Ein non-binärer Clown, der Goth-Melodien in einem muslimischen Land singt – so etwa könnte man das Konzept beschreiben, das hinter ELZ and the Cult steht. Wir haben mit dem türkischen Dark-Wave-Gothic-Pop-Act über die Drag-Szene in Istanbul, Religion, Queerness und Freakkultur gesprochen.

Es ist nicht einfach, anders zu sein – vor allem nicht, wenn man aus einem Land kommt, in dem Andersartigkeit vom Großteil der Gesellschaft abgelehnt wird. Was also tun? Entweder, man unterdrückt die eigene Identität oder man stilisiert die Andersartigkeit zur Kunstform. Genau das machten ELZ and the CULT: Mit Bühnenkostümen aus Lack und Leder, High Heels und einem Bühnen-Make-up irgendwo zwischen Kiss und Bowie mischen sie die Musikszene in Istanbul auf. Goth trifft auf Pop, Dark Wave und New Wave.

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Während ihr 2018 erschienenes Debütalbum "Psychodrama" melodramatische Töne anschlug, ist das neu erschienene Album "Bloodine" eklektischer: Düstere Melodien, starke Songtexte, tanzbare Beats– Band Lead ELZ beschreibt die eigene Musik als "Ein bisschen wie Marylin Manson mit Techno-Background." Eigentlich wäre das Trio in den vergangenen Wochen auf seiner ersten Europa-Tour unterwegs gewesen. Doch die Corona-Pandemie machte diese Pläne zunichte, schon nach dem ersten Auftritt in Hamburg wurde die Tournee abgesagt. Wir trafen Elz daraufhin in Berlin – um uns über die Drag-Szene in Istanbul, Queerness in einem muslimischen Land, Underground-Kultur und Club Kids zu unterhalten.

NOIZZ: Elz, euer neues Album "Bloodline" klingt viel härter, als das erste Album – was hat sich geändert?

Elz: Ich wollte immer die Musik machen, die wir jetzt machen. Aber ich glaube, wir waren einfach in einer melodramatischen Stimmung, als wir unser erstes Album gemacht haben. Wir waren neu in der Szene. Dann sind wir aufgetreten, haben andere Bands und Labels getroffen – und sind auf superviele Probleme gestoßen. Das hat uns wütend gemacht. Dieses Album katalysiert diesen Frust, diesen Ärger. Die Message ist direkter, strikter – und dadurch ist auch der Sound experimenteller und härter.

Cover des neuen ELZ and the CULT Albums "Bloodline"

Ein non-binärer Popstar, der Goth-Melodien in einem muslimischen Land singt

Was hat euch so verärgert?

Elz: In der türkischen Musikszene gibt es wenig Bühnencharaktere. Aber wir spielen mit der Inszenierung, mit Outfits, Make-up – und mit Gender. Mit ELZ wollte ich einen non-binären Charakter schaffen, mit einer gewissen Extravaganz auftreten. In der Goth-Szene werden zwar auch Kostüme und Make-up getragen, aber trotzdem: Zu extravagant zu sein, ist ein Tabu. Du musst dunkel sein, auf dem Boden geblieben. Mich inspiriert die Goth-Szene, aber ich wollte etwas anderes, Neues kreieren. Mit High Heels und glamourösem Make-up … ELZ, der wie ein Popstar aussieht, singt Goth-Melodien.

Als ich das das erste Mal gemacht habe, war es einfach nur furchtbar. Niemand in Istanbul hat es verstanden. Die ersten Monate hatten wir ein Publikum von vielleicht fünf Leuten. Uns wurde gesagt, dass unserer Musik etwas fehlen würde – dass wir versuchen würden, uns hinter unserer Performance zu verstecken. Die Clubs haben nicht respektiert, dass wir einen Backstage-Bereich brauchen. Sie meinten immer, ich sei eine Diva. Aber das stimmt nicht. Du weißt doch auch, worauf du dich einlässt, wenn du The Cure oder Marylin Manson buchst. Aber diese "Disziplin" das konzeptionelle Performen, das gibt es in der türkischen Musikkultur nicht. Es hat lange gedauert, bis die Leute begriffen haben, dass ELZ and the CULT konzeptionell ist. Und das ist nicht das Einzige – auch unser religiöser Hintergrund hat uns sauer gemacht. Wir leben in einem muslimischen Land. Wir alle haben religiöse Eltern.

Manchmal bin ich nach einer Show absichtlich mit meinen High Heels, meinem Kostüm und meinem Make-up durch die Straßen von Istanbul gelaufen. Anstatt ein Taxi zu nehmen, bin ich zu Fuß gegangen, weil ich die Blicke sehen wollte.

Du konfrontierst die Leute – das ist mutig.

Elz: Ja, aber es war supergefährlich. Unser Album thematisiert auch den Ärger, den man spürt, wenn man das Gefühl hat, nicht zu einem Gender zu gehören, einer Sexualität, die Antwort darauf nicht zu wissen und niemand zu haben, der darüber mit dir spricht oder dich unterstützt.

Lass uns über Istanbul sprechen. Hast du mal darüber nachgedacht, wegzuziehen? An einen liberaleren Ort?

Elz: Ich habe überlegt, nach London zu ziehen. Ich liebe es, wie London die ganze Freakkultur akzeptiert. Künstler wie Fecal Matter kommen aus dieser Londoner Undergroundkultur, ich fühle mich dem sehr verbunden. Ich liebe es, wie ein Freak auszusehen, unmenschlich, wie ein Charakter.

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Wer sind deine Ikonen?

Elz: David Bowie, Madonna. Bewegungen wie die Blitz Kids mit Steve Strange in UK, die New Yorker Club Kids, die Anti-Fashion-Bewegung rund um Martin Margiela, Alexander McQueen und Vivien Westwood. Diese drei Bewegungen sprechen mich wirklich an. Vor allem die Club Kids – und natürlich Drag!

Drag Queens in Burkas – und eine Generation mit Lust auf Neubeginn

Gibt es denn ein große Drag-Szene in Istanbul?

Elz: Istanbul hat eine riesige Drag-Szene! Es ist wirklich überraschend, wie populär Drag dort gerade ist – Tickets für die Shows kosten um die Hundert Euro. Es ist immer supervoll. Ich glaube, die Medien und Sendungen wie "Pose" haben viel dazu beigetragen, dass die Ballszene gerade Mainstream wird. In Istanbul sieht man Drag Queens mit 20 Zentimeter hohen High Heels und Burka.

Eine spielerische Szene, die es aber durch den religiösen Hintergrund des Landes schwer hat?

Elz: Sehr schwer. Weil so viele Menschen noch sehr engstirnig sind. Du musst dir vorstellen, dass die Community in der ich, wir, als Band, aber auch Drag sich bewegt, eine sehr geschlossene Community ist.

Gibt es spezielle Orte in Istanbul, die euch als Safe Spaces dienen?

Elz: Taksim ist unser Viertel – das ist der Ort, an den es alle zieht, die anders sind und "out oft he box" denken. Das ist unser Safe Space. Wenn du nach Taksim gehst, hast du eine lange Straße, voll von Shops und Bars. Vom Anfang bis zum Ende der Straße siehst du Freaks, Drag Queens, Gestalten wie mich (lacht). Viele interessante und talentierte Menschen.

Fühlst du dich dort sicher?

Elz: Das tue ich. Obwohl, lass es mich anders formulieren: Ich fühle mich nicht unbedingt sicher, aber wir sind es so gewohnt, uns nicht sicher zu fühlen, dass wir gelernt haben, damit umzugehen. Wir wissen, wie wir reagieren müssen, wenn uns jemand belästigt, uns etwas hinterherruft, uns vielleicht sogar etwas antun möchte. Wir wissen mittlerweile, wie wir uns verhalten müssen. Ich fühle mich sicher, wenn ich mit meinen Freunden und anderen kreativen Menschen unterwegs bin. Aber manchmal fühlt es sich dann auch wieder etwas weniger sicher an, klar.

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Hast du das Gefühl, dass sich die türkische Gesellschaft ändert?

Elz: Definitiv. Ich wurde 1995 geboren. Man muss zwischen meiner Generationen und der, die danach kommt, unterscheiden. Die Generation, die um die 2000er geboren wurde, hat ein ganz anderes Kaliber. Sie sind großartig.

Ja, sie verändern so viel – überall auf der Welt!

Elz: Ganz ehrlich: Diese junge, mutige Generation hat die Drag-Szene in Istanbul erst zum Leben erweckt. Die ganzen alten Künstler wurden davon verdrängt – weil sie nicht offen für Veränderung, für Neues waren. Sie dachten, es sei dumm, sich so anzuziehen, so zu performen. Das waren alles gute Künstler, aber sie wollten einfach nur gute Musik machen – nicht mehr, nicht weniger. Sie haben nicht verstanden, dass man seine Musik konzeptualisieren will – es erschien ihnen unnötig. Aber jemand, der in den frühen 2000ern geboren wurde, ist mit Social Media aufgewachsen. Dort sehen sie Leute, wie das Künstlerduo Fecal Matter – da sehen sie, dass man anders sein kann, darf.

Bist du eigentlich in Istanbul geboren?

Elz: Ja, geboren und aufgewachsen. Als Kind habe ich für ein paar Jahren in einem kleinen Dorf gewohnt, aber als ich acht Jahre alt war, sind wir zurück nach Istanbul gezogen, das ist meine Heimatstadt.

Und du hast gesagt, dass deine Familie, im Gegensatz zu dir, sehr religiös ist?

Elz: Meine Mum und mein Dad nicht, aber meine Großfamilie – meine Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins, Großeltern … sie sind alle religiös und sehr konservativ.

Wie reagieren sie auf deine Musik, deine Kunst?

Elz: Darauf habe ich ehrlich gesagt keine Antwort. Wir sehen uns nie, wir reden nicht, wir haben keine enge Beziehung. Aber ich frage mich oft, was bei einem Familientreffen passieren würde. Was würden sie mich fragen, was würde ich ihnen antworten, wie würden sie reagieren? Ich habe keine Ahnung. Sie nutzen kein Social Media, deswegen können sie nicht genau verfolgen, was ich mache. Aber ich habe gehört, dass meine Familie meine Musikvideos schaut. Ich weiß nicht, wie sie es finden, ich habe nie gefragt. Vielleicht ist das ein Coping-Mechanism, eine Bewältigungsstrategie, für mich: Ich baue eine Mauer zwischen mir und den Personen auf, von denen ich denke, dass sie es nicht verstehen werden. Von denen ich glaube, dass sie mich verurteilen könnten. Das mache ich nicht bei Leuten, die ich treffe, aber bei der Familie ist es anders. Du wächst mit ihnen auf, du kannst erahnen, wie die Reaktion sein wird. Deswegen habe ich meine Mauer zwischen mir und meiner Familie errichtet. Aber ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mum und meinem Dad. Sie lieben das Konzept von ELZ and the CULT. Meine Mutter gibt mir ihr ganzes Make-up, mein Vater hilft mir mit meinen Kostümen.

Über weinende Clowns, religiöse Kulte und andere Schurken

Das ist wunderbar! Lass uns über dein Make-Up reden. Hast du für ELZ und the CULT angefangen, dich zu schminken oder hast du dich schon davor dafür interessiert?

Elz: Ich war davor schon sehr daran interessiert. Schon in der Grundschule habe ich mit dem Make-up meiner Mum gespielt, in der High School habe ich mich geschminkt, den klassischen Goth-Eyliner, dunkler Lippenstift. Aber mit der Zeit habe ich immer mehr Spaß daran gefunden, Charaktere zu kreieren. Mich haben Schurken und Bösewichte immer sehr fasziniert. Cruella de Vil, Ursula, das Team Rocket von Pokémon, die habe ich geliebt. Ich habe mir sogar ihr Kostüm nachschneidern lassen. Ich habe immer Schurken gezeichnet und irgendwann angefangen, mir Make-up zu kaufen und mit maskenartigem Schminken zu experimentieren. Eine Art Drag. Was wir tun, ist eh sehr ähnlich zu Drag – weil wir sehr von der Kunstform inspiriert sind.

Du sagst, ELZ sei eine Art Clown. Warum verwandelst du dich in einen Clown?

Elz: Warum der Clown? Ich habe keine Angst vor Clowns, aber der Clown als Symbol, als Metapher, ist eine komplexe Figur. Sein Job ist es, dich zum Lachen zu bringen. Er ist im Zirkus, um zu unterhalten. Das muss so schwierig sein. In diesem Kostüm zu stecken, das Gesicht hinter einer dicken Schicht Schminke – und die ganze Zeit glücklich sein zu müssen. Ich frage mich immer, was ihnen dabei durch den Kopf geht. Wie ihr Alltag aussieht. Was passiert, wenn sie das Make-up abwischen. Sie müssen lachen, Ballons aufblasen, Kinder bespaßen, das ist creepy. Das Konzept fasziniert mich.

Einen Clown weinen sehen, das ist ein Oxymoron. Ein trauriger Clown sollte nicht existieren – obwohl der Mensch dahinter natürlich Emotionen hat.

Das Album "Bloodline" handelt von ELZ, dem Schurkenclown: Du wirst uns hassen, wir reden in diesem Album über alles, das destruktiv, eklig, abstoßend und wütend macht. Aber wir sind wie ihr. Wir sind euer Spiegelbild. Ihr habt uns erschaffen, wir erschaffen euch, ihr werdet euch selbst auf der Bühne wiedererkennen. Deswegen der Name: "Bloodline".

Das ist powerful.

Elz: Ich bin der Bösewicht, aber du, ihr, die, diese Welt und dieses System erschaffen habt, ihr habt mich dazu gemacht. Ich bin ein Clown auf der Bühne, ich werde euch unterhalten, aber als Schurke.

Wie ist ELZ and the CULT entstanden?

Elz: Unsere Band hat als Solo-Projekt angefangen. Ich, als ELZ. Aber ich wollte immer mit einem Team zusammenarbeiten. Als ich die richtigen Leute gefunden habe, ging das endlich. Unser Name kommentiert Religion und Glaube. Und die Hype-Mentalität der Welt – vor allem aber der türkischen Bevölkerung: Wie Schafe wird einem Führer gefolgt oder einer Religion angehangen. Wenn man sich das Wort "Kult" anschaut, beschreibt es eigentlich nur eine Gruppe Menschen, die an das Gleiche glauben. Es muss nichts Religiöses sein – du kannst auch einen Lederjacken-Kult betreiben. Wir sind ein Kult, der an keinen Kult glaubt. Wir sind ein Kollektiv, das an nichts glaubt – das macht uns zum Kult. Denn das an das wir glauben, ist das Nicht-Glauben. Es ist eine Spielerei.

Alles, was du tust, scheint eine Spielerei zu sein. Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen?

Elz: Ich bin in einem sehr musikalischen Haushalt aufgewachsen. Mein Vater hat immer selbst musiziert, meine Mutter sammelt Kassetten und Vinyl. In unserem Haus wurde also immer Musik gespielt, ich war davon von klein auf umgeben. Bevor ich Musik gemacht habe, habe ich Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben, vor ungefähr fünf Jahren habe ich mir dann einen Synthesizer gekauft und kurz darauf angefangen, meine darauf entstandenen Melodien mit meinen Gedichten zu verknüpfen.

Warum schreibst du deine Songs auf Englisch, nicht auf Türkisch?

Elz: Zum einen will ich mit unserer Musik so viele Menschen wie möglich erreichen. Zum anderen will ich nicht auf meiner Muttersprache singen, denn ELZ ist ein Charakter – und dieses Wesen bin nicht ich, es sollte seine eigene Sprache haben. Ich habe es anfangs mit Türkisch versucht – aber es hat sich zu persönlich angefühlt. Es ist mir schwer gefallen, etwas Neues zu kreieren, während ich durch meine Sprache, mein eigenes Päckchen mit einbringe.

Das heißt, die englische Sprache hilft dir, Distanz zu wahren – kreativen Freiraum zu erschaffen.

Elz: Genau, Englisch gibt mir die Freiheit, mehr zu sein, als ich selbst. Und wie gesagt, mir ist es wichtig, dass unsere Botschaft von so vielen wie möglich gehört wird.

Was ist deine übergeordnete Vision für ELZ and the CULT?

Elz: Meine Vision ist es, einflussreich zu sein. Das ist ein Klischee, aber naja, eigentlich geht es mir nicht ums Berühmt sein. Klar, schlimm fände ich es nicht, wenn wir eine bekannte Band werden würden (lacht). Aber meine Vision ist eher, in einer Nische eine Inspiration für andere zu sein. Einflussreich für die zu sein, die ähnlich empfinden, wie wir. Das möchte ich erreichen. Meine Vision ist aber auch, immer Neues zu schaffen. Ich will Leute schockieren. Das macht Spaß.

Das neue Album von ELZ and the CULT, "Bloodline" ist am 22. Mai 2020 erschienen.

Quelle: Noizz.de