Die Sängerin konnte in den letzten Jahren keinen Hit landen.

Das weiße T-Shirt spannt an meinem Bauch. Dafür gibt es zwei Gründe: auf meine 1,40 Meter kommen knapp 60 Kilogramm Körpermasse. Ich bin neun Jahre alt und ziemlich dick. Der andere ist, dass mein T-Shirt ein Girlie-Shirt ist. Darauf prangt das Gesicht von Jeanette Biedermann. Ein Fan-Shirt, das ich bei ihrem Konzert in Bielefeld gekauft habe. Für Jungs gab es keine Shirts, also griff ich zur Girlie-Variante. Sitzt, tailliert geschnitten, zu eng. War mir egal, Papa zahlte.

Wir schreiben das Jahr 2003. Jeanette ist populär und dominiert mit Yvonne Catterfeld und Sarah Connor die Charts.

Bei ihrem Konzert kann ich alle Texte mitsingen. "You're such a wild guy, absolutely not shy", gröhle ich bei "Rock my life" mit, während mich erwachsene Konzertbesucher mit einem Lächeln beobachten. Auf "Don't treat me badly" geht es ebenfalls um Sex. "You gotta turn me on, Don't treat me badly, And this could be your night", stöhnt Jeanette ins Mikro. Das Publikum applaudiert. Ihr Album "Rock my life" wird mit Gold ausgezeichnet. Der Nachfolger "Break on through" sogar mit Platin. Jeanette ist auf dem Zenit ihrer Karriere angekommen.

Tage später sitze ich im Kunstunterricht. Die anderen Kinder kommen zu mir. "Du stehst auf Jeanette?", fragen sie und finden das gänzlich komisch. Die anderen Jungs hören Sido oder vielleicht Bushido, die zurzeit Newcomer sind. Mit Jeanette bin ich der Einzige. Nur ein paar Mädchen aus der Oberstufe finden Jeanette ebenfalls gut. Ist mir aber alles egal. Jeanette ist für mich die Größte.

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Als ich ein Kind war, galt die gebürtige Berlinerin jahrelang als deutsche Britney Spears. Ihre Looks, ihr Sound, ihr Image erinnerten sehr an das des amerikanischen Vorbildes. 2002 wurde ihr Sound rockiger. Mit "Rockin' on heaven's floor" läutete das ehemalige "Schnuckelchen" 2003 die letzte Ära ein, in der sie erfolgreich war. Sie klang wie Kelly Clarkson oder Avril Lavigne. Kooperationen mit "Sims" schwemmten Geld in die Kasse. Jeanette wurde mit Preisen wie dem Bravo Otto, dem Echo und der 1-Live-Krone ausgezeichnet. Nach ihrem Weihnachtsalbum "Merry Christmas" machte Jeany, wie sie privat genannt wird, eine Pause.

Es folgten die musikalischen Identitätskrisen im Jahr 2006 ("Naked Truth") und ein an Lady Gaga angelehntes Elektro-Pop-Album ("Undress to the Beat", 2009), das in der Telenovela "Anna und die Liebe" beworben wurde. So ganz abgekauft hat Jeanette keiner, dass sie jetzt lieber wie Kylie und nicht mehr wie Avril oder Kelly klingen wollte.

Und nun willkommen im Jahr 2019. Jeanette startet ihr Comeback mit einer wichtigen Nachricht: Ihre Band löst sich auf.

Warte, Moment mal. BAND?! Ungefähr so lässt sich die Reaktion meiner Kollegin Silvia beschreiben, die bei NOIZZ für Musikthemen zuständig ist. Von Ewig, wie Jeanettes Band hieß und mit der sie zwei Alben veröffentlicht hat, hat Silvia noch nie etwas gehört. Ich frage mich also: Wo muss man falsch abbiegen, um dermaßen abzutauchen? Denn egal wen ich frage, niemand kennt Jeanettes Band. Niemand!

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Während Jeanette bei mir immer mal wieder läuft, scheinen andere sie vergessen zu haben. "Rockin' on heaven's floor" höre ich im Gym oder wenn ich durch Berlin fahre. Ich schwelge gerne in den Erinnerungen meiner Kindheitstage.

Nur stimmt es aber auch, dass Jeanette zwischen Königsallee und Kurfürstendamm irgendwo falsch abgebogen sein muss. Während Yvonne Catterfeld sich rehabilitieren konnte und mit "Lieber so" eines der besten deutschen Popalben der letzten Jahre abgeliefert hat und Sarah Connor eine Million Platten ihres letzten Albums verkaufen konnte, scheint Jeanette sich verschanzt zu haben.

Das Resultat: Keiner hat sie mehr so richtig auf dem Schirm. Während meiner Recherche gehe ich auf Spurensuche für mögliche Gründe. Da wäre einmal ihr Imagewechsel im Jahr 2005, als die Single "Bad girls club" erschien. Platinblonde Haare, nicht zusammen passen wollende Kleidung und ein rockiger Sound sollte Jeanette auf ein Level mit AC/DC oder so heben.

Wurde aber nichts draus. Auch dem Fashion-Vorbild Avril Lavigne kam sie nicht nahe. Stattdessen lieferte sie uninspiriert wirkenden Rock-Pop, der weder eingängig noch aussagekräftig war. Sie wollte so sehr allen zeigen, wer sie ist, dass Jeanette sich scheinbar selbst verloren hat. Statt große Hallen zu füllen, ging sie auf Clubtournee.

Es folgte ein Engagement in der Telenovela "Anna und die Liebe", in der sie die wenig coole Anna spielte. Dem setzte sie ein Album entgegen, das mit einer Anspielung ans Strippen titelte. Leider blieb der große Erfolg aus. Jeanette schaffte es mit "Undress to the Beat" nur für kurze Zeit in die Top20 der Charts. Das Album war gut, klang nur wenig authentisch.

Die Musikvideos aus dieser Zeit halfen auch nicht. Scheinbar musste das Label Geld sparen. Sieht alles nach polnischer Lagerhalle aus, in der sich Jeanette mit ihren aus den Neunziger-Jahren eingeflogenen Background-Tänzern einen abtanzt und sich alle Mühe gibt, wie Lady Gaga auszusehen.

Da das nicht so recht funktionieren wollte, setze sie anschließend auf Selbstgemachtes. Sie gründete Ewig. Ihre Band mit Ehemann Jörg und der beiden Freund Christian. Ewig machte seichten Schlagerpop, der etwas am Puls der Zeit vorbeiging. Nicht eingängig genug, nicht originell genug. Jeanette versteckte sich hinter dem Bandnamen.

Als zweites Standbein fing Jeanette an, auf den Bühnen der Boulevardtheater zu stehen. Zwischenzeitlich wurde sie immer wieder in Talkshows eingeladen, woraufhin Blätter wie die "InTouch" titelten: Jeanette Biedermann – das macht das Schnuckelchen heute.

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Wie das mit den Idolen und den Menschen, die einem wichtig sind, so ist, bin ich hier sehr streng mit Jeanette. Sie war nie die Coolste oder Angesagteste. Sie hatte nie einen Nummer-eins-Hit. Aber sie schien das Spiel für ein paar Jahre richtig zu spielen. Ich mag den Klang ihrer Stimme nach wie vor. Man höre sich zum Beispiel mal ihren Auftritt bei "Zimmer frei!" aus dem Jahre 2009 an. Und das Potenzial ist vorhanden. Sogar meine Kollegin Silvia sagt, als ich den Auftriff vom "Bundesvision Song Contest" anmache: "Die klingt echt gut."

Und dieses Jahr scheint Jeanette es wieder wissen zu wollen. Sie stellt sich wieder dem großen Publikum. Wie Sarah Connor und Yvonne Catterfeld zuvor auch, ist sie bei "Sing meinen Song" dabei. Die zwei anderen deutschen Pop-Damen konnten nach ihrer Teilnahme wieder an alte Erfolge anknüpfen.

Ach Jeanette, zeig's deinem Publikum nochmal. Come Baby, rock my life! Hoffentlich wird das neue Album ein Erfolg. Immerhin bist du jetzt bei dem Majorlabel Sony unter Vertrag und am Freitag hast du nach zehn Jahren wieder einen Song als Solokünstlerin veröffentlicht, "Wie ein offenes Buch".

Ein gut produzierter Popsong, der deine Stimme perfekt in Szene setzt. Ja, du bedienst dich einigen Floskeln, aber das ist halt Deutsch-Pop. Beim ersten Hören habe ich mich wieder wie mit sieben gefühlt. Du singst darüber, dass du jetzt du selbst seist, nichts mehr zurück hältst. Wie all die Jahre zuvor, hast du auch heute den richtigen Soundtrack zu meinem Leben abgeliefert. Ich bin gespannt auf das Album, ob kommerziell erfolgreich oder nicht. Die Daumen sind gedrückt.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion