Die italienischen Charts klingen nach Sommer, Strand und Meer.

Eigentlich höre ich überhaupt kein Radio. Ich verstehe das Prinzip einfach nicht. Radio ist für mich kaputtes Fernsehen. Ich höre etwas, aber ich sehe nichts. Hä?!

Im Urlaub habe ich eine Ausnahme gemacht. Ich war auf Sizilien, hatte mir ein Auto geliehen und fuhr damit von Strand zu Strand. Fenster runter, Radio an – und los!

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Obwohl ich mich in Italien ganz gut auskenne, hatte ich keinen Plan, welcher Radiosender den perfekten Soundtrack für meinen Urlaub liefern würde. Ich probierte ein bisschen rum, bis ich an „RDS“ hängenblieb. RDS läuft im ganzen Land und heißt ausgeschrieben Radio Dimensione Suono. Der Sender ist so etwas wie die Tomate-Mozzarella-Version von 1Live. Sein Motto: „Cento percento grandi successi“ – hundert Prozent große Hits.

Und was für Hits!

Nach zwei, drei Tagen kannte ich sie, fing an, die Refrains mitzusingen, versuchte, die Strophen zu verstehen. Und fragte mich, wie die Italiener es schaffen, selbst im sozialkritischsten Popsong drei Kugeln cremigstes Gelato-Feeling unterzubringen. Ein italienischer Popsong riecht nach Mittelmeer und After-Sun-Lotion. Drei Minuten Anti-Depression.

Und weil der Sommer hier gerade rumzickt, hab ich noch mal nachgeschaut, welche fünf Songs auf RDS andauernd liefen – für ein bisschen Sizilien im grauen Deutschland.

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Wahrscheinlich hat niemand von euch den letzten Eurovision Song Contest gesehen. Deshalb hat wahrscheinlich auch niemand von euch mitbekommen, dass Francesco Gabbani dort ziemlich gut abgeschnitten hat: Platz 6!

Sein Song „Tra Le Granite E Le Granate“ kommt zwar fröhlich-quietschig daher – das einprägsame „Estate“ (deutsch: Sommer) konnte ich bereits beim ersten Hören mitsingen –, behandelt aber ein ernstes, sehr zeitgemäßes Thema. Der Titel heißt übersetzt so viel wie „Zwischen Eiscreme und Granaten“; „Granita“ ist nämlich eine sizilianische Spezialität: feingestoßenes Wassereis mit Fruchtsirup.

Wir machen Urlaub, zwingen uns dabei, den grauen Alltag des restlichen Lebens zu vergessen, müssen uns auf Teufel-komm-raus entspannen. Wir verdrängen, dass ein paar Kilometer weiter gerade zig Flüchtlinge ertrunken sind und essen lieber schnell noch mal das dritte Eis des Tages.

Genau diese Diskrepanz hat übrigens gerade eine Autorin des Online-Magazins Refinery29 in einem Artikel zum Ausdruck gebracht. Einen Tag nach dem Terroranschlag in Barcelona hat sie dort mit ihren Freunden (einen Geburtstag) gefeiert – und aufgeschrieben, wie sie sich dabei gefühlt hat.

Terror? Egal. Hauptsache „Estate“!

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Die Jungs aus Rom haben dem Sommer, der niemals endet, mit diesem Lied eine gültige Hymne geschrieben. Ort des Geschehens ist der Badeort Riccione in der Nähe von Rimini. Unter dessen nächtlichem Himmel sinniert der Sänger über das Schlüsselwort italienischer Romantik: amore. Diese zerspringt am nächsten Tag wahlweise in tausend Stücke oder beudetet plötzlich etwas ganz anderes.

Der Klang und die Optik des Videos ist dabei unheimlich nostalgisch: 80er, 90er, Tischkicker und Synthies. Und plötzlich isst der Protagonist ein halbes Panino und ist in – Achtung! – Berlino. Hä? Egal. Klingt trotzdem fantastisch!

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Okay, dieser Song ist maximal gefällig. Mit dem alten VW-Bulli an der Küste entlangcruisen, das Longboard auf den Rucksack schnallen, im „Into the Wild“-Style hitchhiken – die versammelte deutsche Reisebloggerschaft hätte dieses Musikvideo nicht besser skripten können!

Der Sound wird bestimmt von einer Lagerfeuer-Gitarre und einem unbeschwerten Rumgepfeife im Refrain. Hach, das Leben kann so einfach und sorglos sein, wenn du es nur zulässt!

Der Text? Ich glaube, es geht um Hippie-Liebe ...

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Mann, Mann, Mann, sind die Italiener diesen Sommer gegenwartsdiagnostisch! Vielleicht, weil auf Lampedusa mehr Flüchtlinge stranden als auf Sylt?

Rapper Fabri Fibra versteht die Welt nicht mehr. Models machen heutzutage auf DJ, und Zwanzigjährige gehen mit alten Säcken ins Bett, nur, damit sie ihnen eine Gucci-Tasche kaufen. Außerdem: Nationalismus, Terrorismus, ISIS, Krisis.

Refrain: Der Sommer beginnt, aber du solltest besser die Beine in die Hände nehmen, denn mitten unter uns findet gerade die Apokalypse statt. Wir sind wie die Stiere in Pamplona.

Hm ...

Wenn man – so wie ich – nur „estate“ und „Pamplona“ versteht, ist das der perfekte Gute-Laune-Sommer-Song. Versprochen!

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Mein Lieblings-Wikipedia-Fakt über den Internet-Komiker Fabio Rovazzi ist, dass er vor zwei Jahren ein Musikvideo mit Pornostar Rocco Siffredi gedreht hat.

Worum es in seinem aktuellen Hit „Volare“ geht, habe ich, glaub ich, verstanden: um YouTube-Views, Instagram-Stories, Facebook-Likes. Ich kann allerdings nicht sagen, ob er all das gut oder schlecht findet, ob er sich darüber lustig macht, dass andere die Handy-fixierte Gegenwart kritsieren, oder ob er diese selbst kritisiert.

Aber auch das ist eigentlich ziemlich wurscht. Wichtiger scheint nämlich zu sein, dass den Sänger irgendwas fliegen lässt. Die super mitsingbare Phrase „mi fa volare“ (zu Deutsch: „lässt mich fliegen“) kommt genau 36 Mal vor. 36 Mal Sonne, Strand und Meer.

Deutschland, dein grauer Himmel kann mich mal ...

  • Quelle:
  • Noizz.de