... und verrät welche Festivals besonders gut abschneiden.

Die Zeit der Festivals geht bis weit in den Herbst hinein. Regelmäßig gibt es Kritik an fehlender weiblicher Präsenz in der Zusammenstellung der Musik-Acts. Oft liest man von sexistischen Übergriffen. Nadia Shehadeh (39), Bloggerin und Journalistin, hat getestet, wie feministisch beziehungsweise wie sexistisch Rock- und Pop-Festivals sind.

Wie feministisch sind die großen Festivals wirklich? Die Journalistin Nadia Shehadeh hat es getestet Foto: Nadia Shehadeh

"Die Female Festival Taskforce", so nennen sich Nadia Shehadeh und ihre Mitstreiterinnen, hat nicht nur das Line-up, sondern auch die Toilettensituation, das Essen und das Merchandising unter die Lupe genommen. Die Aktion ist eine Gemeinschaftsinitiative von "Blogrebellen", "Mädchenmannschaft" und "Feminismus im Pott". Es wurden auch Umfragen unter Besucherinnen nach der Atmosphäre gemacht. Das Team wollte herausfinden: Wieviel Mackertum und sexistische Anmachen gab es auf den Festivals?

NOIZZ.de hat Nadia Shehadeh interviewt:

NOIZZ: Wie entstand die Idee, zu testen, wie feministisch, beziehungsweise wie sexistisch, Rock- und Popfestivals sind?

Nadia Shehadeh: Im Grunde ist die Idee aus der Notwendigkeit heraus entstanden, dass es besonders im musikjournalistischen Bereich hauptsächlich männliche Erzählungen gibt. Uns war es wichtig, als Frauen auf die Festivals zu gehen und unsere Perspektive einzubringen. Das Thema Sexismus ist nur ein Aspekt. Frauen interessieren viele andere Dinge, wie Hygiene, Toilettensituation und vielleicht auch mal praktische Beauty-Tipps. Außerdem geht es um grundsätzliche Fragen der gefühlten Sicherheit: Gibt es genug Ansprechpartner_innen vor Ort falls man etwas Unangenehmes erlebt? Wie ist die Situation auf Zeltplätzen? 

NOIZZ: Mit wie vielen Leuten sind Sie auf Festivals unterwegs?

Aktuell waren wir mit fünf Frauen und einem Kameramann auf dem Roskilde-Festival; zuvor zu zweit ohne offiziellen Auftrag unter anderem bei Rock im Park und auf dem Graspop in Belgien. 

Die "Female Festival Taskforce" im Einsatz bei einem Festival Foto: Nadia Shehadeh

NOIZZ: Wie viele Festivals haben Sie schon besucht?

In diesem Sommer werden wir auf circa sieben Festivals kommen.

NOIZZ: Melden Sie sich vorher an oder ermitteln Sie "undercover"?

Wir möchten hier transparent sein und gemeinsam mit den Festivals arbeiten und nicht gegen sie. Unsere Erkenntnisse können ein Mehrwert für ihre zukünftigen Planungen sein und sogar eine Tür für eine neue Gruppe von Menschen eröffnen.

Auf einigen Festivals waren wir ohne offiziellen Auftrag, haben aber unsere Erkenntnisse verbloggt. Das unterscheidet sich dann auch nicht von der Berichterstattung, die auch andere Medien vornehmen – wobei wir schon den feministischen Blick auf Festivals fokussieren. 

NOIZZ: Nach welchen Kriterien bewerten Sie ein Festival?

Wir bereiten uns auf jedes Festival verschieden vor. Sicherheitsaspekte, Infrastruktur und Logistik spielen hier eine Rolle. Zudem schauen wir uns das Line-up an, die Besucherzahlen, und wenn wir vor Ort sind auch das Stimmungsbild auf dem Infield. Zusätzlich natürlich Aspekte wie die Sanitär-Situation, das Angebot an diversen Verkaufsständen, die zusätzlichen Info-Stände die teilweise auf Festivals vorhanden sind.

NOIZZ: Welche Faktoren von Line-up bis hin zur Toilettensituation werden betrachtet?

Beim Line-up wäre ein 50:50-Booking natürlich ideal. Wir verstehen aber auch, wenn Festivalbetreiber sagen, dass sie die Acts buchen, die am meisten gefragt sind. Eine Quote um der Quote Willen ist schwierig. Aber dennoch müssen wir je nach Genre schauen, ob es für jeden männlichen Act, der mehr gebucht wurde, nicht einen gleichwertigen weiblichen gegeben hätte. 

Hygiene ist ein großes Thema. Gerade wenn Frauen ihre Menstruation auf einem Festival bekommen, kann das einfach sehr unangenehm sein, wenn kein fließendes Wasser oder funktionierenden Duschen vorhanden sind. Aber auch lange Schlangen an Frauenklos sind zu vermeiden, wenn es genug Ausweichmöglichkeiten geben würde. In Roskilde gab es zum Beispiel auch Urinale für Frauen – das wäre tatsächlich ein Good-Practice-Beispiel auch für andere Festivals. 

NOIZZ: Wie lautet Ihre Definition für "Mackertum"?

Wenn männliche Festival-Besucher viel Raum einnehmen ohne Rücksicht auf andere Besucher_innen. Außerdem die üblichen Festivalrituale wie: übermäßiger Alkoholkonsum, aggressives Verhalten im Moshpit, Catcalling. Tatsächlich haben wir festgestellt, dass je nach Zusammensetzung des Line-ups und des Publikums die Macker-Atmosphäre im Festival-Publikum zu- oder abnimmt. 

NOIZZ: Die Festival-Organisatoren wollten euch Unterlagen zur Verfügung stellen. Haben Sie das schon getan?

Aktuell sind wir für Roskilde in der Auswertungsphase und werden unsere Ergebnisse im Anschluss auch allgemein aufbereiten und als Handlungsempfehlung veröffentlichen.

NOIZZ: Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Besucher aus, mit denen Sie sprechen?

Wir haben auf unseren bisherigen Festival-Besuchen vor allem auf Camping-Plätzen mit Besucher_innen das Gespräch gesucht. Da wir qualitativ beobachten gibt es keine klassischen Fragebögen, die in Massen ausgeteilt werden. Zudem kann man sagen, dass es einen Unterschied macht ob wir konkret einen Auftrag haben und dann Zugang zu Backstage, Pressebereich etc. haben oder uns als normales Volk ins Festival begeben: Mit den Privilegien eines Auftrags kann es tatsächlich dazu kommen, eine sehr geschönte Brille zu tragen – zum Beispiel wenn man mit einem Media-Pass allerlei Benefits genießt und auch einen eigenen Camping-Bereich nutzt, der nicht beispielhaft ist für die Besucher_innen-Areas. Das ist uns schon klar und das reflektieren wir dann auch.

NOIZZ: Welche Erkenntnisse gab es für Sie?

In Roskilde fiel uns auf, dass das Gesamtkonzept, die Besucher_innen anzusprechen und zu einem sorgsamen Umgang miteinander anzuhalten, tatsächlich aufgeht. Auch das Einbinden von Volunteers und die Gestaltung des Geländes hatten Einfluss auf die Gesamtatmosphäre. Tatsächlich macht es einen Unterschied, ob in einem Festival-Programm auch mal Kunst oder Panels zu politischen Themen auf dem Plan stehen. Und es regt die Besucher_innen an, nicht nur im Rahmen der bekannten Festival-Faktoren "Wurst, Bier, Bühne" vor sich hinzuvegetieren. 

Andererseits haben wir festgestellt, dass insgesamt auch Festivals, die ein weniger Mainstream-orientiertes Publikum anziehen, insgesamt mit einer guten Atmosphäre und weniger rüpelhaften Mackern punkten. Wer als Fan ein Festival besucht, ist dort wegen der Musik und nicht, um sich tagelang besinnungslos volllaufen zu lassen. Unser Eindruck von vielen Metal-Festivals, die wir auch in den letzten Jahren privat besuchten, war insgesamt positiv – etwa vom Wacken oder Graspop.

NOIZZ: Welche ist das beste/das schlechteste Festival laut Ihrer Untersuchungen?

In diesem Jahr sind die Festivals mit verschiedenen Punkten positiv oder negativ aufgefallen, das heißt, es gibt eher verschiedene Aspekte, die man als "besonders schlecht" bezeichnen würde. Bei Rock im Park zum Beispiel war das Line-up hervorragend, leider jedoch größtenteils männlich dominiert. Auch das Publikum war in Teilen sehr anstrengend, auch, weil man die typischen Gestalten, die man sonst auf Junggesellen-Abschieden antrifft, dort zuhauf hatte. Auch organisatorisch lag einiges im Argen – etwa was die katastrophale Toilettensituation betrifft, was ja auch Thema in den Mainstream-Medien war. Unheimlich gute Festivalerlebnisse hatten wir aber auf dem Roskilde, auf dem Graspop und im letzten Jahr beim Rolling Stone Park. 

NOIZZ: Was raten Sie Frauen, die ein Festival besuchen wollen?

Sie sollten sich gut vorbereiten, vorab über die Infrastruktur erkundigen. Eventuell kann es auch eine Hilfe sein, zu schauen, wie der Veranstalter zu Themen wie Sexismus, Rassismus etc. steht und welche Präventionen hier getroffen werden. Und natürlich steht und fällt vieles mit dem Line-Up, da das auch darüber mitentscheidet, wer vom Festival angezogen wird.

Quelle: Noizz.de