Sex-Sklaverei-Vorwürfe: Wer hat gegen R. Kelly ausgesagt und wer hat sich geweigert?

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Psycho
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R. Kelly bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn als „lächerlich“. Foto: Instagram /R.Kelly

Nur zwei Musiker äußern sich in der Doku über seine mutmaßlichen sexuellen Straftaten.

Seit der schockierenden „Lifetime“-Dokumentation „Surviving R. Kelly“ spricht die Musik-Branche wieder über den R&B-Sänger, dem seit zwei Jahrzehnten mehrfach sexuelle Belästigung, Nötigung, Sex-Ausbeutung und Unterdrückung von minderjährigen Mädchen vorgeworfen wird. Seit den frühen 90er-Jahren wird R. Kelly immer wieder mit Kinder-Pornografie, Teenager-Missbrauch und einer pädophilen Neigung in Verbindung gebracht. Er gilt als Entdecker der früh verstorbenen R&B-Sängerin Aaliyah, die er 1994 in einer heimlichen, illegalen Zeremonie heiratete – als er 27 Jahre alt war, sie als 15-jährige aber noch als Teenie galt. Damals arbeiteten sie gemeinsam an Aaliyahs Debütalbum „Age Ain't Nothing but a Number“ („Alter ist nichts als eine Zahl“).

Die mutmaßlichen Opfer R. Kellys beschreiben in der Doku vor der Kamera in eindringlichen Details die sexuelle Gewalt, die der Sänger ihnen angeblich angetan hat.

Eltern und Angehörige von mutmaßlichen minderjährigen Missbrauchs-Opfern sprechen von einem „Sex-Kult“, einer Sekte aus sexueller Gewalt um den Sänger, der die Mädchen von ihrem sozialen Umfeld isoliert haben, ihre Persönlichkeiten gebrochen und ihren Aufenthaltsort geheim halten soll. Es gibt seit 2002 auch ein Sex-Tape, das R. Kelly dabei zeigen soll, wie er die damals angeblich erst 14-jährige Nichte seiner langjährigen Background-Sängerin sexuell missbraucht. In der Video-Aufnahme uriniert er auf das nackte Mädchen. Er soll auch Oral-Sex und Geschlechtsverkehr mit der Minderjährigen gehabt haben. 21 Fälle wurden 2002 vor Gericht untersucht, R. Kelly kurzzeitig auf Verdacht festgenommen. 2008 wurde der Sänger jedoch wegen mangelhafter Beweislage freigesprochen.

Der Ruf des Kinderschänders hält sich trotzdem seit Jahren hartnäckig, ist in der Musik-Szene gegenwärtig. So warnte man sich gegenseitig davor, seine Nachwuchs-Talente mit dem Produzenten alleine zu lassen, bereits vor der Anklage.

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Trotzdem: In der sechsteiligen-Doku sagen aus seinem direkten beruflichen Umfeld lediglich zwei Prominente aus. Eine schlechte Quote, immerhin haben die Macher über 50 Interviews geführt. Umso verdächtiger, dass nur zwei Stars ihren Kollegen belasten: Stephanie „Sparkle“ Edwards, jene Background-Sängerin, deren Nichte R. Kelly missbraucht und für Kinder-Pornografie gefilmt haben soll – und Soul-Sänger John Legend („All of Me“).

Auf Twitter schrieb der Star: „Wir sollten uns alle bei der Regisseurin @dreamhampton bedanken, für ihre notwendige Arbeit an #SurvivingRKelly. Diese Überlebenden verdienen es, aufgebaut und gehört zu werden. Ich hoffe, die Doku bringt sie der Gerechtigkeit näher.“

Die verantwortliche Doku-Produzentin Dream Hampton behauptet, das Team hinter „Surviving R. Kelly“ hätte händeringend versucht, mit weiteren Musikern zu sprechen:

„Was die Prominenten betrifft, war es unfassbar schwierig, Leute, die mit Kelly zusammen gearbeitet hatten, dazu zu bewegen, sich zu melden. Wir haben Lady Gaga gefragt. Wir haben Erykah Badu gefragt. Wir haben Lil Kim gefragt. Wir haben Mary J. Blidge gefragt. Wir haben Celine Dion gefragt. Wir haben Jay-Z gefragt. Wir haben Dave Chappelle gefragt“, sagte sie im Gespräch mit Detroit Free Press.

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Pop-Star Lady Gaga hatte 2013 mit R. Kelly gemeinsame Sache für den Song „Do What You Want” gemacht. Darin singt die Sängerin: „Mach was du willst, mach was du willst mit meinem Körper“. Eine provokante Anspielung auf die Vorwürfe, die damals schon öffentlich waren.

Rapper Jay-Z machte zwei Kollabo-Alben mit R. Kelly: „Best of Both Worlds“ (2002) und „Unfinished Business“ (2001-2004), darunter Songs wie „Fiesta“. Er ging mit R. Kelly genau zu der Zeit gemeinsam auf Tour, als dieser mit den 21 mutmaßlichen Fällen von Kinderpornografie konfrontiert wurde.

Beide Künstler haben sich seit den Vorwürfen der Sex-Sekte zwar von ihm beruflich distanziert, wollten sich aber gegenüber „Lifetime“ nicht äußern. Außerdem waren die Anklagen zum Zeitpunkt der Zusammenarbeit beider Musiker mit R. Kelly schon öffentlich.

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John Legend hingegen fand nach Ausstrahlung der ersten Folgen weitere deutliche Worte und erklärte sein Mitwirken an „Surviving R. Kelly“ auf Twitter:

Er tweetet: „An alle, die mir sagen, ich sei mutig, weil ich in der Doku auftauche, es hat sich überhaupt nicht riskant angefühlt. Ich glaube diesen Frauen und ich gebe einen Fick darauf, einen Serien-Kinder-Vergewaltiger zu schützen. Einfache Entscheidung.“

Nach Ausstrahlung der ersten Episoden meldeten sich Hip-Hop-Stars wie Omarion, Tank und Ne-Yo, sowie die #MeToo-Initiatorin zu Wort. Chance The Rapper entschuldigte sich bei den Überlebenden für seine Kollabo mit Kelly. Auf Twitter postete er die Screenshots folgender Notizen:

Darin steht: „Die Wahrheit ist, jeder von uns, der die Geschichten über R. Kelly ignoriert hat, oder jemals geglaubt hat, es gäbe eine Verschwörung gegen ihn/ er würde attackiert werden von einem System (wie es schwarzen Männern oft passiert), hat das auf die Kosten schwarzer Frauen und Mädchen gemacht“. Und weiter: „Ich entschuldige mich bei all seinen Opfern dafür, dass ich mit ihm zusammen gearbeitet habe und dafür, dass ich mir so lange Zeit gelassen habe, den Mund aufzumachen”.

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Auch Rapper Meek Mill hat die Doku angefangen und reagierte in einem Live-Frage-Antwort-Video mit Fans: „Es braucht keine Raketenwissenschaft, um zu checken, was da abgeht … was ich versuche, herauszufinden ist, wie sie ihn alle haben sooooooo lange weitermachen lassen“.

Die Aktivistin Tarana Burke sagte gegenüber dem Radiosender NPR, R. Kelly habe eine „24 Jahre lange Geschichte sexueller Gewalt gegen schwarze und dunkelhäutige Mädchen“.

Aktuell soll der Sänger mutmaßlich immer noch mindestens sechs Mädchen in seiner Gewalt haben. Bereits im Juli 2017 hatte Buzzfeed News in einer Investigativ-Recherche den mutmaßlichen Sex-Kult aufgedeckt. Die lokale Polizei soll gesagt haben, es gäbe nicht viel, was man tun könne, um die Teenager zu retten. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht nur bei der Doku bleibt, sondern endlich auch gegen R. Kelly ermittelt wird.

UPDATE, 9. Januar 2019: Die Staatsanwalt und Polizei ermittelt jetzt gegen R. Kelly – wegen Missbrauch an Minderjährigen.

Ein Anstoß für die Ermittlungen sollen Szenen aus der Doku „Surviving R. Kelly“ gewesen sein. Hier lest ihr Details zum Stand der Untersuchung.

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Quelle: Noizz.de