"Schon als Jugendlicher fand ich die ganze Klassikszene viel zu verkopft, ernsthaft und spießig."

Am Ende, als wir fast eine Stunde lang über Klassik geredet haben, über die Minimal Music von Glass und die Goldberg-Variationen von Bach, nachdem immer wieder die beiden Namen Mozart und Schubert gefallen sind, als das Aufnahmegerät schon längst nicht mehr läuft und wir im Aufzug nach unten fahren, outet sich der Pianist Kai Schumacher als Fan des Bonner Straßenrappers Ssio.

“Ich finde ihn großartig”, sagt Schumacher und klingt dabei so, als sei er gerade in einem tiefergelegten Mercedes Benz CL 500 mit Chromfelgen, goldfarbener Mattfolie und getönten Seitenscheiben auf die Bühne der Elbphilharmonie gerollt.

Dass der Rapper (Kampfschrei: "Nuttööö!") umstritten ist, tut hier nichts zur Sache. Stattdessen hat Kai Schumacher – 40, Geburtsort Baden-Baden, Klavierstudium an der Folkwang in Essen – mit seinem Bekenntnis auf einen Schlag allen Zweifel beseitigt, insgeheim doch ein elitärer, weltfremder Klassik-Fuzzi zu sein. Als ob der Ort, an dem er gleich – an jenem Abend im Oktober – sein neues Album vorstellen wird, nicht unklassisch genug wäre: das Säälchen auf dem Berliner Holzmarkt, wo einst der legendäre Techno-Club Bar25 residierte, in dem Drogen, Musik, Konfetti und Körper wundersam zusammenfanden. Die Wahl des Ortes könnte besser nicht sein: Schumachers neues Album heißt nämlich "Rausch".

NOIZZ: Kai, mit fünf hast du deinen ersten Klavierunterricht bekommen, mit 13 dein erstes Konzert gemeinsam mit einem Orchester gegeben: Schostakowitschs "Klavierkonzert Nr. 2". Später hast du an der Folkwang in Essen Klavier studiert. Was war in all diesen Jahren, auf deinem langen Weg, ein Pianist zu werden, zwischen früher Kindheit und Erwachsenenalter, das Mühsamste?

Kai Schumacher: Es kam mir nie besonders mühsam vor, weder in der Musikschule, noch an der Uni, weil ich einen Professor hatte, der sehr gut verstand, was ich eigentlich machen wollte – keiner dieser klassischen Hardliner, die einem einhämmern: "Du musst sieben Stunden am Tag üben! Und spiel bloß nicht Synthesizer in Rockbands, das macht nur deinen Anschlag kaputt!" Der hatte einen Sohn in meinem Alter, der aus der Hardcore-Punk-Szene kam, und adoptierte mich als dessen geistigen Bruder.

In all dieser Zeit, zwischen Bach, Beethoven und Brahms: Hast du da jemals gedacht, dass du mal ein Stück komponieren wirst, das "Rausch" heißt und in dessen Musikvideo ein trashiger Gabber-Typ wild abtanzt?

Kai: So konkret natürlich nicht. Aber schon als Jugendlicher fand ich die ganze Klassikszene viel zu verkopft, ernsthaft und spießig. Außerdem bin ich ein sehr politischer Mensch. Deshalb reicht mir die reine Rezeption eines Werkes nicht, sondern ich versuche immer auch, Musik in einem Kontext zu sehen. Ob das ein gesellschaftlicher ist wie bei den Frederic-Rzewski-Variationen, die ich vor zehn Jahren aufgenommen habe (Spotify), oder ein popkultureller wie bei der Idee, einen Gabber-Tänzer mit einem klassischen Klavierstück zusammenzubringen.

Warum eigentlich Gabber? Bist du etwa ein Fan?

Kai: Musikalisch nicht wirklich, aber es gab zumindest eine visuelle Prägung: Als ich an der Folkwang Uni studierte, gab es in Essen eine große Gabber-Szene, Die traf sich immer am Hinterausgang des Hauptbahnhofs. Rotterdam-Hardcore-Terror-Jacken, Nike-Air-Max-Sneaker, Undercut. Da ich da regelmäßig umsteigen musste, konnte ich mir ein Bild davon machen.

Welche nicht-klassische Musik hast du denn als Jugendlicher gehört?

Kai: Los ging es – da war ich zwölf – mit dem Guns-n'-Roses-Album "Use Your Illusion" (Spotify) – das war für mich der Einstieg in die Rock'n'Roll-Welt. So was kannte ich vorher nicht, als Kind hab ich quasi nur Klassik gehört. Dann kam irgendwann Nirvana raus, dann Rage Against the Machine. Da hab ich gemerkt: Musik kann auch politisch sein! Daraufhin hab ich viel Deutschpunk gehört: Slime, Toxoplasma, Dritte Wahl. Mit 18 hab ich angefangen, elektronische Musik zu hören, da war Prodigy für mich der Einstieg.

Und dann hast du Klavier studiert.

Kai: Ja. Und ich habe angefangen, nach den Verbindungen zu suchen zwischen dem, was ich zu Hause höre, und dem, was ich in der Ausbildung mache: Techno und Minimal Music. Und dachte mir: Ah, irgendwas ist da ähnlich …

Techno ist ein gutes Stichwort. Einige deiner neuen Stücke erinnern tatsächlich an Clubmusik. Wie oft warst du schon im Berghain?

Kai: Tatsächlich erst zweimal: einmal zum Spielen, einmal zum Feiern. Aber ich leb' ja auch nicht in Berlin, und außerdem wurde ich dieses Jahr 40. Ich bin nicht mehr so der Clubgänger, mittlerweile fühl' ich mich in Bars viel wohler.

Wie hat das Feiern deine Musik beeinflusst?

Kai: Was für mich neu war, als ich anfing, in Clubs zu gehen, waren die durchgehenden Sets: ein DJ, der drei, vier Stunden sein Set spielt. Das – diese stringente Dramaturgie über mehrer Stunden – hab ich probiert, auf meine Programme zu übertragen, indem ich nicht Block für Block denke, sondern versuche, 45 Minuten lang eine Konzerthälfte dramaturgisch so zu gestalten, dass sie wie ein einzelnes Klavier-"Set" funktioniert – mit Ups und Downs. Außerdem wurde mir die Verbindung von Minimal Music und Techno klar: Steve Reich und Philip Glass quasi als Vorläufer der Clubmusik. Deshalb hab ich mich solistisch klassisch dann auch darauf konzentriert.

Welche Club-Acts haben dich besonders inspiriert?

Kai: Zum Beispiel Moderat. Da hatte ich sofort eine Philip-Glass-Assoziation – insbesondere bei "A New Error". Modeselektor, Apparat, also die Künstler hinter Moderat … Außerdem mag ich's sehr gern, wenn die Club-Ästhetik in Richtung akustische Instrumente oder klassisches Instrumentarium verschoben wird, so wie zur Zeit bei Brandt Brauer Frick oder den Grandbrothers.

Wie stehst du zum Detroiter Techno-Urgestein Jeff Mills, der 2005 als erster DJ überhaupt mit einem Symphonieorchester zusammengearbeitet hat?

Kai: Mit Detroit hatte ich nie ganz so viel zu tun. Das war kein Teil meiner Sozialisation. Wen ich aber immer gefeiert habe, war Francesco Tristano – ein Brückenbauer zwischen diesen beiden Welten: Detroit-Techno und klassische Musik.

Welches deiner neuen Stücke würde sich als Club-Hymne eignen?

Kai: Ich finde ja, "BRNFCK". Dafür, dass es nur ein Klavier mit ein paar Präparationen ist, hat es ganz schön Wumms.

Lassen wir Pop-, Sub- und Clubkultur einmal hinter uns. Wer sind denn deine klassischen Hausgötter?

Kai: Ich hab, wie gesagt, sehr viel amerikanische Komponisten gespielt: Philip Glass, John Cage, George Crumb, aus den 20er Jahren George Antheil, Leo Ornstein, Henry Cowell. Und, eben, Frederic Rzewski. Weil er gesagt hat: "Okay, ich breche mit der ganzen Neuen-Musik-Szene, die in ihrem Elfenbeinturm nur um sich selbst kreist und fange wieder an, tonal zu komponieren, für Menschen, und Aussagen in meine Stücke zu bringen." Das kannte ich bis dahin nur aus dem Punk, nicht aus der Klassik. Außerdem bin ich großer Mozart-Fan, auch wenn man das meiner Musik nicht anhört. Ich spiele ihn immer noch sehr gerne, und er ist – zusammen mit Schubert – der einzige rein klassische Komponist, den ich in manche meiner Konzerte integriere.

Du hast innerhalb der letzten zehn Jahre sechs Alben herausgebracht – keins davon mit den Üblichen Verdächtigen der Klassik. Das älteste Stück, das ich finden konnte, ist Erik Saties "Gnossienne Nr. 3" von 1890, ansonsten hast du dich fast ausschließlich Musik zugewandt, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand – darunter ein komplettes Album mit Klavierarrangements von Grunge-, Metal- und Indie-Songs (Spotify). Warum gibt es von dir bis heute keine Aufnahme von – sagen wir mal – Bachs Goldberg-Variationen?

Kai: Weil ich glaube, dass es dann interessant ist, ein Album aufzunehmen oder auf die Bühne zu gehen, wenn man der Musik etwas Eigenes mitgeben kann – eine neue Sicht auf die Dinge. Ich finde nicht, dass ich bei den Goldberg-Variationen noch irgendwas Neues sagen könnte, was die Musikgeschichte aufmischen würde. Nur rein zu rekapitulieren, was Leute 200 Jahre vor mir schon gemacht haben, dafür wäre mir der Überaufwand zu schade. Bloß, um dieses Werk hinter Museumsglas auf die Bühne zu stellen und zu sagen "So, da isses!", das war’s mir irgendwie nie wert.

Wenn die Goldberg-Variationen, dann welche Aufnahme?

Kai: Die zweite Fassung von Glenn Gould (Spotify). Vielleicht aber auch nur wegen der Patina.

Manche nervt sein Gebrumme ja.

Kai: Ich find's authentisch, ihm nehm' ich das ab. Das ist dieselbe Diskussion wie bei Tennisspielerinnen in den 90ern, als Monica Seles angefangen hat, bei jedem Schlag laut zu stöhnen. Das war ja keine Show, das war nicht aufgesetzt, das war etwas, was ihrem Spiel geholfen hat. Genauso ist es auch, wenn jemand am Klavier mitsummt oder mitsingt. Es ist ja sowieso schwer, als Pianist zu singen. Weil du einen Ton, wenn du ihn einmal angeschlagen hast, nicht mehr formen kannst. Und allein dieser Placeboeffekt, mitzusingen und dadurch Phrasierungen zu schaffen, hilft bei der eigenen Klangbildung ungemein.

Summst, singst oder brummst du beim Klavierspielen auch manchmal mit?

Kai: Nein, aber ich ertappe mich dabei, wie ich aufstampfe oder extreme motorische Bewegungen mache, die mir beim Spielen gar nicht bewusst sind. Das mache ich nicht absichtlich, aber es unterstützt in dem Moment den Gestus.

Noch mal zu deinem Steckenpferd, der Minimal Music. Ist diese Musikrichtung, die ja, böse gesagt, zur Dudeligkeit tendiert, für jemanden, der sich auch an Mozart und Schubert abgearbeitet hat, nicht ein wenig langweilig?

Kai: Das Prinzip, in Patterns zu komponieren, hat ja nicht die Minimal Music erfunden. Vorläufer dafür gibt es bereits in der Renaissance oder im Barock – zum Beispiel die Chaconne, die immer auf demselben Bass-Motiv fußt. Außerdem muss man auch den Kontext sehen: Minimal Music war damals so weit weg vom Avantgard-Mainstream, dass sie schon wieder in den eigentlichen Mainstream übergewandert ist. Das war ein totaler Bruch mit den Kompositionsmöglichkeiten der 60er Jahre. In einer Zeit, in der der Serialismus und die Idee einer totalen Determination sowie die Vermeidung von allem Tonalen die oberste Maxime von Komponisten war, kam jemand wie Philip Glass und sagte: "Ich schreib jetzt ein Stück, das besteht nur aus F-Dur und a-Moll." Das sind technisch ganz einfache Sachen – das Stück bekommt seinen Reiz nicht über Virtuosität oder Struktur, sondern über Wiederholung. Diesen philosophischen Gedanken finde ich spannend. Das erinnert mich an Techno-Sets, wo einfach vier Stunden lang etwas durchlaufen kann.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Kai: Glass' grandiose Oper "Einstein on the Beach" (Spotify). Man kann einfach dasitzen und ist nach einer halben Stunde so gefangen in dieser Welt, so in Trance, wie es keine andere Oper oder Symphonie vermag.

Wirst du dich jemals noch mal einem Alten Meister widmen?

Kai: Klar. Nächstes Jahr nehme ich mir zum Beispiel zusammen mit Gisbert zu Knyphausen Schubert-Lieder vor, die wir mit Streichern und Teilen seiner Band umsetzen. Aktuell arbeite ich aber tatsächlich wieder an etwas Minimalistischem: Gemeinsam mit einer Post-Rock-Band arrangiere und interpretiere ich im Wall-of-Sounds-Gewand mit Streichquartett Philip-Glass-Songs neu.

Lass uns über dein neues Album "Rausch" reden. Eines der Stücke darauf heißt "ACABb", das steht gemeinhin für "All Cops Are Bastards". Wie oft hattest du als Musikschul-Jugendlicher Stress mit der Polizei?

Kai: Mit 16 bin ich mal beim Spatenstich des Festspielhauses in Baden-Baden von der Polizei des Platzes verwiesen, weil ich einen Papierflieger auf Hannelore Kohl geworfen hatte. Ich bin in Baden-Baden aufgewachsen, da braucht man nicht viel, um zu provozieren. Da reichen als Jugendlicher hohe Boots, Bondage-Hosen und eine bemalte Lederjacke – so liefen Mitte der 90er Jahre in der Zeit der Chaostage viele rum. Bei "ACABb" ging es mir aber gar nicht so sehr um meine eigene Erfahrung, sondern um eine allgemeine Entwicklung bei der Polizei, dem Militär und den staatlichen Institutionen, die mir Sorge macht. Waffen, die bei Polizei und Militär verloren gehen, Beamte und Soldaten, die Waffen horten und sich auf den Tag X vorbereiten, "NSU 2.0"-Mails, die von hessischen Polizisten an Anwälte verschickt werden – das sind alles News, die bei mir kein gutes Gefühl hinterlassen.

"ACABb" ist fast ein Anagramm von "BACH", und Bach hat die Buchstaben seines Namens ja auch oft musikalisch verarbeitet, zum Beispiel im letzten, unvollendeten "Contrapunctus" seiner "Kunst der Fuge".

Kai: Genau! "ACABb" basiert auf seinen drei Buchstaben: den Tönen A, C und B. Die spielt die rechte Hand die ganze Zeit. Es ist mit Abstand der eingängigste, harmonischste Song des Albums. Ich wollte, dass er auf möglichst vielen Spotify-Chill-out-Best-of-Piano-to-learn-Playlists landet, um überall seine Botschaft reinzuschummeln. (Lacht)

Bei Schumann heißen Klavierstücke "Von fremden Ländern und Menschen" und "Träumerei". Bei Schumacher heißen Stücke "KANTHOLZ", "BRNFCK" (sprich: Brainfuck) und "ESKALATOR". Was ist in den gut 200 Jahren, die dazwischen liegen, passiert?

Kai: Wir Instrumentalmusiker haben ja immer das Problem, dass wir keine Texte haben. Politische Botschaften können wir also entweder musikalisch subtil nach außen bringen – dann versteht das aber nur ein Bruchteil –, oder über Titel.

Quasi Programmmusik.

Kai: Im Grunde ja. Ich hab versucht, eine Mischform zu finden: plakative Titel, die nicht völlig losgelöst vom musikalischen Inhalt sind. Das war tatsächlich das Langwierigste am ganzen Album-Prozess.

Kannst du das an ein paar Beispielen zeigen?

Kai: "BRNFCK" heißt so, weil er mir beim Üben tierische Schwierigkeiten machte: Mein Gehirn wurde dabei immer total durchgerüttelt. "ESKALATOR" heißt so, weil ich das Wort einfach mag. Ich assoziiere es mit einem roboterartigen Transformer, der auf einmal völlig durchdreht. "KANTHOLZ" hat einen ernsteren Hintergrund: die Diskussion Anfang 2019 um den Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz, der behauptete, böse Linksradikale hätten ihn mit einem Kantholz niedergestreckt. Beides stellte sich als falsch heraus – weder war ein Kantholz im Spiel, noch böse Linksradikale. Ich fand diese Episode so sinnbildlich für die ganze Strategie dieser Partei zwischen Opferrolle und Fake-News, dass ich dachte: Ich arbeite gerade an einem Stück, das in der linken und rechten Hand zwei verschiedene Deutungen von ein und demselben Rhythmus hat – im Grunde ist das so eine Art akustische Fake-News. Gleichzeitig hat das Wort Kantholz eine ganz eigene Poesie.

Eins deiner neuen Stücke heißt "BACCHANALE", das gesamte Album heißt "RAUSCH". Wie sehr sind diese Namen denn Programm? Oder anders formuliert: Hilft es, sich mit Wein zu berauschen, um bacchantisch zu komponieren?

Kai: Ich bin ja eher der Biertrinker ... (lacht) Im Allgemeinen spielt Rausch aber tatsächlich eine große Rolle. In jedem Leben, jeder Epoche, jeder Zivilisation ging’s immer darum, sich zu berauschen. Die Frage ist nur, wie du dich berauschst: Du kannst dich an Drogen berauschen, an Klang, an Farben – an so vielem Anderem. Auf dem Album findet man genügend Anknüpfungspunkte, zum Beispiel Klangrausch. Allein schon durch die Präparation des Instruments kommen so viele Eindrücke auf einen zu, die man aus dem normalen Klavierkontext nicht kennt. Die ziehen einen in einen Sog ...

Konkret: Wie viele der Stücke sind von Räuschen inspiriert?

Kai: Viele. Man kommt nachts nach Hause, hat etwas im Club oder in der Bar aufgegriffen, hat ein ganz kleines Motiv im Kopf. Am nächsten Tag setzt man sich dann hin und versucht, das für sein Instrument so zu bearbeiten, dass es funktioniert. Das hätt’ sich wahrscheinlich nicht so entwickelt, wenn ich jeden Abend brav zu Hause auf der Couch gelegen und Netflix geschaut hätte.

Wie geht es dann weiter? Wie muss man sich dein Komponieren vorstellen?

Kai: Ich habe viel am Laptop gemacht. Dazu musste ich alle Präparationen, die ich benutze, vorher absampeln und wie ein Techno-Produzent mit einem Sequenzer alles so anordnen, wie es für mich musikalisch Sinn ergab. Wenn ich zufrieden war, hab ich auf dem Klavier kontrolliert, ob das alles überhaupt so spielbar ist. Und dann ging das Hin-und-Hergeschiebe los. Wenn etwas nicht funktioniert hat, weil dafür meine zehn Finger nicht ausreichen und ich nicht alles so pedalisieren kann, wie es klingen müsste, hab ich’s im Sequenzer korrigiert und es dann wieder aufs Klavier gebracht. Wenn ich dann gemerkt hab, dass es jetzt zwar funktioniert, aber ein gewisser zusätzlicher Kick fehlt, hab ich noch ein, zwei Sachen eingebaut. Bei vielen Stücken war es ein Trial-and-Error-Verfahren, bei dem sich reine Kopfarbeit am Rechner und technische Arbeit am Klavier gegenseitig beeinflusst haben.

Manchmal klingt es so, als würden mehrere Tonspuren übereinander liegen.

Kai: Tun sie aber nicht. Es ist tatsächlich alles live spielbar und genau so bei meinen Konzerten eins zu eins hörbar. Es gibt keine Loopstation, Sampler oder Overdubs.

Für alle, die es dir nachtun wollen: Kannst du noch einmal erklären, wie du dein Klavier präparierst?

Kai: Ich benutze vieles, was Klaviertechniker auch benutzen: Filz- und Gummikeile, ab und zu Holz, eine Knetmasse namens Patafix, kein Metall. Alles andere ist Arrangement: Ich habe drei Split-Zones, im unteren Register eine für Bass- und Percussion-Sounds, in der Mitte eine flächige und darüber noch eine Special-Effect-Zone für sehr charakteristische Klänge.

Das klingt ein bisschen so, als hättest du ein neues Instrument lernen müssen ...

Kai: Stimmt. Weil sich der Anschlag bei präparierten Saiten auch verändert. Und vor allem muss man sich damit zurechtfinden, dass, wenn man eine Taste drückt, nicht der Ton erklingt, den man 30 Jahre lang gehört hat, wenn man diese Taste gedrückt hat, sondern auf einmal ein Krrr oder Pfff.

Krrr, Pfff … Ist Klassik tot?

Kai: Frank Zappa hat mal gesagt: "Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch." Das kann man ganz gut auf die Klassik übertragen. Sie befindet sich gerade in einer seltsamen Situation zwischen "Wir müssen uns gegenüber dem jüngeren Publikum öffnen" und "Wir kriegen den Stock trotzdem nicht so richtig aus dem Arsch". Und da wird’s dann oft sehr anbiedernd. Ich glaube ja, wir befinden uns momentan in einem Übergangsprozess. Die Leute, die jetzt nach und nach bei den Klassik-Labels das Sagen haben werden, sind keine klassischen Hardliner. Die sind mit unterschiedlichster Musik aufgewachsen. In fünf Jahren ist das, was ich mache, normal.

Kai Schumachers neues Album "Rausch" erschien am 11. Oktober 2019 auf Neue Meister (Edel).

Quelle: Noizz.de