In Zeiten von Corona lautet die erste Regel: Social Distancing. Große Menschenansammlungen gelten nach wie vor als Katalysator für das Virus. Konzerte fallen deshalb schon seit Wochen aus, die Kulturszene ist eingefroren. Kann man jetzt schon absehen, was das Coronavirus für den Festivalsommer bedeuten wird? Wir fürchten: Nichts Gutes.

Im Prinzip geht die Festivalsaison ja schon nach Weihnachten los: Die ersten Tickets werden gekauft, Jahresurlaube entsprechend geplant, Line-ups heiß erwartet. Und auch wenn ihr keine totalen Festival-Nerds seid: Spätestens ab März hat man einen Plan davon, auf welchem Zeltcamp man sich voraussichtlich dieses Jahr die Zähne mit Bier putzt und beim Flunkyball abgezogen wird.

Nun kam dieses Jahr aber alles ein bisschen anders: Das Coronavirus brach über uns herein wie ein Gewitter über das Open Air Gelände. Seit gut zwei Wochen herrscht der stumme Ausnahmezustand: Bars und Restaurants haben geschlossen, Veranstaltungen aller Art sind verboten, in manchen (Bundes-)Ländern herrscht Ausgangssperre. Wie lange diese Vorkehrungen noch andauern werden, wissen wir nicht. Daher auch direkt der Disclaimer zur eingangs gestellten Frage in diesem Artikel: Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt keine offiziellen Infos darüber, wie der Festivalsommer konkret aussehen wird, ob und wie Veranstaltungen durchgeführt, abgesagt oder verschoben werden. Was wir tun können, ist mutmaßen.

Mal bei den Festival-Profis nachfragen

Jonas Seetge ist Profi, wenn es um Festivals geht. Finden wir zumindest: Der Junge ist Booker, Veranstalter, hängt mitten in der Szene von wiederum anderen Bookern und Veranstaltern und ist Mitgründer der digitalen Plattform Höme – einem Zuhause für Festivalschaffende und -besuchende mit vielen Infos, kreativen Ideen und dem eigentlichen Ziel, irgendwann sowas wie das "TripAdvisor für Festivals" zu sein, wie Jonas im Gespräch erklärt.

Wenn einer aktuell Bescheid weiß, dann wahrscheinlich er, oder? "Naja, es weiß ja keiner, wie lange noch Restriktionen anhalten, wie lange die Vorkehrungen wegen des Coronavirus anhalten. Also können wir auch noch nicht viel sagen. Wenn man aber mal schaut, wie es mit anderen Großveranstaltungen aktuell so aussieht, spricht das schon Bände," erklärt Jonas. Damit meint er Veranstaltungen wie die Olympischen Spiele in Tokyo oder die Fußball-EM – beides wurde bereits ins Jahr 2021 geschoben.

Offiziell gibt es von Festival-Veranstaltern noch wenige Infos. Alle schauen erst einmal, wie sich die nächsten Wochen so entwickeln. Und das ist auch vernünftig – Panik bringt ja gerade gar nichts. Erste Regungen lassen sich allerdings bereits feststellen: Das ursprünglich im Mai stattfindende Immergut Festival wurde in den September verschoben, Infos und Statements findet man auf der Homepage des Festivals. Außerdem tut sich vor allem in England einiges, wie Jonas erklärt "Die großen Festivals dort wie das Glastonbury oder das Isle Of Wight haben bereits abgesagt für dieses Jahr. Da sind die Briten offenbar ein bisschen rigoroser drauf."

Beide von Jonas angesprochenen Festivals sollten bereits im Juni stattfinden, das erst für August geplante Reading Leeds Festival hat noch nicht abgesagt. Wer sich zu diesem Thema übersichtlich und umfassend auf dem Laufenden halten möchte, schaut am besten häufiger bei Höme vorbei, dort gibt es im Artikel "Sommer Ohne" nicht nur viele Infos und Statistiken, sondern auch eine eingebundene Landkarte europäischer Festivals, inklusive Status.

Festivalsommer: Ja? Nein? Vielleicht?

Also im Prinzip können wir feierlich Aristoteles zitieren: Wir wissen, das wir nichts wissen. Allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass vor allem in der ersten Sommerhälfte noch einiges ausfallen wird. Und das ist einerseits natürlich vollkommen sinnvoll und richtig. Bringt ja nichts, Großveranstaltungen wieder zu erlauben, wieder in die Vollen zu gehen und am Ende feststellen zu müssen, dass Corona, die kleine Snitch, wieder zurückkommt und allen dann auch noch den Winter versaut. Gleichzeitig hat die derzeit eingefrorene Kulturszene ganz gut daran zu knabbern, dass aktuell nichts stattfinden kann. Ticketverkäufe für Festivals, selbst später im Jahr, bewegen sich derzeit noch schleppend – auch die Besuchenden sind vorsichtig, was absolut nachvollziehbar ist.

Vor allem kleine Bühnen und Veranstalter, die ganzen Selbstständigen hinter den Bühnen, die vielleicht noch kleineren Künstler*innen stehen teilweise vor einem großen Nichts und müssen nun dringend schauen, wie sie über die Runden kommen. Das ist tragisch. Jonas befürchtet vor allem eines: "Es wäre sehr schade, wenn durch das Coronavirus die Diversität der Szene draufgeht. Also wenn nur noch die Großen übrig bleiben." Recht hat er.

Denn gerade die kleinen Liebhaber-Festivals und die DIY-Veranstaltungen sind das, was neben den durchaus auch großartigen Mainstream-Veranstaltungen eine gute Portion Charakter verleiht. Außerdem sind es die kleinen Bühnen mit den aufmerksamen Bookern, die für großartigen musikalischen Nachwuchs sorgen und ihrem Publikum immer wieder Entdeckungen liefern. Derzeit hilft aber einfach nur: Hoffen auf das Beste, dran bleiben und versuchen, vielleicht sogar mit den Veranstaltern und Bookern, den Akteuren der Szene und den Betreibern, Lösungen zu finden oder diese wie auch immer zu unterstützen. Denn: Das sind meisten recht kreative und tolle Leute, denen bestimmt noch einige gute Ideen einfallen werden um den Festivalsommer (wenigstens ein bisschen) zu retten.

Ist Corona nicht auch ein bisschen Festival?

Bis dahin müssen wir uns die Festivals im Kopf machen. Was hilft: Mal wieder die alten Handybilder vom letzten Jahr durchschauen, Playlisten anhören, die es zu den Festivals gab oder Artikel und Berichte zum letzten Festivalsommer durchlesen.

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Naja, und danach könnt ihr euch dann versuchen zu vergegenwärtigen, dass Corona-Isolation ja irgendwie auch ein bisschen wie Festival ist: Wir schlafen alle lange, horten Dosensuppe, tragen drei Tage lang dieselbe Schlafanzughose und duschen eher selten. Klopapiermangel gibt es auch. Ganz ehrlich: Fehlt nur noch das Dixieklo. Naja, und die Bands.

So, und zum Ende wird es noch mal pathetisch: Lasst uns alle vorfreuen auf eine Zeit, die definitiv vor uns liegt. Auf die Phase, wenn wir alle wieder aus der Isolation und dem Homeoffice entlassen werden, wieder zurückkehren, uns umarmen dürfen und miteinander trinken, feiern und tanzen können. Die Zeit wird kommen – hoffentlich sind dann auch alle anderen, die uns diese Feste ermöglichen und sie auf die Beine stellen, noch da.

Quelle: Noizz.de