Die Karriere des Produzenten stand kurz vor dem Aus, als er den Entzug machte.

Dj Tomekk: Hit-Wunder der Nullerjahre, Ikone des Deutschrap, irgendwo zwischen Höhenflug und Absturz. Dieses Jahr feiert der gebürtige Pole sein Comeback, releaste im Juni die Single "Never Give Up" mit der US-Hip-Hop-Gruppe M.O.P.

Über 20 Jahre lang hält sich Tomekk bereits auf dem deutschen Musikmarkt, weiß immer wieder mit internationalen Acts zu überraschen. Anfang des Jahres kündigte er einen Track mit Drake und Tyga an, ein Album soll folgen.

NOIZZ hat den Produzenten zum Interview getroffen: über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

NOIZZ: Du bist ja schon einige Jahre im Musik-Business unterwegs. Erzähl' mir doch mal drei Anekdoten aus deiner Karriere.

DJ Tomekk: Ganz am Anfang, als ich 15 Jahre alt war und DJ werden wollte, bin ich mit einem Rucksack voller Platten von Club zu Club gegangen und habe dort gefragt, ob ich bei denen auflegen darf. Mich haben alle abgelehnt, bis auf den ACUD-Club in der Veteranenstraße in Berlin. Pro Stunde haben die mir zehn Euro gegeben, ich habe acht Stunden aufgelegt. Innerhalb von sechs Wochen haben wir die Gästezahlen verfünffacht.

Das war der erste Club, in dem Hip-Hop, Reggae, R'n'B und Soul gemischt wurden. Rapper wie Kool Savas und Szene-Größen wie Melbeatz und die ganze Berliner Rap-Szene kamen dorthin. Wenn ich dann mal unter der Woche gespielt habe, bin ich nach dem Auflegen in die Schule. Dort habe ich meine Platten im Schließfach eingesperrt und im Unterricht geschlafen. Einmal bin ich von der Bank gefallen und nicht aufgewacht. Erst, als die ganze Klasse um mich herum gestanden ist ...

Du hast also als Jugendlicher bereits viel gearbeitet, bist schnell als Produzent aufgestiegen und hingst dann mit anderen Superstars ab.

Tomekk: Später habe ich unter Pseudonym (Atomek Dogg) auch Elektro- und Techno-Platten produziert. Unter anderem für Paul van Dyk, mit dem ich für einen Grammy nominiert war. Dann habe ich noch mit K-Paul und Lexy zusammengearbeitet. Mit denen war ich in Miami. Wir haben bei 40 Grad am Pool getanzt, ich war im Hundekostüm. Leider war ich so betrunken, dass ich in den Pool gefallen bin.

Bei Paul van Dyk zu Hause, hier in Berlin, haben wir "Knowledge" produziert. Ich hatte total Hunger, und er hat mir dann einen Döner geholt. Ich fand das damals total krass, weil wir Rapper immer auf dicke Hose machen und das große Tam-Tam brauchen. Und er holt mir dann einfach nur einen Döner.

Heute tickst du etwas anders. Betrunken im Pool wird man dich nicht mehr finden.

Tomekk: Stimmt, heute trinke ich nicht mehr und nehme keine Drogen. Vor einiger Zeit war ich bei einem Russen im Club, und er wollte mich dazu bringen, einen Drink mit ihm zu nehmen. Das gehöre zu seiner Kultur. Ich meinte daraufhin, dass ich das weiß, ich aber dennoch nichts trinke. Er sagte dann, er würde mich nie wieder buchen, wenn ich jetzt nicht einen Drink mit ihm nehme. Wir haben uns seitdem nie wieder gesehen, er hat mich nicht noch mal gebucht.

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Das waren jetzt drei Geschichten aus drei verschiedenen Phasen deines Lebens. Nun hast du neue Musik veröffentlicht: Deine neue Single "Never Give Up" mit M.O.P. ist draußen und nach ein paar Stunden in der Schweiz in die iTunes-Charts gekommen.

Tomekk: Das ist total krass. Als wir veröffentlicht haben, haben wir keine Werbung, keine Promo geschaltet. Die Label-Managerin war im Urlaub. In der Schweiz sind wir dennoch nach wenigen Stunden in die Top100 der Charts gekommen. Das ist ein absolutes Wunder. Es gibt keine physische CD und, wie gesagt, keinerlei Werbung.

Hast du Angst vorm Scheitern?

Tomekk: Ich konnte ein paar Jahre überhaupt nicht ins Studio gehen. Als ich aufgehört habe zu trinken und Drogen zu nehmen, wusste ich gar nicht, ob ich den Job des DJs und Musikproduzenten noch weiter ausüben kann. Die Erinnerungen an die Zeiten, in denen ich so dicht war, waren zu prägnant. Zwei Jahre war ich dann nicht im Studio.

Für mich ist es heute ein Wunder, dass ich einen neuen Manager, einen Plattenvertrag und einen neuen Song habe. Ich versuche mich nicht an alten Erfolgen zu messen, sondern an mir selbst. Früher, als ich ein riesiges Major-Label hatte, mit viel Geld und großen Kampagnen, bin ich regelmäßig in die Top10 der Charts gekommen. Heute habe ich das nicht mehr. Das haben vielleicht Capital Bra und Co. Umso erstaunlicher ist es für mich, dass wir überhaupt in die Charts gekommen sind.

Um den Release von "Never Give Up" herum konnte ich nicht schlafen. Das war sehr anstrengend. Mit dem Charteinstieg hat sich das dann gelegt. Meine Daseinsberechtigung wurde mir dadurch erneuert. Ohne gekaufte Bots und Streamingzahlen. Man mag mich trotzdem noch hören und sehen und ist interessiert daran, was ich zu sagen habe. Ich bin dadurch sehr motiviert und demütig. Ich sitze gerade im Studio und arbeite an der nächsten Nummer.

Du warst vor zehn, zwanzig Jahren einer der Wegbereiter im deutschen Hip-Hop. Siehst du heute deinen Einfluss in jungen Künstlern?

Tomekk: Im letzten Monat gab es zwei Künstler, die "Gangxtaville" gecovert haben. Ich denke, der Einfluss ist präsent. Auch bei mir sind Künstler präsent, die mich geprägt haben. Bei der Release-Party war das Publikum sehr jung, vielleicht so um die 20. Als meine erste Single kam, wurden die also gerade einmal geboren. Die kannten die Texte trotzdem und konnten mitsingen. Das hat mich absolut geflasht. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Künstler mich schätzen und meine Nummern covern. Ich würde mir nur wünschen, zumindest in den Credits aufzutauchen oder bei der GEMA angemeldet zu werden.

Was glaubst du, was passiert, wenn wir sterben?

Tomekk: Keine Ahnung. Ich habe Angst vorm Tod. Ich glaube, dass es der Himmel auf Erden ist, wenn wir im Einklang mit unseren Herzen sind. Wenn wir lügen, betrügen, stehlen, Menschen hintergehen, kann das die Hölle sein. Wir haben alle ein Gewissen. Ich hafte am Leben und ich merke oft, wie sehr ich Angst vor dem Tod habe, weil ich das Leben so liebe.

Was wünscht du dir für die nächsten Jahre?

Tomekk: Ich möchte 90 Jahre alt werden und körperlich fit. Freiheit ist für mich der größte Wert. Und das hat für mich unmittelbar mit körperlicher Freiheit zu tun. Deswegen trinke ich nicht, nehme keine Drogen, mache jeden Tag Sport und meditiere. Freiheit ist Unabhängigkeit. Ich merke, wie viele Menschen Tabletten gegen Schmerzen nehmen. Ein ganzheitliches Leben ist wichtig für mich. Glück … Es hat sich geändert. Damals war mir der Erfolg wichtig, die Charts, der materielle Erfolg. Heute möchte ich nachhaltiger leben. Ich möchte mit meinen inneren Werten in Einklang sein. Ich möchte ein Beispiel sein, wie man es macht. Und kein Beispiel mehr, wie man es nicht macht.

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Inwiefern hast du dich von "Ich lebe für Hip-Hop" von 2000 zu "Never Give Up" weiterentwickelt?

Tomekk: Erstaunlicherweise ist der künstlerische Prozess immer noch so ziemlich der gleiche. Ich gehe drei Tage am Stück mit den Künstlern ins Studio. Die Hooks kommen von mir. Ganz wenig Schlaf, sehr intensiv. Weiterentwickelt habe ich mich in dem Sinne, dass ich durch meine Drogenabstinenz aufmerksamer bin. Ich kann 20 Stunden am Stück arbeiten. Das kann ich nicht lange machen, aber manchmal geht's. Bei den Aufnahmen von "Never Give Up" haben wir das auch so gemacht. Ich bin ganzheitlich für die Platte verantwortlich.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion