemlich viel zu verpassen. Wie siehst du das?

Fynn: Die meisten Leute wohnen ja nicht wie wir, auf vier Hektar Land mit all unseren Freunden und alles ist wie immer, sondern im zwölften Stock in einer 20 Quadratmeter Butze ohne Balkon. Da gehst du eben ein. Völlig verständlich. Du willst raus, etwas machen mit deinen Freunden. Das zehrt natürlich an einem. Aber es geht gerade nicht anders.

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NOIZZ: Hast du denn selbst auch Veränderungen bei dir gemerkt?

Fynn: Es war schon krass – in Kliemannsland ist alles an Events weggebrochen. Wir hätten eigentlich ein riesengroßes Elektro-Festival gehabt, einen Weihnachtsmarkt – da kommen an zwei Tagen 20.000 Leute zu uns. Da hat sich schon viel verändert für uns. Man muss aber immer das Positive sehen: Jetzt haben wir eben ein paar Leute eingestellt, die hier alles um- und ausbauen, wenn keine Sau hier ist. Wir sind wie kleine Geckos und passen uns da an.

NOIZZ: Innerhalb von nur wenigen Wochen bist du zu einem der größten Mund-Nasenschutzmasken-Produzent*innen in Europa aufgestiegen und das unter fairen Produktionsbedingungen. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Fynn: Ich habe mir da erst mal auch nicht viel bei gedacht. Wir hatten für unser Merch einen Produzenten in Portugal und dem sind einfach megaviele Jobs weggebrochen. Der war fast pleite! Wir wollten da einfach was machen, weil wir – superegozentrisch – unsere Klamotten da auch in Zukunft noch weiter produzieren lassen wollten. Wir haben, als die Pandemie in China begonnen hat, schon gesehen, dass es eine sehr große Nachfrage an Masken gab. Wenn das bei denen schon so krass ist, kommt dieses Problem auch auf uns zu. Das hat uns auf die Idee gebracht, innerhalb von zwei Tagen alles da umzustellen, und konnten eben superviel produzieren. Zwischenzeitlich haben wir über eine Millionen Masken pro Woche produziert. Es gab Anfragen aus Amerika, wir mussten Ausfuhrgenehmigungen aus Serbien für eine zweite Produktionslinien erwerben. Es war auf einmal richtig groß, es kam eins nach dem anderen.

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NOIZZ: Ich weiß, schwere Frage, aber – was wünschst du dir für 2021?

Fynn: Vieles wird gerade richtig angestoßen. Ich hoffe, dass die Leute mehr verstehen, warum manche Dinge einfach wichtig sind, auch wenn dieser soziale Druck natürlich nervt: Dass Leute mit dem Finger auf dich zeigen, weil du einen Plastikdeckel auf deinem Kaffee hast, weil du Klamotten aus Taiwan trägst oder weil du nicht bereit bist, mehr als 15 Euro für ein T-Shirt auszugeben oder du unbedingt einen dicken SUV fahren muss. Mir geht das auch zwischenzeitlich voll auf die Nerven, aber natürlich haben all die Menschen, die genau das kritisieren, total recht! Es ist ein notwendiger Druck: Gleichberechtigung, dass Menschen anfangen, sauber zu gendern. Ich wünsche mir einfach, dass das 2021 alles so sehr bei uns ankommt, dass wir auch danach handeln.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de