2 Stunden und 48 Minuten dauert es, das ganze Album anzuhören.

Was zur Hölle ist in Chris Brown gefahren?! Der Rapper hat mal eben ein Album mit 45 (!) Tracks veröffentlicht. Es trägt den mystischen Titel „Heartbreak on a Full Moon“ und hat ein galaktisches Cover.

33 von 45 Tracks tragen das „E“ davor, als Warnung für expliziten Inhalt – also Sex, Drogen und Schimpfwörter. 14 Lieder sind 4 Minuten lang oder länger. Trotzdem: So richtig Gangster wie sonst wirkt Chris Brown damit nicht – eher als würde er den R'n'B-Sänger „The Weeknd“ mit seiner sexy Softigkeit imitieren wollen.

Wer soll sich das alles bitteschön wann anhören?! Na ja, wir auf jeden Fall. Recherche und so. Eigentlich hatte ich ja vor, das Album zu zerreißen.

Seitdem Chris Brown Rihanna krankenhausreif geschlagen hat, ist er bei mir eigentlich unten durch. Der Sänger ist mir seitdem super unsympathisch – und ich finde seine Songs auch nicht sehr innovativ.

Okay, tanzen kann er. Und tätowiert ist Chris Brown auch von Kopf bis Fuß. Das ist dann schon attraktiv. Aber mehr eben auch nicht.

Und bis auf seine drei Hitsingles „Run it“ (2005), „With You“ (2007) und „Beautiful People“ (2010), feiere ich seine Musik praktisch nicht mehr, seit ich kein Teenie mehr bin.

In den vergangenen Jahren ist er auf meinem musikalischen Radar nur durch seine Kollabaration mit Nicki Minaj in ihrem Song „Only“ aufgetaucht. Und darin fand ich seinen Part sogar am schwächsten.

Doch die neue Platte „Heartbreak on a Full Moon“ ist leider besser als erwartet

Ich stehe ja auf R'n'B, den man so bei einem späten Brunch zuhause laufen lassen kann, der dann geschmeidig in eine kleine Feierei übergeht. Genauso smooth und groovy ist die Platte – zumindest beim ersten Mal Durchklicken und Anhören.

Aber wie verhält sich das, wenn ich mir das ganze Album – alle 45 Songs, stolze 2:48 Minutenam Stück anhören muss? Pausenlos? Will ich dann die Platte zertrümmern und fange zu Heulen an, wenn ich das nächste Mal den Vollmond am Nachthimmel sehe?

Ich mache den Selbsttest, um genau das herauszufinden. Schließlich müssen wir uns wahrscheinlich alle in Zukunft wieder an Longplayer gewönnen: Gerade im HipHop werden die Tracklisten immer länger. Ty Dolla $igns „Beach House 3“ hat 20 Songs, Lil Yachty’s „Teenage Emotions“ 21 Tracks und Drakes „More Life“ schon 22 Songs.

Future hat sogar 36 Songs auf zwei Alben innerhalb einer Woche veröffentlicht.

Aber zurück zu Chris Brown! Es ist Samstag, 9:47 Uhr und ich habe 2:48 Stunden des Künstlers vor mir. Die ich am Stück durchhöre.

Am Ende steht mein Fazit. Es ist anders, als ich erwartet habe.

Meine Bewertung der 45 Tracks in 90 Worten:

Starke Songs: Paradise, Juicy Booty, Summer Breeze, Sip, Nowhere, Tough Love, Hope You Do, Grass Ain't Greener, Rock Your Body, I love Her, Yellow Tape.

Schwache Songs: Emotions, Tell Me What Do, High End, Heartbreak On A Fullmoon, Tempo, Roses, On Me, Hurt The Same, Covered In You, Reddi Wip.

Der Rest ist ähnlich chillig, gleichförmig. Ein verträglicher Mix aus Chris Brown, Drake und The Weeknd.

Nach dem Marathon mag ich seine Musik wieder. Ich gebe seinem nächsten auch Album eine Chance. Aber bitte, bitte nicht wieder mit 45 Tracks.

Für die Chris Brown Fans unter euch – und alle, die auf Musikrezensionen stehen – habe ich noch eine detaillierte Bewertung geschrieben. Ein ausführlicher Guide durch die 45 Tracks. Enjoy!

Der erste Song „Lost and Found“ fängt ungefährlich und chillig an. Irgendwas mit: „My GPS is broken“. Im metaphorischem Sinne natürlich. Es geht um eine Frau, die sich wie ein kleines Mädchen verhält und nicht so krass ist, wie sie denkt. RiRi kann's jedenfalls nicht sein. Die ist schließlich die Prinzessin des Pop.

Der zweite Song „Juicy Booty“ mit Jhene Akio hat etwas mehr Funk, bleibt von den Beats her aber ein derselben Sphäre wie „Lost and Found“. Es geht doppeldeutig um Doggy Style Sex. Beide passen mit ihren Stimmen - soft und sexy - gut zusammen. Wie die Faust aufs Auge. ('Tschuldigung, diese Anspielung auf den Frauenschläger konnte ich mir nicht verkneifen.)

Emotions“ gefällt mir nicht so, ohne, dass ich den Grund genau benennen kann. Der Song ist mit 2:22 Minuten einer der kürzesten und für mich irgendwie überflüssig. Es kann sein, dass mein Gefühl auch dadurch entsteht, dass der gleichnamige Song von der Band „Destiny's Child“ einfach legendär unter den R'n'B-Nummern ist. Damit kann Chris Brown nicht mithalten.

Der nächste Track, „Other Niggas“, macht seine männlichen Konkurrenten da draußen, also die anderen Bad Boys, für den Schmerz seiner Freundin verantwortlich. Der Song hat was – ist aber sich so schnell wieder vorbei, dass ich ihn nicht im Kopf behalten werde. Es kommen schließlich ja noch 41 andere Songs …

Für „Party“ hat sich Chris Brown prominente Unterstützung von Usher und Gucci Mane geholt. Beide sind alte Hasen im Business. Das ist für mich dementsprechend eine klassische Loungepartynummer, wie sie zum Vortrinken bei R'n'B-Partys läuft: Eingängiger, unaufgeregter Refrain, den man nach einem Mal Hören mitsingen kann, und ein Rap-Part, damit es Gangster genug bleibt. Solide.

Paradise“ ist der sechste Song, den ich am Stück höre. Er gefällt mir bis dahin am besten. Er hat mehr Tiefe und Chris Brown spielt mehr mit seiner Stimmvarianz. Der Text ist perfekt für Männer mit Liebeskummer. Er rappt sogar, das mag ich!

Leider fällt mir auf, dass ich die Lieder im Shufflemodus höre. Ich dachte, dass ich den ausgestellt habe. Andererseits ist das nicht so schlecht - so werde ich der Musik vielleicht weniger schnell überdrüssig.

Tell me What To Do“ klingt leider wirklich nach einem Wolf, der den Mond anheult. Oder nach einem gebrochenen Mann, der seine Domina nach Schlägen anbettelt. Das macht Chris Brown öfter: zu viel winseln. Dann wirkt er auf mich so verliebt in seine eigene Stimme, dass er nicht aufhören kann, sie zu dehnen.

Der Song ist schlecht und nervt mich. Ich höre ihn aufgrund meiner Aufgabe trotzdem zu Ende.

Summer Breeze“ ist einer dieser Songs, der auf langen Strecken mit dem Auto ein Segen ist. Der Beat ist etwas düsterer und tiefer, es sind ein paar sphärische Noten in dem Song. Nachts auf der Autobahn funktioniert das immer. Oder bevor es losgeht in den Club. Ein bisschen Sprechgesang, softer Rap also, ist auch dabei. Gefällt mir sehr.

Sip“ ist slow. Sehr slow. Die typische Richtung R'n'B, die man beim Vorspiel hört. Gerade, als ich darüber nachdenke, singt Chris Brown: „My baby's coming over, we don't even need no foreplay“ - sage ich doch. Sexnummer. So gut.

Sensei“ ist spannend, weil ich erst einmal nachgoogle, was der Begriff bedeuten soll. Ich denke automatisch an „Black Widow“ von Rita Ora und Iggy Azeala. Doch in Chris Browns Song geht es nicht um Rache, sondern um Frauen, denen er im Bett zeigt, wo es lang geht. Passend: „Sensei“ ist ein Begriff aus der japanischen Kampfkunst und bedeutet laut Wikipedia so viel wie „der Lehrer, der Senior, der den Weg vorlebt und seinen Schülern vermittelt.“ Die „Ich bin dein Gebieter“-Nummer ist ganz gut, aber austauschbar.

To My Bed“ geht's um seine Superqualitäten als Liebhaber. Die Frauen schaffen es gar nicht erst in sein Schlafzimmer. Der Quickie kann überall stattfinden, so groß ist der Spell, den Chris Brown anscheinend auf das andere Geschlecht hat. Der Track ist sehr sexuell – explizit – ich werde ihn mir wohl allein deswegen merken.

In „High End“ ziehen seine Features Future und Young Thug leider völlig an Chris Brown vorbei, was ihre Skills betrifft. Mit dem Song tut sich der Sänger deshalb keinen Gefallen. Seine eigenen Parts sind am schlechtesten. Wer Future mag, wird das Lied trotzdem feiern. Kann dann aber auch einfach Futures eigenen Longplayer mit 36 Tracks anhören.

Nowhere“ ist das erste Lied, das ich außergewöhnlich finde. Die Melodie ist anders als bei typischen R'n'B-Songs. Der Track steigert sich Sekunde für Sekunde. Und mit 3:13 Minuten ist die Länge so, wie wir es gewöhnt sind.

Tough Love“ ist auch ein starker Track. Tiefe Drops, tiefer Text. Der Song zeigt Chris Browns Können. Man hört zu und kauft ihm ab, was er über taffe Liebe singt. 4:04 Minuten lang.

Pull Up“ ist der nächste. Der Refrain ist ein Ohrwurm. Die Bridges einprägsam. Der Song ist gut, aber einer von denen, die man erst feiert und die dich nach einer Weile sehr nerven.

If You're Down“ klingt ein bisschen nach diesen „Wir sind alle eins“-Songs, die Chris Brown alle paar Jahre auspackt. Zuletzt war es das Lied „Beautiful People“, das 2010 im Radio rauf und runter lief. Kann man hören und seinen besten Freunden schicken: „If you're down, I'm down“ und so.

Everybody Knows“ handelt von der Gerüchteküche nach dem Beziehungsaus. Jeder weiß Bescheid. Raplastig. Mittelmaß.

Hope You Do“ ist so typisch Chris Brown, dass Fans es lieben werden. Ich finde es auch gut. Es ist sehr geschmeidig, seine Stimme sehr klar, sehr betont. Textlich benutzt er elegante Bilder des Trinkens, um eigentlich über Cunnilingus zu singen.

Grass Ain't Greener“ ist an der Schnittstelle zwischen Soul und R'n'B. Erinnert mich an Trey Songz. Der Song ist gut, gerade wenn der Rap noch Abwechslung reinbringt.

Rock Your Body“ ist eine rhythmische Dancehall-Nummer mit R'n'B Vibes. Wer das mag, mag auch den Song. Ich mag das.

I love her“ ist der erste Song, den ich von der Platte höre, der auch tanzbar ist. Bisschen mehr Carribean. Bisschen mehr Slang. Bisschen wie Drakes „One Dance“.

Heartbreak On A Fullmoon“ ist der Albumleader und enttäuscht mich leider. Ich glaube, der Track soll innovativ sein. Der Name ist schön. Chris Brown kitzelt seine hohen Noten raus. Das Experiment ist aber noch zu schüchtern. Der Song bleibt mir nicht so sehr im Ohr. Vor allem sind 4:04 Minuten bei der Nummer völlig überzogen.

Run Away“ ist wieder ein Rumwimmern. Ich kann nichts mit dem Lied anfangen. Hätte für mich nicht auf die Platte gemusst. Schlechte Imitation von The Weeknd.

Der Song „Run Away“ ist nur eine billige Imitation von The Weeknd
Foto: / dpa

Yellow Tape“ ist düsterer. Chris Brown ist nicht so glücklich. Ein bisschen außer Atem, ein bisschen wütend. Tut seiner Softigkeit gut. Da wagt er sich endlich mal aus seinem Kuschel- und Sex-Soundtrack raus. Sprechgesangslastig. Ich mags.

Enemy" ist nicht schlecht. Für Hassliebe. Es ist aber auch nicht eingängig. Deshalb fällt es in die Mitte.

Bei „Tempo“ ist es 11:23 Uhr und ich habe langsam keinen Bock mehr. Tempo ist dumm. Finde weder den Text noch die Beats irgendwie gut. Überflüssig!

You like“ ist auch ein Lied, das ich weder im Kontext der ganzen Platte, noch an sich verstehe. Die 2:46 Minuten hätten nicht gefehlt.

Hangover“ ist das typische Singen über die guten, alten Gangsterzeiten ohne Sorgen. Jeden Sommer gibt's sowas. Naja, ist okay. Macht gute Laune.

Bei „Roses“ höre ich zu viel yeah, yeah, yeah und oh, oh, oh und uh uh uh. Wenn man nix mehr zu singen hat - besser einfach weglassen.

On Me“ ist auch typisch Chris Brown. Bisschen Jammern, bisschen Liebeserklärung, bisschen Kampfansage. Mich überzeugt das nicht, ich habe zu oft Ähnliches gehört.

Für „Pills And Automobiles“ hat er Unterstützung von Yo Gotti und A Boogie with da Hoodie. Kenne beide nicht. Kodak Black ist auch dabei. Hilft aber auch nicht. Langweiliger Track, in dem mehr wet, wet, wet gesungen wird, als alles andere. Macht mich nicht an.

Hurt The Same“ ruft bei mir nur ein Augenrollen hervor. Chris Brown säuselt sehnsüchtig und beschwert sich. Nicht meins, so gar nicht.

Covered In You“ ist der schlechteste Sexsong. Chris Brown singt so hoch, dass sich mein Trommelfell fragt, ob er eine Frau ist. Ich kann es nicht lange hören - muss aber.

This Ain't“ klingt nach einem bekifften, betrunkenen Mann, der in einer On-Off-Beziehung steckt und nicht weiter weiß. In Ordnung. Sind ja auch nur 2:58 Minuten.

Quelle: Noizz.de