Wir haben uns mit Alice Go, Bella Podpadec und Rakel Mjöll von Dream Wife in einem kleinen, kuscheligen Videochatroom zwischen Reykjavík, London und Berlin verabredet – um über das neue Album der drei zu sprechen und über Themen, die wir viel zu selten ansprechen. So wie etwa Abtreibungen, Fehlgeburten und falsche Entscheidungen.

Eigentlich finde ich Videocalls ziemlich doof. Ständig sieht man sich und wird darauf aufmerksam gemacht, wie man gerade ausschaut, welche Mimik und Haltung man an den Tag legt. Als ob man bei einem normalen Interview nicht schon – im positiven Sinne – aufgeregt genug wäre. Frustrierender wäre wohl nur ein Interview in einem Spiegelsaal. Dementsprechend wenig angetan war ich von der Aussicht ein Videointerview mit der von mir sehr verehrten Band Dream Wife zu führen.

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Dream Wife, bestehend aus den drei Musiker*innen Alice Go, Bella Podpadec und Rakel Mjöll, sind die wohl coolste Girlgroup seit den Spice Girls. Vor zwei Jahren haben sie ihr selbstbetiltes Debüt veröffentlicht, das sich wie eine wilde, heiße Liebesaffäre angehört hat. Ein Album voller Punksongs mit Haudrauf-Titeln wie "Let’s Make Out", "Hey Heartbreaker" und "F.U.U." für "Fuck You Up". Dream Wife haben Riot-Girl-Punk den wilden, anarchischen Popanstrich gegeben, den ich insgeheim schon immer gesucht habe. Es war ein wilder, heißer Sommer 2018 mit diesem Album als Soundtrack.

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Nun, zwei Jahre später, beherrscht Corona die Welt und ich sitze in meinem Berliner Arbeitszimmer vorm Rechner und warte, dass es losgeht. Bisher bin ich die Einzige in diesem virtuellen Videochatroom, der sich ein bisschen anrüchig anfühlt. Zuerst schaltet sich Rakel aus ihrer isländischen Heimat hinzu, mit einem Stück Kuchen auf das ich ganz schön neidisch bin. Kurz darauf sind auch Bella und Alice auf meinem Bildschirm zu sehen, die beide in einem lichtdurchfluteten Londoner WG-Zimmer sitzen.

Für einen kurzen Moment vergesse ich, dass wir einen Videocall führen – es fühlt sich eher wie ein witziges Gespräch zwischen Freundinnen an. Dabei stecke ich bereits Mitten im Interview. Für alle drei ist das Album ihr Baby, sie können gar nicht warten loszulegen und aller Welt zu erzählen, woher es kommt, wie es aussieht und was es alles so kann.

"Für mich geht es dabei auch irgendwie darum, dass man seine eigenen Erwartungen an eine Sache einfach mal über Bord wirft und sich einfach mal in einen Moment fallen lassen kann“, sagt Gitarristin Alice über den Albumtitel.

"So When You Gonna ..." ist eine Aufforderung an dich selbst

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Wir seien viel zu oft bestimmt von den eigenen Grenzen, die wir uns setzten, gerade auch als Frauen. Auch das sei ihnen oft bewusst geworden, während sie an dem Album gearbeitet haben. Bassistin Bella bringt es so auf den Punkt: "Man weiß eben dann, dass es eigentlich das Richtige ist, aber du traust dich einfach nicht, diesen letzten Schritt zu gehen oder die letztendliche Entscheidung dafür zu treffen."

Dream Wife sind erwachsener geworden, ihr Sound noch punkig, aber breiter und irgendwie auch poppiger als vorher. "Unser Verknalltsein ist eine ernste, aber zarte Ehe geworden. Die Leidenschaft ist noch immer da, aber wir haben Respekt und die Liebe ist noch immer da. In dieser Ehe wird es nicht langweilig", scherzt Bella. Aber irgendwie hat sie damit schon Recht. Dream Wife zeigen uns mit ihren Songs eine Welt, in der es nicht nur entweder Frauen oder Männer gibt, sondern wo beides co-existiert ohne andere zu bevorteilen.

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Nicht, dass Dream Wife nicht vorher schon ernste Themen auf ihrer Agenda hatten: Seitdem sie sich – zuerst scherzweise als satirisch Kunstprojekt während des Studiums in Brighton – als Band zusammengetan haben, singen sie nicht nur darüber, was es heißt, sich als moderne Frau in dieser manchmal doch sehr arschlochlastigen Welt behaupten zu müssen, sondern leben diese Attitüde auch live auf der Bühne. Bei jedem Konzert dürfen nur Frauen in die erste Reihe und wild drauf los moshen. In der Rockwelt ein unausgesprochenes Tabu bei vielen Konzerten, denn im Mosh behaupten sich die harten Kerle.

Auf dem Nachfolgealbum "So When You Gonna …" bekommt man davon noch einmal eine andere Facette zu Gesicht. Auf dem Song "Temporary" singt Rakel über etwas, das viele Frauen in ihrem Leben schon einmal durchmachen mussten, dann aber niemals darüber reden: Fehlgeburten. Etwa jede fünfte Schwangerschaft endet so. "Themen wie Abtreibung und auch eine Fehlgeburt sind auch ein Teil weiblicher Emanzipation. Irgendwie schwingt in einer nicht beendeten Schwangerschaft auch der Gedanke mit: Du bist nicht Frau genug, um das durchzuziehen – sei es, weil dein Körper nicht mitmacht oder du so entschieden hast", sagt Rakel.

"Du fühlst dich dann alleine. Wenn ein Song wie 'Temporary' dabei helfen kann, dass sich Frauen weniger allein fühlen, dann ist das genau das Richtige!“

Hier kannst du in "So When You Gonna" von Dream Wife reinhören:

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Die Arbeit an ihrem zweiten Album sei ihnen viel einfacher gefallen, als beim Vorgänger. Damals waren sie ständig unterwegs, immer auf der Bühne und haben zwischendurch schnell ein paar Songs geschrieben, die Liveenergie kam auf die Platte. Diesmal war es genau umgekehrt. "Wir sind einfach verdammt gute Songwriter", sagt Rakel stolz. Eine Stärke, die das Trio nun noch besser ausspielen konnte: "Wir wollten das festhalten, was uns als Menschen beschäftig, unsere Seele ausmacht. Du bist nicht nur alleine auf dieser Welt, es gibt auch andere, die dich und dein Leben beeinflussen" – genau das mache für sie den Spirit von "So When You Gonna ..." aus.

Das hat für Alice auch mit Produzentin Marta Salogni, die bereits mit Björk zusammen gearbeitet hat, zu tun:

"Als wir das Album mit Marta aufgenommen haben, haben wir echt einen Raum geschaffen, indem wir uns alle vertraut und respektiert haben. Das ist total wichtig, weil nur so genau der Spirit entstehen konnte, den man jetzt hören kann – es trägt die ernsten, traurigen Seiten genauso in sich wie die Lustigen."

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Als ich die Drei frage, ob sie irgendwelche Vorbilder für das Album hatten, sind sie sich direkt einig: "Wir machen keine Pläne!" Da ist er wieder der Punk-Moment. Nach einer kurzen Pause, sagt Rakel, dass sie der vergangene Festivalsommer schon stark inspiriert habe: "Ich habe es während der Festivals genossen, vielen neuen Artists zuzuhören – so jemand wie Nova Twins, Phoebe Bridgers, Soccer Mommy oder Snail Mail. Diese jungen Frauen, stehen einfach auf der Bühne und singen offen über das, was gerade in ihnen vorgeht, ohne sich bei irgendjemanden für irgendwas entschuldigen zu müssen." Es ist eine Bewegung, die sie so vorher noch nicht erlebt habe.

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Schluss mit typisch männlich und typisch weiblich

Aber nicht nur in ihren Songs und auf der Bühne haben sich Dream Wife für Frauen, Cisgender und nicht-binären Menschen stark gemacht, auch in ihrer sonstigen Arbeit innerhalb der Musik- und Kreativindustrie versuchen sie die gläsernen Decken zu zerschlagen. Alleine in der Musikproduktion sind Schätzungen zufolge nur etwa fünf Prozent aller Akteure weiblich. Deswegen haben Alice, Bella und Rakel einen Entschluss gefasst: Sie wollten nur noch mit Frauen zusammenarbeiten.

Dabei geht es ihnen vor allem auch darum, die nächste Generation von Kreativen zu fördern, die einfach keine weiblichen Vorbilder haben. Ihre bisherigen Erfahrungen haben sie deswegen in einem Podcast, der das Album begleitet, zusammengetragen. "Als wir im vergangenen Jahr das Album aufgenommen haben, hatten wir so viele interessante Gespräche, dass wir es wichtig fanden, diesen Menschen und ihren Erfahrungen in der Kreativbranche eine Plattform zu geben", so die Band. In jeder Episode kann man hören, wie es starke Frauen geschafft haben, in der immer noch männerdominierten Musikwelt durchzustarten.

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"Wir wollen zeigen, dass eigentlich typisch männliche Rollen in der Kreativindustrie gar nicht zwingend von Männern besetzt werden müssen", erklären sie weiter. Oftmals sei es ja gar nicht so, dass es gar keine Frauen als Produzenten gebe, sondern dass sie nicht so wahrgenommen werden – weil sie ihre Geschichte nicht erzählen.

"Es ist Unterstützung und voneinander lernen", finden sie.

Als Postergirls des Feminismus sehen sie sich nicht – jedoch wissen sie, dass sie Einfluss haben und spielen diese Karte auch gerne aus. "Unsere Plattform zu nutzen und die Kraft von Musik dafür einzusetzen, andere zu bestärken und hoffentlich auch zu inspirieren, ist uns sehr wichtig." Sie sehen sich vielmehr als Unterstützer*innen und wollen das eigene Selbstbewusstsein, das in jedem steckt, heraufbeschwören. "Manchmal muss man eben dafür laut sein", sagt Alice.

Am Ende vergeht die Zeit im von mir so gehassten Videochat derart schnell, dass ich meine angepeilte Interviewzeit so krass überziehe, dass schon der nächste Fragesteller im Chatroom ist – da ist sie wieder dieser verhasste Moment digitaler Kommunikation, wo man nicht so genau weiß, was man tun soll. Ich bin raus. Wir haben unser Gespräch per Mail fortgesetzt.

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Quelle: Noizz.de