Acht Mitglieder? Schon rein logistisch eine Herausforderung!

Ich sitze auf einem Sessel im Soho House in Berlin. Meine Augen wandern von links nach rechts. Auf drei grünen Samtsofas sitzen vor mir acht junge Koreaner, einer schöner als der andere, jeder mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Wie bei einem Gemälde von Botticelli wissen meine Augen nicht so recht, wo genau sie eigentlich hinschauen sollen, auf welchem der perfekten Gesichter sie ruhen dürfen. Neben mir sitzt eine kleine Deutsch-Koreanerin, sie ist schüchtern und aufgeregt, bevor mein Gespräch mit der K-Pop-Band ATEEZ beginnt.

"Juliane, du bist doch jetzt unsere K-Pop-Expertin. Hast du Lust eine Band aus Korea zu interviewen?", fragt mich mein Chef eine Woche zuvor grinsend. Gemeinsam mit einer Kollegin hatte ich mir Monate zuvor das Fangetummel vor dem BTS-Konzert in Berlin angeschaut – seitdem bin ich "K-Pop-Expertin". Die Band ATEEZ ist mir als solche vor unserem Interviewtermin noch nicht vor die Flinte gelaufen. Die achtköpfige Band aus Südkorea gibt es aber auch erst seit Ende 2018. Dennoch machen sie jetzt, wenige Monate nach ihrem Debüt, schon eine Welttournee. Denn keine Industrie ist so effektiv, wie die des Korean-Pop.

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ATEEZ nach unserem Interview im Soho House Berlin Foto: Noizz.de

Eine Frage in drei Sprachen

Selbst bei einem solchen Interview, das K-Pop-Bands nur sehr sporadisch geben, ist alles komplett durchgeplant. Die Fragen an die acht Jungs aus Korea müssen vom Management in Korea abgesegnet werden bevor ich sie in unserer großen Runde im Soho House stellen darf. Einige Mitglieder von ATEEZ sprechen Englisch, das habe ich dank ausführlicher Porträts der Boys auf Fanseiten recherchiert. Bei meinem Interview stelle ich meine Fragen daher zunächst auf Englisch, für alle, die so schon verstehen, was ich wissen möchte. Für meine Übersetzerin gibt es jede Frage dann noch einmal auf Deutsch, bevor sie sie dann auf Koreanisch übersetzt. Durch diesen Prozess dauert das Stellen einer einzigen Frage schon fünf Minuten. (Deshalb habe ich wohl einen 25-Minuten-Slot bekommen.) San, der mir auf meine Frage antwortet, spricht eigentlich Englisch, antwortet aber dennoch in seiner Muttersprache. Ich nicke und lächle dem Sänger zu, auch wenn ich kein Wort Koreanisch verstehe.

Am Abend zuvor sind ATEEZ in Berlin bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert im Astra Kulturhaus aufgetreten. Eine perfekt gestylte, geschminkte K-Pop-Band im ranzigen Astra. Bei dem Kontrast muss ich schmunzeln. Dass die herausgeputzten Superstars, die gerade vor mir sitzen, ihre Tanzmoves auf einer winzigen Bühne in so einer Location präsentiert haben, ist einfach nur absurd. Der Band hat der Auftritt trotzdem gefallen. Hong Joong ist bei dem Konzert eine Besonderheit aufgefallen, die Fans hierzulande für ihn einzigartig machen. "Ich fand es sehr interessant, dass die deutschen Fans ständig versuchen, Augenkontakt herzustellen. Das war sehr schön und ganz besonders", so der Sänger mit dem einzig coolen Vokuhila, den ich in meinen 25 Jahren Lebenszeit gesehen habe.

"Ich liebe Shawn Mendes!"

Mit deutscher Musik sind sie in ihren wenigen Stunden in Deutschland auch schon in Berührung gekommen. Teeniestar Lukas Rieger hatte der Band vor mir einen Besuch abgestattet und mit ihnen gemeinsam Tanzmoves geübt. Seine Musik haben sich die Koreaner danach neugierig angehört. Westliche Popmusik steht bei den acht Jungs generell hoch im Kurs, wie mir während unseres Gespräches oft auffällt. Die erste Boyband, die sie kannten, waren One Direction aus Großbritannien; kollaborieren möchten sie gerne mit Maroon 5. Sänger Wooyoung schwärmt außerdem von dem Kanadier Shawn Mendes. "Ich liebe ihn!", erzählt er mir mit einem breiten Grinsen, "Ich auch", entgegne ich begeistert.

Musikalisch beschreibt sich ATEEZ selbst als ein perfektes Zusammenspiel aus Rap und Gesang. Sprachlich spielt die Band in ihren Hits wie "Treasure" oder "Say My Name" neben koreanischen Lines auch mit englischen Textzeilen, die gerade beim internationalen Publikum für mehr Verbundenheit sorgen. Denn obwohl viele Fans für ihre Idole Koreanisch lernen, verstehen nicht alle K-Pop-Fans ohne Google Translate, was sie da jeden Tag rauf und runter hören.

"Könnt ihr euch auch vorstellen einmal nur auf Englisch zu singen, für eure internationalen Fans?", möchte ich daher wissen. Die Antwort überrascht mich.

"Wenn ich die Chance habe, singe ich auch auf Deutsch, Französisch oder Chinesisch oder Japanisch. Wenn es die Möglichkeit gibt, etwas zu lernen, ist alles möglich", übersetzt die Dolmetscherin aus dem Koreanischen.

Ich bin ganz erstaunt, über diese Lernbereitschaft anderen Sprachen gegenüber. ATEEZ wirken wahnsinnig diszipliniert, deswegen kann ich mir durchaus vorstellen, dass sie so eine Aktion tatsächlich durchziehen würden. Dennoch wollen sie aber eigentlich nur Perfektion abliefern. "Unsere Lieder sind unsere Geschichten, deshalb müssen wir viel lernen, damit wir diese Geschichten in einer anderen Sprache ausdrücken können. Ich denke, wir brauchen noch etwas Zeit", bleibt ein Bandkollege deshalb realistisch.

An BTS führt kein Weg vorbei

Als ich Freunden von meinem Interview erzähle, fragen sofort alle: "Ach, hast du BTS interviewt?" Der Vergleich mit der momentan erfolgreichsten und bekanntesten K-Pop-Band BTS, ist unvermeidlich, schließlich kommen im europäischen Mainstream nur die größten Namen aus Fernost an. Wie eben BTS. ATEEZ reagieren dennoch ganz gelassen, als ich nachfrage, ob sie sich von den abgrenzen möchten. "BTS hat den Weg für K-Pop geebnet, und ATEEZ hatte dadurch die Chance, weltweit populär zu werden. Wir möchten uns nicht von ihnen distanzieren, sondern von ihnen lernen. Wir haben großen Respekt vor ihnen", so die Band, die selbst die Tür für neue Generationen koreanischer Musiker weit aufstoßen möchte.

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ATEEZ oder auch 에이티즈 kommt aus der Talentschmiede des Labels KQ Entertainment, das ständig talentierten Nachwuchs für die expandierende K-Pop-Szene heranzüchtet. "Ich dachte mir, okay, ich kann singen und tanzen, was mache ich damit – ich werde K-Pop-Star!", erinnert sich ein Mitglied der Boyband an den entscheidenden Moment seiner noch jungen Karriere. Doch neben Talent ist auch Disziplin notwenig, um es in der kompetitiven Szene in Südkorea als Trainee eines Plattenlabels wirklich zu schaffen. Drei bis vier Stunden eines jeden Tages widmen die Popstars alleine den Choreografien, die auf der Bühne und in Musikvideos omnipräsent sind. Dazu kommen noch persönliche Trainingseinheiten, die manche Jungs zusätzlich einlegen.

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Strenge Diäten wie ihre weiblichen Kolleginnen von Blackpink machen die Jungs von ATEEZ, die gerade einmal zwischen 18 und 21 Jahre alt sind, dagegen nicht. "Unsere Tanzmoves sind sehr aktiv, so dass wir einfach fit bleiben und dadurch automatisch Diät machen", erzählen mir die acht schlanken Boys. Um ihre Gesundheit kümmern sie sich im stressigen Touralltag mit Supplementen: "Wenn wir krank werden, nehmen wir viele Vitamine wie Vitamin C. Je älter man wird, desto mehr bemerkt man, dass man Vitamine für die Gesundheit benötigt."

Ja, die wenigen 21-Jährigen der Band fühlen sich alt. Als 25-Jährige kommt mir das zunächst absurd vor, doch die Halbwertszeit eines K-Pop-Idols, wie sie von Fans gerne genannt werden, scheint mir nicht besonders lange zu sein. Denn Plattenlabels wie KQ Entertainment oder Big Hit Entertainment haben sich eine gutgeölte Maschinerie geschaffen, die ständig ambitionierten, talentierten und vor allem jungem Nachwuchs auf den Markt pumpt. Ihre internationale Fanbase, die sich ATINY nennt (eine Mischung aus ATEEZ und Destiny), steht trotzdem hinter den Shootingstars aus Südkorea.

Und wenn ich mir die grinsenden, freundlichen Gesichter vor mir auf der Couch so ansehe, weiß ich auch wieso.

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Quelle: Noizz.de