Dürfen wir Michael Jackson jetzt noch hören?

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle
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Der King of Pop auf der Bühne. Foto: Bernd Settnik / dpa dpa Picture-Alliance

Oder sind Thriller und Billie Jean nun für immer verbrannt?

Wir leben in einer Zeit, in der Vergehen und Missstände einfacher zu Tage gefördert werden als noch vor Jahren. Einerseits, weil es durch das Internet viel leichter ist, Infos zu verbreiten. Andererseits, weil endlich gesprochen wird. Man schweigt nicht mehr kollektiv, und die Suche nach der Wahrheit – aber auch die Bereitschaft, den meist machtloseren Opfern Gehör zu schenken – erscheint vielfach gesteigert. Postmoderne Aufklärung oder so.

Diskussionen, neue Erkenntnisse, Stimmen von mutmaßlichen Opfern und/oder Prozesse um Bill Cosby, Kevin Spacey, Harvey Weinstein, R. Kelly und aktuell eben auch Michael Jackson füllen entsprechend Dokumentationen, Gerichtsräume, Schlagzeilen, Freundeskreise und Kommentar-Spalten. Es gibt Menschen, die angeklagt sind. Es gibt Opfer die anklagen. Das ist der Kern der Sache. Aber sobald eine Person in der Öffentlichkeit steht oder stand, hängt da noch ein ganz anderer Rattenschwanz dran: das Lebenswerk, das es ebenfalls zu verhandeln gilt. Oder soll der Künstler und sein Werk grundlegend getrennt voneinander betrachtet werden?

You are not alone

Der Künstler ist Teil seiner Kunst und die Kunst Teil seines Werks, oder etwa nicht? Toller Grundsatz! Aber höre und sehe ich jetzt jedes Mal, wenn ich mir das bahnbrechende Video zu Thriller ansehe, Jacksons Pädophilie? Verlieren Billie Jean und Black or White nun ihren popkulturellen Wert? Und wenn ja: Was bedeutet das dann?

Michael Jackson hat das Pop-Game auf den Kopf gestellt. Seine Einflüsse sind immer noch zu spüren und seinetwegen ist „schwarze“ Musik nun da, wo sie heute ist. Hätte es den King of Pop nicht gegeben, würde es vermutlich ganz anders aussehen im Pop, im R'n'B und im Soul.

Seit der Dokumentation Leaving Neverland wird der Fall Michael Jackson neu diskutiert. Die vierstündige HBO-Doku lässt zwei Männer zu Wort kommen, die ruhig und glaubwürdig schildern, wie Jackson sie zu sexuellen Handlungen gezwungen hat. Sie beschreiben, wie Jackson mit ihnen Sex hatte, wie er vor ihnen masturbierte und wie er ihnen Schweigegelübde und Schuldgefühle über diese Geschehnisse auferlegte. Michael Jackson kann sich zu all dem nicht mehr äußern, zu Lebzeiten wurde er mehrfach zu ähnlichen Vorwürfen freigesprochen, bzw. es wurde sich außergerichtlich und mit viel Geld geeinigt. Vor dem Gesetz ist also klar: Der Mann ist unschuldig.

'cause this is thriller

Dennoch: So richtig koscher war Michael Jackson irgendwie nie. Man wusste, dass er eine eigenartige Beziehung zu seiner eigenen Kindheit hat, und dank der wiederkehrenden Missbrauchs-Anschuldigungen war man sich dessen bewusst, dass sein Verhältnis zu Kindern seltsam war. In der Dokumentation scheinen entsprechende Mutmaßungen nun bestätigt. Wissen tun wir natürlich nichts. Michael Jacksons Gesamtwerk hat aber dennoch einen faden Beigeschmack abbekommen.

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Um es mal im Glanze des Selbstmitleids auszudrücken: Es ist unfair, dass einem hier schon wieder ein Kindheits-Held genommen wird. Stücke wie Stranger in Moscow und die Dancemoves Jacksons waren nämlich nicht nur bahnbrechend. Sie waren Teil meines Aufwachsens, Teil meiner Kindheit, und deshalb hänge ich an ihnen. Sie sind fester Bestandteil zahlloser Biographien.

Man möchte irrational auf den Boden stampfen und sich fragen: Warum können die sich denn nicht benehmen? Und vor allem: Warum ist meine Entscheidung für oder gegen das Hören des Earth Song gleichzeitig ein Zugestehen oder Ablehnen der Vergehen Jacksons?

I'm starting with the man in the mirror

Als wir das Thema in der NOIZZ-Redaktion diskutierten, kamen unterschiedliche Stimmen auf. Es gab von niemandem eine eindeutige Antwort auf die Frage: Was machen wir mit der Kunst, an der Blut klebt – bzw. Kinderseelen wie Geister hängen? Bei unserer internen Diskussion stand die Aussage, dass niemand perfekt sei und wir deshalb bald gar nichts mehr hören dürften gegen die Aussage, dass Werk und Künstler immer zusammen gehören. Es gab Stimmen die meinten, dass zu großer Kunst offenbar nicht selten Krankheit gehöre und Stimmen, die abwehrten mit Aussagen wie „Ich kann mir das nicht mehr anhören, ohne dass mir schlecht wird“.

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Haben wir also Verantwortung, wenn wir durch Musik Michael Jacksons oder R. Kellys skippen oder uns eine Folge der Bill Cosby Show oder einen Weinstein-Film ansehen? Internationale Radiosender wie etwa BBC Radio 2 haben Jacksons Stücke aus der Rotation genommen, das ist eine Entscheidung. Aber nicht die einzig richtige Entscheidung. Es ist immer noch erlaubt, Jacksons Musik zu hören und sie gut zu finden. Das Hören eines Songs macht den Hörenden jedenfalls noch nicht zu einem Pädophilie-Befürworter. Das popkulturelle Erbe Jacksons hat dennoch einen tiefen Schatten erhalten. Ob zu recht oder nicht, muss am Ende jeder selbst entscheiden.

Was stimmt und was nicht, werden wir zumindest von Jackson selbst niemals erfahren.

Quelle: Noizz.de