Durch die Netflix-Dokumentation "Miss Americana" habe ich erkannt: Taylor Swift ist eine unglaublich wichtige Stimme für die Emanzipation von Frauen – dafür hat sie nur lang gebraucht.

Blonde Lockenmähne, braver Country-Pop und süße Outfits : Taylor Swift verkörperte für mich lange Zeit das unpolitische Pop-Sternchen, das irgendwie jeden Geschmack traf – deshalb aber auch das Langweiligste war, das die Musikwelt so zu bieten hatte. Mit 14 ihren Superhit "Lovestory" auf dem iPod rauf und runter hören? Klar. Auf die Frage "Was für Musik hörst du so?" mit "Taylor Swift" antworten? Niemals. In meinen Augen war sie keine Identifikationsfigur. Sie stand für nichts.

Plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Sie positionierte sich gegen Donald Trump, mischte sich sogar in den Wahlkampf ein und schrieb Songs, deren Texte nicht mehr nur aus Liebeserklärungen bestanden. Ein völlig neuer Mensch? Eine veränderte Marketingstrategie? Seit der neuen Netflix-Doku "Miss Americana" über die Sängerin, die Ende Januar rauskam, weiß ich: Nein. Der Weg von der mundtoten Miss Perfect hin zur selbstbewussten Provokateurin ist einer, den unzählige Frauen gehen oder noch vor sich haben. Taylor Swift hatte nur das Pech, ihn vor aller Augen gehen zu müssen. Hier kommen die Szenen und Zitate, die mich beim Schauen am meisten aufrüttelten:

1. "Ein nettes Mädchen zwingt den Leuten ihre Meinung nicht auf. Ein nettes Mädchen lächelt, winkt und sagt Danke", sagt Taylor Swift am Anfang der Dokumentation verbittert, während Aufnahmen von den Anfängen ihrer Karriere gezeigt werden: Swift immer hübsch und brav angezogen, mit strahlendem Lächeln und sogar als Gast in einer Talkshow, in der sie sagt, sie werde nicht für politische Meinungen bezahlt, sondern für ihre Musik. Die Leute würden sich für ihre Ansichten schlicht nicht interessieren.

2. "Ich war so besessen davon, keinen Ärger zu kriegen, dass ich mir konstant vornahm: Ich werde nichts tun, womit ich bei irgendwem anecken könnte." So reflektiert Taylor in der Doku ihr anfängliches Verhalten, sich überall herauszuhalten. Sie habe zeitweise sogar geglaubt, dass sie nur auf der Bühne stehe, weil sie nett zu allen sei, nicht weil sie es verdiene, gibt sie später zu.

3. "Wenn ich ein Foto von mir sah, auf dem ich meinen Bauch zu dick fand oder jemand sagte, ich sähe schwanger aus, löste das manchmal etwas in mir aus, und ich fing an zu hungern. Ich dachte es gehört sich so, dass ich während einer Show das Gefühl bekomme, gleich umzukippen. Jetzt weiß ich, dass dem nicht so ist. Wenn du isst und Energie und Kraft hast, kannst du all diese Shows ohne Probleme durchziehen." Mit dieser Beichte, die ihr sichtlich unangenehm ist, spielt sie auf das Verhalten der Klatschpresse an, jeden noch so kleinen körperlichen Makel vor allem an weiblichen Stars zu entdecken.

4. "Es gibt immer ein Schönheitsideal, dem man nicht entspricht. Wenn du dünn bist, hast du nicht den schönen prallen Hintern, den alle wollen. Aber wenn du genug Gewicht für so einen Hintern hast, ist der Bauch nicht flach genug", lautet ihr Fazit aus der Zeit, in der sie sich runterhungerte, um auf Fotos besser auszusehen. Zum Selbstschutz schaue sie sich jetzt nur noch äußerst selten Pressefotos von sich an, sagt sie.

5. "Ich kann Ihnen zehn oder 15 Leute nennen, denen er das Mikro nicht weggenommen hätte. Aber bei einer 17-Jährigen tat er es, weil er es konnte", sagte ein Talkshow-Moderator über Kanye West im Zuge einer der größten Promi-Beefs der vergangenen Jahre. Bei den MTV Video Music Awards 2009 war West auf die Bühne gestürmt und hatte Taylor Swift ihren Preis entrissen, weil er Beyoncé angeblich viel mehr zustehe. Zwar regten sich viele über die Aktion des Rappers auf, im Netz gab es aber auch einiges an Schadenfreude über die Bloßstellung der jungen Sängerin.

6 . "Wenn du für die Anerkennung von Fremden lebst und das deine einzige Quelle für Freude und Zufriedenheit ist, kann eine einzelne schlechte Erfahrung alles zum Einsturz bringen", beschreibt Taylor Swift die Zeit nach dem Vorfall bei den VMAs. Währenddessen hatte es Buh-Rufe gegeben, die Taylor zuerst auf sich bezogen und sich plötzlich abgewiesen und ungeliebt gefühlt hatte.

7. "Ich hatte bei den Grammys zum zweiten Mal das Album des Jahres gewonnen. Und ich erinnere mich an das Gefühl danach: Oh mein Gott, das war alles, was du je wolltest. Du besteigst den Berggipfel, schaust dich um und fragst dich: Was jetzt? Sollte ich nicht jemanden haben, den ich anrufen könnte." Die Einsamkeit, die die Sängerin hier zum Ausdruck bringt, ist eines der vorherrschenden Gefühle in der Dokumentation. Ihre einzige Ansprechpartnerin scheint durchweg ihre Mutter zu sein.

8. "Das Erste, was du vor Gericht gefragt wirst, ist: Warum hast du nicht geschrien? Man empfindet den Sieg nicht als solchen, weil der Prozess so entmenschlichend ist. Und das mit sieben Zeugen und einem Foto. Was passiert, wenn du vergewaltigt wirst und dein Wort gegen seins steht?" So berichtet Taylor von dem Gerichtsprozess gegen einen Radio-DJ, der sie 2017 sexuell belästigte. Er hatte ihr an den Hintern gefasst, verlor deshalb seinen Job, verklagte Swift daraufhin. Sie reichte Gegenklage ein und gewann. Seit dem Prozess habe sich etwas in ihrem Leben "vollkommen und unumkehrbar" verändert.

9. "Stell dir vor, wir sagen zu dir: Wir haben eine Idee. Nur noch halb so viele Zuschauer wie bei der letzten Tour." Sätze wie diese musste die Sängerin sich anhören, nachdem sie ihrem Team offenbarte, dass sie eine Wahlempfehlung für die Zwischenwahlen 2018 aussprechen wollte. Die republikanische Kandidatin für Taylors heimatlichen Bundesstaat Tennessee war Marsha Blackburn, über die sie in einem späteren Moment sagte, sie sei "Trump mit einer Perücke". Doch die männlichen Teammitglieder und ihr Vater rieten ihr, sie solle sich raushalten – was sie nicht tat. Trotz vieler junger Wählerinnen und Wähler, die dank Taylor für den demokratischen Kandidaten stimmten, gewann Blackburn. Weshalb die Sängerin diesen Song schrieb:

10. "Die Künstlerinnen, die ich kenne, haben sich 20-mal öfter neu erfunden, als männliche Künstler. Das müssen sie, sonst haben sie keinen Job mehr." Damit kritisiert Taylor die unterschiedlichen Maßstäbe, die an Männer und Frauen in der Musik- und Unterhaltungsindustrie angelegt werden. Sie fährt fort: "Nun, da ich dreißig werde, denke ich: Ich will hart arbeiten, so lange die Gesellschaft meinen Erfolg noch toleriert."

11. "Ich will Glitzer lieben und zugleich gegen die Doppelmoral unserer Gesellschaft kämpfen. Ich will Rosa tragen und euch meine politischen Ansichten mitteilen. Ich denke nicht, dass diese Dinge einander ausschließen."

12. "Ich will die Misogynie in meinem eigenen Hirn deprogrammieren. Es gibt keine Schlampen. Es gibt keine Bitches. Frauen sind nicht herrschsüchtig, nur bestimmt. Wir wollen nicht dafür verurteilt werden, dass wir facettenreich sind." An dieser Stelle gerät sie in Rage – und entschuldigt sich sofort: "Sorry, das war Street Talk."

13. Doch dann tätigt sie eine Aussage, die wie keine zweite zeigt, wie hart man darum kämpfen muss, sexistische Gewohnheiten abzulegen: "Warum entschuldige ich mich?" Dann fügt sie in gespielt unterwürfiger Tonlage hinzu: "Es tut mir wirklich leid, war ich laut ... in meinem eigenen Haus ... mit den Songs, die ich über mein eigenes Leben schrieb?"

Diese letzte Szene der Dokumentation symbolisiert einen Befreiungskampf, den Taylor Swift, wenn auch spät, begonnen hat und den Frauen auf der ganzen Welt mitkämpfen müssen. Es ist vor allem ein Kampf mit sich selbst. Will ich lieber erfolgreich sein, indem ich mich den sexistischen Stereotypen anpasse? Oder sage ich laut meine Meinung und wehre mich – auf die Gefahr hin, nicht mehr von allen geliebt zu werden?

Die Geschichte von Taylor Swift zeigt: Es ist nie zu spät, sich für die eigene Befreiung zu entscheiden. Aber auch, dass es manchmal erst zu Rückschlagen oder sogar traumatischen Erfahrungen kommen muss, bis eine Frau es nicht mehr aushält und laut einzufordern beginnt, was ihr zusteht. Vorausgesetzt natürlich, ihre Lebensumstände erlauben es.

Dass Kritiker der Sängerin nun vorwerfen, die "vorgegaukelte Intimität" der Dokumentation sei nur Strategie, zeigt aber auch: Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Hält eine Frau den Mund, wird ihr vorgeworfen, dass sie durch ihre "Strategie" allen gefallen und möglichst viel Geld verdienen wolle. Erzählt sie laut ihre eigene Geschichte, wie Taylor in "Miss Americana", ist ihre Strategie auf einmal, mit der Geschichte nur auf einer feministischen Welle mitschwimmen zu wollen.

Mit ihrem Vorwurf enttarnen sich die Kritiker selbst: Sie sind Teil eines unterdrückenden Systems, wegen dem Taylor Swift so lange den Mund hielt. Durch "Miss Americana" weiß ich jetzt: Dass sie es geschafft hat, daraus auszubrechen ist eine große Leistung – und ein Vorbild für uns alle.

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Quelle: Noizz.de