"Nein, wir sind nicht geschminkt! Wir sind einfach Stars!"

Ganz ehrlich: Ich war nie Fan der Orsons und habe mich deshalb auch nie mit ihrer Musik befasst. Umso überraschter war ich während meiner Vorbereitung. Ihr neues Album ist wirklich gut. Die Produktion ist spitze, die Vocalmelodien catchy, die Themenpalette bunt, tief und lebensphilosophisch. Es transportiert eine ganz eigene Stimmung und schlägt eine Brücke über Zeitgeist und Individualität, die ich so bisher nur bei Cro und Trettmann wahrgenommen habe.

Da war nichts zu hören von den exzentrisch kostümierten Gestalten, deren Inszenierung mich bisher so abgeschreckt hat. Und genau so ging es mir auch im Gespräch: Die Orsons sind vier smarte, sensible Künstler, mit denen man richtig gut reden kann und die gekonnte, durchdachte Musik produzieren – auch innerhalb des Orsons-Projekts.

Ich treffe sie auf irgendeiner Etage beim Major-Label Universal. Ich sitze auf einem gemütlichen Stuhl. Mir gegenüber auf einer etwas zu kleinen Couch quetschen sich vier Männer in den Dreißigern und erschreckend bunten Kostümen aneinander: Die Orsons, wie sie leiben und leben. Um uns herum wuseln alle möglichen Menschen herum. Die Stimmung ist irgendwie weird, aber kein Plan, was genau eigentlich weird ist. Ich werde gleich gut 30 Minuten mit Bartek, Maeckes, Kaas und Tua reden beziehungsweise: Ich werde sie reden lassen. Über Freundschaft, Humor, Hoffnung, Geld – Themen, die jeden von uns bewegen und die sich durch ihr kommendes Album "Orsons Island" ziehen. Manchmal kann man bei ihren Antworten nicht so richtig zwischen Witz und Ernst unterscheiden und vielleicht können sie das manchmal selbst nicht. An anderen Stellen ist es ganz klar sehr ernst oder totaler Quatsch, was sie da von sich geben. Wir steigen mit letzterem ein, den Rest mag jeder frei für sich interpretieren.

NOIZZ: Also, ich wär' ready.

Bartek: Ähm, wir sagen, wenn du ready bist. Wow, neeein, wir sind geschminkt und haben Anzüge – instant abgehoben, Alter. Mit dem ersten Lidstrich.

Was habt ihr gerade gemacht?

Tua: Video gedreht.

Bartek, Maeckes und Kaas: Nichts, nichts, nichts, nichts.

Tua: Drei Stunden darauf eingestimmt, die größten Flitzpiepen zu sein.

Und? Hat's geklappt?

Bartek: Ich find uns gar nicht flitzpiepig.

Tua: Ja, vorhin war alles cool, aber jetzt sind wir Flitzpiepen.

Bartek: Kommt auf die Fragen an, jetzt ...

Die Orsons im NOIZZ-Interview Foto: Laurent Noichl

Ich zeige ihnen ein Buch, das ich mitgebracht habe: "Fragebogen" vom Schweizer Schriftsteller Max Frisch – eine Sammlung von elf Fragebögen in Buchform. Jeder Bogen behandelt ein anderes Thema (Humor, Tod, Freundschaft, Hoffnung und so weiter). Du entscheidest dich für ein Thema, nimmst dir eine Frage und denkst darüber nach oder startest mit ihr einfach ein Gespräch. Exakt das mache ich jetzt mit den Orsons.

Bevor wir loslegen, wie ist gerade die Stimmung bei euch? Im Pressetext stand, dass ihr euch eigentlich trennen wolltet.

Alle: Die Stimmung ist super. Sehr gut. Gut.

Bartek: Wir sind eine Masse.

Wieso seid ihr jetzt wieder eine Masse?

Bartek: Wir sind jetzt gerade eine Woche in Berlin und machen Promo und hängen die ganze Zeit aufeinander und verstehen uns megageil. Wir sind wie ein Geflecht aus Menschenfleisch.

Hätten das jetzt alle von euch so gesagt?

Bartek: Ich glaube, die anderen hören mir nicht mehr zu.

Fragebogen 1: Hoffnung

Von wem von euch stammt die Zeile "Der Zauber des Vielleichts"?

Tua: Das war eine Skizze von Maeckes. Es geht um das Gefühl, wenn man etwas in das Universum hinauslässt und dann auf den Glückshormon-Flash wartet, der hoffentlich kommt. Du schickst was los und wartest auf die blauen WhatsApp-Häkchen. Du weißt nicht – schreibt sie? Schreibt sie nicht? Das ist ein bisschen wie ein Koks-Gefühl.

Maeckes: Es ist wie das Gefühl, das man als Kind vor Weihnachten hatte. Also eher eine Neugier als dieses komplett Ungewisse. Und das macht das Handy die ganze Zeit. Da ist immer Pseudo-Weihnachten.

Kaas: Mit einer ziemlich hohen Quote auf Erlösung. Die Chancen stehen sehr gut, dass jemand antwortet und dann eine schöne Emotion freigesetzt wird.

Das Zitat von euch ist mein Aufhänger für den Fragebogen "Hoffnung". Erste Max-Frisch-Frage: "Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?"

Kaas (singt): I thought this world would change.

Tua: Die Hoffnung auf ewige Jugend. Mit Anfang 20 dachte ich, ich bin unsterblich und werde nie älter. Mit der 30 hat sich das bei mir geändert.

Bartek: Und er ist noch nicht mal Mitte 30.

Tua: Nein, mit der 30. Jetzt ist die Jugend vorbei, und das ist der erste Lebensabschnitt, den man bewusst hinter sich lässt. Beim Wechsel von Kindheit zu Jugend ist man in einer einzigen Euphorie und feiert eins mehr als das andere. Und dann ist man so "Okay, krass, vielleicht war die Jugend doch schon das Geilste, aber mal schauen, was jetzt kommt ... Oh, ganz viel Arbeit, Steuern ... Oh, Miete, Wohnung, was ... Oh, wo kann ich mir Geld leihen?!". Seitdem sind mir Sterblichkeit und das Finanzamt bewusst.

Eine weitere Max-Frisch-Frage: "Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?"

Tua: Ich weiß nicht, ob ich das hier breittreten möchte. Ich finde, Hoffnungen sind sehr persönlich. Ich habe wenig Probleme, Leuten zu sagen, was mich abfuckt oder was mir wehtut, aber ich möchte eigentlich nicht sagen, was ich hoffe. Hoffnung ist sehr persönlichkeitsdefinierend.

Bartek: Was hoffst du denn, Alter?

Tua: Dass du deine Schnauze hältst.

Ich glaube, dass es bei der Frage auch nicht direkt darum geht, seine Hoffnung preiszugeben, sondern zu überlegen, ob man sich eigentlich darüber bewusst ist, was die eigenen Hoffnungen sind.

Mackes: Denke, beides zu gleichen Anteilen.

Bartek: Ja, aber man muss sich ab und zu mal die Zeit nehmen und das wieder neu in sich selber abstimmen. "Hoffe ich dies oder das eigentlich immer noch? Habe ich neue Hoffnungen?" So was.

Was hofft ihr gerade?

Bartek: Ich hoffe, dass das Orsons-Album auch so gut gefunden wird, wie wir das finden.

Wie findet ihr euer Album?

Bartek: Ich sage, unser bestes Album bisher.

Tua, hast du das eigentlich komplett produziert?

Tua: Nee. Wir machen alle vier eigene Skizzen. Ansonsten ist fast alles auf den Inseln entstanden. Zusammengetragen und ausproduziert haben das Ganze dann am Ende allerdings vier Leute: Maeckes, Jopez, Äh, Dings und ich.

Maeckes: Man muss trotzdem sagen, dass Tua maßgebend beteiligt war und viele Songs vom Album als klassischer Produzent produziert hat. Im Viererteam haben wir das dann nur fertiggemacht.

Woher kommen eure Vocal-Melodien?

Alle: Von uns allen.

Tua: Melodien waren bei diesem Album übrigens ausschlaggebend für uns. Die mussten einfach krass catchy sein und drin bleiben. Der Ohrwurm ist das, was den Song durchboxt.

Damit seid ihr ja voll am Zeitgeist.

Tua: Safe. Aber halt auf unsere Art.

Fragebogen 2: Geld

Nächstes Zitat aus eurem Album: "Ich hab nicht mal Geld für die nächste Miete." Ist das ein Ding für euch?

Kaas: Kommt auf den Monat an.

Bartek: Da spricht ein lyrisches Ich. Punkt.

Nicht mehr?

Bartek: Nicht mehr.

Max Frisch fragt: "Wie viel Geld möchten Sie besitzen?"

Tua: Alles. Nee, genug halt, dass man sich da nicht mit rumschlagen muss. Ich glaube, wenn's zu viel wird, dann muss man sich auch wieder damit herumschlagen. Deswegen ...

Bartek: So, dass alle meine Freunde satt sind.

Tua: Und all deren Freunde ... Nee, also, Geld ist natürlich etwas, wonach man sein Leben ausrichten kann. Bei mir ist es aber eher so, dass es mich einfach nervt, wenn es nicht da ist und ich mir da im Prinzip einfach keine Gedanken drüber machen möchte. Geld als Antrieb funktioniert für mich überhaupt nicht, das ist kein Teil meiner Persönlichkeit. Aber als zweifacher Familienvater ist es für mich natürlich trotzdem ein Thema: Wo kommt die Kohle her?

Maeckes: Genug, dass man sich am wenigsten damit beschäftigen muss.

Max Frisch: "Was tun sie für Geld nicht?"

Maeckes (trägt extrem bunte Klamotten, neben ihm drei andere Mittdreißiger in extrem bunten Klamotten): Bunte Klamotten anziehen

Max Frisch: "Möchten Sie einen reichen Partner beziehungsweise eine reiche Partnerin?"

Tua: Nein.

Bartek: Ja, klar. Ich möchte selber gerne reich sein, und meine Partnerin soll auch reich sein, unbedingt.

Maeckes: Ich verlagere mein Leben auch dadrauf und ich stütze mich ganz auf meine Partnerin. Weil, wer weiß, wie lange dieses Musikding läuft? Richtige Sicherheit ist da nicht drin, auch wenn's im Moment ganz cool ist. Deswegen brauche ich einen Anker – auch einen wirtschaftlichen – und den suche ich in einer Partnerin. Unter anderem.

Ist das deine ernste Antwort?

Maeckes: Klar.

Suchst du eine Zweckbeziehung?

Mackes: Nein, das ist ja nur ein Aspekt.

Fragebogen 3: Heimat

Nächstes Zitat von eurem Album: "Irgendwo, sehr weit weg, da gibt es einen Ort, da ist alles perfekt." Von wem ist das?

Maeckes: Ich glaube, das kam ursprünglich von mir. Das ist auf der ersten Insel entstanden. Der Refrain ist wie ein Märchen, wie ein Kinderlied. Er beginnt mit "irgendwo" und endet mit "dir". Am Ende kommt der schnelle U-Turn und die ewige Wiederholung: "Dir, dir, dir, dir." Wie ein ewiger Fingerzeig; das ist kein einfühlsames "Dir". Das macht dann beim Hören, dass man das nicht einfach annimmt, sondern prüfen muss, ob das eigentlich wirklich so ist und ob wir das als Scherz oder ganz im Ernst meinen. Ich finde, das macht die Hook ganz fein, das haben wir richtig fein herausgearbeitet.

Aber diesen Ort gibt es ja nicht wirklich, oder?

Tua: Doch, er ist mitten in dir.

Aber einen perfekten Ort?

Tua: ... ist mitten in dir.

Bartek: Du musst da mal hin, mal vorbeischauen.

Tua: Der Song ist ein spiritueller Moment. Und wir beschäftigen uns alle viel mit uns selbst und sind ja auch schon in den Dreißigern. Wir haben alle viel Zeit, uns beruflich mit uns auseinander zu setzen. Und dann merkt man: Inmitten aller Stimmungen, die man so hat, ist man selbst der Kontrolleur.

Maeckes: Ein Ort an sich ist nichts wert, wenn du dein Bummsgesicht nicht mitbringst. Und der hässlichste Ort kann was sein ..

Tua: ... mit dem richtigen Mindset. "Orsons Island" ist ein metaphysischer Ort.

Kaas: Für mich ist "Orsons Island" eine Meditation. Wenn man meditieren lernt und diesen Zustand zwei Stunden wahren kann, dann ist das entspannender als jeder Urlaub.

Max Frisch: "Wie viel Heimat brauchen Sie?"

Bartek: Heimat ist nicht ortsgebunden. In meinem Herzen ist eine Insel, die ich mir einrichten kann, wie ich will; ein bisschen Polen, ein bisschen Breslau. Das brauche ich alles, und das habe ich immer bei mir.

Tua: Idealerweise bist du in dir selbst zu Hause.

Ich finde das ist eine unmögliche Idealvorstellung. Es ist natürlich total wichtig, bei sich selbst zu Hause zu sein, aber es gibt doch so viel mehr, was eine Rolle für das Heimatgefühl spielt. Könntet ihr einfach in irgendein Land gehen und würdet euch da zu Hause fühlen?

Bartek: Ja. Sogar auf einen anderen Planeten.

Tua: Das Außen ist nicht die faktische Heimat, sondern das, was das Außen in dir erzeugt. Und das ist variabel und kann überall mit hingenommen werden.

Kaas: Wenn wir so viel unterwegs sind wie jetzt, dann nehme ich zum Beispiel meinen Wecker mit, und das gibt mir schon so viel von meinem Zuhause, weil es mich daran erinnert.

Tua: Auf Tour ist es auch die Gruppe, die zur Heimat wird. Da entsteht mit allen, die dabei sind, in Windeseile ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das komischerweise nach der Tour total schnell wieder verschwindet. Dann kommt der Nach-Tour-Depressionstag. Alle Kontinuitäten, die bei einer Tour entstehen und sich währenddessen nach Heimat anfühlen, die fallen dann weg, obwohl man ja eigentlich wieder in seiner eigentlichen und richtigen Heimat ist.

Fragebogen 4: Freundschaft

Ihr habt euch zuletzt auch richtig hart gestritten und wart kurz vor dem Aus.

Bartek: Immer.

Maeckes: Kurz vor dem Aus, aber wir sind die besten Freunde, wirklich. Es ist einfach schwer, die musikalische Vision unter einen Hut zu bekommen, aber das hat nichts mit unserer eigentlichen Beziehung zu tun. Wir sind einfach sehr gute Freunde, die etwas machen, bei dem nicht alle das gleiche Ziel haben. Mach das mal mit deiner Familie! Sag mal "Hey, lasst uns wandern gehen!", dann schlägt dir auch jeder was anderes vor.

Tua: Und dann musst du aber Geld verdienen mit dem Wandern.

Max Frisch: "Halten Sie sich selbst für einen guten Freund?"

Tua: Oh ...

Maeckes: Ja.

Tua: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Kaas: Ich auch nicht.

Tua: Ich glaube, ich bin kein guter Freund.

Bartek: Ich glaube, Tua ist in den zehn Jahren zwei mal ans Handy gegangen, wenn ich angerufen habe. Ich bin ein guter Freund, ja.

Maeckes: Ja, Bartek geht echt immer ans Handy. Bartek ist nur nicht so gut bei Umzügen. Ich bin mal umgezogen, in ein Haus neben Bartek, und er hat mir einfach nicht geholfen, sondern lieber gelesen. Die anderen beiden ... weiß auch nicht, ob die gute Freunde sind.

Kaas: Ich telefonier halt echt ungerne ...

Tua: Ich hasse telefonieren wie die Pest.

Kaas: Das hypnotisiert mich so komisch. Man redet mit jemandem, der nicht wirklich da ist ...

Maeckes: Der einzige Moment, in dem man Kaas mal privat hat, ist wenn er auf Instagram live geht.

Max Frisch: "Wie viele Freunde haben Sie zur Zeit?"

Maeckes: Innerhalb der Orsons? (Alle lachen.)

Die Orsons im Interview mit NOIZZ.de Foto: Laurent Noichl

Fragebogen 5: Humor

Bartek: Boah, Humorfragen sind die Schwierigsten. Da sitze ich oft dran (Anmerkung der Redaktion: Bartek besitzt Max Frischs "Fragebogen" auch) und versuche, das zu benennen, und ich finde, mir macht das den Humor kaputt. Aber stell mal eine Frage.

Max Frisch: "Wie unterscheiden sich Witz von Humor?"

Kaas: Witz ist mehr so eine Punchline.

Tua: Witz ist ein Teil von Humor. Der Witz im Verhältnis zum Humor ist wie das Meer zum Wasser.

Bartek: Witz ist für den Verstand, Humor ist für das Bewusstsein.

Tua: Check ich nicht.

Kaas: Ist Witz nicht zum Beispiel ein Wortspiel? Und Humor wäre dann, das Wortspiel zu verstehen?

Maeckes: Ein Witz ist eher spitzer, und Humor ist eher weich und rund.

"Was ertragen Sie nur mit Humor?"

Alle: Die Orsons

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Das Orsons-Album "Orsons Island" ist seit dem 2. August überall online und erhältlich.>> "Ich bin das Größte auf der Welt!": Emo-Trap-Star Trippie Redd im Interview

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Quelle: Noizz.de