Während die Corona-Maßnahmen überall gelockert werden, müssen Clubs noch immer warten. Die Grelle Forelle in Wien hat deshalb ein Hygienekonzept präsentiert, das sicheres Feiern ermöglichen soll. Aber wie funktionieren Partys in Zeiten einer Pandemie?

Von Christopher Ferner und Steven Meyer

Die Türen der Clubs sind geschlossen und so wie es aussieht, bleiben sie es auch noch eine ganze Weile. Trotz Kurzarbeit, Soforthilfe und Online-Konzerten wie United We Stream befinden sich viele Einrichtungen deshalb in Existenznot. In Österreich sieht es nicht viel anders aus, für Gastronomie gilt die Sperrstunde ab 01:00 Uhr nachts. Clubs bleiben geschlossen, trotz illegaler Partys und der Nähe zur Slowakei, wo bereits bis 04:00 Uhr morgens gefeiert werden darf – Wien und Bratislava sind gerade einmal eine Stunde voneinander entfernt.

Partys werden wohl nie wieder so entspannt sein, wie sie es einmal waren

>> Corona-Party bei der Polizei: Dutzende Polizisten feiern in Mainz ohne Masken und Abstand

Der österreichische DJ, Veranstalter und Label-Chef Gerald van der Hint spielt normalerweise jedes Wochenende auf einer seiner eigenen queeren Techno-Partys oder im Ausland, gerne auch mal im Berghain. Seit Ende Februar, also kurz vor dem Lockdown, war dies nicht mehr möglich. Zusammen mit Schadi Tayyah, dem Geschäftsführer der Grellen Forelle, hat er nun ein 23-seitiges Sicherheitskonzept präsentiert, das den Schutz der Tanzenden im Club während der Corona-Krise garantieren soll. Die beiden sind außerdem im Austausch mit dem österreichischen Gesundheitsministerium.

Die Lockerung für die Nachtgastronomie mit Öffnungszeiten bis 04:00 Uhr morgens für 200 Gästen, die eigentlich für den 01. August angedacht war, wurde nun auf Ende Juli verlegt. Es wird sich also vor dem 15. August erstmal nichts ändern, die derzeitige epidemiologische Lage in Österreich lasse weitere Öffnungsschritte nicht zu, so das Gesundheitsministerium in einer Stellungnahme. Genau wie in Deutschland bleiben Clubs also vorerst geschlossen.

Wir haben mit Gerald über das Hygienekonzept und Clubkultur zu Pandemiezeiten gesprochen

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

NOIZZ: Wie geht es dir damit, so lange nicht vor Publikum gespielt zu haben?

Gerald: Da Auflegen nicht nur ein Hobby ist, sondern auch eine unternehmerische Tätigkeit, setzt es mir finanziell zu. Ich habe viele Fixkosten, ein Studio, Abos, die Musik, Gerätekosten, die ich weiterhin zahlen muss. Unser Label bringt außerdem Platten auf den Markt, die sich normalerweise durch unsere Partys finanzieren. Das zahle ich aktuell alles aus eigener Tasche, deshalb sieht mein Konto auch dementsprechend schlecht aus.

Das Finanzielle ist aber nur eine Seite der Medaille. Vor Publikum zu spielen, ist natürlich auch ein irrsinniges Bedürfnis für mich – ein Ventil und Lebenssinn. Auflegen ist für mich sinn- und gleichzeitig identitätsstiftend, deshalb fällt es mir sehr schwer. Oft bekomme ich Angst, dass es keine Partys mehr geben wird – man weiß immerhin nicht wie lange die Krise anhält. Das alles ist psychisch echt belastend.

>> Diese neue Mundschutz-Maske kann Corona-Viren von alleine töten: Problem gelöst?

Hast du einen Ausgleich gefunden?

Gerald: Ich mache jeden Tag Sport, das kompensiert es ein bisschen. Ich wollte immer an meinem Traumkörper arbeiten, das mache ich aktuell und bin ihm verdammt nah – aber es erfüllt mich bei Weitem nicht. Ich wäre also lieber unzufriedener mit meinem Körper und hätte das Auflegen wieder.

Wie würde ein Clubabend mit Corona-Maßnahmen denn aussehen?

Gerald: Es fängt schon vor dem Clubabend an, denn wir würden dich in unserer Werbung ansprechen und dir sagen, dass du nicht willkommen bist, wenn du Prävention oder das Virus nicht ernst nimmst. Das klingt vielleicht hart, aber so wird es sein. Es gibt Spielregeln, die man zur Kenntnis nimmt, wenn man ein Ticket kauft. Sobald Clubs aufmachen, wird es auch Orte geben, an denen die Hygienemaßnahmen egal sind. Bei uns wird es nie so sein.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wenn du dann das Ticket hast, musst du zu einer bestimmten Zeit da sein. Es gibt einen Spielraum, aber dieser wird nicht allzu groß sein. Warum? Beim Eingang sollen nicht so viele Leute zusammen eintreffen und, wenn wir nur mit 300 Leuten feiern dürfen, soll es sich auch schnell füllen. Du sollst also nicht erst um drei Uhr morgens aufkreuzen. So wollen wir auch Clubhopping vermeiden, weil es nicht präventiv ist, wenn du dir Tickets für zwei Clubs kaufst und in beiden feiern gehst.

Muss man die ganze Zeit Mund-Nase-Schutz tragen und was ändert sich sonst?

Gerald: Im Eingangs- und Barbereich und auf der Tanzfläche auf jeden Fall. Ich glaube, das kann man den Menschen zutrauen und falls nicht, müssen sie zu einer anderen Party gehen. Auf der Terrasse oder Toilette kann man die Maske dann auch mal ausziehen – zwischen den Urinalen bringen wir Plexiglas an. Die Musik an der Bar wird auch leiser sein, damit man bei der Getränkebestellung nicht so laut sein muss. Die Nebelmaschine lassen wir – bis es Maschinen gibt, die auch desinfizieren können – erstmal nicht laufen. Unsere Darkrooms kann es vorerst auch nicht geben, obwohl Prostitution in Österreich schon wieder erlaubt ist. Im Club wird auch immer ein Awareness-Team unterwegs sein.

Symbolbild Party

Lohnt es sich bei der Gästebeschränkung finanziell überhaupt?

Gerald: Gar nicht. Die meisten Lokale werden wahrscheinlich auch gar nicht erst aufmachen können. Wenn du dein Personal aus der Kurzarbeit holst, kannst du sie nämlich nicht wieder zurückschicken. Wir planen erstmal nur freitags zu öffnen, um ein Lebenszeichen zu geben. Die erste Zeit wird der Geschäftsführer an der Bar stehen und Getränke machen, weil die Leute, die das eigentlich tun, in Kurzarbeit oder gekündigt sind. Es gab nämlich kein Kurzarbeitszeitmodell für geringfügig Beschäftigte. Es wird anfangs also definitiv ein Minusgeschäft, wir wollen aber trotzdem öffnen.

In der Schweiz kam es zu vielen Corona-Infektionen nach Clubbesuchen. Macht dir das Sorgen?

Gerald: Ja, natürlich. In der Schweiz wurde aber lediglich auf Contact-Tracing gesetzt. Es gab auch keine Timeslots und die Clubs haben sich die Mailadressen nicht bestätigen lassen. Es sind also viele Anfängerfehler passiert. Es werden aber mit Sicherheit weitere Cluster entstehen – bisher hat aber auch noch niemand darüber nachgedacht, alle Schlachthöfe zu schließen, obwohl es dort bereits viele Ausbrüche gab. Wenn man also alles unter Kontrolle hat und die Leute in Quarantäne schickt, sehe ich keinen Grund, die Clubs nicht auch öffnen zu lassen. Denn all die Menschen, die in Berliner Parks feiern – von denen sich sicherlich auch schon viele infiziert haben – lassen sich nicht zurückverfolgen.

Also wäre es deiner Meinung nach sinnvoller, die Clubs unter Auflagen wieder öffnen zu lassen?

Gerald: Ja, ich lehne es mittlerweile auch ab, von Lockerungen zu sprechen, deshalb spreche ich von Regulierungen. Es wird nämlich weiterhin auf privaten Partys oder Raves gefeiert, bei denen es keine Prävention, kein Contact-Tracing und keine Awareness-Teams gibt. Man kann den Menschen das Feiern nicht verbieten – das ist so, als würde man versuchen, Sex zu verbieten. Es funktioniert weder in Diktaturen, noch in unserer schönen Demokratie. Dementsprechend wäre es klug, intelligente Lösungen zu finden, zu denen man dann steht. Der Boulevard wird anschließend sicherlich versuchen, die Politik für eventuelle Ansteckungen verantwortlich zu machen. Man sollte aber deutlich kommunizieren, dass es Sinn macht, denn diese Menschen sind im Anschluss leichter zurückverfolgbar.

Euer Anspruch ist es also nicht, die Ansteckungsrate auf Null zu bringen?

Gerald: Das geht gar nicht, auch nicht in Schwimmbädern oder im Urlaub. Es wird Fälle geben, aber eben so wenig wie möglich. Alles was wir dazu beitragen können, werden wir tun – und das wird auf jeden Fall besser sein, als auf illegalen Raves.

Euer Konzept setzt auch auf Eigenverantwortung; in Clubs werden aber Alkohol und andere Drogen konsumiert. Wie realistisch siehst du die Umsetzung?

Gerald: Es wird niemals eine 100-prozentige Erfolgsquote geben, aber man kann versuchen dazu beizutragen. Wir hatte in anderen Bereichen gute Erfahrungen, wenn es um die Prävention von Gewalt, Rassismus und Sexismus ging. Lange Zeit hat man auch immer gesagt, dass Clubs Orte sind, in denen Frauen angegrabscht werden – mittlerweile gibt es aber viele Locations, in denen ein solches Verhalten ein No-Go ist und das, obwohl Drogen oder Alkohol im Spiel sind. Wir trauen uns das also zu und treten mit den Menschen in einen Dialog. Am Eingang wird jemand die Temperatur der Gäste messen – der Wert interessiert uns dabei eher sekundär, es soll aber bereits beim Eingang zum Mindset beitragen und zu einem Gespräch über das Virus führen.

Glaubst du, dass unter solche Bedingungen Clubkultur möglich ist?

Gerald: Kommt drauf an, wie man feiert. Für Technonerds, die auf der Tanzfläche stehen und sich stundenlang in der Musik verlieren, ändert sich nicht viel – außer, dass sie einen Mund-Nase-Schutz tragen müssen. Es wird noch immer eine Party sein, nur eben nicht so wie früher. Partys während der Coronakrise sind wie Sex mit Kondom – ohne ist es zwar besser, aber es macht auch mit Kondom Spaß.

Auf welchen Moment freust du dich am meisten?

Gerald: Bei der ersten Party würde ich das Closing übernehmen, das ist nämlich immer immer etwas Spezielles für mich. Wenn ich dann nach so langer Zeit wieder meine Platten auf den Teller lege und zwei oder drei Stunden mit den Menschen verbringe, wird es der Moment des Jahrhunderts für mich.

Kannst du dir ein solches Konzept auch für das Berghain, wo du ja auch schon öfter aufgelegt hast, vorstellen?

Gerald: Die Frage habe ich mir noch gar nicht gestellt. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass sie das gar nicht wollen, weil sie an ihrem Konzept nicht rütteln wollen, aber ich könnte es mir persönlich irrsinnig gut vorstellen. Ich hätte also als Gast sicherlich einen super Abend – mit lediglich 500 Menschen, Mund-Nase-Schutz und ohne Darkroom. Ich würde mir sofort einen Flug buchen und kommen.

  • Quelle:
  • Noizz.de