Helen Fares und Josi Miller im NOIZZ-Interview über Rap, Männlichkeit und Musik von Gzuz.

Wie nervig ist es eigentlich, als Frau im Deutschrap immer wieder darüber reden zu müssen, wie es als Frau im Deutschrap ist? Warum ist das ein Problem, wenn Trettmann neue Musik mit Gzuz macht? Und gibt es eigentlich richtig nicen, innovativen deutschen Rap? Fragen, die nach guten Antworten lechzen.

Mit "Deine Homegirls" haben Josi Miller und Helen Fares 2016 den ersten von Frauen gemachten deutschen Podcast über Hiphop ins Leben gerufen. Im Zwei-Wochen-Rhythmus quatschen sie mit Gästen aus dem Deutschrap-Kosmos über – Rap. Und Gesellschaft. Und die Themen unserer Zeit. So, wie ich mit ihnen am vergangenen Freitag. Vorweg den Werdegang der beiden Powerfrauen in Speed-Dating-Geschwindigkeit:

Josi Miller ist einer der größten DJs des Deutschrap. Vor über 15 Jahren das erste Mal über Vinyl gescratcht, hat sie sich in den letzten Jahren vor allem als Tour-DJ für Frauenarzt und Trettmann einen Namen gemacht. Aktuell legt sie vor allem als Solo-Act auf und arbeitet sich in die Welt des Producing ein. In Zukunft wird man wohl "prod. by Josi Miller" auf Beat-EPs oder hinter Titeln von Rapsongs lesen können.

Helen Fares ist in ihrer Jugend über die alte Schule von Huss & Hodn, Morlockk Dilemma und Co. in Rap hineingewachsen. Als sie mit 18 über einen Contest Tickets für das Frauenfeld gewann, wurde einer der Veranstalter auf sie aufmerksam und meinte "Mach doch einen Blog über das Festival!". "Nein, ich bin Moderatorin" war die kühne Behauptung Helens, mit der sie sich ab dem Folgejahr tatsächlich die Moderation auf den Bühnen des Festivals an Land zog. Seitdem hat sie unter anderem eine längere Zusammenarbeit mit Hiphop.de, die Gründung des Podcasts mit Josi und ein Psychologiestudium hinter sich gebracht. Aktuell schreibt sie an verschiedenen dokumentarischen Formaten, die Brücken über Psychologie, Bildungsarbeit und Hip-Hop spannen.

NOIZZ: Wir wissen, wer ihr seid, aber seid ihr auch schon, wer (und wo) ihr sein wollt?

Helen: Mit unserem Podcast ist die Situation aktuell sehr komfortabel. Was ich aber generell tun möchte, ist gesellschaftliche Entwicklungen vorantreiben. Dafür brauche ich in Zukunft noch mehr Nährboden für gesellschaftspolitische Aufklärung, zum Beispiel durch Dokumentationen oder eigene Musik.

Josi: Ich bin als DJ jetzt da, wo ich gerade sein will, und habe mich sehr organisch in diese Position gearbeitet. Mein nächster Schritt wär aber eher wieder von der Bühne weg und hin zur Musik-Produktion. "Homegirls" darf gerne noch wachsen und ich bin auch immer an neuen Formaten interessiert.

Als ich mit eurer Managerin geschrieben habe, war einer ihrer Themenvorschläge "Frauen in der Männer-Domäne Rap". Wie ist das, als Frau in der "Männer-Domäne" Rap immer wieder darüber reden zu müssen, als Frau in der "Männer-Domäne" Rap unterwegs zu sein?

Josi: Ich finde nervig, dass es in jedem Interview kommt. Aber ich sehe auch ein, dass es gerade wohl ein Problem unserer Zeit ist und daher bin ich natürlich bereit, darüber zu reden. Prinzipiell würde ich mir aber wünschen, dass es so normal ist, dass ich nicht mehr darüber reden muss.

Helen: Warum werden eigentlich nie Männer damit konfrontiert? Wenn wir Frauen schon immer darüber reden müssen, wär es ja eigentlich nur konsequent, mit Männern auch darüber zu sprechen. "Wie ist es denn als Mann in der Rapszene?", wieso wird das nie gefragt?

Das ist tatsächlich das, was ich heute mit euch machen will: über Männer im Rap reden. Bei Gleichberechtigung denkt man ja eigentlich immer erst an die Seite der Frauen; an Frauen, die man durch Gleichberechtigung stärken muss. Aber es gibt ja auch die andere Seite: das konstruierte Männerbild, das auch ein Zwang ist und Männer zu Menschen macht, die durch dieses konstruierte Mann-Sein einen ganz konkreten Einfluss auf Frauen haben.

Was wäre, wenn Männer im Rap das Recht besäßen, soft und weich zu sein? Vielleicht würde sich dann nicht so viel anstauen und Frauen würden von Männern (wenigstens stellenweise) nicht so viel Sexismus erfahren?

Helen: Ich glaube, die Debatte ist an sich viel zu groß, um sie hier zu behandeln. Aber ich würde dir auf jeden Fall Recht geben, dass das hetero-normative Männerbild – das im Rap ja auch ganz stark vorkommt – extrem problematisch ist. Es geht immer wieder um Schwanzvergleich und Konkurrenz.

Josi: Übrigens ein Männerbild, was meiner Meinung nach von Männern auf Männern projiziert wird. Ich kenne eigentlich keine Frau, die will, dass der Mann immer mit seiner starken Schulter vorangeht und das Zepter in die Hand nimmt, wie ein Kollegah es zum Beispiel vermittelt.

>> Kollegah startet Videoformat über Verschwörungstheorien

Was sagt denn der Stand der Dinge, was dürfen Männer 2019 im Rap nicht?

Helen: Im Gangster-Rap würde Homosexualität nach wie vor einen großen Eklat erzeugen. Aus meiner Erfahrung, was Festival-Backstages angeht, ginge das gerade nicht zusammen. Da wird fast immer gelästert, sobald ein eher "femininer" Rapper die Runde verlässt. Da kommen immer, immer, immer wieder herablassende und beleidigende Bemerkungen gegenüber Homosexualität.

Josi: Aber: Mit dem Outcoming von Lil Nas X gibt es jetzt zum Glück im US-amerikanischen Mainstream ein Gegenbeispiel.

Helen: Da darf man aber nicht vergessen, dass ein Erfolg in der breiten Masse nicht gleichzeitig auch in der Szene akzeptiert wird. Ich glaube nicht, dass der im Backstage mit 30 anderen Rappern immer noch so behandelt wird, wie vorher. Aus Gangster-Rap-Sicht muss man tatsächlich immer noch so ein archaisches Männerbild verkörpern. Aus meiner persönlichen Sicht natürlich überhaupt nicht und auch aus unserem persönlichen Hip-Hop-Umfeld nicht. Es gibt ja mittlerweile immer mehr Leute, die sehr bewusst leben.

Stimmt, es ist natürlich immer schwer, von einem "Deutschrap" zu reden, denn eigentlich sind es ja viele Subgenres und -szenen.

Helen: Ich finde, es gibt mittlerweile sehr unterschiedliche Männlichkeitsbilder im Deutschrap. Bei einem Morlockk Dilemma weiß man zum Beispiel, dass der nicht LGBTQ-feindlich ist, auch, wenn der mal eine provokante Line rappt. Auf der anderen Seite gibt es aber viele, die diese Feindlichkeit auch in ihrem Alltag leben.

Josi: Generell würde ich auch sagen, dass das Männlichkeits-Bild im Rap zwar diverser geworden ist – im Straßenrap aber überhaupt nicht.

Wie sähe denn die perfekte Deutschrap-Kultur aus? Die Utopie?

Josi: Genau so, wie eine Gesamtgesellschaft in meiner Utopie aussähe. Weg von zu viel Kapitalismus, von zu viel Markenbesessenheit, hin zu menschlicheren Werten. Rapper sind Sprachrohre und Meinungsmacher junger Generationen. Da würde ich mir einen inhaltlich vorbildlicheren Ansatz wünschen.

Helen: Amen.

Da muss ich einhaken, diese Kritik höre ich so oft, dass die Texte der aktuellen Generation zu schlecht und verantwortungslos seien. Aber ist nicht Rap einfach nur ein Spiegel einer ganzen Generation, die exakt das fühlen, was Rappen sagen? "Es ist 12:00 Uhr, ich kauf mir Supreme" von Rin oder "Gucci Gang, Gucci Gang, Gucci Gang [...]" von Lil Pump zum Beispiel.

Fangen die nicht einfach nur perfekt den Zeitgeist ein? Ich denke, wenn man diese Texte schwierig, oberflächlich oder schlecht findet, muss man sich eigentlich eher fragen, was das für eine Generation ist, die das im Kollektiv genau so fühlt und dann da ansetzen und nicht bei den Rappern, die den Zeitgeist auf den Punkt bringen.

Josi: Voll, aber es ist ja auch ein Kreislauf: Leute kaufen sich um 12 Uhr Supreme, dann rappt Rin exakt das und danach kaufen sich noch mehr Leute um 12 Uhr Supreme. Wir wünschen uns natürlich deshalb, dass man dem gesellschaftlich entgegengeht und nicht nur aus dem Rap heraus. Aber, wenn Rap etwas tiefere Themen cool verpacken würde, dann wäre das auch richtig gut und hätte einen positiven Einfluss auf die Jugend.

Helen: Die Menschen, die auf einmal in einer Vorbildfunktion sind, sind ja auch eigentlich nicht dafür ausgebildet, auf einmal in dieser Rolle zu sein. Das war deshalb keine Kritik von uns an Rappern, sondern eher ein Wunsch. Auf Instagram würde ich mir deshalb zum Beispiel wünschen, dass Rapper, die immer noch sexistische Texte schreiben, dass auf Instagram transparent machen würden, dass es nur Kunst ist und keine private Realität.

Damit kommen wir zum aktuell großen Thema, erneut angestoßen durch Trettmann feat. Gzuz – "Du Weißt", in den letzten Monaten aber bereits nonstop auf dem Tisch durch XXXTentacion, Michael Jackson und R. Kelly: Was macht man mit Musik von Straftätern?

Helen: Ich möchte mit der Kunst einer kriminellen Person eigentlich nichts zu tun haben. Aber: Wenn der Text problematisch ist, ich aber von der Person sicher weiß, dass sie das nicht in echt ist, dann bin ich damit etwas entspannter.

Josi: Ich sehe das grundsätzlich auch so. Für mich macht es ebenfalls einen Unterschied, ob jemand problematische Texte rappt, oder problematische Dinge tut. Aber ich muss auch zugeben, dass ich trotzdem Musik von solchen Personen auflege. Das ist für mich noch mal was anderes, als es privat zu hören. Ich spiele auch viel französischen oder niederländischen Trap und google die Texte nicht im Vorfeld. Aber Gzuz würde ich gerade nicht mehr auflegen.

Wie findet ihr denn, dass Trettmann dieses Feature gemacht hat?

Helen: Ich bin, ehrlich gesagt, einfach ein bisschen traurig. Hier geht es um vermeintliche Gewalt an einem Menschen. Vermeintliche Gewalt, über die sich der Beschuldigte sogar in der Öffentlichkeit noch lustig gemacht hat. Wir wollen keine Gewalt tolerieren und eigentlich nehme ich Trettmann nicht als einen Menschen wahr, der Gewalt toleriert. Ich warte also auf das Statement.

Josi: Trettmann hat auf seinem neuen Album – bis auf Gzuz – auch nur Frauen als Feature-Gäste. Das ist für mich eigentlich ein starkes Statement. Das Feature mit Gzuz sehe ich auch kritisch, aber ich will auch erst mal sein Statement abwarten.

>> Trettmann schweigt zum Feature mit Gzuz: Das ist feige!

Ich finde, Trettmann ist eh ein bisschen tricky. Er wirkt nach außen total sympathisch, aber trotzdem basiert ein großer Teil seines Erfolgs auf der Connection zu 187, die ich problematisch finde.

Josi: Die haben aber auch wirklich seit Ewigkeiten eine richtig tiefe Ebene miteinander, weil sie künstlerisch immer schon krass auf einem Nenner waren. Ich will damit das Feature nicht rechtfertigen, sondern nur sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen denen immer auf einer musikalischen Vision und Leidenschaft beruht hat – Dancehall. Und ich kenne Trettmann persönlich auch einfach zu gut und weiß, dass er ein absoluter Ehrenmann ist.

Was man auf jeden Fall machen muss, ist einen Diskurs anzustoßen und darauf aufmerksam machen. Danach kann ja immer noch jeder entscheiden, was er hören will und was nicht.

Ihr sagt beide, dass ihr Kunst und Privatperson trennt und keine Musik von problematischen Privatpersonen hören wollt. Ich sehe das anders.

Sagen wir mal, euch zeigt jemand einen Newcomer aus den USA, der Trap macht. Die Chance ist doch extrem hoch, dass diese Person aus einer Trap und damit einem kriminellen Umfeld kommt (z.B. 21 Savage, Lil Baby, Kodak Black, Future, XXXTentacion, 6ix9ine).

Wenn man Trap hört, muss man das auf dem Schirm haben. Und da finde ich es ignorant oder auch heuchlerisch, wenn man so tut, als bestünde nicht diese gewisse Chance, dass man de gerade Musik eines Straftäters hört – auch, wenn man es nicht explizit weiß. Und wenn man das auf dem Schirm hat und trotzdem Trap (oder Straßenrap) hört, dann willigt man meiner Meinung nach ein, Kunst und Privatperson zu trennen beziehungsweise, dass man Kunst von problematischen Privatpersonen konsumieren und lieben darf.

Damit ist für mich auch in Ordnung, wenn Trettmann weiter Musik mit Gzuz macht. Nicht in Ordnung finde ich, dass er dazu keine Stellung bezieht. Und überhaupt nicht in Ordnung sind Straftaten, die müssen natürlich auf den Tisch und vor Gericht.

Helen: Ich weiß voll, was du meinst. Vor allem, wenn die Künstler*innen gerade diese Kriminalität auch in ihren Texten verarbeiten. Die Frage ist natürlich, wie man Kriminalität abstuft. Ich zum Beispiel kann schon noch mit mir vereinbaren, Musik von einer Person zu hören, die mal einen Laden von ner großen Supermarktkette ausgeraubt hat weil die Person übelst am strugglen war. Aber, wenn ich weiß, dass der/die Kunstschaffende personengerichtet Gewalt ausgeübt hat, dann höre ich diese Musik nicht mehr.

Das ist ja ein komplett subjektiver Umgang, oder?

Josi: Ja, total. Jeder muss für sich selber wissen, womit er leben und nicht leben kann.

Das sehe ich ganz genau so.

Wollen wir die Spirale der Negativität verlassen und einen Hoffnungsschimmer auf die Zukunft werfen? Was wünscht ihr euch für Deutschrap?

Josi: Ich würde mich freuen, wenn sich alle jungen Künstler*innen ermutigt fühlen, freie Kunst zu machen der keine Grenzen gesetzt sind, und ich wünsche mir, dass Hip-Hop weiterhin als Sprachrohr existiert.

Helen: Ich würde mir wünschen, dass mehr Empathie herrscht. Es gibt in diesem Business so viele Ellbogen-Menschen. Die wünsche ich mir weg. Außerdem wünsche ich mir, dass sich Deutschrap mal selber neu erfindet und richtig geile neue Sounds aus uns selbst herauswachsen.

Was war mit dem letzten Cro-Album?

Helen: Das war geil! Aber, wo ich gerade überlege, was die ganzen neuen Künstler, die auf -ero enden, machen ist ja auch sehr eigen. Die arbeiten Einflüsse ihres persönlichen Umfelds in ihre Musik ein, das finde ich super. Ich wünsche mir auf jeden Fall deutsche Meilenstein-Mucke, so was, wie "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" von Kanye West, was die folgenden fünf Jahre richtig stark geprägt hat.

"Palmen aus Plastik" von Raf und Bonez ist wahrscheinlich zu französisch, um als eigenes Ding zu gelten?

Josi: Ja, auf jeden Fall. Die haben zwar den Sound innerhalb Deutschlands stark geprägt, aber das war ja sehr stark von MHD und französichem Rap inspiriert.

Das neue Trettmann-Album verfolgt auch etwas bisher Ungehörtes. Beim "Intro" hört man zum Beispiel Elektro-Elemente im Beat.

Josi: Die arbeiten da mit Two-Step und das gab es natürlich auch alles schon, aber die verwerten das natürlich neu und bauen auch immer wieder Erinnerungspfeiler an alte Break-Beats ein. Aus Producing-Sicht finde ich beides geil: Das Neue, was auch neu etabliert wird, aber auch das Alte, was neu zusammengesetzt wird.

Stimmt, aber ich finde eigentlich das komplett Neue ein bisschen geiler, als den Crossover, den man noch nicht kennt. Und Trettmann ist da aktuell natürlich eher der neue Crossover.

Helen: Das letzte Tua-Album ist auch ein richtig geiles Crossover.

Bei Tua finde ich schwierig, dass die Raps ein bisschen der Zeit hinterherhinken. Finde, er produziert und komponiert extrem geil, aber rappt leider, wie man noch vor zehn Jahren gerappt hat. Gleiches leider bei dem neuen Orsons-Album; extrem geil gemacht, bloß die Raps sind ein bisschen von gestern.

>> Das große Philosophie-Interview mit den Orsons: "Wir sind wie ein Geflecht aus Menschenfleisch"

Helen: Gerade das finde ich eigentlich hammer bei Tua. Dass mich der Rap ein bisschen an Die alten Zeiten erinnert; dieses Nostalgische aber gekoppelt ist mit dem neuen Sound. Diese Art und Weise, das Neue schmackhaft zu machen, find ich richtig gut.

---

Bock auf was richtig schmackhaft Neues? Zieh dir "Deine Homegirls" rein, alle zwei Wochen neu. Und schmackhaft.

Quelle: Noizz.de