Deutschrap ist ein großer Haufen kommerzieller Müll. Nach Skandalen über gekaufte Klicks im Jahr 2019, schleicht sich jetzt der nächste Clou an: Songs klauen, übersetzen und dann als eigene Musik zu präsentieren wird in Deutschland scheinbar flächendeckend praktiziert. Auf Superstar-Ebene. Ein Twitter-User entlarvt etliche Nummer-1-Songs.

Denkt man an Deutschrap im Jahr 2019 zurück, kommt man nicht umhin, sich an eine Reihe junger Newcomer auf Xatars Label zu erinnern, die im Handumdrehen zig Millionen Klicks auf YouTube und Spotify hatten und von null auf hundert zu Superstars wurden. Namentlich: Eno, Sero el Mero, und später auch Fero47. "Ein ganz neuer Sound", tönte Labelchef Xatar und er hatte recht: Das Image aus Straßenjunge in Jogginganzug kombiniert mit endlosen Hit-Melodien hat sich als unvergleichlich massentauglich erwiesen. Eine Skandal-Doku über gekaufte Klicks verschwand ebenso schnell im Nichts, wie sie aufgetaucht war.

Denn das musste man den Nachwuchskünstlern wirklich zugutehalten: Ihre Melodien waren krass on point und der Erfolg damit einfach total gerechtfertigt. Woher hat der solche Hitmaschinen, seit wann gibt es so was in Deutschland, hat man sich gefragt. Und endlich, Monate und etliche Gold-Platten später, hat Twitter-User "@clo1444" eine Antwort: alles geklaut. Und nicht nur die besagten Xatar-Goldjungen, deren Namen alle gleich klingen. In seiner Tweet-Reihe "Deutschrap ist fresher denn je!" zeigt Clo(rona)1444 gerade, wie erfolgreiche Deutschrap-Artists systematisch internationale Hits klauen, auf Deutsch übersetzen, in moderne Rap-Sprache quetschen und das dann als ihr Eigen ausgeben.

Von Xatars Sensations-Newcomern über Summer Cem, Raf Camora, Kollegahs Signing Asche bis zu Shirin David: So ekelhaft klaut Deutschrap scheinbat internationale Hits und gibt sie als sein eigen aus.

Klaut Deutschrap systematisch erfolgreiche Melodien?

"Deutschrap ist fresher, denn je! Es ist einfach zu krass: die neue Generation, der neue Sound – wir haben Amerika seine Mutter gefickt, ich schwöre auf alles!" – das Zitat des Rappers Eno, mit dem alles begann. Besagter Twitter-User entdeckte wohl eher zufällig Ähnlichkeiten zwischen Enos "Souvenir" und Travis Scotts Megahit "Butterfly Effect", schnitt beide Lieder aneinander und hängte noch Enos großkotziges Gelaber hinten dran.

Startschuss einer neuen Reihe auf Twitter, die es mittlerweile bis zu Part 15 geschafft hat: 15 deutsche Songs aus den letzten 15 Monaten, die wohl gnadenlos geklaut sind. Circa die Hälfte ist von Eno selbst, und alle anderen zeigen, dass es hier leider keine Einzelfälle sind, sondern kommerzieller Deutschrap heute labelübergreifend nach der gleichen Formel arbeitet: Finde eine moderne, internationale Hitmelodie, die es nicht in die deutschen Charts geschafft hat, fülle sie mit massentauglichem Marken- und Konsum-Gefasel, lege wahlweise Afro-Trap oder US-Trap drunter und: Fertig ist die – deutsche – Goldene.

Das war Part eins – Eno mit seiner Version von "Butterfly Effeckt". Aber Eno klaut augenscheinlich so unendlich viel, dass es schwer wird, überhaupt eine eigene Nummer in seiner Spotify Top 10 zu finden. Jeder Song mit Millionen Streams versteht sich. Das Modell funktioniert wie geschmiert.

Klar, dass Labelkollege Mero da nicht tatenlos zusehen will. Da schnappt man sich gerne mal was von Lil Wayne, Bruno Mars oder Tory Lanez. Liegt ja quasi auf der Straße.

Auch bei "Alpha Music Empire" wird mittlerweile fleißig geklaut. Klappt ja bei den anderen auch, wär ja schön dumm, da nicht auch abzucashen.

Weiter gehts zum Label "Banger Musik" von Farid Bang. Chartstürmer Summer Cems Single "Pompa" klingt zwar so gar nicht nach Trap oder irgendeiner Modewelle, ist aber trotzdem geklaut.

Tja, und wer sich gefragt hat, wo Shirin eigentlich diesen nicen Flow ihrer neuen Single "90-60-110" her hat, der findet ihn bei – wer hätte es gedacht – Nicki Minaj. Kurz das Ende minimal moderner und griffiger machen, damit das Teil auch schön in die Charts steigt, fertig is.

Und wer hats erfunden? Onkel RAF Camora. Er und Bonez MC von der 187 Strassenbande haben 2016 mit "Palmen aus Plastik" dermaßen abgegrast und gezeigt, wie Spotifiy-tauglich Deutschrap sein kann – wenn man nur die richtigen Lieder klaut. Vielleicht nicht so dreist wie Eno; Bonez MC hat sich über die Jahre tatsächlich als zuverlässiger Hitmaker erwiesen. Aber Produktionen, Flows und Video-Vibes kamen straight von Franzose MHD, der mit seiner Reihe "Afro Trap" Dancehall und modernen Rap verschmolzen hat. Am besten nach zu hören auf "Ohne mein Team" und "Afro Trap Part 5".

187 und RAF Camora bei der 1Live-Krone 2016. Die Geburtsstunde der Kommerzialisierung von Deutschrap.

Hits klauen oder covern: Ein himmelweiter Unterschied

Vielleicht ist das der Zeitpunkt für einen kleinen Disclaimer: Natürlich kann man nicht mit jeder Melodie und jedem Flow das Rad neu erfinden. Gerade wenn man Musik innerhalb eines Genres macht, arbeitet man natürlich mit den gleichen Bausteinen wie alle anderen auch und da sind Ähnlichkeiten nicht nur vorprogrammiert, sondern auch unbedingt erwünscht – denn sonst ist es ja nicht mehr das gleiche Genre. Was auch passieren kann, ist unbeabsichtigt, bekannte Melodien zu verarbeiten. Oder aber, man arbeitet ganz bewusst mit einem anderen Song als Vorlage, interpretiert den neu und nennt das Ganze dann "Cover", "Remix" oder "Hommage". Was all diese Spielformen vereint ist, dass sie den ursprünglichen Songwriter kenntlich machen.

Leider ist das, was im Deutschrap passiert, das genaue Gegenteil: ein systematisches, kommerzielles Modell, in dem gezielt Melodien internationaler Hits gestohlen und als eigene Arbeit ausgegeben und verkauft werden. "Butterfly Effect" von Travis Scott ist da sogar die Ausnahme, weil den eigentlich zu viele in Deutschland kennen. Nein, es werden Hits geklaut, die in Deutschland nicht so bekannt sind. Irgendwas aus Frankreich oder Spanien, das hört hier nämlich kaum jemand.

Was hat das noch mit Kunst zu tun? Und wie wär's mit ein paar neuen Gesetzen, die so etwas verbieten? Und was sagen eigentlich die Fans dazu, deren Lieblingsmusik jetzt noch plastischer ist, als sie es eh schon war?

>> Ciao, Deutschrap, ich kann dich nicht mehr sehen – ein Abschiedsbrief

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Quelle: Noizz.de