Aber wer braucht diese Diskussion eigentlich?

Der Echo – ein Musikpreis, der so glamourös sein möchte wie die Grammys, jedoch mit seinem der-Künstler-mit-den-meisten-Verkäufen-gewinnt-Motto eher wie ein trashiges Klassentreffen wirkt. Wo die Branchenriesen sich feiern, dass sie wieder ein fettes Jahr voller Umsätze gemacht haben. Wo künstlerischer Wert bloß in einer Kategorie gezählt hat, und das auch erst seit einigen Jahren.

Genau dieser Echo hat es mit der Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang (wieder einmal) geschafft, von Künstlern, Medien und Internet verspottet zu werden.

Ausufernde Diskussion

Im Kern geht es darum, dass das Rapper-Duo den Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ bekommen hat. Das beinhaltet antisemitische Zeilen wie "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow", stark sexistisch ist es auch – und ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag wurde der Preis verliehen, das internationale Auschwitz-Komitee kritisierte die Nominierung bereits vorab.

Schon auf der Bühne hat sich „Die Toten Hosen“-Frontmann Campino gegen die Entscheidung der Jury geäußert. Das Internet explodierte. Inzwischen ist die Debatte so ausgeartet, dass sich viele Künstler dazu berufen fühlen, sich zum Musikpreis und zu den beiden Rappern zu äußern.

Immer mehr Ausgezeichnete protestieren.

Zunächst erklärten Echo-Klassik-Ausgezeichnete wie das Notos Quartett und der der Pianist Igor Levit, ihre Preise abgegeben zu haben. Wenige Stunden später äußerte sich der Musiker Marius Müller-Westernhagen, alle seine sieben Echos zurückgeben zu wollen - mit einem langen Facebook-Statement: „Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen. Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht“, erklärte der Sänger. Wie viele andere Künstler fordert er, dass das Konzept der Preisverleihung komplett überdacht wird.

Schnell weg mit dem Echo!

Wer Hilfe beim Echo-Ablehnen braucht: Late Night Berlin bietet ein inoffizielles Echo-Rückgabeformular an.

Politische Folgen

Die Diskussion schwappt auch in kulturpolitische Kreise rüber: Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats und Mitglied des Echo-Beirats, hat diesen aus Protest verlassen. Auch der Präsident des Deutschen Musikrats, Martin Maria Krüger, zieht sich aus dem Etik-Komitee zurück. Die Getränkefirma Voelkel ist als Sponsor der Preisverleihung abgesprungen. Die Echo-Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass Gangsta-Rap zwar auf Provokation ausgelegt wäre, man aber die künstlerische Freiheit nicht einschränken wolle.

Der Kern der Debatte ist auf jeden Fall wichtig: Antisemitische Texte dürfen keine Bühne kriegen, das findet auch ihr (siehe NOIZZ-Umfrage). Es ist gut, dass die Preisverleihung Folgen mit sich brachte. Doch inzwischen nutzen allerlei Musiker die Diskussion, um die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten. Viele inszenieren sich als diejenigen, die sowas nie zulassen würden, obwohl sie diejenigen sind, die beim Echo massiv im Mittelpunkt stehen.

Deshalb verwässert die Debatte ziemlich stark, obwohl sie so wichtig ist: Wo ist die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und (privater) politischer Meinungsäußerung, in diesem Fall Hetze? Kollegah, der auf seinem YouTube-Account immer wieder politische Kommentare abgibt, verwischt diese Grenze.

Am Ende profitieren Kollegah und Farid Bang (der sich gar nicht geäußert hat) von der ganzen Debatte, beharren auf ihre Kunstfreiheit und werden vermutlich noch mehr Alben verkaufen. Inzwischen hat sich jedoch ihr Plattenlabel BMG von dem Duo getrennt.

Der Bundesverband Musikindustrie will das Verleihungskonzept des Preises nun überdenken. Bedeutungsvoller wird der Echo damit nicht.

Quelle: Noizz.de