DJ Felix Jaehn arbeitet auf Hochtouren an seinem neuen Album. Wir haben mit ihm über seine Musik aber auch über Schattenseiten und seine Queerness gesprochen.

Ist gar nicht so einfach Felix Jaehn zu beschreiben, ohne dabei erst mal seine ganzen Erfolge aufzuzählen. Ist halt auch ein ziemlicher Überflieger, der Felix: Platin-Schallplatten, US Nummer-1-Hits und unzählige gefüllte Hallen – alles beeindruckend! Gibt dabei aber einen Haken: All diese Errungenschaften sind am Ende doch nur recht nüchterne Bilanzen.

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Ein vollständiges Bild des Künstlers zeichnen sie jedenfalls nicht. Dem kann man aber beikommen, wenn man sich mit dem gebürtigen Hamburger auf eine Runde Skypen trifft. Da treten die ganzen Zahlen und Superlative nämlich ziemlich schnell in den Hintergrund und man quatscht ganz unprätentiös mit jemandem, der strahlend von seinem frisch ausgesäten Wildblumenbeet erzählt und im nächsten Moment auch deepe Themen anspricht, selbstreflektiert und -kritisch daher kommt.

Würde man von einem Hit-DJ, den man zu allererst mit Party und guter Laune verbindet, vielleicht jetzt nicht erwarten. Und mit genau dieser Annahme verrät man sich selbst: Es ist ziemlich oberflächlich, zu glauben, Felix Jaehn hätte nur seine glänzende Superstar-Seite. Er hat was zu sagen – und genau das wollen wir euch nicht vorenthalten. Hier ist unser Gespräch mit Felix Jaehn über Ausbrüche, Queerness und seine dunkle Seite.

NOIZZ: Du hattest dich ja kurz vor der Krise gerade erst für zwei Monate zurückgezogen – ist das jetzt im Nachhinein Segen oder Fluch?

Felix Jaehn: Ein bisschen von beidem, ich hatte mir eigentlich gerade vorgenommen, ein bisschen Musikhauptstadt-Hopping zu machen und hatte mich natürlich auch auf den Festivalsommer gefreut. Da habe ich dann schon ein bis zwei Wochen gebraucht, um die aktuelle Situation zu akzeptieren und umzuschalten. Ich habe aber einfach das Beste draus gemacht, wie ich das immer versuche. Jetzt ist es für mich wie ein verlängerter Heimaturlaub – so lange zu Hause war ich schon seit 2014 nicht mehr.

Felix Jaehn kann auch super mit blonden Haaren in die Kamera schauen.

NOIZZ: In deinem Statement vor deiner Pause sagtest du, du möchtest einfach für einen Moment leben, was du für dich mit Frei-Sein gleichsetzt. Inwiefern hat sich deine Pause auf diese Sichtweise ausgewirkt?

Felix: Der Urlaub hat mich auf jeden Fall verändert. Ich war zum Ende hin noch für zwei Wochen in einem buddhistischen Kloster in Südfrankreich auf einem Mindfulness Retreat. Da habe ich mich so gut und so frei wie noch nie in meinem ganzen Leben gefühlt. Das war ein unbeschreibliches Lebensgefühl, das ich jetzt mit in den Alltag nehme.

NOIZZ: Du sagst in deinem Song "Sicko", dass wir alle einen Sicko, also eine dunkle Seite in uns haben. Beziehst du dich da auch auf diese unfreien Anteile in dir, die du gerade angesprochen hast?

Felix: Ein Stück weit schon. In "Sicko" geht es um verschiedene Sachen: Es geht um genau die Charakterzüge, die ich für mich als negativ ansehe – Gier, das Streben nach Erfolg, das Suchen von Glück im Konsum und so weiter. Das war eine Phase in meinem Leben, die auch sicherlich mal wieder kommt. Ich hatte mit 19 meinen Durchbruch und war immer diszipliniert: Auf Tour gab's keinen Alkohol, ich habe die Shows gespielt, bin danach brav wieder ins Hotelzimmer, hab weitergearbeitet. Irgendwann war ich mal an dem Punkt, an dem ich dachte: Ich hatte keine Jugend, kein Studentenleben – ich will auch einfach mal ausbrechen.

Ich hab dann aber ziemlich schnell gemerkt, dass das mein Glück überhaupt nicht beeinflusst. Darum geht es ein bisschen in Sicko: Über die Stränge schlagen, aber aus einem traurigen Ursprung, nämlich einem Verlangen, einer Sehnsucht nach Glück und das in den, meiner Meinung nach, falschen Dingen zu suchen. Und eine andere Perspektive ist aber auch ganz klar – und das zieht sich bei mir durch viele Songs durch – ein Gefühl der Einsamkeit. Es geht um das Gefühl, dass an der Oberfläche alles nice und cool ist und die Leute haben Bock auf einen, aber sich unter der Haut auch ganz schön viel Dunkles und auch Trauriges verbirgt. Deswegen gibt es da auch die Bedeutung: Ok, sie sind auch alle ganz schnell wieder weg, wenn sie erstmal checken, was wirklich los ist.

Interviews in Zeiten von Corona: Via Skype sprachen wir mit Felix Jaehn. Dieser saß währenddessen in seinem Home-Studio, wo er derzeit an seinem Album arbeitet.

NOIZZ: Wenn man dich in Interviews oder in der Interaktion mit Fans auf Social Media sieht, würde man eher weniger mit einer "dunklen Seite" bei dir rechnen, eher das absolute Gegenteil. Wie war es also für dich diesen Song mit so Zeilen wie "you can’t take me on a daily" zu veröffentlichen, insbesondere gepaart mit Musik, die ja oft auch eher in einem Partykontext stattfindet?

Felix Jaehn: Das ist ein befreiendes Gefühl, aber ja auch ein Prozess, der schon länger andauert. Heute geht es mir zum Glück wieder gut. Ich bin positiv und entspannt und auf allen Ebenen happy. Das neue Album erzählt also auch von einer Reise von meinen traurigeren Tagen bis heute. Ich habe ja irgendwann auch die Entscheidung getroffen, dass ich alle Texte mitschreiben möchte. Obwohl ich DJ und Produzent bin und es viel um den Sound und die Clubvibes geht, hatte ich einfach Bock, meine Reichweite zu nutzen und mich noch mehr zu verwirklichen und auszuprobieren – meine Geschichte zu erzählen, mit Inhalten, die mir wichtig sind.

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NOIZZ: Du befindest dich ja derzeit wieder im Studio und überarbeitest dein kommendes Album noch einmal. Was gab es deiner Meinung nach zu ändern an der Platte und welche Rolle hat Corona dabei gespielt?

Felix: Corona hat ein bisschen eine Rolle gespielt. Hauptsächlich war der Switch schon im Urlaub angesiedelt, dadurch, dass ich mich nach dem Break einfach wie ein neuer Mensch gefühlt habe, ein ganz anderes Mindset hatte. Deswegen hat das Album nochmal eine Kurve genommen. Dank Corona habe ich mir die Frage gestellt: Was möchte ich jetzt als Künstler für ein Signal senden in dieser Zeit? Klar engagiere ich mich, kann Charities unterstützen und so weiter, aber im Endeffekt kann ich als Künstler über meine Musik Freude bereiten, Hoffnung spenden, ein Gefühl von Gemeinschaft verbreiten.

NOIZZ: Du hast gerade davon geredet, dass du mit 19 deinen Werdegang von null auf hundert gestartet hast und seit dem enorm viel gearbeitet hast. Wir haben uns im letzten Jahr mit Singer Songwriter Leland genau über diese Themen unterhalten ...

Felix: Nice, ja mit dem hab ich 2018 schon an meinem ersten Album geschrieben und jetzt 2020 auch gerade wieder!

NOIZZ: Er nannte im Bezug auf dieses Themenfeld noch einen ganz anderen Aspekt und zwar, dass er bei sich und seinen queeren Freund*innen immer beobachtet, dass man als queerer Mensch oft versucht, diesen vermeintlichen Makel dadurch auszubessern, dass man ganz besonders viel und hart arbeitet. Wie siehst du das, ist das eine Taktik, die du bei dir selbst auch entdeckt hast?

Felix: In der Anfangszeit, in der ich noch nicht öffentlich gemacht habe, dass ich bisexuell bin, war das auf jeden Fall ein großer Stressfaktor, weil ich immer einen Teil von mir versteckt habe. In allen Interviewsituationen, die sich um das Privatleben gedreht haben, habe ich mir im Hinterkopf überlegt: Wie komme ich jetzt aus der Nummer raus? Was antworte ich jetzt, ohne dass die was vermuten, ohne dass ich was erzähle? Das ist ein unglaublicher Stress, den ich mir unnötigerweise selbst gemacht habe. Zu der Zeit war es die Reaktion, die mich vielleicht auch davor geschützt hat, dass es zu viel auf einmal ist.

Es ist schon ziemlich viel, in der Öffentlichkeit zu stehen. Das war einfach total viel Neues, worauf ich erstmal klarkommen musste. Im Privaten war es auf jeden Fall auch ein Thema – dadurch, dass ich es, bevor ich bekannt wurde, auch schon Freunden und Familie erzählt hatte. Es war aber während der Schulzeit lange ein Geheimnis, was ich mit nur wenigen geteilt habe. Ich glaube schon, dass mic das auch verändert hat, wie ich in Begegnungen reingehe, wie ich mich emotional öffne oder verschließe – und dass ich dadurch auch oft Signale und Liebe, die auf mich zugeflogen sind, gar nicht als solche empfunden habe, mich eher isoliert und verschlossen habe im Herzen. Das war auf jeden Fall etwas, das mich sehr geprägt hat.

NOIZZ: Danke, dass du darüber so offen sprichst. Das ist sicherlich eine Sache, mit der sich viele identifizieren können und es ist immer hilfreich, wenn Leute in der Öffentlichkeit sind, die so etwas teilen. Schaut man sich jetzt das neue "Sicko"-Musikvideo an, tanzen da ja nicht nur leicht bekleidete Frauen, sondern eben auch leicht bekleidete Männer. War das eine der Freiheiten, die du durch dein Outing auch auf künstlerischer Ebene gewonnen?

Felix: Auf jeden Fall, das war eine riesengroße Entscheidung. Ich hatte in der Vergangenheit nie Stripper oder leicht bekleidete Menschen in meinen Musikvideos. Wir haben uns bewusst entschieden, diese Facette für "Sicko" aufzumachen, weil es auch zum Song und zum Vibe gepasst hat. Als dann von dem Director die Idee einer Stripperin kam war sofort mein erstes Feedback: "Von mir aus, aber dann muss es auch einen Stripper geben" – das wird in meinem Video nicht stattfinden, dass da nur eine Frau tanzt. Das war auf jeden Fall eine sehr bewusst Entscheidung!

Text: Jonas Gödde

Quelle: Noizz.de