Da schwappt was Großes von der Insel rüber …

Seien wir einmal ehrlich: Rap ist der neue Pop. Und das ist nicht erst seit ein oder zwei Jahren so, in denen mittlerweile auch die deutschen Single- und Albumcharts von Capital Bra, Bausa, Mero und Co. dominiert werden. Das junge Genre hat sich seit seinen Anfängen in den 80ern mehr und mehr hervorgetan. Auch weil es eine der wenigen Subkulturen ist, die noch exklusiv der Jugend gehört.

>> Wieso das so ist, könnt ihr zum Teil hier nachlesen: Warum Kendrick Lamar, Childish Gambino und Drake die Grammys boykottieren

Während jedes noch so kleine Skandälchen aus der US- und Deutschrap-Szene mediale Aufmerksamkeit findet und die Werke der Rapper dann doch nach und nach auch vom klassischen Kulturteil der Tageszeitungen besprochen werden, wird eine weitere wichtige Hip-Hop-Nation weites gehend vernachlässigt. Großbritannien. Dabei ist die Rapszene dort mindestens genauso spannend wie die US-Szene, wenn nicht sogar noch vielseitiger auf ihre ganz eigene Art und Weise.

2019 könnte sich das etwas ändern.

Immer mehr britische Newcomer machen auf sich aufmerksam – mit Rap der sich stilistisch eindeutig von den US-Vorbildern differenziert. Das ist mal extrem hart, wie im UK-Drill, der vor allem damit Aufmerksamkeit generierte, zu Gewalt aufzurufen – kein Wunder stammen die meisten Künstler wie Taze, Digga D oder Lethal Buzzle aus sozialen Problemvierteln. Ihre Raps geben der sozialen Ungerechtigkeit eine Stimme, das wiederum ist ähnlich zum US-Rap:

Anders verhält es sich aber bei einem anderen Subgenre des UK-Raps, das bereits Anfang der Nuller-Jahre die Charts domnierte, dann aber ziemlich schnell doch eher uncool wurde. Grime. Das ist im Prinzip Hip-Hop durchtränkt mit elektronischer 2-Step-Musik und jamaikanischen Dancehall. Ein Genre, dass genauso multikulti ist, wie die britische Bevölkerung. Vorreiter damals: Wiley, Stomrzy und Dizzee Rascal. Letzterer gewann im Jahr 2003 sogar den renomierten Mercury Music Prize für das beste britische Album eines jeden Jahres.

Lang, lang ist es her. Nicht das Grime in Vergessenheit geraten wäre – Künstler wie Stormzy und Dizze Rascal finden sich nach wie vor in den britischen Top 40. Aber es ist so normal und populär geworden wie ein Popsong von Ariana Grande. Jetzt, wo es auf die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts zugeht, wird eine neue Phase von Grime eingeleitet.

Die Spuren, der Mix aus elektronischer Musik und Oldschool-Rap sowie einigen karibischen Einflüssen, sind noch deutlich zu hören – die neuen Songs, die jetzt aber Großbritannien erobern, haben eine sehr viel kühlere Attitüde. Sie sind düster, fast so düster wie Drill, aber eben nicht ganz so hart. Sie gehen den Problemen auf den Grund und suchen Lösungen. Sie bedienen sich dabei sogar teilweise des manchmal trashigen US-Trap. Diese Fusion klingt so ungewöhnlich, dass man sie einfach nur feiern kann.

Aber wer gehört denn zu diesem neuen, coolen Sound?

DAVE: Vom 16-jährigen Hobby-Rapper zur Chart-Sensation

Der hierzulande (leider) noch relativ unbekannte Rapper DAVE sticht in dieser neuen Welle mehr als heraus. DAVE ist erst 20 und hat für einen angesagten Rapper einen relativ schlichten und viel zu kurzen Namen – man wartet förmlich darauf, dass er noch weiter geht. DAVE Psycho oder DAVE RAZR oder so. Irgendwas halt. Stattdessen einfach nur DAVE. Gut, er hat auch ein Alter Ego, unter dem er früher auftrat: Santan Dave. Jetzt ist er aber eine Spur minimalistischer unterwegs. Seiner Musik hat das in keinem Fall geschadet.

Mit seiner ersten Single Black landete David Orobosa Omoregie, wie DAVE nämlich eigentlich heißt, in seiner britischen Heimat auf Anhieb einen Hit. Der Song hat es in sich. Es geht darum, was Schwarz-sein alles bedeuten kann – die positiven als auch die negativen Seiten. Dazu smoothe, roughe Beats, die man vom UK-Rap der frühen Nullerjahre schon kennt, ein bisschen Grime, ein bisschen Drill. Das Weltbild in Black ist für seine knapp vier Minuten Spielzeit aber so komplex wie ein ganzer Roman. Der Song bringt seine Zuhörer an seine eigenen Grenzen, er löst einen Denkprozess aus.

Ja, Schwarz-sein ist nichts Schlechtes, wieso auch? Es kann einen starken Familienzusammenhalt bedeuten, eine glückliche Kindheit, Liebe, Freiheit und Selbstverwirklichung. Aber in DAVES und unserer Lebensrealität bedeutet es aber leider viel zu oft auch: Gewalt, Drogen und soziale Ungerechtigkeit. Klar liegt das an der Gesellschaft, die keine gleichen Voraussetzungen schafft oder schaffen kann. So etwas in einen Rap-Track zu packen, ist ungewohnt tiefgängig. Und es spiegelt die Realität von Millionen Briten wider. Auch das ist Teil des neuen UK-Raps, der sich mehr denn je mit sozialen Problemen, dem Auf- und Abstieg einer jungen Generation beschäftigt.

Klar, es gab auch Dizzee Rascal und Co., gut zehn Jahre vorher. Nicht dass Dizzee keine ernsten Songs gemacht hätte. Bei ihm standen trotzdem eher Party, Exzess und Vergessen bis zum geht nicht mehr im Fokus. Bei DAVE ist das anders. Und vielleicht auch deswegen stieg sein lang erwartetes Debüt Psychodrama direkt auf der eins der britischen Albumcharts ein. Gerade in einer Zeit, in der mit dem Brexit noch mehr Ungewissheit als jemals zuvor vor der Tür steht.

DAVE ist in Südlondon groß geworden, eine Gegend, die bis zu den Olympischen Spielen 2012 nur aus Sozialwohnungen bestand. Das hört man auf Psychodrama. Es ist wie eine lange Sitzung beim Therapeuten, in denen sich der junge Rapper alles, was ihn bekümmert von der Seele redet. Und so hat er ein Album geschaffen, von dem man in zehn Jahren vielleicht sagen wird, dass es Genre-prägend war.

Psychodrama zeigt, dass nicht nur Kendrick Lamar intellektuellen Hip-Hop drauf hat. DAVE kann es auch. Und es klingt sogar noch aufregender, weil wir diese Mixtur an Genreeinflussen und der harten Realität so bisher nur selten gehört haben.

Octavian: Der britisch-französische Heilsbringer

DAVE ist nicht alleine mit seiner Message. Der britisch-französische Rapper Octavian ist zu einer Art Sprachrohr des europäischen Rap geworden. Einer, der Brücken bauen kann. Die BBC setze ihn in seiner Newcomer-ListeSound of 2019“, die Künstler wie Adele hervorbrachte, sogar auf Platz eins. Geboren wurde er im französischen Lille, zog mit seiner Mutter aber als Teenager nach Großbritannien, als sein Vater starb.

Sein Lebensweg: eher ungewöhnlich. Octavian galt als so talentiert, dass er sogar ein Stipendium für die renommierte Brit School bekam. Eben jene Talentschmiede auf der Amy Winehouse, Katie Melua und Co. ausgebildet wurden. Er fand das eher desillusionierend und schmiss alles hin.

Man kann einem nicht beibringen kreativ zu sein, sagte er über seien Zeit an der Schule.

Danach lebte er einige Jahre ohne festes Zuhause mal hier, mal dort. Die Musik begleitet ihn aber. Dann kam der Hit, der alles veränderte Party Here – eine ebenso desillusionierende Hymne an eine hoffnungslose Generation mit Drogen, Party und ohne Vision für die Zukunft. Den Track feierte Drake – und der Rest ist bekannt.

Sein Style: rough. Octavian paart den Vibe von harten französischen Straßen-Rap mit der typisch-britisch-Attitude. Dabei schafft es Octavian vielleicht noch mehr als DAVE, eine Verbindung zur großen, weiten Pop-Welt aufzubauen, ohne dabei an Lässigkeit zu verlieren. Er orientiert sich mehr am harten Drill, mixt dabei aber House-Elemente mit rein. Vielleicht macht das Octavian kompatibel mit Indie-Acts wie Mura Masa, Bon Iver oder sogar EDM-DJ Diplo.

Slowthai: Working Class Hero im Rap-Gewand

Der neue UK-Rap ist aber nicht schwarz, er ist weitaus vielseitiger, als viele es erwarten. Slowthai ist ein Beispiel dafür. Wäre Trainspotting kein Roman von Irvine Welsh, sondern ein Rapper, Slowthai wäre seine musikalische Verkörperung. Seinen Künstlernamen hat Tyron Kaymone Frampton seiner etwas schläfrigen Stimme (slow ty) zu verdanken.

Seine Songs sind aber alles andere als träge, sie sind voll drauf. Mitten in die Fresse. Slowthai ist mit einer Gabe gesegnet, die ihn mit Octavian und Dave eint: Er kann aufmerksam beobachten und selbst die kleinste Nuance in aussagekräftige, ja, sogar poetische Lyrics einfangen.

Framptons Mutter stammte aus einer irisch-barbadischen Familie, er wuchs mit ihr und vier weiteren Geschwistern in einem dieser großen Sozialbauwohnungskomplexen auf. Britischer White Trash. Davon befreite sich der Rapper aber, er studierte Toningenieurwesen am College und ist der lebende Beweis für sozialen Aufstieg. Dadurch werden auch seine Songs politischer: Arbeitslosigkeit, Klassenunterschiede, der Brexit – all das sind Themen, mit denen sich Slowthai überraschend erfrischend auseinandersetzt. Eine Art Punk im Hip-Hop-Game.

DAVE, Ocatvian und Slowthai sind drei verschiedene Stimmen des aktuellen UK-Hip-Hop, die eine wichtige Message in die Welt hinausträgt:

Ja, es gibt Probleme. Ja, die Welt ist ungerecht. Aber seht her: Man kann sich aus der Scheiße rausholen!

Sie machen sichtbar, was für viele unsichtbar ist. Und wenn Hip-Hop das vollbringen kann, ist es gut, dass das der neue Pop ist. Und diese Zeilen schreibt ein nicht Hip-Hop-Fan.

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Quelle: Noizz.de