Sexismus und Deutschrap – ein untrennbares Duo? "Ja" – wird häufig argumentiert – "aber das ist ja nur Kunst und kein realer Frauenhass." Wie gefährlich und einflussreich frauenfeindlicher Rap jedoch wirklich ist, hat uns eine Sprachwissenschaftlerin erklärt.

Es ist eine nahezu leidige Diskussion: Deutschrap, Sexismus und Gewalt gegen Frauen. Gefühlt wurde das Thema schon hundertmal durchgekaut, am Ende haben sich meist beide Seiten kein Stück aufeinander zu bewegt. Jetzt ist die Debatte neu entfacht (schon wieder): Protagonist ist der Rapper Fler – der sich in dieser Rolle mittlerweile schon gut auskennen sollte, der Künstler Shahak Shapira, eine junge Frau – bekennende Feministin, und irgendwie auch die Berliner Polizei. Klingt nach den Zutaten eines explosiven Gemischs – und genau das ist es auch. Die Explosion erschüttert seit einigen Tagen die sozialen Medien und führt die Argumente beider Seiten wieder an die Oberfläche. Ausgelöst wurde sie durch die Kampagne #unhatewomen, die auf verbale Gewalt gegen Frauen in Rap-Texten aufmerksam macht.

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Frauenhass als Kunstfreiheit

Ein Argument, das gerne von vehementen Deutschrap-Verfechtern zum Thema Sexismus angebracht wird, geht so: Deutschrap ist eben eine Kunstform. Der Sexismus in den Texten folglich ein Stilmittel und ganz und gar nicht ernst gemeint. Frei nach dem Motto: Kunst muss man aushalten. Wer dagegen hält, hat es eben einfach nicht verstanden. Dieses Argument ist aus zwei Aspekten Blödsinn: Erstens, Sprache prägt nachweislich unser Denken und unsere Realität. Zweitens, hinsichtlich der realen Lage der Gewalt gegen Frauen ist Sexismus als “Stilmittel einer Kunstform” ein geschmackloser Schlag ins Gesicht aller Opfer.

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Tägliche Femizide

Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im vergangenen November veröffentlichte “UN Women” schockierende Zahlen: 1 von 3 Frauen weltweit haben körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren. Meist ist der Partner Täter. Laut "BBC" sterben täglich 137 Frauen durch den Partner oder Familienmitglieder. Laut Bundeskriminalamt versucht in Deutschland jeden Tag ein Mann, seine Freundin umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es ihm.

Sexismus und Gewalt gegen Frauen ist also ein brandaktuelles Problem, das jeden Tag Leid und Leben fordert. In Deutschland, in Europa, weltweit. Während einige Deutschrap-Fans Zeilen wie "Baller der Alten die Drogen ins Glas, Hauptsache Joe hat seinen Spaß" immer noch als Kunst verkaufen wollen, normalisieren und glorifizieren diese Texte in Wahrheit Gewalt gegen Frauen.

Gewaltfantasien im "Porno-Rap"

Dies bestätigt auch Prof. Dr. Helga Kotthoff von der Universität Freiburg, die sich in ihrer Forschung mit Gender und Sprache beschäftigt.

NOIZZ: Wie valide ist das Argument, dass Sexismus als Stilmittel zur Kunstform Deutschrap gehört und deshalb nicht ernst gemeint bzw. ungefährlich ist?

Kotthoff: Bei diesem Argument muss man sich überlegen: Was ist überhaupt Kunst? Im Deutschrap werden teilweise Fantasien ausgebreitet, die sehr analog zur Pornoindustrie sind. Und Kunst muss sich eben immer überlegen, wie nah sie an Nicht-Kunst rangehen will – die Deutschrapper, über die wir hier reden tun das sehr stark. Kunst würde – im Gegensatz zu den betreffenden Deutschrappern und ihren Liedern – viel mehr Brechung verlangen. Deren Vokabular ist viel zu durchgängig, wenn es beispielsweise um Frauen als Sexobjekt geht – mit entsprechenden Wörtern wie "Schlampe" und "Fotze". Zudem wird Anal- und Gruppensex in vielen Deutschrap-Liedern geradezu gefeiert. Der Kunstfaktor tritt bei Liedern, in denen sich eine Gewaltfantasie an die andere reiht, völlig zurück.

Übrigens hat Pornografie auch einen Kunstanspruch. Aber der bloße Anspruch schützt vor gar nichts.

Ist Deutschrap also keine Kunstform mehr, wenn (Frauen-)Hass das zentrale Motiv eines Liedes ist?

Genau. Es geht dabei aber nicht nur um "ein Lied". Wenn ein Lied allein stünde und es künstlerisch so gemacht wäre, dass mir als Hörerin klar ist: Ich rezipiere gerade ein Kunstwerk – das heißt, wenn ein künstlerischer Rahmen gegeben wäre, der über das reine Reimen hinausgeht – wäre das eventuell noch in Ordnung. Aber wir haben es eben nicht mit einzelnen Liedern zu tun. Wir haben es mit einer Musikgattung zu tun, die die immer gleichen Images produziert. Das ist kunstfern. Kunst will Originalität – und nicht ein Zelebrieren des immer gleichen. Im Deutschrap haben wir immer die gleichen Gewaltfantasien – hochgradig analog zur Pornoindustrie – da ist dann der Kunst-Faktor unglaublich schwach. Er federt diese Fantasien nicht ab.

Inwiefern hat das Einfluss auf die Hörerinnen und Hörer solcher Lieder?

Diese Lieder befördern Gewaltfantasien bei ihren Rezipienten. Ich glaube sogar, viele Jugendliche haben Gewaltfantasien nur deshalb. Erstens, weil sie in der Pornoindustrie sehr stark vorhanden sind und zweitens, weil Deutschrap die gleichen Bilder liefert. Jugendliche werden zu Gewaltfantasien gebracht.

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Was macht es mit Mädchen oder Frauen, wenn sie in Deutschrap-Songs als "Schlampe" oder "Hure" bezeichnet werden?

Das Ergebnis sieht man in den Schulen. Wir wissen aus der Schulhof-Forschung: "Fotze" ist das am stärksten vertretene Schimpfwort dort. Es gibt zum Beispiel Studien aus Selbstverteidigungsgruppen für Mädchen in Zürich. Diese Mädchen wurden zum Beispiel gefragt, warum sie zu der Gruppe gehen. Und die häufigste Antwort war: Wir müssen uns auf dem Schulhof zur Wehr setzen. Sie müssen sich Schimpfwörter wie "Fotze" anhören oder es wird eine Vergewaltigungsfantasie an sie herangetragen – und so ist es heute, Schülerin zu sein. "Ich ficke Dich ins Grab" bekamen die Mädchen neben "Fotze" auch noch oft zu hören.

Woher kommt denn ein solcher Satz? U. a. finden sich solche Sätze leider im Porno-Rap. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben wir auf Schulhöfen in Deutschland ähnliche Kommunikationsverhältnisse. Das Problem sind nicht nur die Jungen, die Mädchen mit Begriffen aus dem Porno-Rap beleidigen, sondern auch, dass solche Texte in die Köpfe der Mädchen selbst reingehen. Durch sie findet eine Normalisierung von sexualisierter Gewalt gegen Frauen statt. Mädchen internalisieren dadurch sexistische Klischees. Diese im Rap vorgetragenen Fantasien schädigen aber nicht nur Mädchen, sondern Jungen ebenso. Ich finde: Diese Fantasien sind insgesamt zwischenmenschlich schädigend.

Wie erklären Sie es sich, dass auch junge Frauen Deutschrap hören, der sie degradiert?

Das finde ich ganz schwierig. Wir kommen leider nicht umhin, uns in diesem Zusammenhang mit Selbstdegradierungen zu beschäftigen. Ich denke, dass alle Gruppen, die mehr oder weniger degradiert werden, sich damit beschäftigen müssen, inwiefern sie die Degradierung annehmen. Aus der Psychotherapie kennen wir dieses Phänomen zum Beispiel von Frauen, die ins Frauenhaus kommen. Wenn eine Frau geschlagen wird, gibt es fast immer Vorläufer. Und ein Vorläufer ist zum Beispiel die Verbal-Attacke, die der Frau das Selbstbewusstsein nimmt. Auch das Schlagen an sich wird häufig von massiver verbaler Degradation begleitet.

Was aber wichtig ist: Diese Zusammenhänge zwischen Sprechen und Handeln sind niemals eins zu eins. Es gibt jedoch Bezüge. Und diese Bezüge gibt es auch bei diesem sehr frauenfeindlichen Deutschrap. Beim heutigen Stand der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass diese Raptexte einen Effekt auf alle haben, die sie rezipieren. Sprache, die man hört und in der Folge auch selbst benutzt, hat eine Auswirkung auf das eigene Handeln.

Eine häufige Argumentationsstrategie von Rappern ist es auch, zu sagen, dass Begriffe wie "Schlampe" oder die Aussage jemanden "ficken" zu wollen, als Kompliment gemeint sind. Ist das glaubhaft?

Klar, es gibt diese Umkehrungen von Einzelbegriffen wie "Bitch". Natürlich kann man "Bitch" nett meinen. Wir kennen das alle zum Beispiel aus Situationen, in denen Kinder liebevoll "kleines Scheißerle" genannt werden. Das Problem ist aber, dass Begriffe wie "Bitch" in Rapsongs nicht alleine stehen, sondern sich in einer Kette befinden. Und wenn der Begriff "Bitch" immer im Kontext mit Wörtern wie "Fotze", "Hure" oder "Nutte" steht, dann er einen beleidigenden und degradierenden Rahmen.

Können Frauen Ihrer Meinung nach sexistischen Deutschrap hören, weil sie die Musik mögen – aber den Text vom Musikgenuss trennen?

Ich glaube, dass das nicht möglich ist. Zumindest nicht längerfristig. Natürlich kann einem die Musik gefallen – aber ich glaube, sobald man den Text richtig wahrnimmt, wird sich das auch auf den Musikgenuss auswirken. Und es gibt ja anderen Rap – man muss das ja nicht anhören.

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  • Quelle:
  • Noizz.de