"Leute nehmen immer direkt an, dass ich in meinen Songs über Männer singe."

Junge Frauen stellen sich auf ihre Zehenspitzen, flüstern aufgeregt und öffnen ihre Foto-App, als sich die Tür zur Location öffnet, in der ihr Idol auftritt: Sängerin Fletcher. Als genau diese aber nicht rauskommt, sondern nur ein Security-Mann, ist die Enttäuschung groß. "Na toll", ruft sogar ein Mädchen mit Buzzcut und zutätowierten Armen.

"Sie ist der größte Fletcher-Fan der Welt", sagt ihre Freundin. Und schaut man genauer hin, sieht man, wie wichtig ihr die Musik der Sängerin ist: Ihre Tattoos bestehen ausschließlich aus Song-Zitaten der US-Sängerin.

Fletcher heißt mit bürgerlichem Cari Elise Fletcher und macht Popmusik, die nicht selten mit Taylor Swift und anderen emotionalen Singer-Songwriterinnen verglichen wird. Ihre Songs drehen sich um große Gefühle, vor allem – wie sollte es auch anders sein – Liebeskummer.

Nach langer Zeit ist nun endlich ihr Traum einer Europa-Tour wahr geworden – wenn auch noch nicht in den großen Arenen der Hauptstädte. Doch riesige Mengen von Zuschauern hatte sie schon einmal – und das ausgerechnet bei ihren ersten Schritten als Musikerin.

Das erste mal vor einem Millionen-Publikum trat sie in einer Casting-Show auf, bei der sie noch als aalglattes All-American-Girl durchging. Heute hingegen gilt sie vor allem in der queeren Szene als Ikone. Mehr Image-Wandel geht nicht.

NOIZZ: 2011 hast du an der Castingshow "X-Factor" teilgenommen. Was denkst du heute, wenn du das Video von deiner ersten Audition dort siehst?

Fletcher: Ich denke, was für ein kleines Baby ich war. Ich war so nervös wegen der ganzen Sache. Und Juror Simon Cowell hat mich damals "langweilig" genannt. Hoffentlich bereut er seine Worte jetzt. Aber es war eine tolle Erfahrung, ich habe wirklich viel gelernt. Es war auch deshalb eine interessante Erfahrung, weil ich in der Show in eine Girlgroup gesteckt wurde – die Jury sagte, ich sei noch nicht selbstbewusst genug, um alleine durchzustarten.

In der Girlgroup habe ich Freunde fürs Leben gefunden. Nach der Auflösung dachte ich "Bin ich bereit, alleine aufzutreten, bin ich überhaupt gut genug?". Das hat geholfen, meinen Charakter zu stärken. Aber ich wollte schon mein ganzes Leben lang Musikerin werden, und in der Girlgroup konnte ich das nicht so ausleben, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich war extrem jung, 17 Jahre alt. Und jetzt fühle ich mich wie die beste Version von mir selbst: als Mensch, als Künstlerin.

Wenn ich Simon wäre, was würdest du jetzt zu mir sagen?

Fletcher: Hast du Undrunk im Radio gehört? Das ist, was ich wahrscheinlich sagen würde.

In deiner High-School-Zeit warst du außerdem eine Taylor Swift / Disney-Prinzessinen / Hannah Montana-Imitatorin für Kindergeburtstage – was war das Merkwürdigste, was du dort jemals erlebt hast?

Fletcher: ich musste immer in einem Frühstücksrestaurant in meiner Kleinstadt auftreten – auch am internationalen Pfannkuchentag. An dem Tag war ich als Arielle, die Meerjungfrau verkleidet und musste singen, während die Gäste ihre Pfannkuchen aßen. In dem Moment dachte ich einfach nur: "Kommt schon, lasst diese Leute einfach ihre scheiß Pfannkuchen essen, bitte lasst mich das jetzt nicht tun." Aber selbst die Erfahrung hat mir richtig was gebracht: Ich wurde aus meiner Komfortzone geschmissen und musste vor vielen Leuten singen.

Welcher Song war dir am peinlichsten?

Fletcher: Wer will schon "Part of your World" von "Die kleine Meerjungfrau" oder "Whistle while you work" aus "Schneewittchen" singen, während Leute Eier und Bacon essen?! Das ist so verdammt schräg.

Du bist Teil der LGBTQ-Community: Welche Fragen zu dem Thema kannst du einfach nicht mehr hören?

Fletcher: Das einzige, was mich wirklich richtig nervt, wenn es um das Thema Sexualität geht, ist, dass Leute immer direkt annehmen, dass ich in meinen Songs über Männer singe, und Dinge sagen wie "Der Song ist doch bestimmt über deinen Freund". Und ich dann: "Wer sagt, dass es ein Freund ist?" Von anderen Fragen bin ich nicht genervt. Ich finde, je mehr man über Dinge zum Thema LGBTQ spricht, desto mehr bewegt man die Welt in die richtige Richtung.

Ich werde nur wütend, wenn Leute abfällig oder beleidigend über meine Leute reden. Das passiert mir nicht sehr oft, aber dass von einem "Er" ausgegangen wird, das schon. Aber ich lasse das Thema Gender aus meinen Songs raus, damit niemand, der sich damit nicht identifiziert, durch ein "Sie" rausgekickt wird. In meinen Songs sage ich immer "Du". Denn mir ging es früher auch immer so, dass ich aus den Songs raus war, sobald ich mich nicht mit dem Gesungenen identifizieren konnte.

Würdest du von einer "Sie" singen, wenn unsere Gesellschaft nicht so heteronormativ wäre?

Fletcher: Nein. Ich hatte schon etwas mit Männern und Frauen und weiß: Es ist egal, ob ein Mann, eine Frau, eine Trans*Person oder eine nicht-binäre Person dir das Herz gebrochen hat. Es ist einfach egal – ein gebrochenes Herz ist das beschissenste Gefühl auf der ganzen Welt, und deswegen will ich das in meinen Songs offen lassen.

Über wen hast du deine EP "You Ruined New York For Me" geschrieben?

Fletcher: Ich hab die ganze EP über meine erste große Liebe geschrieben – und das erste Mal, als mir das Herz gebrochen wurde. Und es war hart. Wirklich, wirklich hart. Aber es hat mir auch sehr viel über mich selbst beigebracht.

Was genau hast du über dich gelernt?

Fletcher: Es war eine toxische Beziehung, ich war wirklich nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich habe mich gehen lassen, so viel geopfert und so viele Kompromisse gemacht, weil ich so verliebt und verblendet war. Und jetzt, da ich da raus bin, kann ich von einer ganz anderen Perspektive darauf schauen.

Hat die Frau die EP, die ja komplett über sie ist, schon gehört?

Fletcher: Wir haben nicht wirklich Kontakt – aber sie hat einige Songs sicherlich schon im Radio gehört. Und ich denke, sie wusste auch, dass ich das alles zu Musik verarbeiten würde.

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Werden sich auch deine nächsten Songs nur um Liebeskummer drehen?

Fletcher: Worüber ich schreibe, ist genau das, was ich gerade erlebe. Wenn ich mich verändere und neue Erfahrungen sammle, tut das auch die Musik. Ich wollte nie über Liebeskummer schreiben. Darüber zu schreiben, war einfach meine einzige Möglichkeit, ihn zu überleben.

Was ist dein nächstes großes Ziel?

Fletcher: Das ist schwer – weil mein großes Ziel immer eine Tour war, und genau die mache ich jetzt. Allein der Fakt, dass ich hier in Deutschland sein darf und hier sogar Fans habe, die bereit sind, ein Ticket zu kaufen und die Nacht auf meinem Konzert zu verbringen, ist total verrückt. Ich will einfach die Leute treffen, die meine Musik mögen und mich mit ihnen connecten. Das ist das Wertvollste an der ganzen Sache.

Wenn du nach draußen schaust und all deine Fans siehst – gewöhnst du dich daran, ein Star für sie zu sein?

Fletcher: Nein, ich finde es immer noch total verrückt. Manchmal komme ich zu meinen eigenen Konzerten und muss mich wieder daran erinnern, dass die Leute da draußen alle für mich da sind. Und dann ärgere ich mich, dass ich vergessen habe, mich richtig zu schminken. Und im Flugzeug sitze ich immer noch auf dem mittleren Sitz neben dem Klo. An meinem Leben ist also nichts allzu Glamouröses.

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Hättest du gerne ein glamouröses Leben?

Fletcher: Nein, so was ist mir egal. Mir geht es nur darum, Musik machen zu können. Aber die Musikindustrie ist ein wirklich verrückter Ort. Manchmal treffe ich Musiker, von denen ich eigentlich ein großer Fan bin, die nicht mehr in der Realität leben. Das finde ich richtig gruselig. Mir ist es wichtig, dass ich auf dem Boden bleibe und umgebe mich deswegen mit Leuten, die mich schon vor meinem Erfolgt kannten. Leute, die mich wegen Cari lieben, nicht wegen Fletcher.

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Nach dem Konzert geht das Mädchen mit den vielen Tattoos zu Fletcher. Die beiden umarmen sich. Nicht nur für die Sängerin ist heute ein Traum wahr geworden ...

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Quelle: Noizz.de