Farin Urlaub hat das neue Album „Berliner Schule“ veröffentlicht.

Na ja, neu ist relativ: Bei „Berliner Schule“ handelt es sich um Demoaufnahmen, die der Gitarrist der Punkrock-Band „Die Ärzte“ in den vergangenen 33 Jahren gesammelt, aber eben nicht veröffentlicht hat. Sie seien „einfach zu schlecht“ gewesen, wie Farin Urlaub heute zugibt. Deswegen warnt der blonde Riese auch: „Es sind schlechte Lieder, die zudem noch lausig klingen!“ Ohnehin würden nur Hardcore-Fans zuschlagen.

Naja, nicht ganz: Immerhin liegt das Album jetzt schon in Trendcharts auf Platz 5 und ist damit schon wieder Mainstream. Trotzdem: Ich wäre der optimale Kandidat. Früher besaß ich jedes „Die Ärzte“-Album, jede Single, mehrere T-Shirts und war auf unzähligen Konzerten.

Ich will wissen, ob mich die Musik meiner damaligen Lieblingsband und der erfolgreichsten deutschen Band aller Zeiten immer noch so fasziniert.

Ziemlich viele Tracks sind schrott

Auf dem Longplayer sind 28 Titel, chronologisch sortiert, beginnend mit “Turmstraße“ (1984) und endend mit „Antimattergun" (2013). Zum Großteil schrieb er sie für „Die Ärzte“, später auch für sein Soloprojekt das „Farin Urlaub Racing Team“.

Tja, leider hatte Farin Urlaub tatsächlich recht. Abgesehen von ein paar schönen Melodien, ganz netten Reimen und interessanten Texten, findet sich auf der Scheibe viel, viel Ramsch. Allen voraus „Power of Blöd“, das zwar anfangs ganz witzig ist, mit der Zeit aber immer anstrengender wird. Die Reime sind anscheinend bewusst blöd und die Melodie ist schlichtweg banal, austauschbar.

Ein Vorgeschmack gefällig? „Sagt das Gnu zum Hund: „... und?“/ Sagt der Hecht zum Wal: „Du, ich könnte gleich nochmal!“ Äh, ja. Völlig unnötig.

„Abzweig Leipzig“ (1984) gehört dieselbe Kategorie. Ziemlich fader Text – Farin Urlaub auf der DDR-Transitstrecke in Richtung München – dudelige Melodie. Der Text von „Bist du dabei?“ (ca. 2001 ist leider völlig belanglos ist und von einer ungenannten, anderen Band zurecht abgelehnt worden. Auch unterer Durchschnitt: „Hier sind die Ärzte“ (2007), ein weiterer „Wir sind die besten“-Song.

Die gute Seite

Doch es gibt auch gelungene Stücke. Zum Beispiel „Ich bin ein...“ (1986), in dem es – ohne das Wort einmal zu singen – um Werwölfe geht. Wortgewandt! Auch „Bier in mir“ (2007) besticht durch eine eingängige Melodie und einen witzigen Text. Leider veröffentlichten „Die Ärzte“ vorher bereits das Lied „Saufen“, was ganz einfach besser ist und zu jedem Besoffski-Abend dazu gehört.

In „Antimattergun" (2013) versteckt sich widerum die großartige Zeile „Ich bin umgeben von Idioten“. Kommt es euch bekannt vor? Kein Wunder. Denn exakt diesselbe Zeile wurde im späteren, wesentlich besseren Song „iDisco“ verarbeitet.

Überzeugen konnten mich immerhin die unterhaltsamen Lieder „Bestimmt...!“, dank dem irren Größenwahn („Heute Abend geh ich mal wieder raus / ich hoffe, dass ich nicht zuviele Frauen treffe, die ziehen sich ständig aus“), das wirklich gute „Lieblingslied“ (2008) oder auch das textlich sehr konfuse „Bitte lasst mich schlafen“ (1994).

Erstaunlich ist auch die hohe Qualität der Aufnahmen, die von Jahr zu Jahr und Song zu Song besser wird. Der Technik sei Dank!

Fazit

Ich bin mir sicher: Vor Jahren hätte ich dieses Demo-Album gefeiert. Es macht die Geschichte der Band runder, gibt Einblicke in längst vergessene Zeiten und enthält Perlen, die es auf irgendein Album hätten schaffen müssen.

Außerdem zeigen Lieder wie „Antimattergun“, „Ich bin allein“ oder auch „Intro“ wegweisend, wohin die Reise nach den Demos ging. Melodische Teile und sogar Textpassagen wurden in anderen Liedern weiterverarbeitet – meistens wesentlich schöner.

Gerade im Vergleich zum letzten Album „auch“ ist diese CD aber gelungen. Sie zeigt, welches Potenzial „Die Ärzte“ mal hatten und nutzten. Leider halten sich gute und schlechte Songs hier ziemlich die Waage. Man muss betonen: Es sind wirklich nur Demos! Aber auch wenn mir die Platte ganz gut gefällt, reicht es nicht zu einem Comeback auf meiner Playlist. Die Reise in die Vergangenheit hat mir vor allem gezeigt, dass die Musik meiner Jugendhelden einfach nicht mehr richtig mitreißt.

Ich bin wohl zu alt, zu abgestumpft, zu penibel. Und so muss ich am Ende Farin Urlaub zustimmen: Dieses Album ist wirklich nur etwas für Hardcore-Fans, die alles besitzen müssen und die Band bis in jedes Detail verstehen wollen. Sie werden mit Sicherheit auch Spaß an der Platte haben.

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Quelle: Noizz.de